Wir Kinder aus der Bimmelbahn
von Lois Fleves

Unser Zug war alt und fuhr sehr langsam. Die roten Sitzbezüge aus Plastik waren nicht sehr gemütlich, aber Kaugummis blieben gut daran kleben.
Jeden Morgen wurden wir von unseren Vätern zum Bahnhof gefahren. Wir stiegen mit den am Vorabend gepackten Schultaschen und den Proviantdosen, in denen die sorgsam gestapelten Pausenbrote lagen, aus den großen Autos, und unsere Väter brausten weiter in ihre Büros.
Mit dem Verlassen des Wagens traten wir aus der elterlichen Ordnung heraus und in eine neue Ordnung ein. Denn das Leben im Zug folgte eigenen Regeln und jedes Kind hatte seinen festen Platz darin. Wir führten in unserem Zug eine Rangfolge ein, die sich umgekehrt zur Wagenreihung verhielt. Wer konnte, hatte einen Stammplatz in einem der hinteren Abteile, denn es war weniger angesehen im vorderen Zugteil mitzufahren. Einzig der letzte Waggon blieb von unserer Ordnung ausgenommen. Im letzten Waggon, dem Gepäckabteil, fuhren manchmal Wanderer mit.
Wenn der Zug im Morgengrauen in der Kleinstadt angekommen war, liefen wir vom Bahnhof zu Fuß zur Schule. Wir marschierten durch eine leere Fußgängerzone, in der es aus den Backstuben nach frischen Brötchen und Croissants duftete. Nachmittags hatten die kleinen Süßwarenläden geöffnet, wo wir uns bunte Gummischnüre für 5 Pfennige abpacken ließen. Später kauften wir dann im Discounter Chipstüten für 1,19 Mark ein.
Die Zugfahrten waren praktisch, wenn man Hausaufgaben auf hatte. Morgens lief man durch alle Abteile und suchte sie sich zusammen. Immer fand man jemanden, der sie gemacht hatte. Vokabeln lernten sich leicht im Zug. Mathematikaufgaben mit viel Zeichnen waren schwieriger, weil die Bleistifte in der Hand ruckelten.
Für die langen Fahrten nach der Schule erfanden die älteren Jungs aus dem vorletzten Wagen einen Zeitvertreib, den sie „bunkern“ nannten. Ein gebunkertes Kind verbrachte die Fahrt nach Hause auf dem Zugboden und alle legten ihre Füße auf ihm ab. Das Bunkern sprach sich schnell herum und kaum ein Kind aus den anderen Abteilen traute sich noch in unseres hinein. Kam doch ein wagemutiges vorbei, wurde es gleich vom Gang abgefangen und zu Boden gedrückt. Sobald es ein neues Bunkeropfer gab, liefen alle Kinder aus dem Zug zusammen. Denn obwohl alle das Bunkern fürchteten, gab es keine Solidarität zwischen den Abteilen. Die herbei laufenden Kinder machten das Bunkern zu einem Spektakel. Sie kamen, lachten und bissen in ihre Pausenbrote. Einige Mütter schnitten ihren Kindern die Rinden von den Butterbroten ab. Sie wollten besonders fürsorglich sein, aber die rindenlosen Brote verdarben den Kindern den Charakter. Die brotrindenlosen Kinder waren die gemeinsten.
Wenn ein Kind in der Menge sehr laut und böse lachte, konnte es geschehen, dass Karl, der Chefbunkerer, es sich schnappte und es ebenfalls zu Boden drückte. Fanden sich in den Federtaschen Eddingstifte, dann malte er seine Bunkeropfer auch im Gesicht bunt an.
Nachmittags fuhren wir wieder in unserem Dorf ein und die gebunkerten Kinder taumelten mit verschmierten Gesichtern aus dem Zug und auf die wartenden Autos am Bahnhof zu. Die Plätze der Väter hatten nach der Schule die Mütter eingenommen. Wir stiegen einzeln oder zu zweit in die Mütterautos ein und wurden an den heimischen Mittagstisch gebracht. Auch die Eddingkinder fuhren nach Hause. Die Farbe war am nächsten Tag wieder aus ihren Gesichtern verschwunden.
Lange Zeit wurde in unserem Schulzug gebunkert. Dann musste Karl runter von unserer Schule und fuhr nicht mehr in unserem Zug mit. Da hörte das Bunkern auf, aber kein Kind hat  jemals Karl verraten.
Für meine Schwester 

 


unnamedLois Fleves wurde 1982 in Athen geboren, wo sie Pädagogik und Deutsche Literatur studierte. Unter notizenausdemblock.de schreibt sie Geschichten zum Staunen aus ihrem Alltag als Lehrerin an einer Berliner Schule. Seit kurzem twittert sie auch unter dem Namen @blocknotizen.