Jahresrückblick
von Nils Markwardt

Ort: Ein sphärischer Saal, der an eine Mischung aus Jenseits und Fernsehstudio erinnert. In der Mitte fünf weiße Ledersessel, davor ein halbhoher Glastisch mit Aschenbecher und einer überdimensionierten Karaffe Wein. Ringsherum leere Zuschauertribünen. In Deckenhöhe fliegt ein Schwarm blauer Kolibris, der die Richtmikrofone hält. Die fünf umstehenden Kameras werden von kettenrauchenden Flamingos bedient.

Personen: Moderatorin, Klaus Kinski, Johann Wolfgang (von) Goethe, Peter Scholl-Latour, Margaret Thatcher.

– – –

Moderatorin: Ein Jahr, das wir alle wohl nicht so schnell vergessen werden: Flüchtlingsdebatte, Griechenlandkrise, Bahnstreik, Ebola, IS-Terror, der Tod von Helmut Schmidt…

Scholl Latour: Und „Günther Jauch“ auch vorbei, nicht wahr.

Moderatorin: Ja, das stimmt natürlich. Also: Flüchtlingsdebatte, Griechenlandkrise, IS-Terror, Ebola, Bahnstreik, der Tod von Helmut Schmidt und „Günther Jauch“ auch vorbei. Was hat uns besonders bewegt? Was bleibt in Erinnerung? Und was bringt 2016? Das diskutiere ich heute mit meinen Gästen.

(kein Applaus, weil kein Publikum)

Moderatorin: Herr Kinski, sie als Ausnahmekünstler haben ja ein Sensorium für dramatische Momente. Was dachten sie an jenem Tag, als Angela Merkel die Grenzen für die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge öffnete?

Kinski: (tief im Ledersessel versunken, rauchend) Wie, was ich dachte? Was soll ich denn gedacht haben? Ich versteh‘ die bescheuerte Frage überhaupt nicht?

Moderatorin: Na, hatten sie seiner Zeit beispielsweise das Gefühl, das hier etwas historisches passieren könnte?

Kinski: Historisch, historisch. Ich weiß gar nicht, was ich mit dem Wort anfangen soll. Ist doch Blödsinn, völliger Blödsinn.

Moderator: Also sehen sie die Politik der Bundeskanzlerin eher kritisch?

Kinski: Mensch, nerv‘ doch nicht mit deinem Scheiß! Bundeskanzlerin, wer ist das überhaupt? Oder Politik? Man sagt das immer so, aber was heißt das denn?

Moderator: Ja, ich wollte nur …

Kinski: Ja, soll ich jetzt antworten, oder nicht? Sonst kann ich auch gehen? Dann könnt ihr euren Bums hier alleine machen!

Moderator: Sie haben das Wort, Herr Kinski.

Kinski: (raucht lange schweigend und spielt an seinen Fingernägeln herum) Sie haben ja Bahnstreik gesagt vorhin, ist doch richtig, Bahnstreik. (trinkt) Dazu kann ich ihnen sagen (lange Pause), dass ich mal mit der Bahn gefahren bin. Da saß ich da und dann kommt doch so ein Arschloch von Schaffner angeschissen und sagt mir, dass ich auf dem falschen Platz sitze! Können sie sich das vorstellen? Ungeheuerlich. So ein Niemand will mir sagen, wo ich sitze? Völliger Wahnsinn.

Moderatorin: Ja, aber das war jetzt nicht ganz die Frag…

Kinski: Dann hab ich gesagt, nein, gebrüllt hab ich, richtig gebrüllt hat ich, dass nicht er mich, sonder ich IHN auf seinen Platz verweisen werde. Auf den Platz, wo er hingehört, das blöde Arschloch.

Moderatorin: Verstehe. Vielleicht dann doch erst mal zu ihnen, Herr Goethe.

Goethe: von Goethe, von.

Moderator: Selbstverständlich, Herr von Goethe.

Goethe: Seit 1782, allgemein bekannt.

Moderatorin: Definitiv. Herr von Geothe, sie als Intellektueller …

Goethe: Universalgenie.

Moderator: Natürlich, sie als Intellektueller und Universalgenie haben ja …

Goethe: Und Geheimrat.

Moderator: Absolut, sie als Intellektueller, Universalgenie und Geheimrat haben ja immer wieder ihr Gespür bewiesen, wenn es darum ging, die Weltlage genau zu ordnen. Was also sagen sie als Intellektueller, Universalgenie und Geheimrat…

Goethe: Dichterfürst, auch noch. Und Lichtgestalt.

Moderator: Sicher, sie als Intellektueller, Universalgenie, Geheimrat, Dichterfürst und Lichtgestalt, wie ist denn ihr Blick auf die Asyldebatte?

Goethe: Moooment … (holt hinter seinem Sessel die Goethe-Gesamtausgabe hervor und knallt sie ostentativ auf den Tisch. Greift einen Band heraus, blättert kurz und liest vor): „Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.“ Hab ich damals schon geschrieben (hält das Buch in Richtung der leeren Tribünen), hier, in den „Wahlverwandtschaften“. Gilt nach wie vor. Geradezu prophetisch.

Moderator: Ja, brillant, ganz brillant. Und so passend. Aber dennoch ist das jetzt ja eher allgemein. Wenn sie das vielleicht noch mal konkreter beschreiben könnten?

Goethe: (erschrickt) Noch konkreter? Da muss ich kurz (greift einen anderen Band aus der Gesamtausgabe und blättert), das hatte ich hier irgendwo schon mal aufge…

Moderatorin: Ich frage sie da natürlich auch als Islamexperten, „West-Östlicher-Diwan“, da haben sie ja gewissermaßen ein Standardwerk vorgelegt.

Goethe: Gewiss, ein Standardwerk. (blättert zunehmend nervöser weiter) Ich find jetzt nur die eine, also die eine Stelle, die finde ich jetzt gerade nicht …

Moderatorin: Während Herr Goethe, von Goethe natürlich, während der also noch in Ruhe sucht, komme ich zu ihnen, Herr Scholl-Latour. Am 13. November dieses Jahres wurde Paris von den Terrorattacken des „Islamischen Staats“ getroffen. Brauchen wir mehr Überwachung? Oder wurden die Fehler woanders gemacht?

Scholl-Latour: Naja, ist ja ganz klar, nicht wahr. Katastrophal. Also da muss man ja ausholen, nicht. Als die Amerikaner nach dem 11. September in Afghanistan einmarschiert sind, das war ja dann direkt ganz klar, also das war ja schon den Russen bekannt, Breschnew, Andropow, Tschernenko bis hin zu Gorbatschow, nicht. Und denken sie an die damaligen Mudschaheddin, da sind sie ja auch gleich beim Thema Iran, nicht wahr. Ich hab später, 1997, glaub‘ ich, als ich in Moskau war, auch nochmal mit Primakov gesprochen, der hat das auch gesagt, nicht wahr. Da muss man sich also gar keine Illusionen machen.

Moderatorin: (zögert) Wenn ich sie also richtig verstehe, dann prophezeien sie Europa einen langen Kampf gegen den Terror?

Scholl-Latour: Gucken Sie nach Syrien, da ist ja völliges Chaos, nicht wahr. Oder Lybien, Jemen, Irak. Ich war letztes Jahr in Afghanistan, erst in Dschalalabad und dann in Kandahar, da hab ich zuletzt mit Ghilzai-Paschtunen gesprochen, nicht wahr, da hat mir Gulbuddin Hekmatyār, der hat das auch bestätigt. Und die Amerikaner, die Franzosen, die Briten, die wissen das natürlich auch, nicht wahr. In Tschetschenien war’s ja ähnlich. Oder denken sie an Indochina.

Moderatorin: Ähh, das heißt, den Syrien-Einsatz der Bundeswehr, den bewerten sie jetzt eher skeptisch?

Scholl-Latour: Ja gut, ich meine, der Assad, das ist natürlich ein unappetitlicher Kerl, nicht wahr. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber da wird ja auch schwarz-weiß gemalt. Die Alawiten, das sind ja keine Schiiten, sondern ’ne Sekte, nicht. Und der IS, die Al-Nusra-Front, das ist ja alles noch viel schlimmer. Mit humanitärem Gewäsch kommt man da nicht weiter, nicht wahr. Sonst können sie ja gleich den THW schicken. Die Bundeswehr ist ja nicht die Heilsarmee. Und von Militär verstehen ich was, will ich mal sagen. Aber man muss auch sagen, da ist ja kein Blumentopf zu gewinnen. Irak, Syrien, Pakistan, Jemen, Afghanistan. Libanon mit Abstrichen. Die Amerikaner, die Briten, die Franzosen, nicht, die wissen das ja praktisch auch, also jetzt, nicht wahr.

Moderatorin: Ah, ja.

Scholl-Latour: Chaos, völliges Chaos. Und die Amerikaner, das geht da ja teilweise hoch bis ins saudische Königshaus, nicht. Da muss man aufpassen, nicht wahr.

Kinski: (trinkt und murmelt vor sich hin) Eine Bande von Idioten hier. Völliger Wahnsinn.

Moderatorin: Frau Thatcher, sie haben ja gewissermaßen den Blick von außen, wie sehen sie denn …

Goethe: Ha, jetzt hab ich’s, hier, aufgepasst: „Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und Gescheitigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.“ West-Östlicher-Diwan, Standardwerk. (guckt triumphierend)

Moderatorin: Absolut, aber wir kommen gleich wieder zu ihnen, Herr von Goethe. Erst war Frau Thatcher dran.

Goethe: 1A-Goethe-Zitat! Geniestreich!

Moderatorin: Keine Frage, aber wir kommen gleich zu ihnen.

Goethe: Universelle Weisheit, Lebensformel!

Kinski: (schon leicht lallend zu Goethe) Mensch nu‘ nerv doch nicht mit deinem Scheiß!

Goethe: Ungeheuerlich!

Kinski: Du dumme Sau!

Goehte: Ungeheuerlich! Das geziemt sich nicht, Herr Kinski, das geziemt sich nicht! Das ist eines Mannes von Format, von Format, hören sie, Herr Kinski, von Format, nicht würdig!

Kinski: Hör doch mir deinem Gewichse auf, Mensch. Du bist ja nicht mehr normal. (zur Moderation) Ein Wahnsinniger, einsperren müsste man ihn, weil er nicht mehr normal ist!

Moderatorin: Meine Herren, also bitte!

Kinski: Ein Wahnsinniger, ein völlig Wahnsinniger!

Scholl-Latour: Partisanenkrieg, nicht wahr. Wie damals in Saigon, nicht.

Moderation: Contenance, meine Herren, Contenance!

Goethe: Zu viel für einen Geistesmenschen, einfach zu viel. (nimmt Riechsalz)

Moderatorin: Entschuldigen sie, Frau Thatcher, also nun zu ihnen. Sie haben ja gewissermaßen einen Blick von außen. Wie bewerten sie denn die Lage in Europa, insbesondere in Deutschland, wo Kanzlerin Merkel ja zunehmend, auch seitens der eigenen Partei, unter Druck gerät?

Thatcher: Well, yes. (räuspert sich) Also, ja. Ich meine: dicht machen, alles dicht machen: Grenzen, Häuser, Fugen. Alles dicht machen.

Moderation: Sie sehen’s also kritisch?

Thatcher: Man kann eigentlich gar nicht mehr vor the doors, also vor die Tür gehen. Nein, man darf es eigentlich gar nicht mehr, eigentlich darf man das gar nicht mehr. Drin bleiben, am besten drin bleiben.

Moderation: (ratlos) Und Europa?

Thatcher: Dicht machen, alles dicht machen.

Moderatorin: Da sage ich jetzt mal: Das klingt für mich zynisch.

Thatcher: Must have. Ironisch reicht nicht mehr. Heute reicht das nicht mehr. Ironie ist der Cardigan unter den Haltungen, was für Pullovermenschen, verstehen sie? Sarkasmus geht gerade so, aber das ist auch nur eine Regenjacke, ein Regenjäckchen würde ich fast sagen. Ein dünnes Regenjäckchen. Heute braucht man aber einen Panzer, einen dicken Panzer, Zynismus. Und wenn sie ohne Panzer rausgehen, sind die lebensmüde. Nicht nur müde, sondern lebensmüde!

Moderatorin: Herr Scholl-Latour, wie sehen sie das?

Scholl-Latour: (ist weggenickt)

Moderatorin: Herr Scholl-Latour?

Scholl-Latour: (schreckt plötzlich hoch) Katastrophal, völliges Chaos. Afghanistan, Jemen, Irak, Syrien, Pakistan. Da müssen sie natürlich mit den Saudis sprechen, klar, die sitzen am Hebel, nicht wahr.

Moderatorin: Aber man darf sich doch nicht verrückt machen lassen, oder? Frag‘ ich jetzt mal.

Thatcher: Sich nicht verrückt machen zu lassen, macht einen ganz wahnsinnig. Deswegen muss man sich am besten gleich verrückt machen.

Moderatorin: Ja, so hab ich das jetzt tatsächlich noch gar nicht gesehen.

Thatcher: Verrückt machen lassen, ohne wahnsinnig zu werden, das ist die Kunst.

Moderatorin: Helmut Schmidt, der hat sich ja nie verrückt machen lassen, der Lotse. So ein richtiger Hanseat, toll.

Thatcher: Ja, naja.

Goethe: Oder hier: „Der Alte schlummert wie das Kind, / Und wie wir eben Menschen sind, / Wir schlafen sämtlich auf Vulkanen.“ Aus den „Xenien“, auch ganz groß, Goethe-Zitat!

Moderation: Ja, brillant, ganz brillant. Aber wir waren noch …

Goethe: (laut) Goethe-Zitat, 1A-Goethe-Zitat!

Kinski: Hört ihn euch an, er ist ein Geisteskranker, ein Geisteskranker.

Goethe: Also jetzt reicht’s, Herr Kinski, jetzt reicht’s. Sie wollen wohl Händel lostreten, was? Bitte, bitte. Ich habe Verbindungen nach ganz oben.

Scholl-Latour: Saudisches Königshaus, nicht wahr?

Goethe: Ne, Sachsen-Weimar-Eisenach.

Thatcher: Ähnlich radikal.

Goethe: Bitte?

Kinski: Nun halt doch mal deine Schnauze, verdammt. Ist ja nicht auszuhalten!

Moderation: Meine Herren, bitte!

Goethe: (schüttet Kinski ein Glas Rotwein ins Gesicht): Flegel!

Kinski: Du dumme Sau, diesmal schlag‘ ich dir in die Fresse, kannst dich drauf verlassen.

Goethe: (zögernd) Mach doch?!

Kinski: Mitten in die Fresse!

Goethe: (schreit) Notwehr! (schlägt Kinski mit der Goethe-Gesamtausgabe auf den Kopf)

Kinski: (wankt und zieht Goethe im Fallen die Weinkaraffe über den Schädel)

Moderation: (resigniert) Ich hab’s gewusst.

(Goethe und Kinski liegen benommen am Boden. Scholl-Latour ist weggenickt. Thatcher starrt ins Leere)

Moderation: Ja, gut. Dann machen wir an dieser Stelle vielleicht einfach Schluss. Schalten Sie nächstes Jahr wieder ein, wenn es heißt: 2016 – Rückblick als Chance. Gute Nacht.


1001708_10153129037135531_1251888585_nNils Markwardt, Jahrgang 1986, studierte Literaturwissenschaft in Berlin. Er ist Journalist und Autor (u.a. für Zeit Online, Philosophie Magazin, Der Freitag u.a.)