Klingen, die sich kreuzen.
von Björn Dade

Mit raschem Schwung das Kinn markant umrundet und die Wangen nachgezeichnet in einer Aufwärtsbewegung an herben Lippen vorbei, dabei en passant den Grübchen zugezwinkert, die dem vertrauten Gegenüber seinen Charme verleihen, ein Lächeln, die Lippen geschürzt, solange die Mundwinkel umfahren werden, und dieselben eingesaugt mit der Mimik des Rückbisses hinter die oberen Schneidezähne, solange über die verhängnisvollen Heben zwischen Oberlippe und Nasenscheidewand balanciert wird, eine Gratwanderung hinein in die Senke… Das Philtrum, Einkerbung der Partie zwischen Labium superis und Nares, ist als Terrain schwer schadlos zu nehmen, es bedarf großen Geschicks und einiger Detailkenntnis, Vertrautheit mit Wuchs und Beschaffenheit, um mit kleinen Einheiten vorzustoßen und die Kerbe zu räumen. Den Flaum an Schläfen und unterhalb weggewischt, die Lachfältchen dabei nicht zu bemüht, die Augen strahlen tiefer und stolzer mit den Jahren, und den Strich gegen die Ohrmuscheln kühn abwärts geführt über die mit Aloe vera befeuchtete Haut unter ihrem weichen, schaumigen Deckmantel, den ein kühner Schnitt teilt jenem Schwertstreich Sankt Martins gleich, diesem Sohne der Stadt Tours im Dienste des Mars würdig vor den Toren Amiens, um dann nochmals flugs beidseitig den Kieferbogen abzufahren bis hin zur verderblichen Frucht Adams… Wie auf der Maxilla im Subnasalen ein hoher Blutzoll droht oberhalb der Mundspalte, so ist auch der rastlos gelenke Unterkiefer, Mandibula, in seiner Hufeisenform verlustreiches Terrain, das, an der Spitze seines Bogens, dem Kinn, vom Musculus mentalis in runzelndes Schmollen geworfen, als mimische Hautparaklase mit Fingerspitzengefühl gespannt sein will, um unversehrt von der Klinge blank gezogen zu werden. Lavater mag meiner Nase genug Energie und Willenskraft für diese Reise zumessen, Entschlossenheit meiner Mimik, so Galton, Physiognom, und Gall, Forensiker, wenn ich mit kostbar-kühlem Naß mir das Gesicht befeuchte und die Waschung vollziehe, mich freispreche, mit der meine Züge bloßgelegt und hart werden vor dem Spiegel, die Hände dann eintauche in den frischen Strahl und die Wangenknochen hoch entlang der Orbitale über die Stirn das Haar mir glätte, das Flakon Eau de Toilette öffne mit seinem Drehverschluß… Ein letztes Residuum Heiligkeit dieses Ritual, das Mustern des neuerwachten Gegenübers im Vollzug des Aufschraubens, Entsiegelns, das muntere Nicken, Selbstvergewisserung, wenn das französische Wasser in die Handflächen verteilt wird, verwischt und schließlich aufgetragen auf die leicht geröteten Wangen, ein Klopfen und Fächern zugleich von Luft und Zuversicht mit diesem Schuß Duft auf Fingerspitzen auf die erhitzte Haut. Feuer, Brand, Wunden sind vergessen geblieben auf den Feldern, die Schlachtrufe leiser und fast verstummt, subtiler die Note von Schmerz und Angst, kein Pesthauch Martens mehr. Nur Blut fließt noch und vermengt sich mit Wasser und bildet einen Harnisch und bezeugt harsch das Werk gekreuzter Klingen.


bd_2014-10_circBjörn Dade lebt und schreibt in Berlin. Nach Studien in Tübingen, Berlin und Wien hebt er illustre Schätze der französischen Gegenaufklärung aus dem 18. Jh. und tobt sich literarisch aus in einem Halbdutzend Sprachen, vielstimmig und doch mit einer Stimme.