Exuvie
von Johannes Herwig

 Nichts ging mehr auf den Straßen. Dreißig Zentimeter Neuschnee – und der sonst so geordnete Verkehr fiel in sich zusammen wie ein gesprengter Fabrikschornstein. An den Haltestellen drängten sich dicke Kapuzen mit roten Gesichtern. Auf den Anzeigen herrschte Stille. Links walzte ein Korso gesprenkelter Autos durch braunweißen Matsch. Der Stau rechts, stadteinwärts, bewegte sich keinen Millimeter.
Ich schaute auf meine Uhr. Noch eine knappe Stunde. Auf die Straßenbahn zu warten, schien so zwecklos, wie die zehn Gebote in den Schnee zu pissen. Ich lief. Meine Socken waren bereits durchgeweicht.
„Scheiße, was?“ Neben mir schwebte ein kleiner Kopf mit ernster Miene. Das Mädchen mochte so alt sein wie ich.
„Hm.“
„Wo musst du hin?“, fragte der Kopf. Wir liefen in dieselbe Richtung. Gleichmäßig knirschte der Schnee unter unseren Füßen.
„Wozu willst´n das wissen?“ Das Mädchen schaute mich an. Ihre Augen lachten ein bisschen. Sie sagte nichts. Vor einem Haus versuchte ein Mann, das Eis im Eingangsbereich aufzuhacken.
„Wo musst denn du hin?“, ergänzte ich. Das Mädchen schaute wieder geradeaus.
„Zu ´ner Feier. Also, ´ne Trauerfeier.“ Wir schwiegen eine Weile.
„Trauerfeier“, wiederholte ich.
„Hm“, sagte das Mädchen.
„Tut mir leid“, sagte ich. Es klang wie eine Frage. Die nächste Straßenbahnhaltestelle kam in Sicht. Sie war völlig überfüllt. Ein paar Leute standen auf den Gleisen und reckten ihre Hälse.
„Wer denn?“, fragte ich.
„Wer was?“
„Wer gestorben ist.“ Die Augen des Mädchens lachten wieder, leise.
„Brauchst nicht höflich sein“, sagte sie.
„Bin ich nicht“, sagte ich. „Es interessiert mich.“ Die Nässe in meinen Schuhen kroch langsam die Hosenbeine hoch. Ich musterte das Mädchen genauer. Angezogen wie für eine Trauerfeier war sie nicht.
„Ein Freund“, sagte sie. Ich nickte.
„Ein guter?“ Das Mädchen wiegte ihren Kopf. Ein bisschen sah sie aus wie ein Schwan.
„Weiß nicht“, sagte sie. „Ja. Irgendwie schon.“ Wir passierten die Verursacher des Staus. Mehrere Autos hatten sich aufeinander geschoben. Die Fahrer standen daneben. Aus einer Wagentür drang klassische Musik. Die Szenerie hatte etwas unwirklich Friedliches.
„Hat sich umgebracht“, sagte das Mädchen. „Dieser Depp.“
„Puh“, sagte ich nach einer Pause. „Tut mir leid. Doppelt.“
„Ja“, antwortete meine Begleitung. „Danke. Und nein.“
„Nein was?“ Das Mädchen wischte mit dem Ärmel ihrer kurzen Jacke über ihre Nase. Sie schaute zu mir, wieder geradeaus, und dann wieder zu mir.
„Doppelt, hast du gesagt. Das trifft´s nicht.“
„Versteh ich nicht.“ Wir eilten über eine Querstraße und schnitten ein orangenes Ungetüm von Räumfahrzeug, dessen Lampen drohend blinkten.
„Entscheidungen“, sagte das Mädchen. „Alles sind Entscheidungen. Das ganze Leben.“
„Und?“
„Ist doch ganz einfach. Sein Leben zu beenden, war auch eine Entscheidung. Eine beschissene. Aber seine.“ Wir liefen. Dabei sahen wir uns an. Kummer und Leichtigkeit schwammen in den Augen des Mädchens wie sorgfältig geschnitzte Ausleger eines Kanus. Nebeneinander. Selbstverständlich.
„Darüber hab ich noch nie nachgedacht“, sagte ich. „Gings ihm denn schlecht?“ Eine kleine Schulter hob und senkte sich.
„Denke schon“, sagte das Mädchen. In stadtauswärtiger Richtung krochen drei Straßenbahnen hintereinander über die Gleise. Eine Horde Jungs warf Schneebälle auf den riesenhaften Tausendfüßler. Sie zerplatzten in weiße Wölkchen.
„Dann war es nicht nur seine“, sagte ich. „Oder?“ Noch etwas Anderes drängte sich in die Augen neben mir. Ein Vorhang aus Stille schien sich zwischen uns zu schieben.
„Entschuldige“, sagte ich. „Das Ganze geht mich nichts an.“
„Schon okay“, sagte das Mädchen. „Ich rede gern.“
„Sieht so aus. Kennst mich ja gar nicht.“ Wieder wiegte sich der Schwan. Sein Hals steckte in einem dicken, hellblauen Wollschal.
„Und du?“, fragte er.
„Was und du?“
„Redest du gern?“ Ich schwieg.
„Sieht nicht so aus“, sagte das Mädchen. Ich spürte, wie sie mich anschaute. Jeden Zentimeter. Es war die skeptische Neugier, mit der ein Tier etwas zu Essen betrachtet – mit der Furcht, dass das glänzende Drumherum eine Falle ist.
„Du bist merkwürdig“, sagte sie. Ich lachte. Es war ein Lachen, das ganz tief aus dem Bauch schnellte und in der Kehle explodierte. Plötzlich und kurz wie ein Schuss.
„Sagt die Richtige.“ Dann schwiegen wir. Ein Pärchen, sonderbar sorglos gekleidet für diesen klirrenden Tag, zog vorüber; beide nickten dem Mädchen zu. Die Frage, wer das sei, berührte schon meine Zunge. Ich schluckte sie runter.
„Also ´ne Trauerfeier“, sagte ich. „Kommen viele?“
„Weiß nicht.“
„Okay.“
„Hab seine Familie nie kennengelernt. Deswegen. Keine Ahnung.“ Ich schaute auf die Uhr. Es war nicht mehr weit.
„Und?“, fragte das Mädchen.
„Was und?“
„Wo musst du hin?“
„Warum ist das wichtig? Wie gesagt. Kennst mich doch gar nicht.“ Das Mädchen brummte, ein bisschen wie ein alter Mann.
„Stimmt auch umgekehrt. Fragen stellste trotzdem.“ Ich lächelte.
„Hast recht.“ Es begann zu schneien. Ganz leicht. Tausend glitzernde Punkte verzauberten die Straße. Eine große Decke aus Ruhe und Langsamkeit lag über allem. Das Mädchen fragte nichts mehr. Wir liefen nebeneinander.
Die Engelsfiguren am Tor des Friedhofs trugen weiße Mützen. Als sie über uns waren, blieb die Zeit hinter uns zurück wie altes Gepäck.


web_MG_4480Johannes Herwig, 1979, in Leipzig geboren und aufgewachsen, studierte Soziologie und Psychologie. Nach seinem Abschluss verschrieb er sich dem Kino und gründete in Dresden das Unternehmen „Filmgalerie Phase IV“.

Durch die intensive Beschäftigung mit der Geschichte seiner Heimatstadt Leipzig stieß er auf die „Leipziger Meuten“, ein historisch wenig beachtetes, äußerst spannendes Phänomen der Jugendkultur im Nationalsozialismus. Die Meuten, die größte informelle Jugendopposition des Dritten Reiches, faszinierten ihn schließlich so sehr, dass er die Arbeit in Dresden im Frühjahr 2013 aufgab und sich ganz seinem literarischen Debüt, dem ersten Leipziger Meuten Roman widmete.
Herwig ist derzeit für das Tanznetz Dresden tätig und schreibt an seinem zweiten Roman.