Das Dach
von Doris Brockmann

Wir brauchten keinen Spatz. Wir hatten diese Taube. Die führten wir auf dem Dach an einer Leine spazieren. An einer sehr langen Leine. Die Taube war kapriziös. Das brachte uns unter Rechtfertigungszwang. Trotzdem wollten wir von unserem Vorhaben nicht ablassen. Wir hielten die Leine fest. Sollten die Schaulustigen sich doch um ihre eigenen Angele­gen­heiten kümmern. Die Taube zähmen? Wie sollte das gehen? Das ging nicht. Wir setzten die Spaziergänge fort. Was sonst? Den Fragen der Passanten wichen wir aus. Es war keineswegs unverschämt, das, was wir begehrten. Die Taube ging ihrer Wege. Wir kamen kaum mit, kein Zuckerschlecken, die Zügel im Griff zu behalten.

Keck erwiderten wir den Gruß der Vorübergehenden, suchten den Anschein zu erwecken, als handelte es sich bei unserem Unterfangen um die normalste Sache der Welt, nichts, was einen beängstigen müsste. Die Taube hämmerte auf die Dachpfannen: gierig, hemmungs­los, schreibmaschinen­artig. Wir gerieten ins Schwitzen. Wann war der Zeitpunkt, Farbe zu beken­nen? Unsicherheit machte sich breit. Sie half aber nicht weiter. Eine Leucht­rakete stieg auf. Alle waren in Silvesterlaune, gossen Blei. Das war die Zeit für Wünsche. Gaben wir uns also einen Ruck und doch noch nicht auf. Nein, sagte die Taube, das ist zu wenig, so ein paar unsichere Hoffnungen auf Warm­halteflamme. Wir zogen an der Leine. Das machte der Taube keinen Eindruck. Wir griffen zu den Fingerfoods, die herumgereicht wurden, und dachten nach. Es kam nichts dabei heraus. Jemand sprach von flauschigen Gefühlen. Wir hoben die Augenbrauen an und zogen die Mundwinkel herunter. Es ging doch nicht um Wohligkeit, wir hatten ja keine Flausen im Kopf.

Schnee legte sich auf Tannen, Häuser und Wiesen. Die Spatzen ruhten im dichten Efeu an den Häuserwänden. Die Taube heimste Körner ein, die für kleinere, des Singens mächtige Artgenossen ausgestreut waren, und hielt sich des weiteren schadlos an Abfällen des Menschen. Es kam die Rede auf von den Ratten der Lüfte. Höchste Zeit, einzuschreiten, vom Beichtstuhl der Wahrheit aus die Schönheit des Hoffens geltend zu machen. Wir hatten ganz vergessen, dass die Dachsparren morsch waren.


Screenshot 2015-04-19 20.20.17Dr. Doris Brockmann, *1958 in Paderborn, lebt in Dorsten. Studium der Germanistik, kath. Theologie und Naturheilkunde, Promotion in feministischer Theologie. Wissenschaftliche und heilpraktische Tätigkeit. Betreibt in ihrem Blog auf www.walk-the-lines.de «Angewandte Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung» und hat 2014 «Die Erbseninseln. Zehn Passagen zur wohl kleinsten Inselgruppe Europas» (Edition Krill) veröffentlicht.