VI./54

Tiefschnee
von Jennifer Bode

Sie ruft ihn nicht mehr. Sie setzt Wasser für eine einzige Tasse Tee auf und beobachtet durch den matten Plastikeinsatz, wie es langsam zu zittern beginnt. Der Schalter springt hoch, das Wasser brodelt vor sich hin. Pfefferminz, in einem billigen Teebeutel, zur Erfrischung. Sie nimmt die volle Tasse, geht durch den Flur, an Matthes’ gepackten Koffern und Taschen vorbei, und schließlich ins Wohnzimmer, von dem sie gerade nur weiß, dass Matthes dort ist.

Bestimmt gibt es dreißig Arten, auf einem Sofa zu sitzen. Aufgerichtet. Oder mit den Unterarmen auf den Knien, ganz konzentriert. Die Knie mit aufs Sofa gezogen, die Arme darum geschlossen. Mit dem Arm und der Hals-Kopf-Linie ein Dreieck an der Armlehne bildend, den Kopf stützend. Matthes kennt nur eine Art, auf der Couch zu sitzen, nämlich zurückgelehnt, weit heruntergerutscht, sodass der Hintern zwar noch auf der Sitzfläche, der Kopf jedoch schon gänzlich auf den Polstern hinter ihm ruht. „Hi’gpflanzt“, sagte seine Mutter früher. „Wie hast ’n du dich hi’gpflanzt!“ Aber in dieser Position kann Matthes die Wasserflasche erreichen, die neben ihm auf dem Sofa liegt, und er kann seinen Laptop sehen, dessen Bildschirm gerade weiß vor Schneegestöber ist. „Das phantastische Duo – die Egan-Brüder! – reist in die Türkei, um in einem Gebiet Ski zu fahren, das nie zuvor…“

Matthes hebt kurz den Kopf, als Celia hereinkommt. Sie trägt, wie meistens in diesen Tagen, eine Tasse Tee mit sich herum, gleich einem Geist mit einer schweren Fußkugel. Sie sollte lieber einmal etwas essen. In Matthes’ Erinnerung haben sie früher Schweres gegessen: Schnitzel, die an beiden Seiten über den Tellerrand ragten. Eine ganze Pizza für jeden. Zehn Zentimeter hohe Stücke Brokkoli-Kartoffel-Käse-Auflauf. Er kann nicht beschwören, dass Celia heute etwas gegessen hat.

Auf dem Display sieht er Ted Egan in einem neonfarbenen Skianzug in die Kamera lächeln und hört ihn die Berge und Schneemassen in der Türkei beschreiben. Sein Bruder, Eddy Egan, ist ebenfalls im Bild und blickt ihn ernst an. Vor der Abfahrt.

Sie stört sich an seiner, der einzigen, Art, im Wohnzimmer zu sitzen. Wie ein Asozialer, in Jogginghosen, liegt er halb vom Sofa gerutscht da und glotzt auf seinen Laptop. Schweigend setzt sie sich auf den Sessel neben dem Sofa und umschließt mit ihren Fingern die Tasse, wärmt sich die Hände, nur aus Gewohnheit, denn ihr ist nicht kalt. Wenn sie den Kopf schief legt, kann sie sehen, was er sieht. Zwei Männer in lächerlich bunten Skianzügen – der eine gelb, der andere rot – springen aus einem Skilift. Außer den beiden befindet sich niemand auf dem Berg.

„Wie war’s noch?“, fragt Matthes ohne sich vom Film abzuwenden.

„Was schaust du?“

„Die Egan-Brüder. Extrem-Ski.“

Ted Egan, dicht gefolgt von seinem Bruder. Linkskurve, Rechtskurve. In der Statur sind sie sich so ähnlich, dass sie, in den voluminösen Anzügen und breiten Skibrillen, nicht zu unterscheiden sind. „Absolut synchron“, freut sich der Kommentator.

„Und was ist mit morgen?“, fragt Celia.

„Meine Mutter wundert sich, dass du nicht mitkommst.“

„Bei dem vielen Gepäck, das du mitnimmst, pass’ ich eh’ nicht mehr ins Auto. Was soll man da noch sagen.“

„Keine Ahnung. – Was hätte ich ihr denn sagen sollen?“ Matthes klingt persönlich beleidigt, weil ihm keine Bedienungsanleitung für diese Situation gereicht wird. So fühlt es sich an, mit leeren Händen dazusitzen. Celia entwirft Matthes’ Besuch bei seinen Eltern: Matthes’ Mutter wird Nudelauflauf mit reichlich Schinken für ihn kochen, serviert in einer 30 Zentimeter langen, grün-weiß-blauen Auflaufform, Matthes’ Vater wird sich die Hände reiben, wenn die Mutter das Essen aus der Küche heranträgt. Abziehbilder.

„Und die Uhr?“, fragt Celia.

„Hab’ ich weggeschmissen. Wie du es wolltest.“

„Ich hab’ dir erklärt, wieso ich die nicht mag.“

Matthes lacht sie aus.

Unter Ted Egan bricht ein Teil der Schneemasse weg, eine Masse, mit der man ein dreistöckiges Haus füllen könnte. Für einen Moment, erklärt der Kommentator, gleitet Ted Egan nur in der Luft, während Tonnen von Weiß unter ihm in die Tiefe stürzen. Dann hat er wieder Boden unter den Skiern und meistert die restliche Abfahrt als wäre nichts passiert. Unten erwartet ihn sein Bruder.

„In den 80ern gab’s die sogar als Comicfiguren“, sagt Matthes.

„Die Helden der Piste?“

„Der Schrecken, der die Alpen durchflattert.“

„Ich glaube, inzwischen sind die auch schon in Rente.“

Matthes kann nicht anders, als den Kopf zu schütteln. „Sowas macht man sein Leben lang.“

„Die Egan-Brüder haben zahllose Skifanatiker inspiriert…“, berichtet der Kommentator.

Die Egan-Brüder als Teenager, wie sie mit ihren Skiern von selbstgebauten Rampen und niedrigen Hausdächern springen. Ihre Furchtlosigkeit ist lauter in den älteren Videos, wer gerade nicht springt, feuert den anderen mit Rufen an; wem der Sprung gelungen ist, der reckt johlend eine Faust in den Himmel.

„Die sind wahrscheinlich reich und müssen jetzt gar nichts mehr machen“, hält Celia dagegen, dabei weiß Matthes, dass Reichtum in diesem Fall keine Rolle spielt.

„Wahrscheinlich liegen die jetzt genauso faul herum wie du.“

„Acht Stunden-“

Celia tut die Zahl mit einer Handbewegung ab. „Das Bild hast du auch nicht aufgehängt.“

„Ja, ja.“ Er kennt die lange Liste Sachen, die Matthes vernachlässigt hat, wenn man sie aus dem höchsten Fenster des Stadtturmes hält, kann ein anderer daran bis zu Boden klettern.

„Das Bild.“ Anklagend zeigt Celia auf die Leinwand – blaue Quadrate und Halbbögen auf weißem Grund -, die noch immer an der gegenüberliegenden Wand lehnt. Matthes hat ihr versprochen, es aufzuhängen, soviel müsste er zugeben; auf einen bestimmten Tag hat er sich sicher nicht festlegen lassen.

„Ich mach’s ja noch.“

„Klar. Sobald der Film zu Ende ist, richtig?“

„Wenn’s dich so nervt, häng ’s doch selber auf.“

„Mich nervt weniger, dass es noch dasteht, sondern vor allem, dass DU…“

„Ich mach’ so viel für dich“, sagt Matthes.

Die Egan-Brüder schultern ihre Skier, die Egan-Brüder recken am Ende einer Abfahrt am Fuß des Berges ihre Daumen in die Luft. Wenn sie Ski fahren, berühren sie die Hälfte der Zeit nicht den Boden, wenn sie Ski fahren, fliegen sie die Hälfte der Zeit.

„Ich weiß gar nicht mehr, warum wir das Bild überhaupt gekauft haben.“ Celias Kopf ist schwer geworden, die gemalten Formen hüpfen unbeholfen nach links, zurück, und weiter nach rechts. Wie ein Kinderballett. Beinahe lustig.

„Scheiß-abstrakt“ Matthes grinst müde.

„Das ist Kunst!“, ruft Celia mit nasaler Stimme und erhobenem Zeigefinger.

„Es repräsentiert etwas.“ Matthes kratzt sich nachdenklich am Kinn.

Celia lacht. „Du bräuchtest einen Spitzbart.“

„An dem ich dann so zupfen könnte?“ Matthes zupft an imaginären Barthaaren und studiert mit leicht zusammengekniffenen Augen das Bild.

„Perfekt.“ Celia nickt.

Eine Weile sprechen sie nicht, nur die Stimme des Kommentators ist zu hören, die die Berghöhe, die Temperatur, die Gefahrenzonen nennt. Wieder schultern die Egan-Brüder ihre Skier.

„Ewig kann ich mir das nicht angucken“, sagt Celia.

 Celia hätte sich früher im Sommer, im Frühjahr, um den Garten kümmern sollen. Die zwei Beete, die sie bereits im Vorjahr angelegt hat, hat sie gepflegt und die Hecke geschnitten. Trotzdem, wenn sie von der Terrasse auf den Garten blickt, ist dort nichts als Ödnis. Mit gutem Willen kann sie es als Zustimmung des Gartens zu ihrem Plan auffassen. Matthes ist zu seinen Eltern gefahren, wo sein Bett gemacht, sein Essen serviert und sein Stuhl stets für ihn freigehalten wird. Sie hebt den Kopf noch weiter, schließt die Augen und lässt sich das Gesicht von der Augustsonne wärmen. Dann zieht sie ihr Handy aus der Tasche ihrer Jeans und wählt die Nummer, die sie sich notiert hat.

„Unglaublich – Ihr Supermarkt?“

„Guten Tag. Mein Name ist Celia Spiecher, ich wollte einen Berg bestellen.“

„Wie groß? Die kleinen haben wir vorrätig. Hügel, kleine Gebirgszüge.“

„Er sollte noch in unseren Garten passen und schneebedeckt sein. Am liebsten mit ein, zwei schwarzen Felssprüngen, die aus dem Schnee hervorschauen.“

„Das kostet extra.“

„Okay.“

„Wie viel Platz haben Sie denn in Ihrem Garten?“

„50 Quadratmeter.“

„Dann guck’ ich mal, welche Höhen wir da haben.“

„Und der Himmel darüber…“, beginnt Celia.

„Gibt’s Bäume in Ihrem Garten?“

„Nein.“

„Blumen? Irgendwas Schönes, das stören könnte?“

„Zwei Beete, aber da machen Sie nichts kaputt.“

„Also den Zweitausender und den Dreitausender hab’ ich da. Die könnt’ ich … heute schon liefern lassen. Zwischen 13 und 19 Uhr?“

„Den Dreitausender. Sehr gerne.“

Sie hockt sich am Rand der Terrasse auf die Steine und rupft Grashalme aus, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu kleinen dunkelgrün-matschigen Kugeln zusammenrollt. Sie versucht sich vorzustellen, wie der Berg aussehen wird – jener aus dem Video der Egan-Brüder drängt sich ihr auf. Sosehr sie sich anstrengt, sie kann ihn nicht verändern. Sie bleibt im Garten, bis der Berg gegen 15 Uhr geliefert wird, und beobachtet, wie er vom Anhänger hinunter und aufs Gras geschoben wird. Unten ist er auf einer weißen Metallplatte befestigt, an deren Ecken Männer und Frauen stehen, die dafür sorgen, dass der Berg sanft abgestellt wird. Alle vier haben die Gesichter zum Himmel gereckt und fixieren den Gipfel zwischen den Wolken.

Es freut Celia, wie schnell und ruhig sie arbeiten. Kaum zehn Minuten später ist vom Grün des Rasens nichts mehr zu sehen, dafür könnte Celia jetzt von der Terrasse aus den Berg hinauf und direkt in den Himmel klettern. Vielleicht sollte sie einen ersten Aufstieg wagen, noch bevor Matthes nach Hause kommt, falls Matthes nach Hause kommt. Da sie nicht Ski fährt, müsste sie die gleiche Strecke allerdings wieder nach unten klettern, was das Abenteuer sinnlos erscheinen lässt. Sie begnügt sich damit, den Berg zu bewundern. Fast schwarze Felsen ragen aus dem Schnee, für Skianfänger lässt sich keine sichere Piste finden. Matthes fährt gut; wenn er ausgeschlafen ist, kann er die gefährlichsten Unebenheiten umfahren oder überspringen. Celia unterschreibt den Lieferschein und steht noch eine Weile im Garten und hofft.


Jennifer Bode. Foto 1Jennifer Bode, geboren 1989, studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (M.A.) an der Freien Universität Berlin. Ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Zeitschriften, 2012 gewann sie den Preis der Jury beim Literaturwettbewerb poet/bewegt. In Berlin leitet sie gemeinsam mit E. Botros die Lesungsreihe „U30“ für junge AutorInnen.

 

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1 Kommentar

  1. Bettina und Wolfgang

    Gute Idee
    wurde heute am 6.Dez. in der Hersfelder Zeitung” als “Adventstipp” veröffentlicht.

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