In Salzburg ist es immer kalt

von Lisa-Viktoria Niederberger

02:30 – Wien Westbahnhof

Ich würde so gerne wieder aussteigen, aber der Zug ist abgefahren. Noch 2 h und 30 min und dann. Dann wird die Mama mich auf dem Bahnsteig in die Arme schließen, spüren, dass da etwas anders ist an mir. Und sie wird nicht einmal bis zuhause warten, dass sie mich anschreit. Schon im Auto wird es losgehen. Ob ich denn wahnsinnig bin, ob ich das denn nötig hätte. Wie ich mir das leisten konnte. Und ob ich leicht darum letztens zwei Wochen in Bratislava gewesen bin. Und ich werde daneben sitzen, still, alles über mich ergehen lassen und mich trotzdem wieder fühlen wie ein Teenager. Und wenn sie mich dann irgendwann zu Wort kommen lässt, werde ich sagen: Mama, du weißt doch, wie das ist. Dass ich immer gelitten habe, unter meinen kleinen Brüsten. Schon im Gymnasium. Dass ich nicht baden gehen wollte und dass ich mich so unwohl gefühlt habe, in meinem Körper. Dass sich das jetzt geändert hat. Und überhaupt, sie war es doch, die mich zu einer stolzen, starken, selbstbewussten Frau erziehen wollte. Und wenn ich meiner stolzen, starken, selbstbewussten Weiblichkeit dadurch Ausdruck verleihen möchte, dass ich jetzt Silikonbusen vor mir herumtrage, dann soll sie das lieber meine Sorge sein lassen. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Ich habe es auch fürs Geschäft getan. C ist immer gefragter als A.

02:25 – Wien Hütteldorf

Die Fahrt von Wien nach Salzburg vergeht immer viel zu schnell. Vielleicht auch, weil ich mich nie entscheiden kann, ob ich gerne nach Hause zurückfahre. Salzburg ist dunkel, engstirnig und kleinkariert. Es zieht mich nach unten, das hat es schon immer. Drum war mir klar, schon vor der Matura: Wenn Studium, dann Wien. In Wien ist alles groß und frei, ich habe meine Ecken gefunden, meine Orte, wo ich daheim bin und ich selbst sein kann. In Salzburg fühle ich mich hässlich, klein und unbedeutend. In Wien bin ich die Königin. Zumindest vier Abende die Woche. Mit all den Bergen rundherum, dem Föhn und all den Leuten, die nur böse und hektisch schauen, habe ich in Salzburg immer das Gefühl, als müsste ich ersticken. Vor allem beim letzten Aufenthalt dort, wo ich beim Einkaufen den Andreas aus der Parallelklasse gesehen habe. Wo ich mich dann verstecken musste, hinter dem Stand mit den Wassermelonen, weil ich mit ihm seit dieser peinlichen Nacht auf der Wintersportwoche in Tirol nichts mehr geredet habe. Wenn ich hingegen durch den ersten Bezirk flaniere, hin und wieder bekannte Gesichter in der Menge der Passanten erspähe, sehe, wie sie innerlich zusammensinken vor Ehrfurcht und sich hinter ihren Frauen und Kindern verstecken, aus Angst, ich könnte sie verpetzen – dann lebe ich wirklich.

02:01– St. Pölten

Ich habe immer gewusst, irgendwas ist anders an mir. Und jeder, zumindest jedes Mädchen, sagt das in irgendeiner Phase der Pubertät von sich. Bei mir war es allerdings die Wahrheit.

Als vor vier Jahren der Erste vor mir gekniet hat, ich gespürt habe, ich kann alles von ihm verlangen – als ich wusste, er würde vor Bewunderung alles für mich tun. Nichts gibt es Schöneres, Befriedigenderes als zu wissen: Ich habe die Macht. Ich kann Lust und Schmerz schenken und ernte dafür ewige Dankbarkeit.

01:36 – Amstetten

Wir tragen alle eine zweite Haut. Eine Fassade, die wir aufrechterhalten müssen, um anerkannt und gemocht zu werden. Aber oft hat diese Fassade nichts damit zu tun, was wir wirklich brauchen. Wie wir uns selbst wahrnehmen. Wir müssen mitspielen. Den liebevollen Vater, den taffen Bankdirektor, die brave Tochter und die Vorzeigestudentin. Ich sehe das besonders an meinen Kunden, die freitagnachmittags noch kommen, bevor sie das ganze Wochenende mit der Familie verbringen müssen. Besonders die, die Führungspositionen besetzen und Kinder haben, die, die viel Verantwortung tragen müssen, sind es, die eben genau jede Verantwortung abgeben müssen, um sich ganz gehen lassen zu können. Um zu sich selbst zu finden. Nach einer Stunde mit mir, wenn sie für mich gekniet haben und die Zeichen meiner Züchtigung ihren Körper zieren, kann ich sie verabschieden und weiß, ich habe sie für eine gewisse Zeit wieder zu besseren Männern, Liebhabern, Vätern und Mitarbeitern gemacht. Katharsis eben.

01:09 – Linz

Kurt schreibt schon wieder. Er kann es nicht mehr erwarten, zählt demütig die Stunden bis er mich endlich wieder in meiner Vollkommenheit bewundern kann. Ich mag Stammkunden und ich mag Kurt. Es wäre blöd gewesen, ihm nicht Bescheid zu geben, dass ich in Salzburg bin. Vor allem, seit ich weiß, dass ich Miriams Studio nutzen kann. Aber es fühlt sich falsch an. Und ich verstoße gegen die wichtigste meiner Regeln: niemals Arbeit und Privates vermischen. Trotzdem werde ich heute, nach dem Abendessen mit der Familie, rausgehen zu Miriam. Mich zurecht machen für Kurt und ihm dann genau das geben, was er braucht. Aber die übliche Vorfreude, die mich sonst immer vor den Sessions ergreift, bleibt aus. Weil es sich falsch anfühlt. In Salzburg bin ich die Heimgekehrte, die Tochter. Und heute Abend gehe ich hinaus, gesättigt von Mamas Schweinsbraten und beladen mit Papas Ratschlägen für meine Psychologenkarriere nach Studienabschluss. Ich werde lügen, sagen, ich treffe mich mit den Mädels aus der Schule, wir würden um die Häuser ziehen, so wie früher. Stattdessen gehe ich in die Steingasse, Stiefel und Korsage versteckt in der großen Tasche, und sehe Kurt. Und wenn ich mit Kurt fertig bin, dann gehe ich nach Hause. Lege mich ins Bett, mein Kinderbett in diesem Zimmer, wo sich nichts verändert hat, seit ich vor sechs Jahren von daheim ausgezogen bin. Dann werde ich meine Metallica-Poster anstarren und mich dafür hassen, dass ich meine Eltern belügen muss. Und zwar nicht, weil ich mich schäme, was ich tue, sondern weil ich weiß, sie würden mich nicht verstehen. Weil ich weiß, dass sich kein Vater wünscht, dass seine Tochter Freude daran hat, fremde Männer auszupeitschen und sich auf ihr Gesicht zu setzen.

00:56 – Wels

Es war immer seltsam für mich zu sagen: Ich bin Domina. Weil ich weiß, mit welchen Klischees und Vorurteilen das behaftet ist. Die Leute denken, dass du spinnst. Dass du damit irgendwelche traumatischen Erlebnisse aus deiner Kindheit verarbeiten müsstest. Dass Dominas ekelhafte Weiber wären, mit langen, silbernen Fingernägeln und aufgespritzten Lippen.

Und wenn sie dann mich sehen, dann kriegen sie den Mund vor lauter Schock nicht mehr zu. So war es zumindest bei der Dani. Und wehmütig schießt sie mir wieder ein, die Erinnerung an Dani. Draußen vor dem Fenster fliegt die Landschaft vorbei, die ewig gleiche Tristesse des Alpenvorlandes: Einfamilienhäuser und Baumärkte, Tankstellen und Felder. Und ich denke an Dani und es sticht in der Brust. Sie hat immer neben mir gesessen, in dem Kurs über Kognitive Verhaltenstherapie. Hat eines Vormittages dann gesagt, dass meine Wortmeldungen ihr immer so imponieren und dass mir außerdem meine neue Brille so gut stehen würde. Dass es ihr sofort aufgefallen ist, dass ich jetzt eine schwarze statt einer blauen habe, weil sie mich so gerne ansieht.

Und wie ich sie dann ein paar Tage später geküsst habe, einfach so in der Mensa, da war alles warm, alles weich und irgendwie wolkig. Sie hat gesagt, sie würde verstehen, was ich mache, dass sie es gut finden würde, dass ich meine Sexualität so auslebe, weil gerade wir, als Feministinnen, wir dürfen uns für nichts schämen. Aber teilen wollte sie mich auch nicht. Vor allem nicht mit Männern. Vor allem nicht mit Männern, die dafür bezahlen.

Und wieder frage ich mich, ob es richtig war zu gehen. Ob sie es nicht vielleicht doch wert gewesen wäre. Ob ich nicht doch bereit gewesen wäre, für eine normale Beziehung. Normalen Sex. Liebe.

Als ich mein iPad zücke, um ihr zu schreiben, sehe ich wieder eine Nachricht von Kurt. Ich drücke sie weg und schaue erneut aus dem Fenster.

00:42 – Attnang-Puchheim

Früher musste ich nur zwei Seiten eines guten Buches lesen und war drin in der Geschichte. Konnte eintauchen und alles, was rund um mich herum passiert ist, war mir egal. Ich habe mir extra nichts Anspruchsvolles mitgenommen für die Zugfahrt, bloß einen Schwedenkrimi aus der Bahnhofsbuchhandlung. Und schon zum gefühlten dritten Mal lese ich jetzt, wie der Ermittler an den Tatort kommt, die ersten Schlüsse über den Mörder zieht, die Leiche inspiziert – und nichts bleibt hängen. Weil ich das Rundherum nicht ausblenden kann. Mit einem Ohr belausche ich den Herrn, der seit Linz neben mir telefoniert, kann nicht wegschauen, wie die Mutter gegenüber von mir ihrem Kleinkind Cola gibt, und auf einmal habe ich auch wieder den Geruch von Dani in der Nase. Dani mit dem weißen Fleisch, Dani mit den Perlenohrringen, Dani mit dem Pfirsichduft. Und wie wenn sich ein Schranken vor meine Augen legen würde, schiebt sich über das Bild von Dani, wie sie sich nackt und kichernd in ihrem Bett räkelt, Kurt. Kurt auf Knien vor mir auf dem Boden. Kurt und sein flehender Gesichtsausdruck. Kurt, der es immer härter braucht.

Ich stecke das Buch weg.

Der Wallersee ist komplett zugefroren, überall auf den Bergen rundherum liegt Schnee.

In Salzburg ist es immer kalt.

In Salzburg fühlt es sich manchmal im August noch nach Winter an.

00:00 – Salzburg Hauptbahnhof

Ich sehe meine Mutter schon lange, bevor sie mich sieht. Natürlich holt sie mich vom Bahnsteig ab, so als wäre ich noch ein kleines Kind, das nicht alleine nach draußen zum Auto findet. Und obwohl es mich nervt, sind es andererseits auch diese kleinen Gesten der Liebe und der Mütterlichkeit, die mich unglaublich glücklich machen. Wo ich sofort realisiere, wie sehr ich sie liebe, brauche. Wie sie mir fehlt in Wien und wie sehr ich mich doch auf sie gefreut habe.

Ich laufe langsam auf sie zu, in absatzlosen Schuhen, weit entfernt von meinem schreitenden, hochmütigen Gang, den ich mir sonst so angewohnt habe. Als ich ihr in die Arme falle, rieche ich den wunderbaren Mama-Duft und ihre Locken fallen mir ins Gesicht. Sie drückt mich fest an sich und streichelt über meinen Rücken. Dann versteift sie sich plötzlich und ich höre, wie sie tief einatmet. Sie hat meine neuen Brüste bemerkt.


150326_Lisa2_medresLisa Viktoria Niederberger, geboren 1988 in Linz, lebt und schreibt derzeit in Salzburg. Am liebsten schreibt sie Erzählungen und Gedichte in österreichischem Dialekt. Veröffentlichungen in diversen Zeitschriften, regelmäßige Auftritte bei Lesungen und Poetry Slams.

Im Juni 2014 erschien der Text „Eischlafen“ in der Anthologie „X“ der Literaturzeitschrift „Mosaik“, ein Text, der sehr nahe an der Umgangssprache orientiert ist und sich unter anderem mit den Zukunftsängsten ihrer Generation auseinandersetzt.

Außerdem gewann sie im Juli 2014 den Schreibwettbewerb „ Wir lesen uns die Münder wund“, der daraus entstandene Kurzgeschichtenband erscheint im Frühling 2015 im Eigenverlag des Mark.freizeit.Kultur in Salzburg. Parallel dazu arbeitet sie gerade an ihrem ersten „Kinderbuch für Erwachsene“, welches ebenfalls noch dieses Jahr erscheinen soll.

Kontakt: lisaviktoria.niederberger@gmail.com