POLNA
von Stefanie Schweizer

Ich sehe euch da sitzen, im kleinen Haus, gegenüber vom Sportplatz, euch alle, die ich nicht oder nur flüchtig kenne, aber die irgendwie zu mir gehören. Und ihr wartet.

Auf bessere Zeiten, auf bessere Hoffnung.

Die Luft im Raum ist stickig in dieser kalten Nacht. Die leblosen Zigarettenreste quellen über den Rand des töpfernen Aschers. Ein elektrisches Knistern liegt in der Luft. Aber nicht, weil Krieg ist, sondern weil die Männer so eng um den Tisch gedrückt sitzen, so dass fremde Hosenbeine aneinander reiben und Beinhaare zum Stehen bringen.

Man könnte meinen, ihr hättet alle eingeladen, damit ihr gemeinsam feiert, damit ihr seid, damit die anderen zugigen, verstaubten, kaputten Häuser in dieser Nacht leer bleiben. Denn eures ist noch ganz.

Als Dankeschön haben Kowalski und Tschimek euch einen Baum geschlagen. Das, was an Bäumen noch da war. Kaum geschmückt habt ihr ihn, kein Anzeichen von Kerzen oder Lametta. Ob das überhaupt eine Tanne sei, fragt jemand und die restlichen von euch zucken mit den Schultern.

Das Wichtige ist nicht der Baum.

Das Wichtige ist, dass.

So stelle ich mir das vor, diese Nacht. Eure Ostaugen verraten es mir. Ich denke mir, dass draußen der dreckige Ruß aus dem Kamin noch leiser fällt als der weiße Schnee, auf den Fenstersims, auf die Berge aus Schutt, auf den zerbrochenen Stein.

Während ihr drinnen Weihnachtslieder singt.

In eurer Muttersprache.

Ich denke mir das so.

Vielleicht ist Tschimek am Abend vor dem Fest viele Kilometer in die nächste Stadt gelaufen, um dort eine Gans zu kaufen, eine von hier, nicht von daheim und von kaufen kann hier überhaupt nicht die Rede sein.

Er will euren Hund Dobry vor den kleinen Kinderschlitten spannen und so in die nächste Stadt rodeln. Auch Dobry ist schwach und könnte höchstens den Jungen vom Ende der Straße ziehen. Und das obwohl Tschimek sowieso schon aussieht wie ein Strich in der Landschaft.

Der Schlitten lässt sich nicht sonderlich gut kontrollieren, was sicherlich an Dobrys Irritation über das Holzgestell, das beständig hinter ihm drein rutscht, zu verdanken ist. Hund, Tschimek und Schlitten landen im schneeweißen Graben.

Aber jetzt kommt sie duftend aus dem Ofen, die Gans, die Tschimeks Fußmarsch zu verdanken ist. Sie wird auf dem kleinen Holztisch in der Küche serviert. Alle Köpfe drehen sich nach dem köstlichen Geruch um und jeder will ein Stück davon.

Ich habe gelernt, Gänsekeulen isst man mit der bloßen Hand und pfeift auf das Besteck.

Ihr erzählt eure Geschichten, weil es langsam warm genug im Raum wird, um sich zu öffnen. Ich kenne sie, ich durfte ihnen viele Jahre später ebenfalls an kalten Wintertagen lauschen. Nie war ich mir sicher, ob sich das alles so abgespielt hat.

Mit Tschimeks Akrobatenkarriere beim Militär.

Mit dem Fischen und den Handgranaten.

Mit Dobry und dem Schlitten.

Wichtig ist aber nicht ob.

Wichtig ist, dass.


©Gianna Reich

©Gianna Reich

Stefanie Schweizer, 1990 in Biberach bei Heilbronn geboren, studierte Germanistik am Karlsruher Institut für Technologie. Aktuell absolviert sie ihr Masterstudium im Literarischen Schreiben an der Universität Hildesheim.

Ihre erste Kurzgeschichte »Vom Suchen und Finden« wurde 2010 bei Edition Bad Wimpfen veröffentlicht. Es folgten ein Beitrag in der Literaturzeitschrift »Etcetera – Literatur und so weiter« der Literarischen Gesellschaft St. Pölten sowie weitere Publikationen im erzählerischen sowie essayistischen Bereich.

Sie ist Trägerin des Otto-Rombach-Stipendiums der Stadt Heilbronn sowie des Deutschlandstipendiums.