Abendbrot im Februar
von Robert Klages

 Ich bin Schriftsteller, also schreibe ich. Das muss ich mir immer wieder sagen. Denn wenn ich nicht schreibe, bin ich auch kein Schriftsteller – und dann weiß ich nicht mehr, was ich bin. Also muss ich schreiben. Egal. Ich mach es ja. So oder so, irgendwie schreib ich ja doch.

Ich hätte auch ausgehen können, stattdessen. Tina, diese kleine … ach, sie ist nett, ich rede nur schlecht über sie, weil ich bei ihr nicht ankomme. Und ich bin zu alt für sie. Aber sie hat angerufen, ist mit zwei Typen, „Freunden“, im „Rosies“. Ich mag das „Rosies“, ich habe ihr das „Rosies“ gezeigt, ich will nicht, dass sie dort ist, sie hätte fragen müssen. Sie bettelt, ich soll kommen, mit ihrer Quietschstimme, und ich sehe ihren kleinen Po durchs Telefon.

Aber ich bleibe zuhause und schreibe, weil ich Schriftsteller bin. Der Wein ist auch schon auf. Es ist Abendbrot. Sie würde eh nicht mit mir schlafen, ich habe es ja versucht, es ging ihr zu schnell – aber vielleicht würde sie jetzt, sie muss mir erst vertraut sein, sagt sie – aber ich will ihr nicht vertraut sein, ich will, dass sie sich nicht mehr bei mir meldet, damit ich in Ruhe schreiben kann, über was Vernünftiges, über Frauen, über mein scheiß Gehirn und was es denkt, über andere Gehirne und was die denken … eigentlich wollte ich heute Fencheltee trinken und Hemingway lesen, aber man liest Hemingway nicht mit Fencheltee, habe ich mir sagen lassen, aber ich bin erkältet, es ist Februar.

Hemingway wäre ausgegangen, er hätte getrunken und Tina mit sich genommen, im Taxi bis zur Rotunde in Paris, und sie wären ins „Select“ gegangen, und am nächsten Tag wäre er früh aufgestanden, hätte in Ruhe gefrühstückt und dann gearbeitet. Aber ich bin nicht Hemingway und der Wein macht schon beim Trinken Kopfschmerzen. Dazu habe ich mir ein Stück Zitronenkuchen abgeschnitten, schon das sechste Stück, weil das Brötchen von Gestern zu alt ist, ich habe es mit Käse belegt, aber ich kann das nicht runterwürgen. Und ich will nicht mehr einkaufen gehen, weil dann könnte ich auch zu Tina ins „Rosies“ – ich bleibe hier und schreibe, und der Text hat gut zu werden, weil ich sonst morgen denken werde, wärst du mal zu Tina gegangen. Und wenn ich zu Tina gehe, werde ich denken, hättest du mal geschrieben. Also muss der Text gut werden, die Worte gewählt und so – und morgen werde ich ihn lesen und an Tinas kleinen Po denken, an ihren Arsch. Der Text muss besser werden, oder ich betrunkener. Der Wein schmeckt nicht, der Text ist schlecht, aber zusammen bin das ich.

Sie ist noch nicht mal hübsch. Also schon, irgendwie, aber nicht mein Typ. Ich steh gar nicht auf Mädchen, eigentlich. Ich dachte immer, ich steh auf Frauen, erwachsene Frauen. Aber es ist ja auch egal, weil Tina nicht auf mich steht. Immerhin hält sie mich für einen Schriftsteller. Ich sage immer „Nein Nein, ach Quatsch, i wo“, aber sie mag das – sie würde mich ihren zwei „Freunden“ als Schriftsteller vorstellen. Und dann würde ich zu viel trinken. Schriftsteller trinken nun mal zu viel, das gehört dazu, kann man jeden fragen, das ist Allgemeinwissen.

Aber ich kann auch ohne Tina zu viel trinken. Dazu benötige ich niemanden. Ich bin schon groß und kann das alleine. Ich bin eigenständig. Ein Mann. Betrunken.

Wenn ich zum Trinken nicht schreiben würde, wäre ich nur betrunken – und das wäre hässlich: Allein; nur ich, eine Flasche Wein (3 Euro), zu altes Brot und der Zitronenkuchen: erbärmlich wäre das. Der Text ist sehr wichtig.

Plötzlich klingelt es an der Tür, ich erschrecke mich. Es ist Tina und ihr kleiner Po, und sie wollen mich abholen kommen. Aber das ist natürlich Quatsch, das habe ich mir gerade ausgedacht, schreibe ich und mache die Wohnungstür wieder zu. Ich habe Hunger.

Absatz für Absatz, immer weiter, ein Schluck pro Absatz.

Nur nicht an den Po denken. Außerdem ist es grausig, schon fast gruselig, dass ich an diesen Po denken muss. Es ist ja offensichtlich, dass ich eine Frau brauche, die mich nicht mehr an den Po von Tina denken lässt.

Ich muss oft an sie denken, an den Po, und an Tina. Ich dachte erst, es könnte Liebe sein. Aber das … Nein Nein, ach Quatsch, i wo, das kann nicht sein. Es ist so sehr Liebe, wie Wein und Zitronenkuchen ein Abendbrot sind. Man kommt damit in den Schlaf, aber nicht durchs Leben. Ich habe Hunger.

Schriftsteller sein – vielleicht hört das auf, irgendwann. Als Kind wollte ich Astronaut werden, als Jugendlicher Rockstar, während des Studiums Sexsymbol oder Medienmogul, und mit 31 möchte ich eben Schriftsteller sein. Das hört auf, das geht vorbei, das ist nur eine Phase.

Aber was, wenn es nicht vorbei geht? Wenn das so bleibt? Wenn ich bis zum Tod denke, ich sei Schriftsteller. Irgendjemand muss mir sagen, dass ich damit aufhören muss, dass ich kein Schriftsteller bin – so, wie früher Mutter, die mir gesagt hat, ich wäre kein Astronaut, meine Augen wären zu schlecht. Jemand muss mir auch jetzt sagen, dass ich kein Schriftsteller bin, weil mein Gehirn zu schlecht ist, oder so. Eine Frau muss es sein, es ist immer so, die mir sagt, dass ich Geld auf ein Konto zu bringen habe, und Brot zu besorgen habe, und Tagesschau zu sehen habe, und sowas. Dann hätte ich auch keinen Hunger mehr.

Und Hemingway? Er erträgt Paris.


2014 1Robert Klages ist 1984 in Westfalen geboren und ausgebildeter Orgelbauer. Nach einem Studium in Literatur und Philosophie ist er nun Journalist in Berlin und hat eine Lesebühne mit dem Namen „Sprechstunde: Nebensatz“ gegründet. Informationen gibt es unter robert-klages.de