Örtliche Betäubung
von Juliane Löffler

Die Unsicherheit schillert nicht. Sie kommt fies und hinterhältig um die Ecke gekrochen und lässt mir die Kotze hochkommen, während ich an der Oranienstraße durch einen kalten Windkanal zur Arbeit gehe. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, ziehe den Schal über den Mund, beschleunige meinen Schritt und schmecke die Säure im Rachen, ein bisschen wie vergammelte Zitrone mit Chili. Ich drehe um, will nach Hause fahren aber als ich das blaue U-Bahnschild sehe, hat sich der Würgereiz wieder gelegt. Ich mache wieder kehrt, heute ist Dienstag, viel zu tun, ich kann eigentlich überhaupt nicht krank machen. Ich kann aber auch keine Entscheidung treffen. Ratlos bleibe ich auf dem Asphalt stehen, horche in meinen Magen hinein. Hallo, ist da drinnen überhaupt jemand? Diese scheiß Quarterlifecrisis macht alles kaputt. Die meisten Leute lachen, wenn ich ihnen davon erzähle, vor allem die über vierzig. Quarterlifecrisis, haha, was soll das sein? Ich weiß genau was es ist und ich habe mich selbst diagnostiziert, und meinen halben Freundeskreis gleich mit, wir haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Wir sind alle ganz woanders und gleichzeitig hier, wir denken alle über das nächste große Ding nach und drehen im Kopf unsere Endlosschleifen ohne, dass sich irgendetwas verändert. Die Erwartungen blähen uns auf und da ist nichts Spitzes, was mal ein kleines Loch in uns reinsticht, um etwas davon abzulassen. Stattdessen sitzen wir jedes verdammte Wochenende in irgendwelchen Bars und müssen über uns reden, Psychohygiene statt Politik, und am Montag sind alle noch genauso ratlos wie vorher. Oder verkatert.

Die Quarterlifecrisis ist nicht wie die Midlifecrisis, sie ist viel schlimmer. Mit fünfzig wünscht man sich vielleicht ein anderes Leben, mit Ende zwanzig weiß man nicht mal, was für ein Leben man überhaupt haben möchte. Ich mache Listen von den Lebensentwürfen, die ich führen könnte. Ich könnte in ein anderes Land ziehen, oder wenigstens in eine andere Stadt, oder ich ziehe aufs Land, endlich die ganze Selbstreferentialität der Großstadt hinter sich lassen. Ich wechsele die Beziehung, die WG, die Sexualität, mein Haarshampoo, den Job, meine beste Freundin und irgendwie geht das alles viel zu einfach, um sagen zu können: Halt, stopp, eigentlich ist mein Leben doch ganz gut so, wie es ist. Da ist mindestens ein Facebook-Post täglich, der mich anschreit: Hallo, du könntest viel geiler sein, viel alternativer, viel etablierter, reicher, erfolgreicher oder nischiger, auf jeden Fall viel mehr so, wie du es dir eigentlich wünschst. Und ich sitze hier fest, zwischen diesen ganzen Modellen, Lieben, Jobs, Freundschaften, und plötzlich heiratet jemand, und jemand anders bekommt ein Baby und eigentlich müsste ich mich schon längst entschieden haben. Stattdessen bin ich unentschiedener als je zuvor. Wahrscheinlich wusste ich vor zwanzig Jahren viel mehr, wer ich bin, als jetzt. Mit acht hatte ich einen Plan A und einen Plan B. Wo sind mir die eigentlich verloren gegangen? Hallo, ich stecke hier fest, kann mal bitte jemand feste ziehen und mich hier rausholen? Nein mein Kind, du bist jetzt erwachsen, das musst du schon ganz alleine tun.

Ich gehe in die Apotheke, ich habe einen nervösen Magen, sage ich, aber muss heute arbeiten. Ach da würde ich Ihnen Buscopan empfehlen, sagt die Frau hinter der Theke, das ist pflanzlich. Sie hat blondierte Haare und trägt kleine Silberkreolen, mattgeschliffen, würde ich nie tragen, nie. Sie ist so alt wie ich, oder vielleicht sogar etwas jünger. Auch so eine komische Zwangsstörung, die sich eingeschlichen hat, neben dem nervösen Magen. Permanenter Zwangsvergleich. Ich schaue in die Klappentexte von Büchern, die ich lese und suche nach dem Geburtsjahr, 1984, ach siehst du, da hast du noch zwei Jahre Zeit. Ich lese in den Programmheften im Theater das Alter der Dramaturgen nach, Jahrgang 1991, scheiße irgendwas hab ich verpasst. Die Frau in der Apotheke hat lackierte Fingernägel, nude, und die Haare zu einem Pferdeschwanz nach hinten gekämmt. Am Finger trägt sie einen kleinen Goldring, ihr Rollkragenpulli legt sich ganz ordentlich um ihren Hals, der Flaum am Haaransatz schmiegt sich in ihre Frisur. Ich kann mir das genau vorstellen, wie sie abends auf ihrer Couch sitzt, Teppich von Ikea, Tagesschau schaut und dann Tatort. Wahrscheinlich hat sie seit vier Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen und überlegt gerade, ob sie noch eine Weiterbildung machen soll. Ihr Leben ist ordentlich, sie hat sich entschieden, wahrscheinlich hat sie einen Freund und einen Hund und fragt sich nie, ob sie nicht endlich mal mit einer Frau schlafen sollte. Oder ins Berghain muss. Sie lächelt mich an, das macht dann 5,99. Sie tritt die ganze Unsicherheit einfach mit ihrer guten Laune platt, sie schläft bestimmt genug und wenn ihr etwas zu unsicher wird, zieht sie die Stirn zu einer festen, strammen Falte und schüttelt energisch den Kopf und dabei grinst sie dann ein bisschen. Stelle ich mir vor. Eigentlich sieht sie total nett aus. Und ich merke, dass meine Abneigung gegen sie nur vorgeschoben ist. Weil ich neidisch bin. Ich möchte ihr Lebensmodell abwerten, aber das ist nur der der klebrige unangenehme Neid. Weil sie Sicherheit hat und das gar nicht schlimm findet, weil die aussieht als ob sie weiß was sie will und kein Buscopan braucht und weil ich denke: Scheiße so will ich niemals leben aber die ist bestimmt glücklich. Entschuldigung, haben sie vielleicht auch etwas gegen Zwangsvergleich? Oder gegen Es-könnte-auch-alles-anders-sein? Oder gegen dieses komische Gefühl, ataktisch an allem vorbeizuleben? Das schlägt mir auf den Magen, aufs Herz, und aufs Hirn, aber das merkt zum Glück keiner. Aber ich sehe genau, dass die Frau vor mir das nicht hat. Die hat gesagt, zack, das ist mein Leben, und manche Sachen diskutiere ich jetzt gar nicht mehr mit mir selbst. Ich kann das nicht. Vielleicht lerne ich es, wenn ich älter werde, oder wenn die Finanzkrise nicht mehr so ein riesiges Unsicherheitsloch in meine Lebensplanung wirft (wer glaubt denn bitte heute noch an Bausparverträge?). Oder vielleicht muss ich auch einfach akzeptieren, dass diese neue Unsicherheit jetzt zu meinem Leben gehört und ich einfach trotzdem weitermachen muss. Ich gehe zur Arbeit und versuche, aufzuhören über mein Leben nachzudenken und stattdessen ein bisschen zu leben. Wenigstens kurz. Der nächste Gehirnfick kommt sowieso von ganz alleine.


IMG_1427Juliane Löffler hat Kulturwissenschaft, Spanische Philologie, Deutsch als Fremdsprache und Design Thinking studiert. Seitdem arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der Wochenzeitung der Freitag und schreibt dort über Asyl- und Geschlechterpolitik und die Wehen des Alltags