(Eine (kleine) Tragödie (in (fast) fünf Akten (auf einem Luxuskreuzfahrtschiff)))

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von Rudolf Nuss

»Vier Passagiere – zwischen vergoldeten Bageln, hummergefüllten Pralinés und Hennessy-Cognac – verbrannten simultan in einer Hawaiianischen 2001er-Kubrick-themed Cocktailbar. Das ist der Fall: die Haufen aus mineralischen Knochenbestandteilen, die die Kremation überstanden haben, sind im Raum verteilt, dort hinten liegt ein Haufen in der Raucher-Lounge am Billiardtisch ohne Billiardkugeln und vorne am Eingang an den Stehplätzen – da – einer mit Pistazien vermengt und dann sind da noch die zwei Haufen an der Bar. Von der Inneneinrichtung ist nichts zu Schaden gekommen. Hier ist alles schick aus Holz, die Tapete zeigt eine tropische Lagune, in einer Ecke des Raumes steht ein schwarzer Monolith mit Blumenkette und hinter dem Tresen der Bar serviert Hal 9000 in der Holzvertäfelung eingebaut Drinks. In seinem roten Auge spiegeln sich Palmen und das Blau der Lagune. Meine Kollegen und ich befragen einen augenscheinlich verwirrten Mann, der zwischen den beiden Haufen an der Bar sitzt und gepennt hatte, während vier Menschen um ihn herum verbrannten.«

 

(( V. AKT – HR. KLEEFELD )

4 Jahre hatte Hr. Kleefeld für diese Fahrt gespart und jetzt roch er nach verbrannten Haaren. Er hatte vier Jahre für die Fahrt mit der MS OLYMPIA 3 gespart – dem Schiff, das so »groß ist wie der Staat Andorra«. Andorras Regierungschef und die Vereinigung von europäischen Mikrostaaten waren erbost über diese Werbekampagne und leitete Messungen unter großer medialer Öffentlichkeit ein. Sie resignierten aber leise nachdem die Messungen ergaben, dass das Schiff sogar größer war als Andorra. Das Schiff, das »erheblich größer ist als Andorra« bietet 800.000 Menschen vibrierende Wasserbetten und angewärmtes Klopapier.

           »Äh, ich weiß von nichts, ich trank hier nur so n paar Pina Coladas und auf einmal lagen da diese, äh, Menschenhaufen da…«

»Verstehe.«, sagt die Inspekteurin Tamara Falls, die in den späteren Unabhängigkeitskriegen der Decks ihr Leben lassen wird. »Und die Schreie? Wie können sie die nicht gehört haben, kabinenweit von hier haben die Leute die entsetzlichen Schreie gehört.« Sie legt ihre Hand ausversehen auf die Asche auf dem Barhocker neben ihr.

            »Ich hab nichts gehört, ich hab hier nur geschlafen, seelenruhig, habe von den Kaubewegungen von Rehen geträumt, sah das Auf und Ab ihrer kleinen Münder…«

»Hier direkt neben Ihnen – einen Sitzplatz weiter! Ist jemand verbrannt und sie haben nicht einmal die Hitze gespürt oder so was?«

»Ich weiß, ich weiß… das ist unlogisch, es ist eh alles unlogisch, warum… warum sind die nicht verdammt noch mal aufgestanden, während sie brannten? Warum saßen die hier weiter an der Bar, bis ihre Knochen zerfielen? Warum hat das Holz nicht angefangen zu brennen? Warum hier? Warum direkt neben mir? Diese ganze Szenerie macht schon keinen Sinn… diese Wolken, diese Blumenkränze, die Pistazienschalen…«, Hr. Kleefeld nippt am Rest Colada. Tamara Falls klopft sich die Asche von den Händen.

            Die MS OLYPMPIA 3 hat mehrere Rummelplätze und ihr Bug hat schon 23 Blauwale zerschnitten. Viele Menschen leben fest auf dem Schiff. Es hat Vorteile gegenüber dem kontinentalen Leben: Sie sind immer in Bewegung und gleichzeitig stehen sie still. Egal welche Kriege gerade ausgefochten werden, auf dem Schiff erwartet Sie ein Whirlpool und so viel Oliven, wie sie essen können. Das Schiff ist eine Konstante.

»Ich habe keinen Schiss Ahnung, was hier passiert ist!«, ruft Hr. K.

»Also sie saßen hier, betranken sich und schliefen dann ein als die Leute um sie herum anfingen zu brennen?«

»Ja, das sag ich ihnen doch die ganze Zeit.«, sagt Herr Kleefeld und übergibt sich augenscheinlich auf die Asche neben ihm.

( I. AKT – DR. TJALVE KATZ )

 

»Es ist erstaunlich, wie kompliziert sich das Leben herausstellt. Dabei gibt es doch nur 4 fundamentale Wechselwirkungen, aus denen sich das Universum her ergibt: Gravitation, starke und schwache Kraft und der Elektromagnetismus – und fertig ist alles. Und aus diesen Kräften ergeben sich solch merkwürdige Sachen wie Rentenfonds und Durchfallerkrankungen? Das Schiff durchzieht eine Shoppingmall vom Bug bis zum Heck, die Shopping Mal hat eine größere Ausdehnung als Andorra. Du kannst hier alles essen, was du willst. Jedes Tier, das es gibt. Bei ausreichender Bezahlung wird es dir in der Biosphäre auf Deck erjagt. Es geht nicht mal mehr um Luxus, der Luxus ist gar nicht mehr luxuriös, er ist einfach zwanghaft und wächst und wächst, jegliche erdenkliche Chance wird genutzt um das Leben ein Hauch extravaganter zu machen. Es ist exponentiell. Dieses Schiff zerstört Meeresströmungen und verändert das globale Klima wenn es sich nur im einen Meter bewegt. Und alles, was ich hier auf dem Schiff SEIT Tagen mache, ist Pistazien essen. Neben meinem Bett liegt ein 1m-hoher Haufen aus Pistazienschalen. Den Zimmerservice lasse ich nicht herein, um mein Monument unberührt zu lassen. So viel Geld wurde in den Bau dieses Schiffes gesteckt. Und mir wurde die Förderung meiner Forschung gestrichen – die Erforschung der Gesetzmäßigkeiten, die das Universum zusammenhalten, scheint nicht wichtig genug zu sein wie beheiztes Klopapier. Ich kann ja Sätze aus der Realität ableiten, aber manchmal da scheint die Realität nicht mit der Realität kohärent zu sein.

Wegen so etwas würde ich so richtig gerne alles neu ordnen. Die ganze Zivilisation verbrennen und sie ordentlich und nacheinander und sauber wieder erbauen – Stück für Stück.«

(( II. AKT- LILITH )

 

Emalia Lilith sitzt an der Bar und weint.

 

( III. AKT – DENVER )

»Diese zähe Müdigkeit begann, als ich realisieren musste, dass ich mit 41 nichts außer Unglückseligkeit und Einsamkeit erreicht hatte. Ich schlief min. 12 Stunden, ging arbeiten, kam nach Hause und nickte ein. Ich füllte Snackautomaten beruflich auf, also ich füllte beruflich Snackautomaten auf. Meine Ernährung bestand auch aus dem Inhalt der Automaten. Und irgendwann fing ich an die Sammelcodes auf den Verpackungen zu sammeln und hatte dann Skittles Bettwäsche und Mars Handtücher. Auf dem Nachhauseweg sah ich eines Tages eine interessante Kerze und ich fing an Kerzen zu sammeln. Meine Wohnung stand voller Duftkerzen, hätte ich sie alle angezündet wäre der ganze Wohnblock krepiert und unbewohnbar geblieben für die nächsten 1000 Jahre, eine H-Bombe hätte den Geruch nicht mehr entfernen können. Aber der Grund weswegen ich jetzt mit 200.000 in der Misere sitze ist ein Kartenspiel. Um genau zu seien war es Yu-Gi-OH. Danach schlief ich überhaupt nicht mehr. Bis heute habe ich keine Sekunde geschlafen und mir geht’s prächtig. Ich hatte Kartons voller scheiß Yu-Gi-OH-Karten und Stapel von Kartons voller scheiß Yu-Gi-OH-Karten. Ich hatte sie alle. Das Dynatherium, den Galaxieaugen-Photonendrache, die Utopia-Rakete, den Cyber-Stein, etc. etc. etc. Ich spielte nicht mal mit jemandem, weil ich ja auch niemanden kenne. Meiner Schuldensituation unzuträglich wurde auch, dass ich aufhörte zu arbeiten, weil ich damit beschäftigt war, meine Karten zu sortieren oder anzustarren. Also bin ich hier auf dem teuersten Schiff der Menschheitsgeschichte um mich vollzufressen, so richtig voll zu fressen und volllaufen zu lassen bis an die Grenze meiner Magenschleimhaut und dann vollgefressen und vollbetrunken in die Schiffsschraube zu stürzen und aufzuplatzen. Ich weiß, es ist gewagt, aber ich möchte mich in Plankton auflösen und von einem richtig fetten Blauwal aufgesiebt und filtriert werden, geronnen im Fleische eines richtig fetten Blauwals.«

( II. AKT Nr. 2 – LILITH ))

 

»Wohin fährt das Schiff eigentlich gerade, weiß das jemand?« Emalia Lilith nippt an einem White Russian und versucht eine Erdnusshälfte auf ihrer Nase zu balancieren. Sie redet mit Herrn Kleefeld, der augenscheinlich schon weggetreten ist und ab und zu Lebenszeichen in Form von Stöhnlauten von sich gibt.

»Wohin fährt das Schiff eignlich…? Hal, gibst du mir noch nen White Russian.«

»Es tut mir leid, ich befürchte, ich kann dies nicht tun – ihr Guthaben ist überzogen.«

»Ach, halt’s Maul…«

Ein Typ mit pinker Zuckerwatte in den Haaren geht an die Karaoke-Maschine beim Blumen-Monolithen. Draußen schneidet das Schiff mit seinem Bug einen Blauwal sauber wie Butter in zwei Hälften, von Kopf bis zur Schwanzflosse.

»Glaubt ihr, wenn die Zivilisation untergeht, merken wir das auf dem Schiff? Gibt es da draußen noch eine Welt? Und warum heißt das Schiff Olympia drei? Gab’s vorher schon zwei? Ich hab keine Ahnung…« Emalia seufzt. Sie betrachtet mit einer Erdnusshälfte auf ihrer Nase die acht leeren Gläser vor sich. »Ich weiß nicht einmal mehr, wieso ich hier bin. Als ob dieses Mörderteil sich verselbständigt hätte. Man spürt es. Im Knarzen der Wände und im Echo des Nebelhorns. Da bewegt sich etwas in den Rohrleitungen und der Belüftung. Dieses Schiff hält uns gefangen und

reißt das Meer mit sich

eine Brühe aus Milliarden Jahren Massenleben und -sterben

und rührt sie um

Im Zentrum des Atlantiks entsteht

ein Malstrom, groß wie Grönland

In dem dieser Leviathan zerspringt zu dem,

aus dem er gegossen wurde,

dem Metall aus Raketen, Brücken und Panzern!

und die Erde wird schwinden im letzten aller Kataklysmen

… hey, warte, ich kann mich erinnern. Ich bin… Autorin. Emalia Lilith. Ich kam hierher um über das Schiff zu schreiben. Scheiße.«

((( UnterAKTeinheiten 1-2 )))

 

Das Schiff fährt Kreise im Atlantischen Ozean, schlägt Tonnen von Gischt auf. Die Skyline glänzt orangen im Lichte der untergehenden Sonne. Die Wassertemperatur in den Schwimmbädern liegt bei tropischen 26°C. Maurice Kleefelds Arsch wird von einem aufblasbaren Donut gepolstert, während er im Pool umhertreibt und sich in den flimmernden Lichtreflektionen des Wassers an der Regenwalddeckenmalerei verliert. Die Inspekteurin Tamara Falls, die in den späteren Unabhängigkeitskriegen der Decks für die Seite der Servicemitarbeiter einen Märtyrer-Tod sterben wird, liest sich in ihrem schlecht beleuchteten Büro etwas auf theshadowslands.net über spontane menschliche Selbstentzündung durch, hört aber damit auf, als sie auf einen Artikel über Geheimdienste aus Engeln stößt. Sie macht die Augen zu und schläft ein. Sie träumt, wie sie 1494 als Gerber in Sardinien erwacht und ein Stück Brot mit etwas Schafskäse frühstückt.

 

( IV. AKT – ROBINSON ))

 

Finlay Robinson hängt seine Schürze an den Haken an der Tür des Standes für zuckerfreie Zuckerwatte an dem er seit drei Monaten arbeitet in Mitten der großen Zentralplaza. Morgens vorm zuckerfreien-Zuckerwatteverkaufen, macht Finlay einen Abstecher zu dem Klärwerk des 1. Decks – er hat an einigen Rohren einen Filter durchgeschaltet, welcher die Scheiße und Pisse nach Gold durchsiebt – es ist erstaunlich, aber durch den hohen Blattgoldgehalt der Speisen, ist die Scheiße scheiße viel wert. Gold wird nämlich nicht verdaut. Ist schon geil, was man alles essen kann, denkt sich Fin – er kriegt so 20g Gold pro Tag raus. Am Ende jedes Tages verzieht sich Finlay in irgendeine Bar und schläft dort, er weiß gar nicht mal mehr, wo seine Kajüte eigentlich ist. Aloha 2001! leuchtet das Neon über der Bar. Finlay tritt ein – An der Theke sitzt die Autorin Emalia Lilith und plappert eine zerknitterte Gestalt voll, die augenscheinlich schon weggetreten ist. Neben den Beiden sitzt jemand, der sich kontinuierlich Hummerpasteten reinpfeift. Finlay geht nach hinten durch, vorbei an einer Frau, die Pistazienschalen in einem Aschenbecher auftürmt. Fin setzt sich neben den Billardtisch und zündet sich eine Kippe an. Ich werde diesen gottverdammten Koloss verlassen, sagt er sich. Ich werde so verfickt reich werden, dass ich zurück kommen und Gold in diese Klos scheißen werde.

            Irgendwo in Sardinien um 1494, erwacht ein Gerber und macht sich Brot mit Käse zum Frühstück. In seinem Kopf hängt das vernebelte Bild eines riesigen Schiffes, das das Meer frisst und als giftige Brühe wieder ausscheidet bis die ganze Welt verrottet ist.

 

AKT 6 – SHLOMOS FREUND )

 

»Die Dinge sind dann doch komplizierter als sie scheinen, was? Das liegt daran, dass alles und jenes ineinander gefädelt ist. Und es gibt keine Metapher, um dies zu umschreiben. Ein Knäuel. Sehen Sie, das funktioniert schon nicht.

            Ich kannte da mal jemanden, Shlomo Roth sein Name – Dolmetscher – konnte sich auf 25 Sprachen fließend unterhalten. Die Nr. 25 war Französisch, die lernte er als letztes. Sein Traum war es, durch die Welt zu gehen ohne Grenzen zu kennen, mit jedem zu reden und Tee zu trinken und was von den regionalen Süßigkeiten zu naschen. Aber wie das Leben halt so spielt, erlitt er einen Schlaganfall. Er musste von vorne anfangen: sprechen lernen, lesen lernen, schreiben lernen. Aber hier ist das Erstaunliche: Alles, was er sagte, sagte er mit einem französischen Akzent. Dabei ist er weiß Gott kein Franzose und deswegen gingen viele Neuro-Linguisten voll auf diesen Fall ab. Scheinbar hat der Schlaganfall Hirnareale so durcheinander gebracht, dass man schwören könnte, ein Franzose sitz vor einem, wenn er anfängt zu reden. Was ich damit sagen will, ein Mann, der eine französische Aussprache hat, muss nicht aus Frankreich kommen. Also… der Endzustand scheint nicht mit dem Anfangszustand konform zu sein, dazwischen liegt ja offenbar eine Verschiebung von Zuständen, die doch niemand erahnen könnte, verstehen Sie? In dem einen Moment sitzen da 4 Leute an der Bar und im nächsten Moment: nur noch Haufen aus Asche.

Aber das ist alles, was ich dazu sagen könnte. Ich bin ja hier um meinen Urlaub zu genießen. Ich trink hier noch schnell meinen Kaffee zu Ende und spazier dann etwas durch das Nachtleben der Distrikte, geh vielleicht auch ins Kino. Da läuft jetzt ein Film an, der komplett auf dem Schiff produziert wurde. Und der Film spielt nicht auf einem Schiff… sondern in einer dystopischen Zukunft oder so, in der eine Stadt durch ein riesiges Loch im Erdboden bedroht wird. Oder ich geh ins Casino! Ich hab mich noch nie an Glücksspiel versucht. Dabei bin ich 54… wird mal Zeit, was? Sie entschuldigen mich dann, man sieht sich!«

 

 

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rudiRudolf Nuss (geb. 05.05.1994) studiert an der Universität Potsdam (UP!UP!) dies und das und sowieso und erwacht jeden Morgen mit der schrecklichen Angst eine Kurzvita verfassen zu müssen.