Die Waschung
von Josef Zweimüller

Laura gönnt sich eine Pause. Sie blickt aus dem Fenster, summt vor sich hin und zwirbelt Haarsträhnen um den Zeigefinger. Ihre grünbraunen Augen sind müde. Kurz reckt ein Mitarbeiter, der wegen der vielen Neuzugänge Überstunden machen musste, den Kopf ins Büro, meldet, der Waschraum sei sauber und wünscht seiner Chefin einen schönen Abend. Laura nickt dankend und wendet sich wieder der Arbeit zu. Wenig später brummt das auf dem Schreibtisch abgelegte Handy. Die Vibrationen übertragen sich auf das massive Eichenholz, wodurch der sonst so unscheinbare Summton an Volumen gewinnt. Laura liest die seltsame Nachricht zweimal: Josef niermann, goethestraße 2b. Kommen sie bitte noch heute Abend. Irgendwie klingt sie nicht nach einer Spam-SMS. Fest steht, dass sie keinen Niermann kennt und Angehörige für gewöhnlich anrufen. Unwillig schreibt sie eine Rück-SMS mit der Frage, worum es sich handle. Etwa einer halben Stunde später, in der ihr Blick immer wieder zum Handy wanderte, entschließt sie sich anzurufen. Es meldet sich nur die Mailbox. Eine überraschend sympathische Männerstimme verspricht, zurückzurufen. Verärgert legt Laura auf. Die Arbeit geht schleppend voran. Irgendwann abends knurrt ihr Magen. Als wäre das eine Art Startschuss zieht sie ihren schwarzen Mantel an und macht sich auf den Weg. Sie würde bei diesem Niermann vorbeischauen, sich solche SMS verbitten und dann irgendwo eine Kleinigkeit essen. Doch je länger Laura durch die nächtlich verwaisten Straßen fährt, desto weniger ist sie von ihrer spontanen Eingebung überzeugt. An einer Ampel, die auf Rot springt, bleibt sie stehen. Der Taxifahrer hinter ihr hupt erbost. Lauras Vater wäre jetzt ausgestiegen und hätte diesem Irren die Meinung gesagt. Er hätte ihr auch mit Sicherheit davon abgeraten, zu dieser Wohnung zu fahren. Zu Recht. Vorahnung ist ein Begriff, den Laura schon von Berufswegen nicht mehr hören kann, wenn die Leute meinen sie hätten gefühlt oder gar gewusst, was kommen wird. Doch genau darum sitzt sie nun im kalten Wagen und nicht Zuhause auf der Couch. Eine unbestimmte Vorahnung lässt sie ein Kribbeln in den Fingern spüren, die das Lenkrad fester als sonst umschließen. Eine ältere Dame mit Rauhaardackel auf dem Arm kommt aus der Eingangstür, als Laura die Namensschilder absucht. Sie kennt Josef Niermann. Er wohne eine Etage über ihr im Dritten, meint sie lächelnd und hält einladend die Tür auf. Ein wenig ist ihr, als sehe sie ihrem Arm zu, wie er sich hebt und sie den Klingelknopf drückt. Der Ton schrillt durch das Haus. Nach einer Weile, in der keinerlei Regung auszumachen ist, läutet sie neuerlich. Dieses Mal länger, weil sie ihrem Ärger Luft machen will, aber nicht minder, weil sie nun glaubt, das Ausmaß ihrer arglosen Leichtsinnigkeit zu erkennen. Durch das Türblatt dringt heiseres Husten.

»Hallo!«, ruft Laura. »Ist da jemand?“ Stille Sekunden verstreichen.

»Was wollen sie?« Die Stimme klingt ängstlich, etwas tiefer als die Telefonansage, aber das könnte auch an der Tür liegen.

»Sie haben mir eine SMS gesendet. Ich soll vorbeikommen.«

»Tut mir leid, aber das muss ein Irrtum sein.«

So leicht will sich Laura nicht abspeisen lassen.

»Josef Niermann, das sind sie doch. Also, warum soll ich herkommen?« Keine Reaktion. »Ich kann auch die Polizei rufen.« Diese Androhung bereut Laura sogleich, aber die Wirkung bleibt nicht aus. Die Tür öffnet sich. Im Spalt erscheint ein bleiches Gesicht.

»Aber ich habe diese Nachricht nicht an sie geschickt. Wirklich, ich …«, stammelt Niermann. Seine Augen blinzeln unentwegt, die Hand, die sich am Türblatt festhält, zittert und obwohl er einen halben Kopf größer ist, kommt es ihr vor, als blicke er von unten zu ihr hoch.

»Wem wollten sie die SMS denn schicken?« Diese einfache Frage scheint ihn zu überfordern. Routiniert senkt sie ihre Stimme. »Ich bin Laura Emrich, ich leite das Bestattungsunternehmen meines Vaters Klaus Emrich. Ist denn etwas passiert?«

»Klaus Emrich«, wiederholt Niermann, als wäre das nun die Antwort auf die vorhin gestellte Frage.

»Wollten sie, dass mein Vater zu ihnen kommt?« Niermann nickt zaghaft.

»Mein Vater kann nicht kommen. Er ist voriges Jahr gestorben. Bestattung Klaus Emrich – so heißen wir seit über vierzig Jahren.«

Die Überraschung ist Niermann anzumerken. Ähnliche Blicke kennt sie nur zu gut, weil niemand glauben kann, dass eine junge Frau einem derart schaurigen Beruf nachgeht.

»Das tut mir leid. Ich meine, das alles tut mir leid, dass sie extra hergefahren sind.« Kaum ausgesprochen macht er Anstalten, die Tür schließen zu wollen. Intuitiv hält Laura mit der Handfläche dagegen.

»Da ich nun schon mal da bin«, wirft sie hastig ein. »Vielleicht kann ich ihnen weiterhelfen. Haben sie meinen Vater gekannt?«

Niermann schüttelt den Kopf und macht einen Schritt nach vor, um die Tür zuzudrücken. Dabei stolpert er derart ungeschickt über die eigenen Füße, dass er zurücktaumelt und Laura die Tür ungewollt aufstößt. Die Flecken sind das Erste, was sie sieht. Bräunliche Spuren von Erbrochenem auf dem Hemd und auf der Jeans dunkle Urinflecken entlang der Schenkelinnenseiten. Sie zwingt sich, den Blick zu heben, kommt aber nicht weit. Der Hemdkragen steht offen und die rötlichen Quetsch- und Schürfwunden sind deutlich zu sehen. Als hätte sich ein glühend heißes Hundehalsband eingebrannt. Niermann senkt den Kopf.

„Gehen sie! Bitte!“, fleht er, weicht zurück und hinkt, den rechten Fuß nachziehend, in ein am Ende des Flurs gelegenes Zimmer. Ohne lange zu überlegen, tritt sie in die Wohnung und schließt die Tür hinter sich. Neugierige Nachbarn braucht jetzt niemand. Bedacht setzt Laura einen Fuß vor den nächsten und sieht sich um. Wie gerade aufgeräumt, denkt sie und wird sogleich eines Besseren belehrt. Das Parkett im Wohnzimmer ist mit Putz- und Mauersprengsel übersät. Ein hölzerner Küchenstuhl liegt umgeworfen am Boden. Auf dem Couchtisch steht eine Blumenampel, darin eine erschlaffte Grünlilie. In der Decke prangt ein Loch, wo bis vor Kurzem ein Haken gesteckt haben muss. Und den Strick, welcher sich als Abschleppseil entpuppt, findet sie ebenfalls. Ein ellenlanges Stück lugt unter dem schwarzen Ledersofa hervor, das Schlaufenende versteckt sich darunter. Niermann steht in der Küche am Fenster und stiert abwesend in die Nacht. Laura hält das Seil in der Hand.

»So etwas müssen sie vorher austesten. Wenn es eine Minute hält, reicht das in den meisten Fällen. Sie sollten aber an ihrem Knoten arbeiten. Die Schlaufe muss sich leichter zuziehen lassen.« Laura führt vor, was sie meint, doch Niermann dreht sich nicht um. »Sonst kann das ewig dauern. Ach ja … und beim nächsten Mal legen sie bitte eine Plastikplane unter. Das wäre mir sehr recht. In Fachkreisen sagen wir, die Leiche läuft aus. Eine unappetitliche Sache. Oft müssen die Nachmieter das Parkett entfernen, weil sich der Dreck so tief reinfrisst. Letzte Woche hatten wir einen, der trug eine Windel. Das wäre natürlich optimal, da …« Niermann wendet sich um und hebt Einhalt gebietend die Hand. Seine Augen wirken klarer als zuvor. Laura lächelt kokett. »Vielleicht sollte ich ja Kurse an der Volkshochschule geben. Irgendwie scheint Selbstmord immer beliebter zu werden.« Nun lächelt auch er. Anfangs gequält, dann erschöpft. Aber es ist ein Lächeln – und ein schönes dazu. Kurz weiß keiner von beiden, wie es weitergehen soll, bis Laura schließlich eine Dusche vorschlägt. Sie warte so lange, wenn es ihm recht sei. Niermann schüttelt den Kopf. Allerdings nicht, weil er den Vorschlag ablehnt, sondern, weil der herbeigesehnte Tod ihm ein Lächeln vorhält, wie es diese Wohnung selten gesehen hat. Laura setzt sich und Niermann humpelt ins Bad. Wenig später hört sie Wasser rauschen. Ein beruhigendes Geräusch, das Normalität verheißt. Sie atmet erleichtert durch. Ihr Vater hat sie gelehrt, wie man mit den Toten verfährt und mit trauernden Angehörigen umgeht. Diese Situation ist neu, doch im Grunde ist er beides, er ist ein Hinterbliebener seiner selbst.

Laura schreckt auf. Aus dem Bad dringt ein dumpfes Poltern, unmittelbar gefolgt von einem Schrei. Kurz zögert sie, klopft, will wissen, ob alles in Ordnung sei, dann vernimmt sie ein Stöhnen und tritt beherzt ein. Niermann, der augenscheinlich ausgerutscht ist, krümmt sich mit schmerzverzerrter Miene auf den Fliesen. Bis auf die Unterhose und die halb hinuntergezogene Jeans ist er nackt. Als er Laura bemerkt, versucht er sich hochzustemmen, doch ein offensichtlich höllischer Stich in den Rücken zwingt ihn sogleich zur Aufgabe. Ächzend schimpft er sich einen Versager und beginnt zu weinen. Sicher wegen der Schmerzen, aber auch, weil er denkt, sein missglücktes Leben habe ihn mit voller Wucht eingeholt. Vorsichtig steigt Laura über seine Füße, dreht den Wasserhahn zu und kniet sich neben ihn. Niermann müht sich erneut, den Oberkörper anzuheben. Erst als Laura ihre Hand auf seine Schulter legt, lässt er davon ab. Seine Augen stellen die Frage, bevor er sie ausspricht.

»Willst du denn gar nicht wissen, warum ich …«

Laura schüttelt den Kopf.

»Dafür haben wir später Zeit. Jetzt rufe ich besser die Rettung.« Augenblicklich weiten sich seine gerötete Augen, dann senkt er verängstigt den Blick. Die Mundwinkel beginnen, zu zittern. Laura versteht. »Ich mache das schon«, sagt sie.

Zu allererst wirft sie das Abschleppseil in den Mülleimer. In der Abstellkammer findet sie Schaufel und Besen und beseitigt so gut es geht den Schutt im Wohnzimmer. Schließlich läuft sie zu ihrem Auto und kommt mit einem Täschchen zurück. Wie es scheint, hat Niermann zwischenzeitlich versucht, die Jeans abzustreifen, aber es nicht geschafft. Sein Körper ist schweißgebadet. Laura zieht den Faltenwulst vorsichtig über die Fersen und gibt das miefige Teil in den Wäschekorb. Jemand anders würde die Nase rümpfe, sie lässt der Uringeruch kalt. Unter dem Waschbecken steht ein kleiner Putzkübel, den sie mit warmem Wasser füllt. Dann greift sie sich einen Waschlappen und kniet sich wieder neben Niermann. Dieser will ansetzen, etwas zu sagen. Vermutlich, dass sie das nicht tun müsse. Doch genau in diesem Moment, beginnt Laura vor sich hinzusummen. Diese Angewohntheit hat sie von ihrem Vater. Wer es täglich mit Leichen zu tun hat, braucht eine Verbindung zum Leben. Allmählich beruhigt sich sein Atem. Versunken in ihr Tun reinigt sie sorgsam den vor ihr liegenden Körper. Jeder Handgriff sitzt. Kein Ekel ist ihr anzumerken. Eher hat es den Anschein, als entspanne sie diese Handlung. Nachdem sie Niermann mit einem frischen Handtuch abgetrocknet hat, zieht sie aus dem mitgebrachten Täschchen Schminkutensilien. Mit dem Blick einer Künstlerin übermalt Laura die Schürfspuren und Flecken am Hals. Als sie fertig ist, hält sie ihm einen Handspiegel vor. Freudige Erwartung erhellt ihr Gesicht. Niermann nickt verlegen, als wäre er das erste Mal beim Friseur, doch seine Augen glänzen dankbar. Laura bringt ihm eine Decke, dann ruft sie die Rettung.


JosefJosef Zweimüller wurde 1967 in Oberösterreich geboren. Seine künstlerische Begabung zeigte sich bereits in jungen Jahren. So gewann er im Alter von neun den ersten Zeichenwettbewerb, gründete mit fünfzehn eine Band, komponierte und schrieb Songtexte, erhielt Nachwuchspreise, betrieb ein Tonstudio, initiierte zahlreiche Kunstprojekte und stellte seine Bilder und Objekte in Galerien und Museen aus.

Die Literatur, die ihn nebenher stets begleitet hat, nimmt seit etwa sieben Jahren das Zentrum seines Schaffens ein. In diese Zeit rief Josef Zweimüller einen Lesezirkel ins Leben, besuchte Schreibwerkstätten, veröffentlichte einen philosophischen Literaturblog und hielt Lesungen. Seit 2012 ist er Vorstandsmitglied der Autoren- und Künstlervereinigung KUvée.