BERLINER SZENEN
von Michael Brake

 

1

Jeder kann malen

 

Im Zug von Berlin nach Hannover. Vater, Typ Oliver Korittke, sieht recht verkatert aus. Tochter, etwa acht Jahre, eher so Pippi-Langstrumpf-Style.

Tochter: Was soll ich malen?

Vater: Mal doch mal Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin.

Nee, ich male keine Menschen. Und auch keine Tiere. Und keine Fabelwesen. Ich mal lieber eine Landschaft. Zum Beispiel einen Wald.

Ja, mal doch einen Wald.

Und wie soll ich den Wald malen? Von oben? Oder von mittendrin? Oder …

Papa! Wie soll ich den Wald malen!? Von oben, von mittendrin …

Von mittendrin. Von oben sieht das so langweilig aus.

(Das Mädchen malt einen Baum)

Papa, Du sollst auch mitmalen.

Nee, ich hab jetzt echt keinen Bock

(flüstert) Sonst schrei ich ganz laut!

Aber ich kann das nicht so gut. Wenn ich da jetzt was male, sieht das alles blöd aus.

Dann sieht es halt blöd aus.

Ich will aber nicht dein schönes Bild doofmalen.

Dann mal ich es halt nochmal.

Man kann auch gar nicht zu mehreren malen. Malen macht man alleine.

Stimmt gar nicht! Man kann auch zu zweit malen, oder zu dritt oder zu viert…

Mach dir mal ne Haarspange rein, damit du wieder aussiehst wie ein Mensch.

Du sollst jetzt mit mir malen.

Ich kann aber nicht malen.

Jeder kann malen! Jeder kann malen! Das hat meine Kunstlehrerin gesagt.

Als Kind habe ich gern gemalt. Aber durch den Kunstunterricht hatte ich keine Lust mehr. Da wurde einem immer gesagt, du sollst das malen und du sollst so malen. Dabei sollte man malen, worauf man Lust hat. Das kannst du deiner Kunstlehrerin mal sagen.

2

Was macht Luther?

„Es geht ums Prinzip. Ich zahl den Mongos doch nix!“

Es geht um die Kirche. In der S-Bahn. Drei Wilmersdorf-Boys diskutieren. Beziehungsweise: Zwei geben Stichwörter, einer proklamiert. „Eine Organisation, die sich nur von Steuergeldern finanziert, gehört abgeschafft!“ Und: „Die schreiben mir ständig Briefe. Das ist auch voll dreist.“

Er sei eh schon ausgetreten, automatisch, mit seinem Vater, meint einer der anderen. Die Konfirmation mache man doch eh nur wegen des Geldes, sagt der Dritte. „Aber wenn du konfirmiert bist, bist du katholisch?“, fragt der Zweite. „Nein, Mann! Bist du dumm? Evangelisch. Katholiken werden kommuniert.“ „Aber Katholiken ist der Papst, oder? Wen haben die anderen denn dann? Luther?“ Das weiß jetzt keiner so genau. Und was ist eigentlich los mit Luther? Vielleicht lebt der ja noch. Auf dem Mond, genau wie Hitler. Obwohl, Luther, nein, der lebt doch eher in der Hohlwelt. Da wird man ja auch 500 Jahre alt. Passt also.

Doch zurück zum Austritt. Ein Problem dabei sei nämlich, dass die Kirchensteuer auch auf der Lohnsteuerkarte oder so vermerkt ist. Der Arbeitgeber sieht das also und in Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg muss man in der Kirche sein. Sonst kriegt man keinen Job. Wirklich? Wirklich! Einem ehemaligen WG-Mitbewohner wäre das passiert. „Die rasten da völlig aus.“ Naja. „Bayern. Weißt du doch, dass die da anders ticken.“

Um wieviel Geld geht es eigentlich? So hoch sei die Kirchensteuer doch gar nicht. Diverse umständliche Erklärungen zu progressiven Steuersätzen und Freibeträgen später steht das Fazit: Kein anderes Land auf der Welt erhebt seine Kichensteuer einkommensbasiert. „Glaub ich nicht“, sagt der Zweite. „Komm, wir wetten um einen Kasten Bier.“ „Um Warsteiner. Das ist gerade bei Netto im Angebot.“


12399039_1037687882937837_126108833_nMichael Brake lebt mit seiner Katze in Berlin, er arbeitet als freier Journalist und Lektor, viel für die taz. Früher schrieb er unter anderem für das Blog Riesenmaschine. Er mag Füchse, brutalistische Gebäude, Bahnfahren, Fußballgucken und Industriebrachen. 2016 würde er gern Programmieren lernen.
michaelbrake.de