Zwetschgenkuchen
von Miriam Zeh

Auch der Hinterhof vor meinem Fenster kann weder Uhr- noch Jahreszeit länger mit mir ignorieren. Im Halbdunkel sehe ich zwischen den abgestellten Fahrrädern an der Hauswand schon einzelne verfärbte Blätter liegen. Wie viele ihnen in naher Zukunft folgen wollen, kann ich an den Zweigen des jungen Ahornbaums im Nachbarsgarten jedoch schon nicht mehr erkennen. Nur der Efeu am Mäuerchen erscheint mir von Sonnenuntergang und Herbstanfang unbeeindruckt immergrün durch diesen Septemberabend und meine ungeputzten Fensterscheiben.

Ich habe mir die Nägel manikürt früher am Abend. Über meinen Fingerkuppen schieben sie sich jetzt wie zehn fremde Halbmonde die Scheibe hinauf. „Gegen halb elf dann vielleicht“, hast du gesagt. Ich stehe am Fenster und warte. Ich zwinge mich, nicht zu rauchen dabei, um noch nach kräuterfrischem Weiß zu schmecken, wenn ich dich küssen werde zur Begrüßung. Du wirst meinen nur ganz dezent parfümiert Nacken riechen und mein frisch gewaschenes Haar. Bereitwillig wird dir das dünne Honigblond durch die Finger gleiten und der sorgfältig gezogene Lidstrich wird sich vor deinen Lippen verneigen, wie er es tut seit unserer ersten Nacht, die noch schwülwarm und hochsommerlich gewesen ist und in der du meine Ponyfransen Surferlocke genannt hast. Ich erinnere mich, wie die Kanaille in meiner Brust die Augen geschlossen, daraufhin ihre Flügel zusammengefaltet und zu schnurren begonnen hat, du Drachentöter.

Gegen halb elf hältst du im Halteverbot vor meinem Fenster und hupst nur kurz. Ich verstehe dich erst nicht. Du musst sogar anrufen, damit ich hinauskomme und mich durch die Beifahrertür auf deine Augenhöhe beuge. „Pass auf, da liegt ein Zwetschgenkuchen“, begrüßt du mich und wartest schon ungeduldig darauf, dass ich die Tür zur Weiterfahrt wieder schließe. Ich schiebe beide Hände unter ein weiches und lauwarmes Alupäckchen, das dort liegt, wo ich mich gerade habe hinsetzen wollen. Es fühlt sich instabil, fast organisch an in meinen Händen und gibt besorgniserregend nach unter dem Druck meiner einzelnen Finger, wie eine unförmig gallertartige und schleimige Masse, nur durch eine dünne Membran aus Silberpapier zusammengehalten. Sobald ich mich hingesetzt und deinen Kuchen zunächst auf der äußersten Kante meiner Knie platziert habe, lasse ich ihn angeekelt los und für den Rest unserer Fahrt geschehen, dass mir das Päckchen immer dichter rutscht, immer tiefer in den Schoß kriecht und seine Wärme und sein Inhalt mir immer aufdringlicher zwischen die Beine. Als du endlich einen Parkplatz gefunden hast, glaub ich, einen Abdruck meiner äußeren Schamlippen auf der Unterseite des Päckchens erspüren zu müssen. Doch du nimmst mir deinen Kuchen ungerührt ab und trägst ihn nach Hause, hast ihn in der einen und mich in der anderen Hand, legst ihn in deiner Wohnung in die Küche und mich auf die Couch.

Wir trinken Bier aus Halbliterflaschen, wie wir es in unserer ersten Nacht getan haben, auf dem Randstein sitzend und in den Sommer hinausblickend, nur sitzen wir heute auf deiner lederkalten, schneeweißen Couch und betrachten schweigend, nachdem du Musik auflegt hast, die ich nicht mag, dein Bügelbrett. Jetzt erst, als du dicht neben mir sitzt, fällt mir auf, dass ich die Nägel, die Haare und das Küssen ganz vergessen habe. Und mir fällt auf, wie sehr du nach Arbeitsschweiß riechst, nach einem langen Tag, nach Abendessen, Zigarettenrauch und nach Dessertlikör.

Während du dein Bier leertrinkst und von deinem Job, deinem Gig und deinem Abendessen erzählst, knöpfe ich dein Hemd auf und beginne, dir Schweiß und Geruch von der Brust und den Achseln zu lecken. „Das ist etwas, das kannst du dir wirklich merken“, sagst du, „für deine erste Festanstellung.“ Du lächelst dabei so selbstzufrieden durch deine silbrig und rund gefassten Brillengläser, dass meine Kanaille zu knurren beginnt. Ich öffne deine Hose, lecke noch mehr Schweiß, noch mehr Geruch und endlich fährst du mir durchs Haar. Aber dafür ist es schon zu spät, denn meine Kanaille reißt die Augen auf, sie ist jetzt wach und sie ist wütend. Ich bin nackt. Gemeinsam stoßen wir dich auf den Teppich, der genauso weiß wie deine Couch gewesen ist bisher, und über seine harte Faserung ringen wir dich, dass es dir den Rücken zerkratzt. Wir würgen deinen Brustkorb mit unseren Knien, schieben sie dabei so unerbittlich auf und ab, als spüren wir keinen Schmerz, niemals mehr. Wir thronen auf dir, als könnten wir jeden Moment die zerfleischenden Hunde auf dich hetzen und wir galoppieren auf dir, bis frischer Schweiß auf deiner Stirn und leise Furcht in deinen Augen uns Genugtuung verschaffen.

Als ich meine Hände endlich rechts und links von deiner Kehle auf den weißen Teppich stütze, stößt meine Kanaille geräuschvoll ihren aufgebrachten Atem mit mir aus. Ich denke, meine Knie müssten bluten, aber als ich beim Aufstehen darüber streiche, hat sich nur ein tiefer Abdruck deiner Teppichfasern in meine Haut eingefressen. Jede Berührung dort schmerzt. Während du noch erschöpft und verschmiert auf dem Teppich liegen bleibst, ziehe ich mich an, ohne dir aus dem Blickfeld zu treten.

Bevor ich gehe, wortlos und ohne dich zu küssen, greife ich nach dem Alupäckchen auf dem Küchentisch. Auf einer Hand balanciere ich es aus deiner Wohnungstür, die Treppe hinunter und über die Schienen der Straßenbahn, die längst nicht mehr fährt. Widerwillig windet sich der unförmige Inhalt des Päckchens unter dem Griff meiner Hand, sodass sich mein Daumen energisch durch den Alupanzer bohren muss. Nach dem Eindringen findet er dabei zunächst den schmierigen violetten Belag, gräbt sich weiter bis in den cremig-teigigen Boden und ist bereits bis tief ins Innerste des Bündels vorgedrungen, als ich meine Wohnungstür aufschließe.

Im Schlafzimmer zerre ich mich aus den Klamotten, lasse sie fallen, wo ich eben stehe und setze mich mit angewinkelten Knien aufs Bett. Dein Alupäckchen lege ich neben mich, wickele es langsam aus und halte den angewärmten Kuchen – ich selbst habe ihn angewärmt – dicht vors Gesicht. Ich denke an alle Gin&Tonics, über die ich dir mein kokettestes aller Lächeln zugeblitzt habe, und an deine Moneymaker-Karrieretipps. Ich denke an alle atemlosen Nächte und alle Tassen Kaffee, die an allen Morgen danach nie getrunken worden sind. Ich betrachte meine wundroten Knie und deinen penetrierten Zwetschgenkuchen. Und meine verwundete, meine durchbohrte Kanaille sitzt mir zentnerschwer auf der Brust. Sie schilt mich für den Blindflug des vergangenen Sommers und sie schilt mich für meine teppichwunden Knie. Wir schieben meine Hand ein letztes Mal unter deinen dämlichen Zwetschgenkuchen und mit seiner Oberseite nach unten reibe ich deinen schleimigen, klebrigen Zwetschgenbelag auf meine roten, wunden Knie. Wir verteilen die violette Masse überall dort, wo es weh tut, und werfen dann den schleimigen Teig aus dem Bett. Während ich einschlafe, liegt meine Kanaille neben mir, leckt deine säuerliche Masse von meinen Schenkeln und hält Wache.


Miriam_ZehMiriam Zeh (*1988 in Hamburg) studiert Musik, Germanistik und Philosophie. Nach Stationen in Paris und Saint Louis, Missouri lebt sie mittlerweile wieder in Köln-Ehrenfeld. Jury- und Publikumspreis beim 17. Kölner Kurzgeschichtenwettbewerb, letzte Veröffentlichung in Sachen mit Wœrtern 5 (2015).