Gedichte
von Jan Russezki

Vergessen zu lieben

Wir haben uns die Liebe geschworen
Waren glücklich miteinander
Die ersten Auseinandersetzungen vergaßen wir sofort
Wir vergaßen nicht, wir liebten
Wir haben uns die Liebe geschworen
Waren miteinander
Auseinandersetzungen vergaßen wir
Wir vergaßen nicht, wir liebten
Wir haben uns die Liebe geschworen
Waren einander
Auseinandergesetzt
Wir vergaßen nicht, wir liebten
Wir haben uns die Liebe geschworen
Waren
Auseinander
Wir vergaßen nicht, wir liebten
Wir haben uns die Liebe geschworen
War
Aus
Vergaßen

Standuhr II

Beengt von weiß vergilbten Wänden
steht grau bemäntelt die alte Zeit
Mit goldverzierten Zählerständen
schlägt sie jetzt Vergangenheit
Still faltet sie mich immer grauer
und einsam lauf‘ ich meinen Schritt
entlang der alt vergilbten Mauer,
die Zeiger laufen achtlos mit
Alles muss vergehen, was sie umrunden
und leis’ hör ich der Stunden Schlag
Wann sind die Dinge nur verschwunden,
die ich im Leben gerne tat?
Es staubt die Zeit auf meine Hände
und ich halte, wie ich kann
mit letzter Kraft die Zählerstände
doch ich brech, sie läuft voran
Und sie zuckt und bebt und stößt
dass sich das Innerste verdreht,
sich das Weisende nun löst
und die Uhr verstummt und steht


 

Der Mensch ist erst wirklich tot,
wenn niemand mehr an ihn denkt.
Bertolt Brecht

Um zu bleiben
Von einem Spiel erzähltest du mir
vor deinem Fenster im Wind
Und wie wohl bei nächtlichem Regen
seine Lieder dir sind
Worte im Wind nanntest du sie
und lauschtest ganz still,
bis dein Herz zu träumen begann
von dir und von mir im letzten April
Da sitzt du auch jetzt bei wehendem Wind
und lauscht dem Regen bei Nacht
bis dir wieder meine Worte erklingen
im Windspiel so lebendig und sacht

In meiner Erinnerung nehme ich Maß
Ich zähle die Entfernung von der Hüfte
zum Mal auf dem unteren Bein.
Ich zähle die Zentimeter deiner Finger
auf meiner Haut
Ich lege das Maßband um deinen Hals
vergesse den Wert,
denn ich zähle die Küsse
und merke dass die Realität in meiner verschwimmt.


FotoJan Russezki wurde 1990 in Aktau/Kasachstan geboren und lebt seit 1994 in Berlin. Er studierte erst Germanistik und Russistik an der Universität Potsdam, dann Deutsche Philologie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er schreibt Lyrik, Prosa und seit 2014 auch für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen. 2012 gewann er den Lyrikförder- und Publikumspreis des Poet Bewegt, 2013 die Frankfurter Bibliothek und wurde in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften publiziert.