Lissabon, Notizen
von Karoline Menge

 Vor dem Fenster ein Brunnen und dahinter die Fado-Sänger, es wird applaudiert in den Abend hinein. Ein Stück alter Tag hängt noch am oberen Fensterrand, der Rest wird von einer weißen Hauswand verdeckt. Unten steht ein Orangenbaum, dicke Früchte leuchten zwischen den grünen Blättern. Die Herberge ist überall bunt bemalt, sogar im Toilettenraum Farbe an den Wänden. Enge Holztreppen, vier Stockwerke, hoch und runter, hoch und runter.

 Im Jardim Botanico rauschten die mächtigen Washingtonpalmen. Die Luft war von Süden ausgefüllt, von warmer Sonne, von leichtem Wind. Grün schimmerte Wasser zwischen gezacktem, rundem, langem, dickem Blattwerk, Wurzeln, wie tausend lange Arme, hielten Baumriesen. Belém.

 Eine Frau mit mächtiger Statue verpasst dem Jungen einen geräuschvollen Schmatzer, neben ihm seine lauten Freunde, die Fußball auf portugiesisch spielen. Der Kellner mit dem weiß umhüllten Kinnpiercing, der roten Schürze und den schwarzen Turnschuhen, ruft zu ihnen herüber, die Tritte an den armen Ball verstummen, die kleinen, portugiesischen Stimmen werden lauter.

Hinten, in den Gassen, die vom Berg kommen, tönen Stimmen wie aus Büchsen, zerriebene Worte zwischen den bunt gekachelten Hauswänden.

Die engen Öffnungen, die auf den kleinen, kopfsteingepflasterten Platz führen, verstecken die ganze Stadt hinter sich, lassen von hier nur Gedanken herein und kleine, verschwommene Bilder heraus. Auf den Stufen mit der Nummer 28, gleich neben dem kleinen Café, der Pastelaria, hocken zwei Kinder. In ihrer großen, starken Sprache streiten sie um unsichtbare Dinge.

 Über die Hälfte des Platzes hat sich Schatten gelegt, der blaue Himmel zieht langsam davon, lässt den Abend und seine kühle Luft da. Mit dem Abend kommen die Geräusche: Hunde, die plötzlich kläffen, als röchen sie ihre heimkehrenden Herren hinter der nächsten Ecke, Gespräche werden klarer, Worte kühl und fest, Mütter, die ihre Sprösslinge durch die Gassen nach Hause rufen, helles Geschirrklirren. Der Autolärm ist nicht mehr umhüllt von der dicken, warmen Tagluft, schießt ungehindert durch die Straßen, um die Häuser, über die Dächer, und doch, er wird weniger, sanfter, kurz vor der großen Ruhe.

 In der Kühle sitzt man lange und schreibt; für alles ein Bild finden, festhalten, was vielleicht zu klein ist, um in Erinnerung zu bleiben.

 Der Bus kam zwanzig Minuten zu spät. Wir hörten ihn schon hinter der Kurve die steilen, engen Straßen herab ächzen. Sonst hörte man nicht viel. Nur das niemals stille Meer und das arhythmische Klopfen der Dacharbeiter.


unnamedKaroline Menge wurde 1986 in Berlin geboren und studiert Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. 2014 wurde sie mit dem Würth-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie veröffentlichte literarische Texte u.a. in der Anthologie des MDR-Kurzgeschichtenwettbewerbs 2013, auf www.poetenladen.de und nahm an der Krimischule 2013 des Rowohlt-Verlags teil. Zur Zeit arbeitet sie an ihrem Roman „Als die Kühe verschwanden“.