Pioniere
von Frank O. Rudkoffsky

 Cora und ich haben geheiratet, soviel steht fest. Auf dem Papier sind wir 47 und 52; unser Flug nach Florenz, Terminal 2, Gate 38, ist darum wohl kaum unsere Hochzeitsreise. Wir haben dort auf jeden Fall eine Wohnung – „Ein Loft!“ wirft Cora ein –, in der wir Wochenenden und ganze Winter verbringen. Auswandern kommt für mich trotzdem nicht in Frage, allein schon der Kinder wegen. Cora würde Deutschland dagegen lieber heute als morgen den Rücken kehren. Die Zwillinge, wie Cora sie affektiert nennt, seien inzwischen groß genug – immerhin habe Max Jr. die Holding erfolgreich auf Kurs zurückgebracht.

„Und was ist mit Hiltrud?“ frage ich.

„Die soll bleiben, wo der Pfeffer wächst!“

Unsere Tochter reist seit Monaten durch Indien, Selbstfindungstrip auf dem ausgetreten Banana Pancake Trail. Wir dichten ihr eine Affäre mit einem knotenbärtigen Yogi an und schreiben sie ab. Als ein zweiter Schalter öffnet, rücken wir in der Schlange endlich auf. Ich schiebe unseren Koffer mit dem Fuß nach vorn, Cora kümmert sich um Sascha. Sie hebt die Tasche auf und stellt sie einen Meter weiter wieder ab. Es ist ihr Hund, ich habe Sascha nie gewollt. Wissend, dass ich ihn schon bald verfluchen werde, mehr sogar noch als sonst, verpasse ich der Hundetasche unauffällig einen Tritt. Sascha gibt keinen Mucks von sich.

„Das habe ich genau gesehen“, zischt Cora.

„Der Köter ist bloß Luft für mich.“

Cora, theatralisch: „Du Monster! Kein Wunder, dass ich mit deinem besten Freund schlafe!“

Wir prusten beide los. Es hat keine fünf Minuten gedauert, bis einer von uns aus seiner Rolle fiel. Sie streicht sich den Pony aus der Stirn, doch die fransigen Haare fallen sofort wieder zurück. Cora klemmt sie sich unter den Helm. Natürlich schläft sie mit Ben. Es war seine Idee, den Abend auf der Baustelle des Berliner Flughafens zu verbringen, auch wenn er kurzfristig abgesagt hat, weil er im Mos Eisley auflegen muss. Später kommen wir selbstverständlich nach, um – O-Ton Cora – dort mal wieder nach seiner Pfeife zu tanzen. Dabei wollte uns Ben hier unbedingt etwas beweisen. Deutsche Großbaustellen, behauptete er neulich, seien die Metapher auf unsere Generation. Eine Erklärung blieb er uns schuldig, anders hatten wir das aber auch nicht erwartet: Bens Theorien bestehen ebenso selten den Realitätstest wie seine halbjährlichen Start up-Pläne.

Unser Schalter ist mit Folie überzogen, verheißungsvoll wie ein Geschenk, daneben Zementsäcke, Kabelrollen, Schubkarren. In wenigen Monaten starten hier Flugzeuge in alle Welt, heute weisen uns Pappschilder den Weg nach Buenos Aires und Paris, New York und Amsterdam. In den Spiegelungen der Glasfassade schieben sich Draußen und Drinnen wie Scherben ineinander. Ein Vorarbeiter raucht im Schneetreiben und ascht zugleich auf die Gepäckkontrolle. Die Planierraupe neben ihm fährt los, verschwindet auf der Anzeigetafel Richtung Kuala Lumpur und kommt damit vermutlich weiter als wir an diesem Tag. Im Dachfenster sehe ich einen Terminal voller Komparsen, die als Erste den zukünftigen Flughafenalltag simulieren. Wir sehen lächerlich aus: Pioniere mit grünem Helm und grüner Weste, die entlang vorgeschriebener Wege so tun, als ob sie den Baustaub auf ihren Schuhen in die ganze Welt hinaustrügen, heute in Wahrheit aber kaum weiter als bis nach Pankow kommen. Wir testen den Ernstfall mit Ereigniskarten wie beim Spiel des Lebens: Manche kommen ohne Pass oder verpassen ihren Anschlussflug; einige haben Übergepäck, andere verlangen nach einem Platz am Gang. In unserer Schlange munkelt man von verbotenen Gegenständen, die uns untergejubelt worden seien, selbst von Waffenattrappen ist die Rede. Wir müssen uns zum Glück bloß mit Sascha herumplagen. Obwohl unser fiktiver Hund zwei Kilo zu schwer fürs Handgepäck ist, soll sich Cora am Schalter weigern, ihn im Frachtraum transportieren zu lassen. Seit sie sich wieder um Rollen bewirbt, rechne ich mit dem Schlimmsten.

Sie bekommt eine SMS, die sie nicht liest, und sagt stattdessen: „Weißt du, was ich an Flughäfen so liebe? Die Möglichkeiten! Die Freiheit, sich jederzeit umentscheiden zu können und einfach zu sagen: Scheiß auf Cleveland – Timbuktu, das macht mich jetzt an, da will ich hin! Darum liebe ich Flughäfen und hasse das Fliegen.“

„Das macht keinen Sinn!“

„Klar macht es das! Sobald ich im Flieger sitze, denke ich an die Orte, die ich stattdessen verpasse oder zurücklasse.“

„Was bringt es denn, alle Möglichkeiten der Welt zu haben, wenn man sich am Ende für keine entscheidet?“

„Ach, Max“, seufzt Cora mit gespieltem Mitleid. „Lass mich raten: Du kommst lieber an als los, nicht wahr?“

Ich bekenne mich mit einem Lächeln für schuldig. Sie hat ja recht: Veränderungen gegenüber bin ich etwa so aufgeschlossen wie ein Quastenflosser. Während sich Ben von einem Job zum nächsten hangelt und Cora sich mal als Schriftstellerin, mal als Schauspielerin versucht, stehe ich kurz vor dem Master in Chemie, obwohl ich das Fach vom ersten Semester an hasste. Trotz meines Jobs als Umzugshelfer bin ich die einzige Konstante einer ständig wechselnden WG-Besetzung in einer scheußlichen und überteuerten Altbauwohnung. Cora hingegen ist so sprunghaft, dass Ben auch nach zwei Jahren Beziehung nicht aus ihr schlau wird. Erst gibt sie ein Vermögen für ständig neue, ständig teurere Klamotten aus; eine Inkarnation später kann sie aber auch Jeansweste und Leggins vom Flohmarkt tragen und es vollkommen unironisch meinen. Sie kann von einem Tag auf den anderen einfach mit dem Rauchen aufhören, ein Jahr später aber wieder eine Zigarette zücken, als sei nichts gewesen. Erst am Dienstag überraschte sie uns nach einem Leben mit kaum zu bändigender, farblich variierender Mähne ohne Vorwarnung mit einem Pagenschnitt. Ben war außer sich. Insgeheim war er jedoch nicht wütend, sondern erschüttert: Wenn sich Cora so spontan von ihren langen Haaren trennen kann, dann, beklagte er sich bei mir, drohe ihm jederzeit dasselbe. Cora sei wie ein Chamäleon, das sich immer ihrem gerade bevorzugten Umfeld anpasse; es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich ihre Farbe mit seiner beiße. Ganz Chemiker, versuchte ich ihn mit einer Analogie zu trösten: Cora reagiere nun mal mit jedem Element anders. Die Verbindung mit ihm sei vielleicht explosiv, aber stabil. Was ich ihm nicht sagte: Dass ich ihre Reaktionsfreudigkeit bereits selbst gespürt hatte – nachts, als er auflegte und Cora ihn beim Tanzen mit mir eifersüchtig machen wollte; morgens auf dem Heimweg, als sich unsere Blicke in der Spiegelung des U-Bahn-Fensters trafen und ihrer nicht müde, sondern traurig war; Montag, als sie mich zum ersten Mal, seit wir uns kennen, angerufen hat, ohne eine Silbe über Ben zu verlieren. Ganz Chemiker, denke ich seitdem ständig an Substitutionsreaktion und hasse mich dafür.

Cora spricht mit einer jungen Frau aus der Parallelschlange; diese hat offenbar die Geduld verloren und bricht die Simulation ab. Plötzlich stellt sich Cora hinter statt neben mich.

„Cora?“

Sie antwortet nicht. Als sie auch beim dritten Mal nicht auf mich reagiert, zische ich: „Was soll denn das?“

„Sorry, meinen Sie mich?“

Cora spricht mit übertriebenem britischen Dialekt und fächert sich mit einem Kärtchen Luft zu. Ich verstehe den Wink: Sie hat die Ereigniskarte der jungen Frau übernommen. Das Ehepaar mit dem Loft in Florenz ist Geschichte, mir bleibt bloß das Sorgerecht für Sascha, den unsichtbaren, aber adipösen Hund. „Wo geht’s denn hin?“

„Not, dass es Sie etwas angehen würde“, näselt sie, „but I’m going auf Weltreise. Around the World-Ticket, y’know? Mein first Ziel wird sein Brazil, da werde ich bereits erwartet!“

Ehe ich nachhaken kann, fährt Cora schon fort: „Ich verbringe dort meine Zeit with Pablo, eine richtige Latin Lover! Ich bin so verliebt, you wouldn’t believe it!“

Ich versuche zu lächeln, so gut es mit zusammengepressten Lippen geht. Pablo. Allein schon der Name! Ich hasse Pablo von der ersten Sekunde an. Ich sehe ihn genau vor mir: schmierige Haare, muskulöser Oberkörper, charmantes Lispeln. Beim Gedanken an Pablo verwandelt sich mein Brustkorb in eine zertretene Muschel am Strand von Rio de Janeiro. Es ist geradezu absurd: dass ich auf Pablo, diese Luftnummer, eifersüchtig bin, nicht aber auf Ben.

Das Pärchen vor mir checkt ohne besondere Vorkommnisse ein; Gabelflug, nur Handgepäck. Als ich an der Reihe bin, drehe ich mich noch einmal zu Cora um. Sie lächelt mir unverbindlich zu und wünscht mir eine gute Reise. Ich hieve die Hundetasche aufs Gepäckband, simuliere dabei einen Kampf, der niemanden zum Lachen bringt, und zeige dann mein „Ticket“ vor.

Die Dame am Schalter liest die Instruktionen auf der Ereigniskarte und fragt: „Fliegen Sie allein?“

„Scheint so.“

„Ich fürchte, ihr Hund ist zu schwer fürs Handgepäck!“

„Ach, das ist nur sein Winterfell, das hab’ ich ruckzuck abrasiert! Wären Sie so lieb und nehmen ihn so lange in den Schwitzkasten?“

Die Dame sucht etwas in ihren Unterlagen und blickt kurz zu mir auf, eher hilfesuchend denn lächelnd. Ich nehme die Tasche einfach wieder vom Band und biete Cora mit einer übertrieben generösen Geste meinen Platz am Schalter an. Dann verschwinde ich samt Sascha hinter der Absperrung. Irritiert von meinem Dognapping fällt Cora aus ihrer Rolle und vergisst beim Einchecken den Akzent, schielt stattdessen ständig zu mir hinüber. Als sie mir zum Ausgang folgt, flüstert sie: „Du willst die Tasche nicht wirklich klauen, oder?“

„Meine Frau hat mich für einen anderen verlassen. Dieser Hund ist alles, was mir von unserem gemeinsamen Leben bleibt.“

„Muss ein fieser Kerl sein!“

„Und ob! Ein schmieriger Brasilianer.“

„Ich hätte auf einen DJ getippt“, grinst Cora.

Ich höre mich lachen und komme mir dämlich vor. Wenn mich etwas nervös macht, lache ich immer einen Tick zu hysterisch, spreche immer einen Dezibel zu laut, tanze immer eine Nummer zu wild. Als Cora sagt, wir sollten uns langsam auf den Weg zu Ben machen, sehe ich mich im Spiegel wie einen hospitalisierten Sittich nicken.

Während der Fahrt reden wir kaum, weder über die dämliche Hundetasche zu meinen Füßen noch über Ben, der Cora bereits drei SMS geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten hat. Spätestens, als sie mich und die Welt mit ihren Kopfhörern ausklammert, fühle ich mich mit Sascha allein. Ich suche Coras Blick im Fenster, doch sie ist mit ihren Gedanken immer woanders, vielleicht sogar wann anders, wer anders. Plötzlich fällt mir Bens Behauptung über deutsche Großbaustellen wieder ein. Wahrscheinlich meinte er von Anfang an Cora, dachte vor allem an Berlin. Aber so einfach ist das nicht; jede Baustelle ist anders. Sofort muss ich an Iris denken, ihren jahrelangen Blick auf den Sockel der Hamburger Elbphilharmonie. Zwei Jahre wollte meine Schwester in der Hafencity Karriere machen, höchstens drei – dann wollte sie zu ihrem Freund aufs Land ziehen und Kinder bekommen. Parallel zur Baustelle stieg Iris jedoch immer weiter auf; aus drei Jahren wurden vier, aus vier Jahren fünf, aus bald ein vielleicht, aus vielleicht ein jetzt nicht. Kurz vor der drohenden Trennung zog Iris endlich zu ihm und nahm eine Stelle am neugebauten Jade Weser Port an – ein Milliardenflop, wie sich schnell herausstellte. Jetzt ist sie einundvierzig und wartet bei gerade mal zwei Schiffen pro Woche vergeblich darauf, endlich schwanger zu werden, während ihre Beziehung an Langeweile und Frustration zerbricht. Meine Mutter blühte dagegen im Protest gegen Stuttgart 21 regelrecht auf: Parallel zum Widerstand gegen das aufoktroyierte Bauprojekt stellte sie auch den Lebensentwurf meines Vaters in Frage und reichte die Scheidung ein. Ich habe sie noch nie so lebendig erlebt wie am Tag, an dem ich sie aus Neugierde zur Montagsdemo begleitete. Mein Vater kann bis heute nicht fassen, dass sie aus der Doppelhaushälfte, die beide mit Mitte Zwanzig erworben haben, nicht ohne Umwege ins früh reservierte Doppelgrab auf dem Dorffriedhof ziehen wollte. Ihren Oben bleiben-Button habe ich von Anfang an als zweideutig empfunden.

„Max?“

Cora ist aufgestanden und macht ihre Haare in der Spiegelung des Fensters zurecht. Sie fallen ihr immer wieder in die Stirn. Als die S-Bahn hält, stellt sich Cora zwischen die Tür und wartet auf mich. „Wo bleibst du?“

„Lass mich raten“, lächele ich und gebe mich so selbstbewusst, wie ich kann, „du kommst lieber an als los, nicht wahr?“

Cora, fast flehend: „Jetzt mach schon, ich kann die Tür nicht länger aufhalten!“

Ich verschränke meine Arme und warte, was passiert. Cora bleibt noch einige Sekunden stehen und ignoriert zögernd zwei Warnsignale, dann steigt sie aus.


Frank_RudkoffskyFrank O. Rudkoffsky, 1980 in Nordenham geboren, hat in Tübingen Allgemeine Rhetorik, Neuere Deutsche Literatur, Politikwissenschaft sowie am Studio Literatur und Theater studiert. Seit 2011 ist er Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[pool. Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien – zuletzt in Die Novelle 4 sowie 1000 Tode schreiben – stand er 2011 mit einem frühen Auszug aus seinem Roman Dezemberfieber im Finale des Prosanova-Literaturwettbewerbs; eine Veröffentlichung des Romans ist für 2015 in Planung. Seit Dezember 2014 bloggt er zudem auf www.rudkoffsky.com