Betty
von André Patten

Wie jeden Mittag beobachtete ich die Tauben auf dem Platz. Ich nahm ein Stück Brot aus meiner Tasche und riss es auseinander. Die einzelnen Stücke warf ich vor mir auf den Boden. Es dauerte nicht lange, bis die Tauben auf mich zukamen. Wie immer stritten sie um das Brot.

Ein Mann kam über den Platz. Ein anderer Mann kam über den Platz. Dann folgten weitere Männer und Frauen. Kaum jemand sah, wie ich auf der Bank saß und den Männern und Frauen nachschaute.

Eine Taube, die auffällig oft in meine Richtung sah, lockte ich mit einem Stück Brot zu mir. Die Taube pickte das Brot. Ein Mann kam auf mich zu und wollte mir einen Euro in die Hand drücken. Da ich nicht reagierte, legte er die Münze neben mich auf die Bank und wünschte mir ein schönes Fest. Er ging ohne sich umzusehen.

Am selben Abend ist es ungewöhnlich kalt geworden. Ich habe mir zwei Paar Socken angezogen und mich unter der Bettdecke verkrochen. Es war so kalt, dass ich nicht schlafen konnte. Ich schaute zum Fenster und sah eine Taube auf dem Fenstersims. Sie stand regungslos vor der Fensterscheibe und blickte ins Zimmer. Ich war mir sicher, es war die Taube, die ich am Mittag gefüttert hatte. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Die Taube wartete kurz, dann sprang sie in mein Zimmer. Ich schloss das Fenster, die Taube gluckte vor sich hin und setze sich an die Heizung. Die Decke bis zum Kinn hoch gezogen, wünschte ich der Taube eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen frühstückten wir zusammen. Ich fütterte sie mit Toastbrot und gab ihr Milch zu trinken. Dann packte ich sie unter meinen Mantel und ging zu dem Platz, an dem ich jeden Mittag die Tauben beobachtete. Ich ließ die Taube frei.

Für einen Moment blieb sie neben mir auf der Bank sitzen, dann gesellte sie sich zu den anderen Tauben. Wie gewöhnlich warf ich ihnen Brot zu und schaute den Männern und Frauen nach, die den Platz überquerten.

Als ich den Platz verlassen wollte, kam die Taube auf mich zu. Sie schaute mich an und ich verstand. Ich ging ein paar Meter, bis ein Mann anfing zu schreien: „Hey, Sie, was machen Sie mit der Taube? Haben Sie mich nicht gehört?“ Ich begann zu rennen und erst als ich zwei Straßen entfernt war, sah ich mich um und erkannte, dass der Mann mir nicht gefolgt war. Ich vergewisserte mich, dass es der Taube gut ging und nahm sie mit in meine Wohnung.

Den folgenden Winter verbrachten wir zusammen. Die Taube schlief an der Heizung und ich in meinem Bett. Nach einer Weile nannte ich sie Betty, weil ich schon immer jemand mit dem Namen Betty kennenlernen wollte. Jeden Morgen fütterte ich sie mit Toastbrot und Milch. Jeden Mittag gingen wir zum Platz. Ich war nun vorsichtig, wenn ich Betty unter meinem Mantel versteckte, und achtete auf die Männer und Frauen, die den Platz überquerten. Immer dann, wenn keiner hinsah, packte ich Betty unter den Mantel und verließ mit schnellen Schritten den Platz.

An einem Mittag im Frühling saß ich auf der Bank. Es war der erste warme Tag des Jahres. Betty saß neben meinen Füßen und pickte ein paar Brotkrumen. Ein Mann kam mit hastigen Schritten über den Platz. Er stolperte und eine Packung tiefgefrorener Fritten fiel auf den Boden. Die weißen Stangen verteilten sich auf dem Platz. Er schob die Fritten mit den Füßen zum Mülleimer neben der Bank, auf der ich saß, und nickte mir entschuldigend zu.

Ich verfolgte, wie der Mann den Platz verließ, und achtete für ein paar Momente nicht auf Betty. Als ich wieder zu ihr schaute, sah ich, wie sie eine der gefrorenen Fritten pickte. Ich versuchte, sie davon abzuhalten, aber Betty flog mit der Pommes im Schnabel davon. Ich sah, wie sie einige Meter entfernt die Pommes pickte. Als ich den Platz verlassen wollte, kam Betty nicht auf mich zu.

Am Abend öffnete ich das Fenster zu meiner Wohnung und wartete auf Betty. Die Stunden vergingen und ich blickte vom Bett aus auf das geöffnete Fenster, aber Betty erschien nicht. Die Nacht war mild und ich war mir sicher, dass Betty einen warmen Schlafplatz gefunden hatte.

Am nächsten Tag ging ich früher als üblich zum Platz, aber auch dort war sie nicht zu sehen. Wie üblich fütterte ich die Tauben mit Brot. Als Betty auch in der folgenden Woche nicht auftauchte, suchte ich den gesamten Platz nach ihr ab, konnte sie aber weder zwischen den Sträuchern noch in einer der Mülltonnen finden.


©Schirin Moaiyeri

©Schirin Moaiyeri

André Patten, geboren 1984 in Neuss, lebt in Köln und Leipzig. Aktuell Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Arbeit als Texter im Bereich Online-Marketing. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Redakteur der Tippgemeinschaft und Mitveranstalter der Kölner Lesereihe Land in Sicht.

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