Nachbilder
von Robert Schade

Vielleicht dort einen sich verzweigenden Fleck, zwei flimmernde Äste, die ineinander verschlungen waren, hier ein vergrößertes, grobes Fischmaul mit zwei unflätig glotzenden Augen, dachte ich etwas zu erahnen, als der blasse Eindruck sich von den Rändern her schon wieder aufgelöst hatte. Trocken zwinkerte ich mit den müden Augen gegen die durch das Fenster dringende Sonne und beobachtete immer wieder sich zerstäubende Lichtpunkte auf meiner Netzhaut. Denn es war nichts zu erkennen, was sich von diesem Gebilde aus vage hinziehenden Streifen und wahllos flackernden Sternen deutlich absetzte.

Ich öffnete die Augen und blickte aus dem Reisebus auf die sich abspulenden Wälder, die seltener gewordenen, vereinzelten Sonnenstrahlen in den Bäumen und das am Horizont immer wieder auftauchende Meer abseits der einspurigen Landstraße. Etwas mir Vertrautes schien sich hinter dem Schleier, der sich in immer kürzeren Abständen erneuerte, auf der Netzhaut abzuzeichnen, – doch das Ziehen in den Beinen, der Seitenblick auf meinen Sitznachbarn, der mithilfe von Zahnstocher und einem befleckten Handspiegel verloren geglaubte Fasern einer üppigen Cervelatwurst der Marke RAMBO, die er als einzige Reiseverpflegung mitgenommen hatte, aus dem ständig an den verbliebenen Resten saugenden Mund hob, lenkten mich von weiteren Beobachtungen dieser Art ab. Zerstreut las ich in einem Buch, dessen Buchstaben zitterten und so legte ich es nach einigen Sätzen wieder davon.

Als die Sonne gegen den Spiegel reflektierte und mir in die Augen stach, lachte der bürstenschnittige Wurstesser grob auf und machte mich auf ein Wortspiel aufmerksam, das von dem Blitzen des Lichtes und einem Kaninchen, das immer weglief, handelte. – Wie meinen sie das, ein Blitzen so schnell wie ein Kaninchen, oder andersherum? Kurz: es kann also niemals gefangen werden, ist zu schnell? Meinen Sie das so? – Der Mann zuckte mit der Schulter, deutete das Wort granica, Grenze, aussprechend aus dem Fenster und wandte sich wieder an das Aushöhlen seiner stummen, endlos dauernden Wurst. Sein Mund war ein wahres Mühlwerk, es schien unabhängig von ihm zu arbeiten. Vielleicht war er Gefangener seiner riesigen Beißer, die unaufhörlich Beschäftigung von ihm einforderten und nur noch in den Augen stand das einsame Leiden eines eigentlich schlechten Essers gespiegelt, dachte ich. Doch ich wagte es aus lauter Furcht nicht, ihn noch einmal mehr anzuschauen. Später zogen die Plattenbauten als erste Anzeichen der Stadt vorüber, in welchen schließlich auch der Wurstmann verschwand, von einer vielköpfigen Entourage erwartet und unter feierlichen Bekundungen und Kopfnüssen fortgeschleppt aus der Welt, die für mich hier im Sichtbaren verblieb. Er verkleinerte sich schnell unter einzelnen Schubsern seiner Kameraden und war schon wieder verschwunden. Alle Städte gleichen sich darin, dachte ich, als wir wieder anfuhren – immer dasselbe Netz von Ausfallstraßen, dasselbe Geräusch des Asphalts, dieselben gläsernen Baumärkte mit Angestellten die ihr Leben lang davon diese Melancholie des Betonierten davontrugen, den Parkplätzen und Laternen, die in regelmäßigen Abständen voneinander aufgestellt waren. Ich schloss die Augen und vervollständigte die Reihe für mich: Laterne, Baumarkt, Laterne, Schnellimbiss, Laterne, Brücke und wieder Laterne. An einem Busbahnhof, der in der Dunkelheit eher einem Hinterhof ähnelte, stieg ich vor Müdigkeit und Erwartung zitternd aus in die Nacht. Ich schaute mich erstmals um – außer einem alternden EKSPRESSBUS, der auf seinen letzten Morgen zu warten schien, gab es dort nichts bis auf einige steinerne, graue Gebäude aus den fünfziger Jahren, die mit heruntergelassenen Rollläden schliefen. Es war spät, die letzten Fahrgäste wurden allesamt von ihren Verwandten empfangen und verschwanden irgendwohin. Ich hatte hier keine Verwandten, die mich in die Nacht verschleppten. Außer diesem einen dort – dort war jemand, da kam jemand auf mich zu, doch ich sah ihn nur als Schatten, als Schlieren in meinem Sichtfeld. Ich rieb mir die Augen und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Kurz blieb ich stehen und horchte in die Nacht.

Ich nahm mir dann die Karte hervor, markierte meinen Standort als einen festen Punkt, der ein Loch ins abgewetzte Papier riss, und lief die Straßen entlang des eingezeichneten Weges ab. Es war sehr still, einige Vögel begannen bereits zu singen, die aufziehende Kühle trieb sich mir unter den Hosenbeinen hindurch. Irgendwann auf dem Weg sah ich meine Gestalt im Halbdunklen gegen ein feucht vorschimmerndes Schaufenster gespiegelt und beruhigte mich kurz, als ich meinen eigenen Körper so ganz vollständig wieder fand. Als wäre meine Aufmerksamkeit, die ja letztendlich auch meinen Körper zusammenhielt, noch immer auf den unterschiedlichsten Wegmarken der Reise verblieben und ich müsste mich erst durch vollständiges Vergessen wieder nach und nach zusammensetzen. Ich lief weiter, zwinkerte dem Schattenbild eines Penners oder Betrunkenen zu, dessen klumpiges Lallen oder Lachen aus diesem Fleck Dunkelheit ich nicht verstand, versuchte mir den Lichtfall jeder der das Licht eigentümlich pulverisierenden Straßenlampen auf meiner Haut zu merken und das körnige Geräusch unter meinen Turnschuhen zu verstehen, das immer verzögert nachklang. Es war schon fast morgens, als ich endlich ein Wohnheim in der Nähe des Hafens erreichte und man mir schweigend, aber der Uhrzeit vollständig angemessen, den Zimmerschlüssel aushändigte. Der fahle und wie auch ich übernächtigte Nachtportier versäumte es nicht, den Schlüssel vorher in einem mit seinen Fingern nachgebildeten Schloss zu drehen, machte mit der Zunge ein schnalzendes Geräusch und blickte mich aus rotgeäderten, weit aufgerissenen Augen an, als brauchte es dies als Zeichen der Erklärung. Niemand war dann auf dem langen Flur zu sehen, nur die Schatten der Bäume, die sich unter völliger Stille vor dem Licht der Straßenlaterne bewegten, um groteske Muster zu bilden, rauschten nach. Ich legte mich für die erste Nacht in einem Zimmer schlafen, das beinahe nur aus einem in die Mitte des Raumes gestellten Bett und einer leeren Schüssel bestand und ließ die Bilder in mir kreisen.

Ich lief von nun an und in den folgenden Tagen ziellos durch eine unbekannte Stadt – jede neu entdeckte Straße, jede Verschiebung der Perspektive in den Häuserreihen trug nun ein Versprechen auf der nächsten Biegung. Das Straßenpflaster tönte jetzt von den Schritten und den Stimmen der Menschen hinter mir, es hallte in den engen Gassen, in welchen sich die Menschen bei den jungen Mädchen in Trachten Esskastanien und feuchte Träume verschafften, manch einer wie Buridans Esel sich nicht mehr entscheiden konnte, wonach es ihn eigentlich verlangte und unter der Last der Kastanien beschwert abdampfte. Ich ließ mich verlieren in den sich immer wieder auflösenden Bildern und Gerüchen, verließ die engen und verrauchten Mauern der Stadt, immer geradeaus auf der Narva maantee, bis ich, in einem vergangenen Jahrhundert spazierend, an den Holzhäusern des alten Zarenreiches entlang ging. Dann war ich wieder am Hafen angekommen: von hier aus waren die fetten Kanonentürme zu sehen, dort glitzerte das Sonnenlicht, das von dem Kirchturm der Oleviste in meine müden Augen reflektierte. Mir wurde schwindelig. Das Flimmern in den Augen verschmolz dann mit der wirren, sich windenden Oberfläche des Meeres.

Doch immer öfter gelang mir es mir nicht, zu schlafen bei den Gedanken an den zu Ende gegangenen Tag, den räuchernen Geruch der Stadt. Alma mit den bronzenen Haaren, die ich erst in den letzten Tagen hier im YOUTH HOSTEL bemerkt hatte, traf ich immer wieder in schlaflosen Nächten in der Küche an und wir lasen uns gegenseitig aus unseren Büchern vor. Der Wasserkocher brodelte, schäumte und pfiff nur noch heißen Dampf hervor, als ich zwischen den Wörtern zu ihr aufsah.

Ich mag dich, sagte sie dann manchmal in ihrer Sprache, die ich immer besser verstand und nickte dazu mit dem Kopf.

Ihr linkes Auge blieb dann, je nach Gelesenem und der Uhrzeit, beim Lesen der Zeilen stehen, was bedeutete, dass sie schon fast eingeschlafen war. Diese Sprache musste aus der Erde kommen, so versuchte ich nun in einer der Nächte, ihr Auge zuckte schon, meine lange gebrütete Idee zu erklären – aus der Erde, deren Geruch und Kühle sich hier in jedem Wort mittönten, zusammen mit dem Pfeifen des Windes, der die Laute verklärte und dem Regen, dessen feine Verwischungen die Umlaute formten: Steckte nicht ein dichter Wald, dunkle Nächte und ein ewig dahin treibender Wind in dem Wort für Nacht, öö, das sich bis in den nächsten Tag hinein zog? Ich versuchte diese fremden Worte in mir wieder zu finden, irgendwo musste sich so etwas doch abzeichnen, und suchte in meinem Mundraum nach vertrauten Schwingungen. Alles was geschah, war aber, dass die Schrift auf den Getränkekartons plötzlich auswuchs, sich verästelte wie Schlingpflanzen, die Farben der Verpackungen begannen fluoreszierend gegen das Neonlicht zu flimmern. Ich war wohl übermüdet vom Laufen durch die Straßen und mein jetziger Zustand, mein von den Hoffnungen eingeigeltes Gesicht, machte keinen guten Eindruck auf Alma. Doch war sie schon gähnend auf dem Weg in ihr Zimmer, kaum dass ich wieder aus meiner grellen Einsamkeit zu ihr aufgesehen hatte.

Ich musste mich manchmal, wieder auf meinem Bett liegend, an die Sehnsucht nach diesem Land erinnern, das ich nicht einmal gekannt hatte, deren Sprache mich nun begleitete, deren Erzählungen in den Augen der Kinder aufleuchteten, deren trümmervolle und tragische Geschichte aus jedem Gebäude, jedem Winkel sprach. Und ich derjenige, der darin herumlief, nach Jahrzehnten der Abwesenheit des Landes auf den offiziellen Landkarten nun hier war und mich bewegte wie einer, der zum ersten Mal sieht. Das abgetragene, poröse sowjetische Arbeiterrelief an der Außenwand des zerfallenen Hauses, der zitternde Blick der zerfurchten Alten in der über das Pflaster polternden Straßenbahn und wie sich der Himmel anfühlt, wenn er gerade über dem Kopf dunkel ausläuft und den Magen anhebt vor Verzweiflung über die Abwesenheit von Licht.

Es war nun Winter geworden, die Dunkelheit steckte in meinem Körper und zog ihn einem Insekt gleich an das künstliche, klebrige Flackern der Straßenlaternen und die glitzernden Versprechungen der polierten Mädchenbeine vor den NIGHTCLUBS. Es hieß nun warten, manchmal ein wenig betäubt sein von den schon mit der Dämmerung einsetzenden Tagen, dem unwahren Lichtflimmern vom Hafen her, der alles noch auf mehrere hundert Meter beleuchtete und der Verzögerung und des Verstummens des Lachens der Mädchen innerhalb des einsetzenden Schneefalls. Die Zeit ging unaufhörlich vorüber – ich hatte mir das Land und die herumliegenden Dörfer angesehen, die Düsternis des Winters, die hellen Nächte und die ihnen eigene Reizbarkeit ertragen, und doch blieb etwas übrig, leer und blickte mich an. Ich lief nun immer öfter zur Promenade, ging dort bis zu dem Kriegsdenkmal spazieren, an welchem manchmal die Jugendlichen saßen, mit ihren jegliche Gedanken aussaugenden Kopfhörern Musik hörten und wohl nicht einmal erstaunt aufgeblickt hätten, wäre das Denkmal plötzlich gleich einer sowjetischen Rakete in den Himmel abgehoben und hätte hier eine gähnende Leere hinterlassen. Auch innerhalb der Stadtmauern fand ich mich nun besser zurecht, ich lief an den dicken Stadtmauern entlang im Kreis und konnte schon die Schritte abzählen, die es dafür brauchte. Aber auch jetzt glitten die stummen Blicke der Mädchen an mir ab und auch meine Ausführungen über die Sprache blieben irgendwo zurück. Alma mit den bronzenen Haaren ließ sich immer seltener nach Mitternacht in der Küche sehen, vielleicht war sie schon von hier in aufregendere Gegenden weiter gezogen. Vielleicht schlief sie aber auch einfach besser, das war ja wenigstens möglich. Immer gleichgültigere Menschen traf ich nun auf dem Flur oder in der gemeinschaftlich benutzbaren Küche, aus Teilen des Landes vielleicht, die noch immer nicht verstanden hatten, was mittlerweile geschehen war.

Einmal mehr gehe ich nun die Straße entlang. In meinem Augenwinkel zunächst ganz unscharf ein alter Mann auf der anderen Straßenseite, der an den Gliedern zittert. Er läuft über die Straße, schief versetzt der Oberkörper, dann nach vorne über gebeugt, kann sich unmöglich so auf den Beinen halten, droht jeden Moment zu fallen und – stürzt vor ein Auto, das gerade noch anhalten kann. Dort liegt er leise wimmernd, ich laufe zu ihm und blicke ihn an, in ein verschrecktes Gesicht. Ich helfe ihm auf, stütze ihn, gehe mit ihm in den nächsten Shop, einen lächerlichen, mithilfe von Schnaps gereinigten Verband holen. Wir sitzen jetzt, er ist notdürftig verbunden und schaut mich aus zusammengekniffenen Augen an, auf einer Bank der Trambahnhaltestelle und schweigen lange. Er zittert immer noch, die Wunde brennt auf der pergamentenen Haut und er hält seine leere Plastiktüte fest, die mit kyrillischen Buchstaben bedruckt ist. Einige Autos und Busse fahren an uns vorüber. Umständlich versichern wir uns der verschiedenen Sprachen in unserem Rachen, doch nichts verbindet uns dort

Germanija, sagt er dann nach einer Pause, Soldat – Berlin – fjunfundvierzig, und zeigt eine unvollständige und dennoch prachtvoll golden hervorblitzende Zahnreihe. –

Er verschwindet mit der nächsten Straßenbahn, zu der ich ihn an meinem Arm führe. Ich sehe nun das blutige Taschentuch dort liegen, das als Wundverband seiner Haut gedient hat, wie es sich leicht mit dem Wind fortbewegt und auch meine Gedanken treiben davon, ins Meer und vermischen sich mit den übrigen Stimmen, die von hier weitergeweht werden. Ich schließe die Augen und suche mir ein Bild dazu.


2015-04-12 16.08.53Robert Schade, geboren 1982, derzeit Doktorand der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaften. Lebt in Berlin. Teilnehmer am Autorenkolleg an der Freien Universität Berlin 2011. Veröffentlichungen in schreib – zeitschrift für junge Literatur.