Pobierowo
von Magdalena Kotzurek

Pobierowo. Ein kleines Dorf, genau so klein wie es klingt, mit einem Streifen Wald zwischen den Häuschen und dem Meer, das mal schwarz ist, mal blau. Das Dorf endet ein paar geschwungene Straßen hinter seinem Anfang und sobald man anfängt, ein Stück zu gehen, ist es auch schon wieder zu Ende. Dort sind dann Landstraßen ohne Fußgängerweg, Stände mit Früchten und Honig für die vorbeikommenden Autofahrer, und Waldstücke, die aussehen, als könnte es drin interessant werden.

Auf dem Weg nach Pobierowo fährt der Bus einen Schlenker von Stettin ans Meer und zurück Richtung Usedom. Jedenfalls der Bus, den wir genommen haben und der drei Stunden gebraucht hat, es gibt auch einen, der nur halbsolang braucht, den nehmen wir für die Rückreise. Dienstag nach Montag hängt mir der Wind vom Meer als Kratzen im Hals und ich erinnere mich an den Sand am Haaransatz, der gestern im Bus noch dort hing wie Schuppen. Alles schon weggewaschen.

Der Bus fährt durch viele kleine Orte und an vielen Feldern vorbei, auf denen aufgerollte Strohballen liegen, manche mit Plastik vor Regen geschützt. Sie liegen da wie Kunstrasenrollen, als müsste man sie nur einmal antippen, um rückwärts wieder ein Feld zu haben. Wie Bilder von Zeit, eingepackt in weiße Plastikschoner, wie die eingerollte Zeit beim Reisen, in der man so viel Landschaft sehen kann, wie zu Fuß in einem Jahr. Am stärksten ist dieses Gefühl in Zügen, wenn da rechts und links riesige Fenster sind und man quasi durch beide gleichzeitig sehen kann. So wie Fernsehen von Landschaften in Zeitraffer, Auffressen von Städten und Dörfern und Bäumen und Menschen, die man sonst nie so schnell sehen könnte, gedrückt in die Fenster des fahrenden Zuges – auf einmal wieder weg. Ich bin in Bewegung und sehe sie, sie bleiben da wo sie sind oder sehen andere, die auch fahren, nur woandershin. Sehnetze, Netzhaut, Urlaubssonne, Wind und Wetter.

Bäume mit Nadeln, Stacheln und Farne dazwischengehängt, dunkelgrün, dunkelbraun, Schatten, Lichter und Härchen und Stiele, Blätter und Moose in einem Wald, der so dicht ist, dass die Felderlandschaften auf der deutschen Seite wahnsinnig leer aussehen. Felder und dazwischen Reihen an Bäumen und dann wieder Felder. Die blaue Stunde, die Schatten sind lang und das Licht golden, nicht blau. Gegen zwanzig Uhr ist die Sonne weg und da steigt plötzlich Nebel aus der Erde, die Feuchtigkeit steht in Wolken weiß neben den Baumstämmen und wartet.

Und dann ist es dunkel, richtig dunkel, denn viel Stadt gibt es nicht, und dann ist man irgendwann da. Es ist zwar Nacht und wir merken, dass viele schon schlafen in den Häusern an denen steht, dass die Zimmer alle belegt sind, aber los ist trotzdem noch was: Spätsommer, aber trotzdem noch Sommer. Viel ist kurz und knapp und bunt, Casinolichter fliegen im Kreis auf Automatenarmaturen oder den Kästen, in denen Plüschtiere oder I-Pads liegen und über denen ein Greifarm sagt, ich bin für dich.

Unser Zimmer wurde schon vermietet, denn wir kommen viel später als erwartet. So schlafen wir eine Nacht im Bett des Sohnes der morgen auf eine Hochzeit geht und für das Wochenende nach Hause gekommen ist. Ich habe daran gedacht, dass sie vielleicht noch kommen, deshalb habe ich ein Bett bezogen, sagt die Dame und schaut verschwörerisch und der Sohn holt sich eine andere Matratze und isst mit uns Kuchen. Käsekuchen ohne Backen, erzählt die Dame, denn seine Eltern, die Gästehausbesitzer, haben heute 25. Hochzeitstag. Jemand, der nicht aus Polen oder Deutschland kommt, war noch nie bei uns, sagt sie und dann bieten sie uns Hochprozentiges an und wir trinken nach, mit Orangensaft.

Da sind Metallständer, bis hoch oben gefüllt mit Dingen. Schwimmringen und Papiermasken, Putin oder Merkel oder einem Schwein oder Hitler oder Justin Bieber. Mit Bällen, Plastikorigami, Blinkendem, Piepsendem oder Sandspielzeug und Paravents gegen den Wind, Schwimmsachen und manchmal Postkarten. Der restliche Platz ist je nachdem, wohin wir schlendern, eben bedeckt mit Häusern, von denen scheinbar im Sommer jedes Zimmer vermietet wird, oder mit Häusern, in denen Kuchen oder Waffeln mit Bergen von Sahne und Früchten und Sirup verkauft werden, oder mit Buden, wo Abziehtattoos geklebt, neonbunte Fäden in die Haare geflochten, Schmuck oder Keramik oder Kleider verkauft werden oder auch große Pflüschpferde mit Rollen an den Beinen stehen, auf denen sich Kinder die Straße entlang fortbewegen. Hingestrickt für die Touristen, ein Netzwerk aus kaufbaren Dingen und Zimmern und Essen und Trinken, aufgeblasen und aufgeblasen, und drumherum ist das Meer und der Wald und die Menschen, von denen nach dem September und vor dem Juli nur noch wenige übrigbleiben. Eine Straße im Ort ist deswegen gar nicht fest bebaut. Die Buden und Stände und Restaurants und Bars sind temporär, aus Holz und aus Planen und Sonstigem, was wieder abmontiert werden kann.

Um die meisten Häuser herum sind Gärtchen mit Obstbäumen. Andere steigen daneben schlossartig auf, die Schindeln glänzen und Säulen gibts auch, und Balkone mit Pelargonien. Weiter nach Osten, da wo die Straße aufhört, da ist dann mehr Wald und weniger Haus. Die Häuser stehen zwischen den Bäumen und nicht mehr andersrum, es wird dunkler und feuchter. Wenn es bei unseren Gastgebern schon so leise ist morgens, wie frisch in die Luft gegossen und dort erstarrt, wie muss es dann dort sein.

Im schwarzen Meer, da baden nicht so viele und wenn, dann sind es meist Männer ohne Haare und mit einem großen Bauch, ich sage MEIST. Ich renne ins Wasser und da schäumt es um mich herum, die Wellen sind weiß gekrönt und gemustert, aber das Wasser ist schwarz, und über mir öffnet sich ein riesiger Himmel, der einfach nur wolkig ist. Weiß gestrichen und dann trotzdem nochmal Türmchen und Türme und Wolken obenauf, in weiß und grau. Irgendwann sind senkrechte graue Streifen am Horizont, dort wird es jetzt wohl regnen.

Schwalben und Möwen und da ist fast keiner mehr am Strand, die meisten Stoffparavents, die man mit kleinen Hämmerchen in den Sand schlagen muss, sind abgezogen. Der Sand fliegt ins Gesicht und auf den Körper sobald man dieses Viereck oder diese Ecke verlässt, die man sich gebaut hat, in den Sand, zwei Wände, vier Wände. Der Sand ist ganz fein und weiß und ab und zu sind da Bierdeckel von Tyskie und Okocim oder Plastiktütchen, nur ab und zu, und in der Mitte von dort, wo ich hinschaue, da steckt eine richtig kleine Luftmatratze senkrecht im Sand, jemand hat sie dort vergessen.


1Magda Kotzurek, 1988 in Tychy/ Polen geboren, studierte in Tübingen, Berlin, Lima und Santiago de Chile, derzeit in Leipzig. Übersetzt aus dem Englischen, Spanischen und Polnischen. Teilnehmerin des Autorenkollegs an der FU Berlin.