knopflos
von Julia Tautz

Die andere Frau kommt aus Polen. Sie rennt in altmodischen Kleidern durch die Flure und erzählt jedem ihre Geschichte. Als sie klein war, sprach sie eher selten und schaute mit großen, fragenden Augen von der letzten Schulbank, wenn die Lehrerin sie ansprach. Sie hatte einen Freund, der Hausmeister der schule. Er schenkte ihr manchmal Knöpfe, die er beim Aufräumen fand. Bald hatte sie eine sehr große Knopfsammlung, alle Farben waren vertreten; braun, gelb, grün, silbern, schwarz, rot, blau und schillernd oder auch in Form eines Apfels oder einer Blume. Sie bewahrte sie alle in einer kleinen Holzkiste mit Verzierungen auf. Nachts, wenn die Waschmaschine laut im Nebenzimmer rumorte und sie nicht schlafen konnte, packte sie alle Knöpfe aus und ordnete sie in bestimmten Reihenfolgen an, die einen Code darstellten. Jeder Knopf war ein eigenes Wort und zum Schluss fädelte sie ein Stück Kordel durch alle Knöpfe und trug den Knopfcode als Armband oder als Kette den ganzen nächsten Tag in der schule. Niemand erfuhr die Bedeutung, nur manchmal erzählte sie es der Waschmaschine, wenn sie mal wieder besonders laut polterte. Dann setzte sie sich auf den Deckel, ließ ihre Beine hinunterbaumeln und zählte die Wörter auf, dabei ließ sie die Knöpfe durch ihre Hand gleiten und erfand zu den Wörtern Geschichten. An einem Morgen wachte sie auf und ihr fielen alle Knöpfe vom Leib. Jemand hatte nachts alle ihre Knöpfe an den Kleidern gelockert, sie fielen aus und sie rannte verzweifelt durch die Straßen, suchte ihre Knöpfe, während der Wind durch ihre offene Jacke flatterte. Sie wühlte im Dreck und sprang Passanten an, um ihnen die Knöpfe vom Mantel zu reißen. Nie hat sie ihn gefunden, den Menschen, der ihr die Knöpfe lockerte. Nun schleicht sie nachts von Bett zu Bett mit Nadel und Fingerhut und stürzt sich damit auf die Kleider der Patienten. aber sie leiht sich die Knöpfe nur. Dann sitzt sie in der Küche, mit der Knopfkiste auf dem Schoß, neben dem Kühlschrank und redet in abgebrochenen Sätzen auf ihn ein. Aber er erwidert nur dann und wann mit einem zustimmendem Brummen.


unnamedJule Tautz wurde 1989 in Wuppertal geboren. Nach ihrem Bachelor in Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis an der Uni Hildesheim und einem längeren Aufenthalt in London lebt sie inzwischen in Berlin. Immer wieder bastelt sie zusammen mit anderen an Anthologien, Musikfestivals und Veranstaltungen verschiedener Sorten, kümmert sich momentan um die Pressearbeit eines Festivals für Fotografie (http://analoguenow.com/) und studiert einen Master in Vergleichender Literatur- und Kunstwissenschaft an der Uni Potsdam. Inspiration zum Schreiben kommt ihr meistens beim Unterwegssein und Reisen.