Memento
von Elisabeth Botros

1.

Sie hat mit dem Tanzen begonnen. Die Schneeflocken treiben für sie nicht mehr nach unten, sie streben in den Himmel. Ihre nackten Füße klatschen auf der Straße, die Jeans an den Hosenbeinen vollgesogen mit Wasser. Sie streckt sich, dehnt die Wirbelsäule. Wirft ihren Körper in die Luft. Dehnt sich, dehnt die verlorenen Muskeln, die sie so lange umsonst getragen hat. Sie hat jetzt kein Gewicht mehr. Die Geräusche, das Schreien im Kopf, alles gedämpft im Schnee, der langsam nach oben schneit. Wenn sie die Hand ausstreckt, dann kann sie beobachten, wie er von ihrem Körper wegstrebt, der Schnee. Als sei ihr kaltes Herz kälter als das gefrorene Wasser. Sie sieht nach oben zur Wohnung in der er sitzt, am Holztisch, wo er seinen eigenen Ascheschnee produziert. Ascheschnee für sein Ascheherz, pulverisiert durch den gleißenden Wolkenbaum, der ein Verschwinden bedeutet. Sie hört auf zu tanzen, ihre Füße stehen Schulterbreit auf dem kalten Asphalt. Kalt, was ist das schon. Es gibt kein Kalt mehr in einer Welt, wo der Schnee nach oben strebt, wo sie ihn noch in der Wohnung riechen kann, obwohl sie auf der Straße steht und wo sie aufgehört hat, ihre Gedanken in seinen Kopf zu treiben. Sie kann beobachten, wie ihr durchscheinender Körper auch aufstreben will, auseinandertreibt mit dem Schnee. Wenn es einen Gedanken gäbe, einen, der ihn zusammenhält, ihn, der ihr Käfig war und jetzt ihr Schutz vor dem Aufstreben in die Gedankenlosigkeit. Du hast mich losgeschnitten, hatte sie zu ihm gesagt, er hatte das falsch verstanden, Freiheit mit Haltlosigkeit verwechselt. Ihre Atome die tropfen, brennen, singen, leises Ascherauschen in ihr wie Ascheatem in den Windungen, Falten der Blickrichtung. Wenn sie jetzt ihre Hand anschaut, dann kann sie hindurchsehen. Sehen, wie sie selbst es ist, die langsam von sich weg, in Schneeflocken, nach oben treibt.

2.

Ich spanne mich auf als Bogen zwischen den Dingen. Da sind Schwimmhäute zwischen meinen Fingern. Wir können uns an unseren Tod erinnern und manchmal ist das leise weiße Rauschen in unseren Köpfen schöner als der Sirenengesang der Stadt. Es gibt dieses blaue Klingen zwischen den Häusern, wenn alles still ist und der Schnee auf den Dächern einen Druck ausübt, der den Klang in den Wind treibt. Es ist das Geräusch klingender Stille, zusammengepresst aus konzentrierter Kälte, Luft und Atemrauschen. Zigaretten brennen anders in der Einsamkeit und das Abrennen des Papiers ist der beruhigendste Klang von allen, wenn die einzigen Freunde aus Tabak sind. Ich kann die Leute sehen, von oben, wenn ich wie Schnee auf sie herunterfalle. Sie sind nur mit ihren Zigaretten ein kleines bisschen weniger allein. Alleinsein, das ist wie Bittermandelgeschmack vor dem Schlafengehen, wie der unaufhaltsame Drang des Atems, der die Stunden abmisst, bewertet, auszählt, einholt. Man wird immer langsamer vor dem Sterben immer selbstbezogener in die Kapsel aus blauem Klang eingerollt, die der Körper ist. Einmal betreten können wir unseren Kopf nicht mehr verlassen wie der Kalzid-Vogel über dem See ist der Kopf in den roten Fluß gestürzt. Der Sonnenreflex hat ihn angezogen, ihn angesungen in den Tod aus Salz und Säure gelockt mit dem schönsten Bild, dass er je gesehen hat, eine Suppe aus rotleuchtenden Bakterien. Ich bin auseinandergestoben wie aufsteigender Schnee, habe mich aufgelöst in abertausende auftreibende Atome. Was die Welt zusammenhält im Innersten ist dieser Klang der Stille, zu flüssigem Rot geronnen ohne Pulsschlag, das Lebloseste ist gleichzeitig das, was uns am Lebendigsten vorkommt wenn es pulsiert wie unser Herz unter dem Druck der Erde. Nur mich, mich hat der Klang nicht zusammengehalten. Von der Frau, die in den Vulkan springt, die ihn ansieht, abmisst, die der Erde näher sein will als der eigenen Haut hast du mir erzählt und ich konnte es nicht glauben zwischen all den Stimmen, die von Kälte sprachen und uns in unsere Kleidung bannten als wäre sie unser Gefieder. Es ist nichts übrig geblieben von den Stimmen von den Klängen und Dingen, seit ich mich aufgelöst habe, fliegend, strebend, das Außen ist der letzte Schmerz, den ich nicht in den Tabak bannen kann, der mir entgegenfliegt in einsamen Ascheatomen. Und obwohl ich es mir lange Zeit anders versprochen habe, ist auch meine Stimme versagt vor dem endlosen Singen der Stille. Wenn wir einatmen, atmen wir Klangwellen ein mit der Luft zusammen, die unsere Lungen streicheln und uns den Gesang lehren, den der Lauerhaltung auf das Morgen auf das Andere, was wir denken nur als Abklang unseres Heute in Blättchen eingerollt auf dem Balkon. Das habe ich gelernt, seit ich auseinanderstrebe, still wie der Schnee meiner Haut, Hautschnee, den ich abgelegt habe. Es fällt mir schwer, mich zusammenzuhalten. Die Stille kann die Dinge hören die ich nicht sage und weiß von den Träumen in den Lauernächten, in den Zwischenstunden zwischen uns und einem anderen ich, das du im Schnee sehen kannst. Anders als früher sind es jetzt die Dinge, die Dinge die mich jagen, die mich betasten mit ihren aufdringlichen Dingblicken, die ihre Stille in mich einbohren bevor ich Luft zum Sprechen holen kann, bevor ich die Klangwellen aus der Lunge pressen kann, die sich dort einnisten und einen eigenen blauen Klang erzeugen. Lunge, wenn ich noch wüsste, wie das wäre, aber es gibt kein anderes Wort dafür, auch jetzt nicht, wo ich Ascheschnee bin. Wenn du hinschaust, kannst du mir durch die Haut blicken, durch die Lavakrater in das zaudernde Ticken meiner inneren Uhr, die die Stunden abmisst, bewertet, abzählt, einholt. Es pressen sich Stimmen am Rande meiner Lunge nach Außen in die Zwischenwelt, die Brückenwelt mit den Schwimmhäuten und den Klängen, die meinen Kopf berühren, bis sie langsam übergehen in den roten See, und schweigen.


VLUU L100, M100  / Samsung L100, M100Elisabeth Botros, geboren 1989, studierte Kreatives Schreiben und Buddhistische Philosophie in Hildesheim und Katmandu und macht derzeit einen Master in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin. Sie ist gemeinsam mit J. Bode Organisatorin der Lesungsreihe „U30 Lesung – Neue Literatur für Berlin“. Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.