Vater, Mutter, Kind

von Maik Gerecke

Immer wenn Alina zu mir kam, saß ich auf der Ausziehcouch meiner kleinen Wohnung und starrte aus dem Fenster. Ich drückte den Summer, ließ dann einfach die Wohnungstür ein Stück offen stehen, wartete, und sie kam dann irgendwann herein. Sie mochte es nicht, wenn ich rauchte, deswegen öffnete ich immer schon eine Stunde, bevor sie kam, die Fenster, um durchzulüften und ging zum Rauchen auf den Balkon solange sie bei mir war. Freiwillig. In meiner eigenen Wohnung. Alina meinte immer, das würde meiner Gesundheit ohnehin nicht gut tun und sie wisse sowieso nicht, wieso in aller Welt ich es denn überhaupt täte – rauchen.

Jedes Mal – wirklich jedes Mal! – wenn sie kam, blieb sie in der Tür zum einzigen Raum dieser Wohnung stehen, schaute auf das Chaos, das sie vorfand, und sagte mit ihrem slawischen Akzent und den Händen in den Hüften: »Wie sieht es hier wieder aus?« Vorwurfsvoll. Und immer – jedes Mal – lächelte ich müde und zog eine Schulter hoch.

Alina war eine gut aussehende Frau. Sie hatte lange Beine, breite Hüften, einen gewaltigen Vorbau und ein hübsches rundes Gesicht. Wenn sie ihre hohen Schuhe anzog – die ich auf den Tod nicht leiden konnte –, dann war sie sogar ein ganzes Stück größer, als ich. Und sie hatte diese … na ja, diese Art an sich. Dieses Althergebrachte, das man wahrscheinlich auf irgendwelchen osteuropäischen Dörfern konservierte, und das sie mit einer Authentizität herüberbrachte, die unter all diesen heutigen Fashion- und Lifestylespezialisten, all der scheinheiligen Originalität, nirgends mehr zu finden ist. Wenn ich wegen was auch immer niedergeschlagen war, dann griffen ihre Arme nach mir und betteten meinen Kopf auf ihrer Brust. Sie streichelte mir eine Weile über das Haar, wie bei einem Haustier, dann küsste sie mich, bis jeder Kummer restlos verdrängt war.

»Wie soll ein Mensch hier leben?« fragte sie mich immer und musterte kopfschüttelnd die Unordnung. »Immer dasselbe bei dir. Unverbesserlich. Unverbessrtlich!«

Und während sie das sagte, begann sie schon, die ersten Kleidungsstücke vom Boden aufzusammeln, sie skeptisch zu untersuchen und zu begutachten. Wenn sie damit fertig war, stopfte sie sie unter ihren linken Arm, sammelte und sammelte, als würde sie Beeren pflücken. Sie machte einen Haufen in der Ecke, überführte diesen bald langsam rüber ins Badezimmer, wo sie dann schließlich begann, mit ihm die Waschmaschine oder zumindest den Wäschekorb zu füllen. Sie räumte auf. Ohne, dass ich ein Wort sagte. Tat es einfach. Räumte die Teller in die Küche, saugte Staub, räumte Müll zusammen.

Irgendwann, während sie meine Wohnung aufräumte, stand ich dann auf und ging auf den Balkon, um zu rauchen. Drinnen polterte und rumorte es und ich schaute herunter auf den kleinen Kinderspielplatz vor meinem Haus, auf dem sich, sobald es warm wurde, immer die Mütter mit ihren Kindern einfanden. Väter sah man dort unten eher selten und manchmal, da fragte ich mich: Warum eigentlich? Komisch war auch, dass die Kinder gar nicht miteinander zu spielen schienen. Ich war ja selbst nie ein besonders geselliges Kind gewesen, aber ich erinnere mich, dass man damals – als ich noch ein Kind war –, dass man damals auf dem Spielplatz noch Leute kennen lernen konnte. Die Mütter haben immer auf den Holzbänken am Rand gesessen, gestrickt oder sich unterhalten. Und die Kinder machten derweil ihre ersten Erfahrungen in Sachen sozialer Kontaktaufnahme mit der eigenen Generation. Aber damals, als ich dort auf meinem Balkon stand, Alina hinter mir in der Wohnung aufräumte, während ich gemütlich eine Zigarette rauchte, da sah ich nur die Mütter mit ihren jeweiligen Kindern spielen. Immer spielten nur Mutter und Kind. Oder manchmal auch Vater und Kind. Aber Kind und Kind – eine absolute Seltenheit.

Wenn ich mit dem Rauchen fertig war und durch die Balkontür wieder ins Innere der Wohnung trat, machte Alina gerade ihre letzten Handgriffe. Jedes Mal. Sie nahm schon den Staubsauger wieder vom Netz, trug eine Tüte mit Müll in die Küche und ich wunderte mich immer noch, wie wenig eigentlich nötig war, um hier drinnen Ordnung zu halten. Ich blieb in der Balkontür stehen, betrachtete ihr Werk und dann, wie sie sich damenhaft auf die Ausziehcouch setzte, ihre Beine übereinander schlug und ihr langes Haar zurückwarf.

»So kann man eine Frau empfangen«, sagte sie dann immer und stützte sich mit ihren Händen hinter dem Rücken ab. Ihre Brüste schoben sich nach vorn, als machten sie einen Schritt auf mich zu, und ihr Kopf neigte sich ein wenig zur Seite. So sah sie mich dann an und lächelte. Immer ein wenig vorwurfsvoll, aber nicht so, dass man denken würde, man hätte gerade etwas wirklich Schlimmes verbrochen. Sie hat nie geklagt. Mir nie einen Vorwurf gemacht. Hat mir nie das Gefühl gegeben, ich würde in ihrer Schuld stehen. Es war einfach so, als würde sie für das einstehen, was sie für richtig hielt – Ordnung.

Ich bin dann einfach immer auf sie zu gegangen, habe mich vor sie gestellt, sie – gerade zu schelmisch – angelächelt und ihr dann einen Kuss gegeben. Ich habe mich nie schuldig gefühlt, habe nie »Danke« gesagt, nicht zuletzt, weil ich dieses Wort aus irgendeinem Grund nicht ausstehen kann. Weil ich in meinem Leben damit soviel Zwang in Verbindung hab stehen sehen und weil auch ich es nie – mit keinem Wort – je von ihr verlangt habe. Und Alina hat mir meinen Undank nie angekreidet. Hat sich nie beschwert, es nie verlangt. Ich glaubte immer, es sei okay. Glaubte, wir seien einfach zwei Konstanten, zwei Gegensätze, die einander brauchen und nur zusammen ein Ganzes bilden können. Ein fortwährendes Werden und Vergehen, Protagonist und Antagonist.

Chaos und Ordnung.

Aber irgendwann, nach ein paar glücklichen Monaten, verließ sie mich. Sagte mir, ich sei nicht »erwachsen genug für diese Welt«. Denn immerhin wolle sie ja irgendwann auch einmal Kinder haben.


gerecke-maik-autorenfotoMaik Gerecke, *1983 in Hannover, lebt seit 2011 in Berlin. Studium der Philosophie und Linguistik in Göttingen und Potsdam. Als freier Autor und Journalist schreibt er u.a. für den FREITAG und veröffentlicht Prosa in Literaturzeitschriften und Anthologien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war für diverse Literaturpreise nominiert, zuletzt für den Literaturpreis Prenzlauer Berg.