Das Paradiesgärtlein
von Martin Storbeck

„Uns ist zergangen der lieplîch sumer. dâ man brach bluomen, da lît nu der snê.“
(Heinrich von Morungen)

Die Person von August O., seine Persönlichkeit, sein Charakter und seine Geschichte (wenn man nicht von Anamnese sprechen mag) sind nach wie vor umstritten. Es heißt, er habe schlimme Dinge getan, Unaussprechliches. Er habe wie in Trance oder Traum gehandelt und sei nicht Herr seiner Sinne gewesen. Aber August O. scheint in dieser Hinsicht ein Jedermann zu sein. Ich kann behaupten, dass er der durchschnittlichste Mensch zu sein scheint, und es dennoch nicht beweisen. Aber seht für euch selbst.

An diesem Tag (es kann jeder Tag sein; Hauptsache ist, dass es geregnet hat) haben sich die Wolken noch nicht ganz verzogen. Aber man konnte sehen, dass es nicht mehr regnen würde. Die sich auftürmenden Wolken, die das Herannahen einer Kaltfront ankündigten, da sich die kalten, schnellere Luftmassen unter die langsameren, warmen schoben und Feuchtigkeit somit schneller in höhere Lagen gepresst wurde, waren längst abgeregnet und es blieben einzelne Schäfchenwolken zurück. Es war warm zuvor gewesen und die Luft lag schwer. Einzelne Fäden von Duft konnten durch die Luft stromern und unerkannt wieder entwirren.

Der kleine Teil des Gartens, der noch unbearbeitet blieb, lag direkt vor der Mauer, die das Grundstück gegen die Welt abgrenzte. Als August auf das Stück zuging, quetschte sein Gewicht das noch nicht versinterte Regenwasser aus dem Boden. (Es hat doch mehr gegeben als erwartet) Der Geruch des kleinen, nur mit Mutterboden aufgeschütteten Stückes, das auch von Wasser getränkt war, erinnerte ihn an Ackerscholle und das Verlangen ließ ihn nicht los, reinzugreifen und Erde zu spüren. Sich selbst erden mit Mulde und Wasser.

Es ist nicht so, dass August in Hinblick auf seinen Garten engstirnig wäre, dass er seinen Rasen englisch genannt und ihn mit einem Lineal bearbeitet hätte. Der Rasen war durchaus penibel bearbeitet, aber es gibt dann doch extremere Ausnahmen. Seine Hingabe schien mehr der Arbeit selbst zu gelten als dem Ergebnis; vita contemplativa und activa in geistiger Einheit. Er sagte immer, dass ihn die Gestaltung reize. Dass er im Garten omnipotent sei, dass er das Sagen habe. Was das heißen soll und über August aussagt, sei dahingestellt. Wir versuchen nur, sein Vergehen zu schildern.

August O. suchte das Vergessen. Wie immer nach solchen Momenten dachte er nichts, erlebte er sich selbst als Außenstehender, ohne daraus einen Deut klüger zu werden. In den hinteren Rängen seines Denkens regierte die Zwietracht und heizte durch Zwischenrufe und Agitation seine Gedanken an. Ihm schien es bei der Auseinandersetzung gar nicht um viel zu gehen, nicht um die Welt, die sich hinter der Mauer, hinter den Wänden seiner eigenen Welt aufmüpfig und gefährlich zeigte, sondern nur mehr ein bisschen Freiheit, ein wenig Platz, um mit sich selbst aufräumen zu können. Nun rupfte er langsam aus der feuchten Erde die Reste der noch stehen gebliebenen Walderdbeeren und Veilchen. Eine kleine Iris ließ er vorerst stehen. Unter diesen Bedingungen war es nicht möglich, etwas nach seinem Willen gestalten zu können. Das Versenken in die Tätigkeit ist nur bei völliger Weltabgewandtheit möglich.

Die Gedanken, die er zu verdrängen suchte, schlugen mit jedem Zug, mit jeder Anstrengung oder bedächtigen Reißerei wie Wellen in sein Bewusstsein zurück und gaben dem Unfrieden neue Kraft. Er griff schnell und resolut in die Erde, Zorn staute sich auf und in den Wänden seines Wahnsinns wanden sich Gedanken der Wut. Sie bahnten sich ihren Weg über seine Tätigkeit in die Außenwelt und er riss und riss und riss. Die Scholle an seinen Knien nicht beachtend stand er auf, schnaufte, wollte schreien und trat gegen die Mauer. Die nur aufgeschichtete Mauer bewegte sich ein wenig und so trat er erneut, wieder und wieder und langsam lösten sich kleine Stückchen, die zu Boden rieselten. Soviel Energie und so wenig Werk. Entschlossen nicht der Armseligkeit anheimfallen zu wollen, nahm er ein letztes Mal Anlauf und trat die Mauer in der Überzeugung hier seine Freiheit ausüben zu können, zu dürfen, zu müssen. Das kleine Stück Schichtwerk, das das Stück unbearbeiteten Gartens von der Welt abschirmte, war durchbrochen. August O. war sich seiner Allmacht und seiner Freiheit gewiss und mit Blick über den Bruch in der Mauer hinweg seines Eigentümlichen gewahr. Die Iris lag ausgezerrt auf dem lockeren Boden. Sie wurde wie alle anderen bluomen gebrochen.


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Martin Storbeck wurde geboren und wird wieder sterben. Zur Zeit arbeitet er aber in Süddeutschland.