Schlafende Hunde
von Christian Dittloff

Von Hund werde ich über das Feld gezogen. Er hat schwarzes
Fell, muskulöse Läufe, eine längliche, abgerundete Schnauze.
Seine Nase streift über den Boden, Goldsucher. Sein Instinkt
stärker   ausgeprägt   wie   die   Trauer.   Furchen,   Erde,   Stroh,
manchmal niest der Hund in die Nacht. Dann lache ich über ihn,
erfreu’ mich an dem Geräusch, das alles wach macht und lebend.

Das Feld ist weit und der Abend zieht langsam das Blau aus dem
Himmel und die Wolken auch. Meine Füße rascheln in den
blassen Halmen. Wenn das Stroh runtergebrochen ist, gehe ich
erhöht darauf, der Wind weht an meinen Ohren vorbei und ich
frage mich wo er verendet. Der Raum um mich besteht nur aus
Geräuschen, so frei ist die Fläche. Nur im Hintergrund unscharf
die Bäume.

Nach Minuten stehe ich vor dem See. Schilf, einige Häuser am
Ufer, Stege führen ins Wasser. Ich denke an Schwimmflügel, das
orangene   Plastik,   an   Schwäne,   an   Picknick,   an   Früher,   an
Farbfilme, an Knutschen unter dem Steg, an Entenscheiße, die
oben   schwimmt.   Ich   denke   an   den   Mann.   Ich   schließe   die
Augen. Oft kommen dann Bilder zu mir, wie als ob ich träumen
würde, keine Sekunde dauert der Traum, Blitzbild, der Mann,
der   seit   vorgestern   nicht   mehr   lebt,   bleich   unter   Wasser.
Natürlich ist er da nicht gestorben und war auch nicht wirklich
unter Wasser, aber die Sache bei Träumen ist ja, dass sie keine
Erinnerungen sind, sondern Erinnerungsfälschungen.

Im Sommer sind die Bretter warm. Ich betrete den beleuchteten
Steg und setze mich auf das Holz. Der Hund legt sich neben
mich. Seine Schnauze auf den Vorderläufen, er blickt über den
See,   aufmerksam   in   das   beginnende   Dunkel   hinein,   als   ob
jemand über den See zu ihm käme, in den Sportbooten. Ich
tätschel dem Hund den Kopf, knete in der Haut seines Nackens,
die Haut ist in sich fest strukturiert, aber lässt sich zwischen den
Fingern leicht hin und her drücken, das Fell ist hart, aber nicht
borstig. Ich weiß nicht, was für ein Hund es ist und auch nicht
wie er heißt. Ich nenne ihn Hund.

Hund, sage ich leise und beuge mich zu ihm runter, es ist schön,
dass du bei mir bist. Seine Lider hängen gelangweilt um seine
Augen. Wie als ob er gar nicht denken würde oder wirklich sein,
eher wie eine schwarze Masse, die immer nur wird. Also passiv.
Naja, jedenfalls strecke ich mich, denke all das und lege mich
zurück auf die warmen Holzbretter des Stegs, der ganz bisschen
schwankt und Hund rückt dichter an mich dran und gräbt seine
Schnauze in meine Achsel.

Wie gesagt, der Hundebesitzer ist vor zwei Tagen gestorben. Ich
sehe   Hund   an,   dass   er   ihn   vermisst.   Da   Hunde   nicht   ins
Krankenhaus dürfen, konnte er keinen Abschied nehmen. Sicher
wusste   er   von   der   Krankheit   seines   Herren,   Hunde   riechen
Krebs, sagt man. In den Monaten, die sein Herr im Hospiz war,
blieb Hund im Hundehotel, ein Reetdachhaus im Wohngebiet,
nicht weit entfernt. Ein Ehepaar macht das, Anfang 50, etwas
älter   wie   ich.   Wenn   die   Besitzer   versterben   und   keine
Hinterbliebenen die Tiere behalten wollen, bleiben sie da, bis
sich jemand Fremdes ihrer annimmt – oder sie werden eben
eingeschläfert.   So   steht   es   im   Vertrag.   Eine   eindeutige
Rechtslage. Ein Hund, der kann nicht frei sein. Ohne Herr gibt
es keinen Hund, ein Hund, der frei ist, muss sterben.

Ich ging mit Hund spazieren, einmal vor der Arbeit, einmal nach
Feierabend. Wegen dem Schichtdienst war ich immer zu anderen
Zeiten da. Hund freute sich.

Ich hörte ihn schon von weitem bellen. Wenn ich an der Tür war,
klackerten seine Krallen über das Laminat im Flur und kratzten
an   der   Eingangstür,   noch   bevor   ich   die   Klingel   drückte.
Hundehimmel. Ich dachte an amerikanische Serien mit niedrigen
Vorstadthäusern, die weiße Zäune haben und Hunde, die auf
Fußmatten liegen, die Lider schieben sich hoch, Postbote auf
dem Fahrrad, die Lider fallen wieder, nichts passiert. Ohne Herr
fehlt den Hunden  hier die  Richtung.  Aber immer, wenn ich
komme, bricht die Menschensucht in Hund aus. Dann befreit er
sich aus dem Klüngel seiner Artgenossen und kommt auf mich
zu gerannt. Natürlich schmeichelt mir das. Dann erfährt er durch
meine Hand, dass er da ist.

Ich fahre Hund über seinen Kopf, streichle Lefzen und Hals. Im
Schein   der   Laterne   sehe   ich   seinen   Blick   unter   fleischigen
Lidern über mich gehen. Die Augen der Tiere fand ich schon
immer komisch. Hasen, Vögel, Hamster und Hunde. Schwarze
Kuppeln hinter die nicht zu blicken ist. Und Hund fixiert mich,
er rollt seine hechelnde Zunge ein. Er blickt mich an und ich
blicke ihn an und dann weiß ich, was zu tun ist.

Wir   gehen   zurück   zum   Gelände,   durch   den   Park   über   die
Kieswege, unter Laternen. Hund hat eine klare Richtung, er geht
keinen Hasen nach, bleibt auf dem Weg, weiß sich zu benehmen,
zieht   keine  Aufmerksamkeit   auf   sich.   Das   Krematorium   am
Rande   des   Geländes   ist   ein   eigenes   Gebäude.   Die   Leichen
befinden sich in den Schubladen im Keller oder sind schon zur
Totenwache aufgebahrt, wie der Besitzer des Hundes.

Er lag im Koma, seine Atmung war bis zum Ende gleichmäßig,
so dass ich sie noch immer spüre, er hat sich mit mir verbunden,
als ich die Tür hinter dem Stummen schloss, das Morphin wirkte
leise, jetzt: ich denke sein Atmen weiter in mir, als sollte die
Hoffnung ihn überleben, in mir.

Als ich angefangen bin auf der Insel zu arbeiten, wurde ich von
einem Mitarbeiter des Krematoriums durch die Räume geführt.
Ich   erinnere   mich   noch   genau   daran.   Die   Temperatur   im
Kühlraum war winterkalt, drei Grad glaube ich, aber es kommt
einem etwas wärmer vor, weil die Kälte in der Luft steht, wie es
sonst nur Hitze kann. Der Mitarbeiter ging vor, blickte sich nicht
zu mir um, sein Rücken zog mich hinter sich her, die Sohlen
quietschten unangenehm  auf den  Fliesen, doch mein Zögern
schwand langsam und ich begann mich umzublicken.

Der   Raum   war   weiß   gekachelt,   einige   Särge   standen   schon
aufgebahrt darin, die Toten, die am nächsten oder übernächsten
Tag   verbrannt   und   bestattet   wurden.   Vielleicht   wurden   die
Termine mit den Hinterbliebenen besprochen. Der Tod kommt
immer plötzlich, selbst im Hospiz, denn das eigentliche Sterben
dauert nur einen Atemzug, einen Augenblick, nicht mehr, der
Rest ist Leben, das sagen die Ärzte. Aber ich sah das anders,
auch wegen Vater. Ich zählte die Särge, ganz automatisch, etwa
ein Dutzend, nur drei von ihnen aus hellem Pappelholz, die
restlichen in Brauntönen. Und auch wenn sich die braunen Särge
besser vom Weiß der Kacheln abhoben wie die Pappelholzsärge,
fielen mir die hellen Särge mehr auf, blass wie Geister. Und ich
fragte mich, ob in den Särgen auch ein junger Mensch lag,
jünger noch wie ich und dass ich genauso gut darin Platz fände,
wir Menschen haben doch im Grunde alle eine ähnliche Größe
und wenn man verbrannt wird, sind die Unterschiede passé. Der
Mitarbeiter war noch nicht ganz fertig damit, mich in dem Raum
herumzuführen und mir zu erklären, warum die Menschen mit
dem   Kopf   zur   Raummitte   lagen   und   alles,   als   ein   weiterer
Mitarbeiter mit einer ähnlichen Art zu gehen den Raum betrat, in
seinem   Gefolge   eine   Familie   mit   gesenkten   Blicken.   Sofort
fühlte   ich   mich   falsch,   weil   ich   doch   irgendwie   als
professionelle   Besucherin   hier   war,   ein   Körper   ohne  Trauer,
während die Frau mit ihrem Mann, der ihre Hand hielt und dem
irgendwie   unbeteiligten   Kind,   mit   einer   anderen   Art   der
Ehrfurcht   in   den   Raum   schlich.   Ich   vermutete,   und   die
Vermutung hat mir der Mitarbeiter im Nachhinein bestätigt, dass
die Frau nun ihre Mutter verabschieden musste, in ihren Gesten
und in ihrer Bewegung sah ich das größte Selbstverständnis. Sie
war hier richtig, weil sie jemanden wichtiges verloren hatte, ihre
Trauer   war   berechtigt,   sie   hatte   keine  Angst   sich   falsch   zu
verhalten. Der Rest der Familie hatte eine Traurigkeit zweiten
Grades, wenn man so will.

Soweit ich weiß, war nur seine Schwester heute da, um sich zu
verabschieden,   bevor   der   Hundebesitzer   in   die   Flammen
geschoben wird. Aber der Abschied wirkte auch eher pro forma
und hat mich auch nochmal bekräftigt, dass ich das Richtige
getan hab. Er hatte keine Kinder und keine Frau. Hund wollte
also   niemand.   Morgen   wird   der   Mann   verbrannt   und   am
nächsten   Tag   dann   im   Ruheforst   bestattet.   So   war   es   sein
Wunsch. Er hatte immer Angst vor dem Wasser, sagte er mir, als
ich ihn betreute. Hatte Angst sich darin ganz aufzulösen. Doch
eine reguläre Bestattung wollte er niemandem zumuten, weil ein
Grab kein Denkmal ist und die Pflege allzu teuer.

Jetzt ist die letzte Chance für Hund, ihn noch einmal in Ruhe zu
sehen.   Ich   habe   einen   Schlüssel   für   den   Seiteneingang   des
Krematoriums, im Schatten des Waldes, der beinahe bis an das
Haus wächst.

Wir gehen leise durch den Gang. Eine Holztreppe führt nach
oben, deutet den Raum an, bevor wir ihn betreten. Das Holz der
Tür ist warm. Sie ist nicht verschlossen. Wir betreten die Diele,
gegenüber   ist   die   Eingangstür   mit   verziertem   Glas,   bunte
Scheiben wie Konfetti. In den beiden langen, schmalen Gängen
befinden sich die Aufbahrungsräume. Ich bin jetzt fast jeden Tag
hier. Der Herr des Hundes liegt im zweiten Raum auf der linken
Seite. Er trägt einen Anzug. Er hatte ihn schon mit auf die Insel
gebracht, weil er wusste, dass er hier stirbt. Als er zu uns kam,
war der Anzug noch ein bisschen zu klein, er hatte ihn jeden
Montag probiert. Doch die Patienten verlieren hier viel Gewicht
und einen Montag passte der Anzug wie angegossen und dann
fiel er ins Koma und ja, dann starb er, weil er es wollte und weil
der Anzug eben passte, also war es wohl Zeit, dachte ich und
sicher war es die richtige Entscheidung.

Der   Raum   hat   ein   großes   Milchglasfenster,   durch   das   das
Tageslicht matt hereinfallen kann. Auch bei Nacht ist der Raum
nicht   ganz   verdunkelt,   das   milchige   Fenster   speichert   das
Mondlicht. Es ist geisterhaft. Die Augen haben sich schnell an
die Lichtverhältnisse gewöhnt. Die Bahre ist etwa 85 Zentimeter
hoch, damit die Angehörigen die Toten sowohl im Sitzen, als
auch im Stehen betrachten können. Für einen Hund ist die Bahre
natürlich zu hoch. Aber Hund weiß trotzdem, wer da liegt. Kurz
bellt er auf, als er den Geruch des Herren in dessen Anzug
wittert. Ich ermahne Hund nicht. Soll er bellen. Ist mir egal ob
jemand kommt. Hund hat ein Recht darauf. Er richtet sich auf
die Hinterläufe und stützt sich mit den Vorderläufen auf die
Holzbahre und das sieht total ungeschickt aus, aber auch schön
irgendwie. Seine Schnauze gräbt sich in das Haar des Toten.
Hund winselt, bellt, kurz und leise. Dann leckt er seinem Herren
über das

Gesicht aus Wachs. Haare, Hals, über Nase und Augen, immer
wieder   seine  Augen,   als   würde   er  versuchen,   sie   mit   seiner
Zunge zu öffnen.


11256242_10204505678257848_1374556585_oChristian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin. Schlafende Hunde wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet.
Foto: Linda Salicka