Gedächtnisexpedition zur Magic-Mountain-Kletterhalle
von Sofie Lichtenstein

 Ich war damals im Harz klettern, sagte Gabby mir, erinnere ich mich, sie war damals im Harz klettern mit ihrem Großvater, oder war es ihr Vater, sinniere ich, jedenfalls mit irgendeinem Vater war sie seinerzeit im Harz klettern, an einem richtigen Berg, aus Granit und Gneise, nehme ich an, und sie kletterte mit Ausrüstung, Seilen und Karabinerhaken. Mir hat das sehr imponiert, als sie mir davon erzählte, ich sagte, das würde ich auch gerne machen, das wäre voll mein Ding, und sie erwiderte bloß, ja, es war cool und hat Spaß gemacht, und mir imponiert es nach wie vor, wenn ich mir vorstelle, wie sie, gerade sie, klettert wie ein waschechter Bergsteiger, mit Absichern und Abseilen. Sie erzählte außerdem, dass ihr mulmig gewesen ist, wann immer der Anstieg steil wurde, und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich gerne diejenige wäre, die das gerade erzählt, und bei der Vorstellung, wie ich dem Erzählten die Dramatik eingebe, die ihm gebührt. Dass es etwas Großartiges darstellt, einen Berg zu besteigen, schien Gabby nur bedingt zu begreifen, reihte sie doch nur ein paar einfache Hauptsätze aneinander, die sie jedes Mal nur aus einem Subjekt, einem Prädikat und einem gar zu profanen Adjektiv wie cool, toll, interessant zusammensetzte wie die Blöcke von Lego-Duplo. Ich fragte mich, ob Gabby lediglich in Hinblick auf Erlebnisse, die keine höhere Bedeutung für sie hatten, außerstande war, andere Formulierungen zu finden als Phrasen, oder ob sie womöglich selbst über diejenigen Dinge, die man als ihre Interessen bezeichnen konnte, nicht mehr zu sagen wusste als dass sie toll sind oder geil oder nett oder fett oder geil. Ohne, dass sie es selbst gewesen wäre, die mir diese sich meinen Gedanken aufdrängende Frage beantwortete, schlussfolgerte ich, dass sie keine echten Leidenschaften hat, und darüber hinaus, dass es ihr grundlegend an Tiefe fehlt, die es doch erst ermöglicht, von einer Sache mit Leib und Seele ergriffen zu werden. So spürte ich schließlich das Verlangen, ihr zu demonstrieren, dass ich, auch wenn ich noch nicht, so wie sie, einen Berg bestiegen hatte, weitaus mehr, ja richtige Geschichten über das Bergsteigen zu erzählen wusste. Mein größter Traum sei es, begann ich, erinnere ich mich, entweder eine Trekkingtour zum Concordiaplatz, also zum Karakorum zu unternehmen, wo man sogleich vier Achttausender, nämlich den K2, den Broad Peak und die beiden Gasherbrums I und II besichtigen könne, oder zum Nanga Parbat. Wisse sie, was der Karakorum sei, fragte ich sie und klärte sie auf, ohne ihre Antwort abzuwarten, der Karakorum sei das zweithöchste Gebirge der Welt. Beim Nanga Parbat fasziniere mich vor allem die Rupalflanke, die höchste Steilwand der Welt, die dreimal so hoch sei wie die Eiger-Nordwand. Boah krass, sagte Gabby bloß, und ich erzählte weiter, dass es im Himalaya damals, als die dortigen Gipfel noch im Namen der Nation bestiegen wurden, ein Wetteifern in der Todeszone zwischen den Deutschen und den Briten gegeben hat und dass die Briten sich am Mount Everest abarbeiteten, während die Deutschen versuchten, den Nanga Parbat, wie es seinerzeit hieß, zu erobern. Und dass der Nanga Parbat als Schicksalsberg der Deutschen Bekanntheit erlangte, da bei dem Versuch einer erfolgreichen Erstbegehungen zahlreiche Deutsche ums Leben gekommen sind; aber dass nicht die toten Nationalisten mein Interesse für den Berg entflammt haben, sondern die Sigi-Löw-Gedächtnis-Expedition zum Nanga Parbat von 1970, bei der Karl Maria Herrligkoffer eine Mannschaft aus Spitzenbergsteigern zusammenstellte, mit der er die als unkletterbar geltende Rupalwand erstbegehen wollte. Ich nahm meinen Laptop auf den Schoß, googelte Rupalwand und zeigte Gabby Bilder von der Flanke, Schau, dass ist die Rupalwand, und sie sagte, Boah, alter, und ich fragte, findest du, und fügte hinzu, dass mir die Wand auf den Bildern nicht steiler vorkommt als die meisten anderen Wände auch, und dass für mich die Lhotse-Südwand zum Beispiel, Lhotse-Südwand in die Google-Bildersuche eintippend, weitaus steiler aussieht als die Rupalflanke. Und als sie nichts sagte, fragte ich sie, erinnere ich mich, ob es auf sie auch so wirke, und wechselte zwischen den Bildern hin und her. Ja, vielleicht ist das ja die Perspektive, mutmaßte sie, und ich sagte, wie auch immer, und beließ es dabei, dass jedenfalls die Rupalwand mit 4500 Metern die höchste Steilwand der Welt ist. Sie sei bei der Sigi-Löw-Gedächtnis-Expedition übrigens tatsächlich bestiegen worden, von Reinhold Messner und seinem Bruder Günther, ließ ich Gabby wissen, die mich zu meiner Überraschung unvermittelt unterbrach, nur um allerdings auf den durch den Boulevardpuff gezerrten Vorfall einzugehen, Ach, stimmt, irgendwie ist doch der Bruder von Reinhold gestorben, wie war das eigentlich, und ich kürzte die Geschichte, um die sich die aus dem Tratsch hervorgegangen Behauptungen rankten, ab, indem ich den blau-roten Raketen-Fauxpas nicht weiter erwähnte und das Drama darauf reduzierte, dass Reinhold Messner sich allein auf den Weg zum Gipfel gemacht hat und der Bruder, ebenfalls vom Gipfelfieber gepackt, ihm nachgestiegen ist. Da Gabby sich mit meiner Kurzfassung, in der das Wesentliche gewissenhaft ausgelassen wurde, zufrieden gab und keine weiteren Günther Messner bezogenen Fragen stellte, die noch langweiliger zu beantworten gewesen wären, als sie aus sich heraus schon waren, konnte ich endlich die Überschreitung Messners über die Diamir-Seite ansprechen, wobei ich glücklicherweise nicht drum herum kam, ihr den Begriff Überschreitung im Bergsteigerkontext zu erklären. Einen Berg zu überschreiten, heiße, klärte ich sie bedeutungsvoll auf, erinnere mich, von einer Seite aufzusteigen und von einer anderen Seite wieder ab, was beim Nanga Parbat im besonderen Maß beachtlich gewesen sei, weil die Diamir-Seite, auf der Messner heruntergeklettert sei, noch unbekanntes Terrain und mithin arschgefährlich gewesen sei. Darauf, dass Günther Messner während des Abstiegs gestorben ist, ging ich nicht mehr ein, spürte ich doch unmittelbar das Verlangen, Gabby zu zeigen, was ich sonst noch über Überschreitungen wusste, und erzählte daraufhin von Werner Herzogs wundervoll atmosphärischen Dokumentarstreifen Gasherbrum – Der leuchtende Berg, in dem Messner und Kammerlander dabei gezeigt werden, wie sie die beiden Gasherbrums I und II hintereinander ohne Zwischenlager und im alpinen Stil bestiegen. Das sei die erste und bis heute einzige Doppelüberschreitung von Achttausendern gewesen, sagte ich und Gabby dazu weiter nichts, erinnere ich mich, während ich unermüdlich damit beschäftigt bin, meine Zehen, die in den beunruhigend engen Kletterschuhen stecken, zu bewegen, sodass sie durchblutet werden und mir also nicht absterben. Mit Bewunderung schaue ich zu den erfahrenen Boulderern, die sich geschickt wie Schimpansen von einem unmöglichen Griff zum nächsten hangeln, und sehe gleichzeitig mich selbst, wie ich kopfüber mit artistisch gestreckten Gliedmaßen Routen auf die gleiche anmutige wie Eindruck schindende Weise klettere. Sobald Clara und Orell ihre Kleidung verstaut haben, stellen sie sich neben mich und werfen ebenfalls einen Blick zu den Boulderern. Es gibt Dinge, die leichter aussehen, als sie sind, sage ich, ohne meinen Blick von den Kletteraffen abzuwenden, Klettern aber sieht genauso kack schwer aus, wie es tatsächlich ist, Vor allem Bouldern, ergänzt Clara, und ich ahne, dass sie gleich damit anfangen wird, von ihrem Jahre zurückliegenden Boulderhallen-Besuch zu erzählen, Ich war damals ja mit Kirsten im Sportturm der Uni klettern, sie hat mich damals mitgenommen, und ich bin kaum hochgekommen, weil die Griffe so winzig waren, da brauchst du echt Kraft in den Pfoten und ne übelste Feinmotorik, da kann man nicht schön mit den Fingern in die Griffe rein greifen, teilweise sind die Dinger nicht breiter als eine Handkante, berichtet sie. Aber es macht trotzdem Spaß und ist zu lernen, urteilt Orell, der zwar, so wie ich und Clara, keine unmittelbaren Erfahrungen am Berg gemacht hat, dafür allerdings bereits mehr als keinmal und einmal bouldern gewesen ist. Vielleicht ist es beim Klettern genau umgekehrt, ertappe ich mich dabei, verstohlen zu hoffen, vielleicht ist Klettern viel leichter, als es aussieht, und fühle Ernüchterung, als ich mich auf Claras Erfahrungsbericht besinne und mir den Klettergriff, der nicht breiter als eine Handkante ist, vorstelle. Bevor wir die wenig Ehrfurcht gebietenden Wände mit den nach Spielzeug anmutenden Griffen stürmen können wie einst die Deutschen Seilschaften die Rakhiotflanke des noch unbesiegten Nanga Parbats, erhalten wir von einer Mitarbeiterin eine kurze Einführung in die Gepflogenheiten und Sicherheitsvorschriften. Hier wird nach Farben geklettert, die Routen und deren Schwierigkeitsgrad kennzeichnen. Das macht Sinn, denke ich, bei einem Achttausender gibt es schließlich auch Routen, die sich hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades unterscheiden, und stelle mir vor, dass die roten Griffe durch die verhältnismäßig flache aber lange Rakhiotflanke führen, die grünen durch die Kinshofer-Route und die braunen durch die Rupalwand, die nur wenigen Spitzenbergsteigern vorbehalten bleibt und die erfolgreich zu begehen ich infolgedessen nicht von mir erwarte, zumindest nicht sofort. Ein wenig angeödet fühle ich mich aller Fantasie und Geisteskraft zum Trotz dennoch, fehlt doch beim Klettern auf Fallhöhe der Nervenkitzel, die blanke Angst, abzustürzen und sich mindestens lebensgefährlich zu verletzten, welche man beim gesicherten Klettern an einer zehn oder dreißig Meter hohen Wand mit sich trägt wie Steigeisen an den Füßen. Nachdem die Mitarbeiterin vorgeführt hat, wie wir von der Wand angemessen abzuspringen und auf der Matte zu landen haben, um Sprunggelenkverletzungen vorzubeugen, trete ich endlich an die Wand heran und durchsteige die roten, nach Faschingsfratzen und Joan-Miró-Skulpturen aussehenden Griffe der Rakhiotflanke. Nach einem unsicheren Aufstieg klopfe ich nach dreißig Sekunden an den Gipfel, statt auf ihm zu stehen, und entscheide mich, abzusteigen, statt herunterzuspringen, wie es sich beim Bergsteigen nun einmal gehört; geht doch eine gelungene Begehung schließlich nicht nur mit der heroischen Ankunft am Gipfel einher, sondern auch mit der heilen Rückkehr ins Basislager. Sobald ich unelegant und mit vor Kraftlosigkeit schlotternden Beinen gerade noch so den Abstieg geschafft habe und mit meinen Füßen, die frei von schweren Erfrierungen sind, die Matten des Basislager betrete, sehe ich zwar Clara wieder aber nicht Orell. Unverwandt schaue ich Clara an, warte darauf, dass sie, die uns erzählt hat, wie schwierig bouldern sei, nach meinem gelungen Auf- und Abstieg vielleicht ein paar Worte des Respekts äußert, ein nicht schlecht!, und tue es vergebens und sehe ein, dass ich tatsächlich nur die Route für Kinder geklettert bin und mir darauf genauso wenig etwas einbilden kann wie die Elendstouristen am Everest auf ihren Gipfelerfolg, der lediglich der Annehmlichkeit geschuldet ist, dass die Normalroute besser präpariert ist als jede Wand in den Alpen und Sherpas sämtliche Ausrüstung schleppen wie bergziegentrittfeste Kamele. Orell ist drüben, sehe ich, bammelt kopfüber an der Wand, die zu klettern tatsächlich eine Herausforderung darstellt, und Clara sagt, Oah, guck mal, und ich gucke doch schon längst und denke, dass er die Rupalwand der Kletterhalle klettert, während ich mich bereits vom Anspruch der Kinderroute überwältigt fühle. Die roten Griffe führen nicht durch die Rakhiotflanke, frühsten bei den grünen kann ich so tun als ob. Also gehe ich zurück zur Wand, betrachte und betaste die grünen Griffe, mustere die zwischen ihnen liegenden Abstände, und versuche es einfach, setze einen Fuß in die Wand, in die Rakhiotflanke, und denke, dass dieselbe tatsächlich erst hier beginnt, bei den grünen Griffen, an denen ich meinen Aufstieg kaum fortzusetzen wage, liegen sie doch so weit auseinander, dass ich beim nächsten Schritt das ernsthafte Risiko eingehen müsste, das Gleichgewicht zu verlieren, abzurutschen, auf die Matte zu stürzen, die nicht weich ist, sondern lediglich ein wenig nachgibt, wenn man darauf fällt und springt, und hoppse runter aus nicht einmal ein Meter Höhe und sage mir entmutigt, dass ich, wenn ich es nicht einmal schaffe, diese Route zu klettern, erst recht keinen waschechten Berg werde besteigen können. Vor der Wand stehend, weiß ich nichts mit mir anzufangen und gehe zurück zu Clara, ohne ein Wort zu sagen. Ich denke an Gabby und frage mich, ob sie, die bereits einen Berg bestiegen hat unter Anwendung von Seilen und Karabinerhaken, imstande wäre, die Route mit den grünen Griffen zu klettern, und warum ich, die soviel über das Höhenbergsteigen weiß, nicht besser, womöglich sogar schlechter klettere als Leute wie sie, denen weder die Eiger-Nordwand noch der Karakorum noch der Nanga Parbat ein Begriff ist.


DSC_1255Sofie Lichtenstein, geb. 1989 in Neuruppin, lebt in Berlin, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (entwürfe, Am Erker, Kolik u.a.). Schreibt Prosa und aktuell an ihrem ersten Buch, Die Große Glocke.