XVII./24

Tamaulipas
von Isabella Caldart

Ralph Walter warf sich sein einstudiertes Zahnpastalächeln im Rückspiegel zu und richtete dann mit der Hand die nach wie vor perfekt sitzende Frisur. Aus dem Autoradio schepperte mexikanische Schlagermusik, die immer wieder durch Störfrequenzen unterbrochen wurde. Ralph Walter scherte sich nicht um die Dissonanzen und auch die karge Landschaft Nordmexikos, die an den Fenstern des alten Volkswagens vorbeiraste, interessierte ihn nicht. Als junger Journalist mit einer klaren Vision war er auf dem Weg nach San Fernando in Tamaulipas. Jedes Mal, wenn er während der Fahrt den Namen des mexikanischen Bundesstaates vor sich hinmurmelte, durchfuhr ihn ein wohliger Schauder. Tamaulipas versprach ein typisch mexikanisches Abenteuer voller Folter und Mord. Auf dem Beifahrersitz lagen mehrere Ausgaben der Zeitungen El Gráfico und Metro, deren Titelbilder Tag für Tag Fotos von auf grausige Art umgekommenen Menschen zeigten. Anhand dieser Artikel hatte Ralph Walter den Norden als Ziel für seine neue Reportage ausgewählt. Der Drogenkrieg forderte dort unzählige Opfer und gewann Jahr für Jahr an Intensität. Die gefährlichsten Bundesländer, vor denen ausdrücklich gewarnt wurde, sie als Tourist zu bereisen, Tamaulipas, Nuevo León, Coahuila, Chihuaha, lagen allesamt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Eine weitere Recherche hatte ergeben, dass es in der Stadt San Fernando in Tamaulipas im letzten Jahr ein schreckliches Massaker an Mittelamerikanern gab, die versuchten hatten, über Mexiko illegal in die USA einzureisen. Auch in diesem Jahr waren schon mehrere Massengräber in der näheren Umgebung San Fernandos ausgehoben worden. Der beschauliche Name täuschte über die Realität hinweg: San Fernando galt als eine der gefährlichsten Städte weltweit. Die Zahl der vermissten Personen in der Umgebung lag im vierstelligen Bereich. Genüsslich hatte sich Ralph Walter auf seinem Smartphone die grauenhaften Details über Folterungen und Hinrichtungen von Unschuldigen durch die Hand der Narcos durchgelesen. Wenn es ihm gelänge, einen Exklusivbericht über einen Narco zu schreiben, dann würde man ihm in seiner Heimat den Artikel aus der Hand reißen. Geld und Ruhm lagen in greifbarer Nähe.

Je weiter er in den Norden kam, desto verlassener und karger wurde die Gegend. Die Klimaanlage kämpfte lautstark brummend damit, die Temperatur im Auto auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren. Ralph Walter hatte das Radio aufgedreht und sang zu den kitschigen Liedern mit. Jedes Mal, wenn er ausstieg, um gegen den rechten Hinterreifen seines verstaubten Audis zu pinkeln, versuchte er, die Windschutzscheibe mit einem Tuch zu reinigen, was wenig dauerhaften Effekt hatte. Als er nur noch wenige Stunden von seinem Ziel entfern war, kam er immer öfter an ausgebrannten Autowracks vorbei, die wie unverhohlene Drohungen die Straßen säumten. Zum ersten Mal beschlich ihn ein ungutes Gefühl, das er schnell wieder verdrängte. Auch wenn sich Ralph Walter unsterblich fühlte, drückte er aufs Gas, um noch bei Tageslicht in San Fernando anzukommen. Geschichten von schwer bewaffneten Narcos, die Busse und Autos auf den Landstraßen abfingen und deren Insassen entführten oder töteten, hatte er zu Genüge gelesen. Ralph Walter liebte das Risiko, aber lebensmüde war er nicht.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hatte er San Fernando, Tamaulipas, erreicht. Auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft fuhr er durch die Innenstadt. Die Straßen lagen wie ausgestorben vor ihm, die wenigen Menschen, die er sah, hasteten mit gesenktem Kopf nach Hause. Bei einem Motel in US-amerikanischen Stil stellte er seinen Wagen auf dem Parkplatz ab und ging mit zügigen Schritten auf die Rezeption zu. Hinter einem vergitterten Fenster saß ein Männlein, das ihn misstrauisch beäugte. Ralph Walter bestellte ein Zimmer für vier Nächte. Das Männlein schnaubte als Antwort verächtlich schob ihm einen Schlüssel durch die Luke im Fenster zu. Auf dem Weg zu seiner Unterkunft spürte Ralph Walter seinen durchdringenden Blick im Rücken. Das Zimmer war ein ungastlicher Raum, dessen Ausstattung aus einem Bett mit fleckigem Überzug, einem Röhrenfernseher und einem kleinen Nachttisch mit Lampe bestand. Nachdem er seine Sporttasche mit den wenigen Habseligkeiten eingeschlossen hatte, drehte er eine Runde durch die Innenstadt.

Trotz der Abendstunden stand die Hitze in den Straßen von San Fernando. Ralph Walter wischte sich immer wieder über die Stirn, um seinem Schweiß Herr zu werden. Eine feindselige Atmosphäre hing über der Stadt. Die meisten Läden, an denen er vorbeiging, waren verriegelt, viele standen ganz leer. Er spürte, dass er zwischen den zugezogenen Vorhängen der Häuser, die er passierte, beobachtet wurde. Da er nicht wusste, wie er mit seiner Recherche anfangen sollte, machte er sich auf die Suche nach einer Bar, um Tequila zu trinken und sich mit den anderen Gästen zu unterhalten. Beinahe eine halbe Stunde musste Ralph Walter seine Runden durch die Nachbarschaft drehen, bis er endlich eine geöffnete Kneipe fand, deren Neonschild als greller Kontrast zu der dunklen Stadt leuchtete. Er öffnete die Tür und spürte prompt die Blicke der wenigen Männer, die an der Theke saßen, auf sich gerichtet. Er fühlte sich nicht mehr selbstsicher, auch wenn er das vor sich selbst nicht zugeben wollte. Eine unangenehme Stille herrschte, als hätten alle in genau dem Moment, in dem er den Laden betrat, ihre Gespräche unterbrochen. Im Hintergrund düdelte Mariachi-Musik. Ralph Walter bemühte sich um eine arrogante Haltung und setzte sich an die Bar, wobei er mehrere Hocker Abstand zum nächsten Gast ließ.

„Ein Bier“, bestellte er so knapp wie möglich. Sein Auftreten als Fremder in dieser Stadt wollte er nicht noch durch seinen ausländischen Akzent betonen.

Der Mann hinter dem Tresen knallte ihm wortlos eine Flasche vor die Nase. Neben ihm wurde das Gespräch in Flüsterlautstärke wieder aufgenommen. Sie sprachen über ihn, dessen war er sich sicher.

Ralph Walter wollte sich seine Unsicherheit nicht anmerken lassen, trank das Bier aber hastig aus, bezahlte und ging. Draußen hatte sich eine bleierne Finsternis über die Stadt gelegt. Nur wenige Straßen wurden von schwachen, flackernden Lampen beleuchtet. Auf dem Rückweg zu seinem Motel hörte er plötzlich ein lautes Motorengeräusch, das sich zügig näherte. Er verstecke er sich in der schützenden Dunkelheit einer Hofeinfahrt. Gerade noch rechtzeitig – und schon fuhr auf der Straße, die er eben noch entlanggelaufen war, ein Konvoi gepanzerter SUVs vorbei. Alle Geländelimousinen waren schwarz und auf Hochglanz poliert, die verdunkelten Fensterscheiben ließen die Personenanzahl im Inneren nicht erahnen. Narcos. Ralph Walter zählte insgesamt zwanzig Wagen, die in Richtung Innenstadt an ihm vorbeirasten. Er hatte keinen Anhaltspunkt, ob es sich um Los Zetas oder um das Golf-Kartell handelte, die beide in Tamaulipas aktiv waren. Es war ihm plötzlich auch nicht mehr wichtig, er sehnte sich nur noch nach der erhofften Sicherheit seines Zimmers. Als das Viertel wieder in seiner dumpfen Geräuschlosigkeit versank, hastete der Journalist nach Hause, wohl darauf bedacht, im Schatten zu bleiben.

Auch in den nächsten Tagen in San Fernando hatte Ralph Walter nicht mehr Erfolg. Tagsüber war die Stadt zwar etwas belebter, Kontakt zu den Einheimischen konnte er trotzdem nicht aufnehmen. Die Frauen sahen niemandem ins Gesicht und erledigten schnell ihre Einkäufe, um gleich wieder nach Hause zu eilen. Von den meisten Männern bekam er misstrauische Blicke zugeworfen, in seinem Rücken hörte er feindselige Kommentare. Nach Einbruch der Dunkelheit traute er sich kaum mehr auf die Straße. An seinem dritten Tag hatten Zeitungsartikel mit plastischen Fotoserien über den Mord an einem Ausländer in San Fernando berichtet, der brutal erschlagen in einem Straßengraben abgeladen wurde. Offensichtlich hatte man das Lösegeld für ihn nicht gezahlt. Der Ort, an dem die Leiche gefunden wurde, war nicht weit von Ralph Walters Motel entfernt. Er fühlte sich wie in einem surrealen Film, abgeschottet von der Realität. Die drückende Atmosphäre in der Stadt, die durch die nie enden wollende Hitze gesteigert wurde, verstärkte das Gefühl eines immerwährenden Unwohlseins. Seine forsche Art hatte Ralph Walter verloren. Er machte sich Notizen, von denen er noch während er sie verfasste bereits wusste, dass sie unbrauchbar wären. Sie glichen mehr Tagebucheinträgen als Rohfassungen für einen Artikel. Er fühlte sich wie gelähmt. Die staubige Luft der Stadt trocknete ihm die Augen aus und ließ die Lippen spröde werden. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Ein, zwei Mal versuchte er, einzelne Personen anzusprechen. Diese Versuche erwiesen sich als erfolglos. Kein Mensch wollte mit einem Ortsfremden reden. Das Thema Gewalt war ein Tabuthema in San Fernando.

Ralph Walter lief weiterhin ziellos durch die Stadt, die ihm inzwischen wie das abgrundtief Böse, wie der Vorort zur Hölle erschien. Vage überlegte er, ob er in eine andere gefährliche Stadt, nach Monterrey oder Ciudad Juárez, weiterreisen sollte. Doch er wusste, dass er sich geschlagen geben musste. Er würde keinen Insiderbericht über die Kartelle schreiben. In einem Internetcafé suchte er nach Flügen, die ihn in die USA, nach Mexiko-Stadt oder in ein anderes Land retten sollten. Doch anstatt zu buchen, verlängerte er sein Aufenthalt in dem Motel. Er verstand selbst nicht, aus welchem Grund er das tat. Bleiben wollte er nicht. Er wusste, dass es höchste Zeit war, zu gehen, bevor er noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Doch er konnte nicht. Er konnte nicht gehen. Die Stadt hatte eine eigentümliche Sogwirkung entwickelt, die ihn willenlos machte und an sie band. Irgendetwas ihrer Atmosphäre hielt ihn in ihr gefangen. Und so lief er immer weiter durch ausgestorbene Gassen vorbei an Häusern, hinter denen verbitterte Menschen ihr Leben fristeten.


DSC09080 AusschnittIsabella Caldart verfasst Artikel und Kritiken für diverse Zeitschriften und Onlinemagazine, bevorzugt schreibt sie aber Fiktionales. Die vorliegende Geschichte entstand während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Mexiko.

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

1 Kommentar

  1. Hoffentlich wird Mexiko diese Plage irgendwann los.

Kommentar verfassen