Himmelfahrt im Papierschiff
von Josta van Bockxmeer

Ich betrete das Hausboot und berühre im Vorbeigehen die Rillen der Holzvertäfelung mit meinen Fingerspitzen. Das Rattern durchbricht die Stille und wird erst von einem Bild unterbrochen, dessen Ecken sich im Verlauf der Jahre gekrümmt haben. Ein vergilbter Abzug, ich habe ihn vor langer Zeit mit einer Nadel dort festgesteckt. Er zeigt Sara und mich im Gras. Wir hatten uns auf die Uferwiese gelegt, obwohl es gerade geregnet hatte und wir die Tropfen auf unserer Haut spürten. Sie hatte schon die ersten Milchzähne verloren, ich trug eine Brille. Hinter uns die Werft, wo keine Frachtschiffe mehr gebaut wurden, sondern Künstler arbeiteten. Dort hatte Mama ihre Dunkelkammer, wo ich später im roten Licht zusah, wie auf dem weißen Fotopapier allmählich unsere Gesichter erschienen. Ich lasse meine Augen über die Zeitungsausschnitte gleiten, die die Wand bedecken. Erbleichte Berichte zur Schifffahrt, zur Umweltverschmutzung, zum Aussterben der Singvogelarten. Bilder einer vergangenen Zeit.

Ich gehe ins Wohnzimmer und sehe seinen Rücken an. Er sitzt über den Holztisch mit der braunledernen Schreibeinlage gebeugt. Vor ihm ein Stapel weißer DIN-A4-Blätter. Er faltet aus ihnen Papierschiffe, die er aus dem Fenster hinaus zu Wasser lässt. Er hat schon so viele Schiffchen gefaltet, dass sie auf der Wasseroberfläche einen weißen Fleck bilden, wie eine riesige Eisscholle. Das Hausboot liegt in deren Mitte, groß und dunkel wie die letzte Zuflucht im arktischen Winter. Er wagt sich nicht hinaus in die Kälte. Er faltet. Er faltet ein Blatt in der Mitte, schlägt die Ecken um, bildet den Rumpf. Dreht es, faltet, dreht. Ein gleichmäßiger Rhythmus. Seine breiten Finger sind trocken vom Anfassen des Papiers, die Fingernägel zeigen Risse. Ich versuche mir vorzustellen, dass er derselbe Vater ist, der mir früher das Bogenschießen beigebracht hat mit einem selbstgeschnitzten Pfeil und Bogen. Dem ich zum Spaß die Augen zuhielt, wenn ich auf seinen Schultern ritt.

In einem Zeitungsartikel hat man ihn einen älteren Mann genannt. Die weiße Landschaft vor unserem Fenster zieht Fotografen an, die sich auf der Werft herumtreiben. Wenn sie zu nah kommen, rennt er hinaus und schreit, bis sie sich in ihre Fahrzeuge flüchten. Er konnte aber nicht verhindern, dass in der Zeitung einige Fotos seines Kunstwerkes erschienen sind. Auf einem ist er selbst zu sehen, seine weißen Haare im Wind zerzaust, der Mund halboffen. Es fehlt noch die Sprechblase mit „Hau ab“ und drei Ausrufezeichen. Der verrückte Bootbauer aus Noord. Ich halte ihm die Zeitung vor das Gesicht, lege sie dann auf die rauen Hände. „Guck mal. So denken die über dich.“ Er blickt kurz drauf, schlägt dann von unten gegen das dünne Papier, es flattert auf und gleitet zu Boden. Er faltet weiter.

„Hast du Papier geholt?“ fragt er. Ich hole eine Packung farbiges Papier aus meiner Tasche und lege sie ihm auf den Tisch. „Ich dachte, ich kaufe mal was Anderes. Ein bisschen fröhlicher“, sage ich. Ich fange an, das Geschirr von zwei Wochen zu spülen. Nach einer Weile frage ich: „Und, wie findest du’s?“ Keine Antwort, aber hinter mir höre ich einen dumpfen Schlag. Die farbigen Blätter sind im Papierkorb gelandet. Ich nehme sie heraus und lege sie wieder auf den Tisch, spüle weiter. „Wo ist das weiße?“ fragt er. „Das gibt es nicht mehr.“ Ich tauche die nächste Tasse ins Wasser. „Wie, das gibt es nicht mehr“, seine Stimme klingt erschrocken. „Du hast es eben verbraucht.“ Ich bürste die Tasse gründlich ab. Er steht auf und fegt mit einer einzigen Armbewegung alle Schiffchen vom Tisch. Dann bleibt er stehen und scheint nicht zu wissen, wie es jetzt weiter gehen soll. Eine Große Gestalt in einem kleinen, schwankenden Raum. Ich halte inne, Gefäß und Geschirrtuch in der Hand, schaue zu ihm auf. „Papa“, sage ich, „warum redest du nicht?“ Seine Augen durchwandern den Raum, so als würden sie einen Halt suchen. Er räuspert sich. „Du wolltest mich nicht belasten, stimmt’s?“ sage ich. Ich merke sofort, dass meine Stimme nicht so ruhig bleibt, wie ich es vorhatte. „Und darum rufst du mich an, wenn es zu spät ist und es Mama nicht mehr gibt, und wenn ich hier ankomme sagst du nichts und faltest Schiffchen? Kein Problem, das belastet mich wirklich nicht!“ schreie ich und stürze zur Tür, die Tasse fällt klirrend zu Boden.

Sara sitzt auf ihrem roten Fahrrad und wartet, ihre Füße reichen gerade bis zum Boden. Als ich einige Meter von ihr entfernt bin, lächelt sie und fährt langsam los, ich renne und springe auf ihren Gepäckträger. Sie tritt kräftig in die Pedale, und wir schaffen es gerade noch auf die Fähre, bevor die Ladeklappe hinter uns hochfährt. Erst während der Abfahrt küssen wir uns zur Begrüßung dreimal auf die Wangen. „Schön, dich wieder zu sehen!“ Sagt sie und zögernd: „Auch wenn der Anlass…“ „Ich freue mich trotzdem“, unterbreche ich sie. „Wie geht’s deinem Vater?“ fragt sie. Als ob das ganz normal wäre, sage ich: „Er faltet halt. Macht nichts anderes.“ Sie nickt und guckt besorgt. „Und wie geht’s dir?“ Ich zucke mit den Achseln und schaue übers Wasser zurück zur Werft. Ich denke daran, wie ansteckend Mama lachen konnte und Andere mitriss, und wie sich in dieses Lachen irgendwann etwas Überhebliches einschlich, etwas sich selbst Fortreißendes, das mich schaudern ließ. Ich möchte es Sara erzählen, aber sie redet schon darüber, wen wir heute Abend alles treffen werden, und der Moment ist vorbei. Sie hat sich Mühe gegeben heute: Die blonden Haare glatt nach hinten gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden, sehr viel Mascara auf den Wimpern, von denen ein paar zusammenkleben. Ich komme mir neben ihr zerzaust vor.

Der Club ist im elften Stock eines Gebäudes auf der anderen Seite vom Wasser. Der DJ kommt aus Berlin. Eigentlich mag ich Techno nicht, aber Sara kennt sich mit Musik besser aus, also gehe ich mit. Wir bahnen uns einen Weg durch die Masse, stoßen an, bahnen uns den halben Weg zurück. Wir tanzen, zuerst vorsichtig, dann immer ausgelassener. Ich schließe die Augen, fühle den Beat, sehe Formen und Farben fließen. Als ich sie wieder öffne, ist Sara verschwunden. Irgendwann sehe ich sie auf einer Bank an der Seite einen blonden Jungen küssen, kurz darauf ist sie wieder weg. In der Morgendämmerung lehne ich mich ans Fenster. Im betrunkenen Zustand fühlt es sich so an, als würde die kalte Scheibe sich wölben und als könnte ich, wenn ich nicht aufpassen würde, herunterfallen. Elf Stockwerke unter mir sind die Bahngleise, wie aus Streichhölzern gemacht, ein Spielzeuggüterzug fährt gerade in den kleinen Bahnhof ein. Links daneben eine Kirche, deren Turm nicht einmal bis zu meinen Füßen reicht. Zwischen den Backsteinhäusern des Zentrums ist der Lauf der Kanäle zu erkennen. Rechts das Wasser, mit ein paar Segelschiffen, die von hier wie Papierboote aussehen. Einmal pusten würde ausreichen, um sie kentern zu lassen. Ich denke daran, wie ich als Kind meine Tage am liebsten auf der höchsten Plattform des alten Krans auf der Werft verbrachte. Er schwankte manchmal gefährlich im Wind, und die abblätternde Farbe blieb an meiner Kleidung hängen, wenn ich hochkletterte. Aber nirgendwo fühlte ich mich sicherer als da oben. Von dort nahm ich erst wahr, wie klein Amsterdam und seine Einwohner sind und wie ohnmächtig gegen den Wind und den Regen.

Auf dem Rückweg fährt Sara Schlangenlinien, bei den Brücken muss ich manchmal vom Gepäckträger springen und sie schieben. Als wir auf der Werft ankommen legen wir uns ans Ufer. Im goldenen Morgenlicht unser Spiegelbild. Ich binde meine Haare zusammen, halte meinen Kopf neben ihren: Locken neben glattem Haar, kleine Augen neben großen, schmale Lippen neben vollen. „Weißt du noch, dass Mama das Foto von uns gemacht hat?“ Ein Papierschiffchen treibt ins Bild hinein und verursacht kleine Wellen. Sie verzerren unsere Gesichter wie in einem Lachspiegel. Sara öffnet ihren Mund, der ganz groß wird. Mein rechtes Auge steht plötzlich nicht mehr auf einer Linie mit meinem Linken. Wir lachen und können nicht mehr aufhören. „Ich habe Bauchschmerzen“ sagt sie irgendwann. Ich sage: „Ganz schön verrückt, die Papierschiffe.“

Im Boot ist es halbdunkel. Das Geschirrtuch und die zerbrochene Tasse liegen noch auf dem Boden, das Spülwasser ist kalt geworden. Papa sitzt am Tisch, neben ihm eine Bierflasche. Er faltet nicht. Ich fülle Wasser in ein Glas und lehne mich ihm gegenüber ans Fensterbrett. Aus den Lautsprechern der Stereoanlage klingt Vogelgezwitscher. Alle paar Minuten ein anderes, und zwischendurch sagt eine Männerstimme: „Das war die Kohlmeise.“ Oder: „Die typische Stimme der Bachstelze.“ Als Kind hatte ich die CD schon satt. Ich drücke auf Stopp und sage: „Ich muss dir was zeigen“. Er lässt sich mitziehen. Hinaus auf die Werft und zu dem Schuppen, in dem die Dunkelkammer ist. Ich drehe den Schlüssel in dem Vorhängeschloss, die Tür schlägt auf und ein modriger Geruch kommt uns entgegen. Drinnen mache ich das rote Licht an und lasse meine Augen über den Tisch gleiten, die geflieste Wand, die Bäder, noch mit Chemikalien gefüllt. Drei Bilder liegen im Entwicklungsbad, sie sind komplett schwarz geworden. An der Wäscheleine hängen Fotos von Papa, der die Segel seines Bootes hisst. Papa am Ruder. Papa und Mama an der Reling, ihre dunklen Haare wehen im Wind. Ein Mädchen in einer alten Jacke auf einem leeren Bahnsteig. „Wer ist das?“ frage ich. „Keine Ahnung“, sagt er. „Sie muss das Bild gemocht haben“. Daneben Bilder von der Werft, der rostige Kran zeigt wie ein warnender Finger in den Himmel. Das letzte Bild zeigt Mama in einem langen Kleid, die Haare in einem losen Zopf. Sie steht gerade von der Bettkante auf und will dem Fotografen offenbar etwas sagen.

Über dem Wasser liegen Nebelschwaden, die die Papierboote fast blau erscheinen lassen. Es ist nicht zu sehen, wo sie aufhören und nur noch Wasser ist. Im Wohnzimmer sitzt Sara. Sie nimmt mich mit auf die Fähre übers Wasser zur centraal station, wo wir umsteigen und nach IJmuiden fahren. Wir laufen barfuß durch die Dünen bis zum Strand, der Wind weht durch unsere Haare und der Sand klebt zwischen unseren Zehen. Ich spüre die Worte eine Weile auf meinen Lippen, bevor ich sie sage: „Das war kein Unfall“. „Wie jetzt…“ sagt sie. „Das war kein Unfall“, sage ich. „Mit den ganzen Chemikalien im Labor..“ Sie tut einen Schritt von mir weg und mustert mich. „Ernsthaft?“ „Ja“, sage ich und versuche, es nicht böse klingen zu lassen. Sie kommt wieder auf mich zu und legt einen Arm um meine Schultern, umfasst mit dem anderen meinen Kopf. Meine Tränen machen einen Fleck auf ihrem Shirt und wir kommen ins straucheln. Wir laufen, bis eine Fahrrinne uns am Weitergehen hindert. Als wir uns setzen, sehe ich ein paar Meter entfernt auf dem Wasser etwas Weißes leuchten. Ich gehe hinein, obwohl das an dieser Stelle gefährlich ist. Es ist eins von Papas Papierschiffchen, noch komplett intakt, nicht einmal aufgeweicht im Wasser. Ich gehe zurück zu Sara und setze mich neben sie.


Josta_foto_kleinJosta van Bockxmeer, 1987 in Amsterdam geboren, fand sich achtzehn Jahre später in Berlin ein. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Potsdam und studiert jetzt Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im Master an der FU Berlin. Dort nahm sie auch am Autorenkolleg von Hans-Joachim Schädlich teil. Texte von ihr erschienen in mehreren Anthologien. Journalistische Arbeiten u.a. für die taz und den Tagesspiegel.