Alles was glänzt (Ausschnitt)
von Marie Gamillscheg

Die jungen Menschen kennen unsere kleine Stadt. Sie fahren mit ihren Fahrrädern in die Täler, immer tiefer mit immer größeren Augen. Sie fahren zuerst die Bundesstraße entlang, am alten Sägewerk vorbei, dann nehmen sie den Radweg durch den Wald, ab dort ist der Weg nur mehr geschottert. Es schüttelt sie den Weg hinunter, in den Wald, die Bäume schütteln sie, wir schütteln sie, bis der Wald sie ausspuckt, auf einmal. Es überrascht sie immer. Plötzlich stehen sie vor uns, vor unserer Stadt. Dorf sagen sie, nein, sagen wir, Stadt und zeigen auf die eingravierte Tafel am Boden vor der Kirche. Stadt. Sie lassen die Fahrräder ins Gras fallen. Die grüne Wiese, das helle Licht. Wir vor ihnen, zierlich, unbedeutend, hinter uns der Berg. Sie fallen sich in die Arme, manchmal lachen sie laut, fast hysterisch, wenn sie sich auf der Wiese liegend wälzen, umarmen. Sie staunen über die bunten Farben unserer Bäume und die bunten Sachen, die aus dem Berg herauskommen. Unser Berg. Aus dem unsere Männer bunte Sachen herausholen. Wir wissen nicht mehr, wann es angefangen hat, dass die jungen Menschen gekommen sind und uns leer starrten, mit ihren Drogenaugen. Es muss gewesen sein, als dieses Festival im Nachbartal stattgefunden hat, mit dem lauten Bass, der unser Tal noch enger drückte. Irgendjemand muss ihnen von uns erzählt haben. Wir wissen nur noch, dass sie gekommen sind, bevor der Journalist da war. Das wissen wir genau.

 Mittlerweile erkennen wir sie und wir glauben, dass sie die bunten Farben fühlen können. Sie strecken die Hände nach ihnen aus, manchmal scheinen sie sie in den Fingerspitzen zu halten, blau, violett, rot, sie fassen ihre Hände schmal, doch nicht zu eng, die Farben zerbrechen leicht, und sie fangen die Sonne nur mit einer Handbewegung, drehen sie zu sich, langsam, und halten sie vorsichtig in den Händen.

Sie bleiben nie in unserer Stadt. Sie reden nicht mit uns, wir möchten ihnen unsere Steine und Postkarten verkaufen, Bier ausschenken und Hotdogs verkaufen, das wollen sie doch, die jungen Leute, doch sie schütteln nur die Köpfe. Sie haben alles, was sie brauchen, erklären sie und zeigen auf ihre leeren Rucksäcke. Wir sehen nur ihre toten Augen. Wie sie uns leerstarren. Wie sie unsere Steine wegstarren. Wie sie das Lächeln nur langsam überkommt, dafür lange bleibt, als käme es ihnen über den Rücken heraufgekrochen und würde sie auf einmal auf ihren Lippen überraschen.

Irgendwann haben wir aufgegeben. Wir haben sie auf den Wiesen liegen sehen, wie sie vor dem Bergwerk die Lichter in den Händen halten, wie sie laut und schnell lachen, als hätten sie sich verschluckt, als hätten sie die Farben geschluckt, und wir haben sie ignoriert. Junge Leute sind für nichts zu gebrauchen. Sie bringen kein Geld. Geld bringt uns immer noch nur der Berg.

 Unsere Teresa war immer gut in der Schule. Unsere Teresa, das sind tausend kleine Tanzschritte über den Hauptplatz, wenn Kirtag ist. Teresa zwischen den Füßen, als sie noch klein war; in den Armen unserer Männer, seit sie die Schrittfolgen kann. Letztes Mal hat sie mit Peter getanzt, die Leute haben geschaut, die Mütter, die Väter, das machen sie nämlich am liebsten, schauen. Mit dem Peter geht sie in eine Klasse, aber die beiden haben sich natürlich schon früher gekannt. Bei uns kennt man sich ja. Sie haben als Kinder schon gemeinsam im Wald gespielt, am Sonntag nach der Kirche, oder wenn die Eltern beim Wirten zusammengesessen sind und sie sich in die Küche geschlichen haben. Peter und Teresa.

„Die beiden“, sagt Teresas Mutter, „die machen das schon.“ In Teresas Familie sind schließlich alle da geblieben. Nur Teresas Tante Anna ist in die Stadt gezogen. „Aber wir sehen ja, was aus der geworden ist“, sagt Teresas Mutter und schüttelt den Kopf. Bei uns sagt man, jemand zieht in die Stadt, wenn er nach G. geht. Dabei wohnen wir doch selbst in einer Stadt, aber nein, irgendwie ist das doch etwas anderes, warum darüber nachdenken. Weil wenn wir von der Stadt reden, wissen wir schon, von was wir reden. Wir kennen uns aus. Wer in die Stadt zieht, der kommt nicht zurück. „Weil sie sich schämen“, sagen wir.

 Teresa sitzt an ihrem Schreibtisch, vor ihr die Mathematik-Übungen, darunter die Notizen zu dem Referat, was sie am nächsten Tag in der Schule halten muss. Draußen wird es Abend, blau legt sich die Nacht über den Garten. Auf einmal ist es dunkel und heute Nachmittag hat sie den Kopf noch in die Sonne gestreckt, als sie im Innenhof vor dem Haus gesessen ist, die Sonne fällt nicht oft ins Tal. Meistens schafft sie es nicht hinter dem breiten, hellen Rücken des Berges hervor, aber er braucht sie ja, der Berg die Sonne, für seine vielen bunten Steine, denkt Teresa. So hat sie es sich immer vorgestellt: wie die Sonne den schwarzen Stein in den dunklen Schächten mit Lichtern und Farben auflädt. Wie die Männer die aufgeladenen Farben aus dem Berg holen, auf die Schubkarre laden, auf den Lastwagen laden und wegbringen, irgendwohin in die Stadt. Irgendwohin, wo jemand Geld für die Farben zahlt. Irgendwo, wo alles grau ist.

Im Ort haben fast alle Männer im Berg gearbeitet. Zumindest so weit Teresa sich erinnern kann, sie sterben ja alle früh, die Luft und das Trinken und diese ewige Dunkelheit, hat ihre Mutter ihr erklärt. Teresa stellt sich vor: schwarze, verklumpte Lungenflügel, hart und leicht geworden wie Vulkangestein und schwarz wie die Tunnel ohne Ende, in die sie sich manchmal hineingeschlichen hat mit ihrer Schwester. Schwarz wie Annikas Haare.

 Ihr Vater hat gesagt, die guten Familien, die bleiben. Er arbeite im Berg und sie solle stolz auf ihn sein, hat er gesagt. In ihrer Schreibtischlade sammelt sie die bunten Steine, die er ihr mitgebracht hat. Manche hat sie schon rundgegriffen, so oft hatte sie sie zwischen den Fingern hin und her und hin gespielt, jetzt sind die Kanten abgeschliffen und die Oberfläche glatt und ölig. Eigentlich ist sie zu alt dafür, aber seit Annika oft nicht zu Hause ist, darf sie das wieder, findet sie. Seit Annika öfter in die Stadt fährt. Sie nimmt den Bus am Wochenende und fährt in die Stadt, „in die Stadt hinunter“ sagt man im Ort und man meint nichts Gutes. „Das ist nicht gut“, hat Teresas Mutter beim Mittagessen gesagt, mehr Fleisch für Teresa, wenn Annika ausbleibt.

 Sie will heute noch Peter treffen, vielleicht dürfen sie nach dem Abendessen noch spazieren gehen. Dafür muss die Aufgabe fertig sein, aber Peter hat Recht, für was brauchen sie Physik, Musik, Biologie, das werden sie nie wieder brauchen, Teresa denkt das auch, Peter hat doch immer Recht, deshalb zeichnet sie. Sie malt Schwarz auf dem karierten Papier, große, schwarze Flächen, dazwischen Gesichter, die ihr nicht gelingen, findet sie, ausdruckslose Masken, viel zu eckig. Sie schreibt PETER groß auf den Zettel, in blau, sie malt den Namen dick und fest ins Papier. Teresa und Peter. Früher hätte sie sich das nie gedacht, aber irgendwann ist es passiert, Peter und Teresa, ein flüchtiger Kuss, mit seinen langen Fingern kann er ihre Taille umfassen. Teresa ist sich sicher, sie hätte Peter überall treffen können, sie hätte sich immer in ihn verliebt. In ihren Peter: seine großen, wässrigen Augen, sein dünnes blondes Haar, wie seine Haut, dünn, hell, durchsichtig wie alles an ihm. Wie er sie von der Seite anschaut. Wie er ihr Gesicht in den Händen wiegt, seine dünnen, vorsichtigen Lippen. Teresa und Peter. Sie wechselt den Stift, jetzt Rot, und malt neben Peter genauso dick ihren Namen auf das Blatt, wenn sie mit dem Finger darüber fährt, ist die rote Fläche glatt und schlägt eine Delle ins Papier. Wie das wohl später wird, wenn Teresa und Peter in die Siedlung ziehen, wo jetzt alle Wohnungen frei stehen. Sie könnten die Wände zwischen zwei Wohnungen durchbrechen, wie es die Wiszniewskis gemacht haben, dann hätten sie ein großes Wohnzimmer und in die zweite Küche kommt das Kinderzimmer. Teresa will Peter gern davon erzählen, wie sie das Zimmer bunt mit Blumen tapeziert, der Teppich mit dem Rennbahn-Muster für die Kinder, wenn sie in der Küche steht und für ihn kocht, jeden Tag eine Nachspeise, aber sie wird es dann doch nicht sagen: Schritt für Schritt. Teresa denkt an Kinder im Innenhof, an den Geruch von frischem Nusskuchen, wie der von ihrer Mutter, an Familienfotos vom Fotografen, zu Peter hat sie schon gesagt: „Ich mag dich.“ Dann greift er ihr manchmal auf den Busen, über dem T-Shirt darf er das, seine langen Finger, und sie schlingt dann ihre Arme ganz um ihn, so dünn ist er. „Ich dich auch“ sagt er zu ihr und seine Worte füllen Teresa warm und weich, ihr Körper schwimmt und wird zu seinem, so eng stehen sie aneinander, so dünn ist Peters Haut. Einmal hat sie geweint vor ihm, weil Annika nicht nach Hause gekommen ist, das hat ihn nicht gestört. „Warum magst du mich“, hat sie ihn ein anderes Mal gefragt, als sie wieder im Wald spazieren waren, damit er ihr auf den Busen fassen kann, damit sie seiner hellen Haut ganz nah sein kann. Er ist stehen geblieben. Der Geruch von Tannenzäpfen, fast wie Honig. „Weil das manchmal so ist“, hat Peter gesagt.

 Wenn Teresas Mutter morgens in ihr Geschäft geht, liegt unser Berg direkt vor ihr. Vor kurzem haben wir ihn noch auf unsere Fahnen gedruckt, wir haben ihn unsere Kinder abzeichnen lassen, wir haben ihn auf unsere Tischdecken gestickt. Teresa hat die Form noch in den Fingern. Auf der einen Seite etwas steiler, etwas länger führt die Flanke ins Tal, weich endet sie im Wald und in den Häusern. Auf der anderen Seite ist eine Kante eingezogen, die Straße sitzt hier tiefer im Berg, oben ein kurzes Flachstück. Vor unserem Ort streckt er sich dick über das ganze Tal, als wollte er uns nicht hinauslassen, noch nicht, sagt er. Wenn Teresas Mutter morgens in ihr Geschäft geht, ist es still im Ort. Und sie stellt sich vor, wenn es jetzt passiert, genau jetzt, wenn jetzt ihr Mann einen neuen Schacht in einen anderen Schacht sprengt, und Schacht in Schacht zusammen klappen, Staub in Staub, wenn sich jetzt der Berg auf unseren Ort erbricht und unsere Häuser ineinanderbrechen, als wären sie aus billigem Karton, und sie ist die Einzige auf der Straße.

 Annika ist zu Hause geblieben am Wochenende, am Mittagstisch riecht es nach warmem Reis, der Vater schläft. Schon wieder, seufzen wir. Weniger Fleisch für Teresa, wenn Annika da ist. Warum jetzt, fragt sich Teresa, Annika isst nicht, Teresa versteht nicht, das gute Fleisch. Annika gibt ihm einen Namen: Joscha. Er war letzten Sommer mit dem Fahrrad hier. Nur das Klirren des Bestecks aufeinander, Eisen auf Eisen, das Messer auf dem Teller, das zähe Fleisch, Eisen auf Porzellan. Teresas Mutter ist ruhig, vielleicht hat sie gewusst, dass es kommt, irgendwann, genauso wie der Berg irgendwann auf sie herunterkommen wird, wie viele Nächte sie nicht schlafen kann. Sie verstehe jetzt, was die bunten Drogen können, sagt Annika, sie machen groß und weich. Er, der Joscha, hat sich verliebt, in die bunten Bäume, schnell schimmern sollen sie, auf und ab, und in die bunten Sachen, die aus dem Berg herauskommen. Und in sie, sagt Annika. Obwohl sie eine aus dem Dorf ist, sie lächelt, aber niemand will es sehen. Sie will zu ihm, in die Stadt, weil dort ist es besser, sagt sie, dort will sie arbeiten oder eine Ausbildung machen, in der Stadt kann man ja alles. „Dort kann man wirklich alles machen“, wiederholt Annika und sieht Teresa an, Teresa sieht weg, das Kartoffelpüree füllt ihren Mund, weich, warm.

 Irgendwann, als die Ruhe die unangenehme Stille überlaufen hat, steht sie auf und geht in ihr Zimmer. Unter der Bettdecke ist es warm und der Stein in ihrer Hand schon warm und feucht, ihre Finger rutschten an der Oberfläche auf und ab, das macht sie wieder ruhiger. Annika und sie in den Schächten, heimlich in der Nacht. Die Tränen steigen ihr heiß durch den Hals auf, sie wird Joscha hassen, sie drückt den Stein immer fester in ihrer Hand. Die Decke, dunkel, schwer über ihr. Annika wird die Buntheit verlieren und grau werden, wie alle aus der Stadt. Teresa macht die Augen zu, sie und Peter in ihrem Haus, am Kirtag, sie, wie sie sich zu Peter ins Bett legt, und sie drückt die Augen fester zu, immer fester, bis ihr ganzer Kopf beginnt zu zittern. Wie er ihr eines Tages bunte Steine mitbringt, rosa-silber-glitzernd im Tageslicht, violett-schwarz am Abend. Angespannt schiebt sich ihr Kiefer nach vor, sie will es gar nicht, sie drückt die Hände zu Fäusten zusammen, ihre Nägel bohren sich in die Handfläche. Auf einmal verkrampfen ihre Zehen, immer mehr, sie und Peter, sie und Annika, sie spreizen sich auseinander wie Zirkelspitzen, sie will schreien, aber kann es nicht. Wie der Berg, unser Berg, wird sie gleich explodieren, in ihrem Zimmer zerbröseln, wie ihre Mutter den Besen holt. Ihr ganzer Körper zittert, als wäre ihr kalt, da auch der Boden und die Wände, alles bebt, sie spürt es, sie sieht nichts mehr, und alles, was glänzt, hält sie fest in ihrer Hand.


_DSC1041Marie Gamillscheg, geboren 1992 in Graz, studiert Osteuropastudien an der FU Berlin und arbeitete als Journalistin unter anderem für das Süddeutsche Zeitung Magazin, den Falter und den Standard. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2012 auf der Shortlist des Fm4-Wortlaut-Wettbewerbs, 2014 Stipendiatin der Jungen Werkstatt für Literatur, Finalistin beim Open Mike und bei der Floriana, Wiener Werkstattpreis.