XV./24

Suchen unter Buchen
von Sebastian Brück

Onkel Heiner marschiert durch den Wald. Plötzlich bleibt er stehen, reckt die Nase, atmet tief ein. Wie ein Lawinensuchhund, der Witterung aufnimmt.

„Dort, wo Buchen wachsen, haben wir bessere Chancen“, sagt er und zwirbelt seine Barthaare.

„Chancen worauf?“

„Pfifferlinge.“ Er zeigt die Richtung. „Da geht´s lang.“

Als kleiner Junge hast Du gedacht, Onkel Heiner könne Pilze erschnuppern. Fast jedes Wochenende seid Ihr gemeinsam durch die Wälder gezogen, immer mit kiloschwerer Beute.

Maronen, Steinpilze, Hallimasch. Keine Pfifferlinge.

„Warum Pfifferlinge, Onkel Heiner? Die haben wir früher nie gefunden.“

„Heute finden wir welche“, sagt er mit siegessicherer Stimme und öffnet ruckartig den Reißverschluss seiner Trainingsjacke – himmelblau, weiße Streifen, Löcher an den Ellenbogen.

„Deine Großmutter hat es mir versprochen.“

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Du schweigst, bist verwirrt. Fünf lange Jahre hat er sie zu Hause gepflegt, tödlich für seine Träume. Kein neues Leben in Kanada, kein Holzhaus im Wald. Verpasst, zu spät, Onkel Heiner wird 66.

„Was ist mit der Umgehungsstraße?“, fragst Du, um das Thema zu wechseln.

„Wird jetzt doch gebaut, sie wollen Endes des Jahres anfangen.“

„Durch den Wald?“

„Ja! Durch den Wald!“

Onkel Heiner presst die Lippen zusammen.

Seit er vor gut zwei Jahrzehnten mit Deiner Mutter, seiner Schwester, den Kontakt abgebrochen hat, hast Du ihn nicht mehr gesehen. Bis zur Beerdigung, vor einer Woche. Mit deiner Mutter hat Onkel Heiner kein Wort gewechselt – zu Dir hat er gesagt:

„Komm vorbei, nächstes Wochenende. Bitte!“

Nun bist Du hier. Bei Deinem Onkel, über den Du nur das weißt, was die Verwandten erzählen: Dass er im Keller an futuristischen Holzhausmodellen für die kanadische Wildnis bastelt. Dass er die lokalen Verkehrsplaner mit Skizzen und Szenarien bombardiert.

Dass er aus dem Leben, das alle leben, ausgestiegen ist. Nicht erwerbstätig, kein Hartz vier, keine Sozialhilfe, keine Krankenversicherung. Onkel Heiner hat eine Pferdenatur, der wird nie krank, erzählen die Verwandten.

„Warum hast Du aufgehört zu arbeiten?“

Onkel Heiner ist überrascht, zögert.

„Ich hatte nach der Uni einen guten Job, Volkswirt, aber dann haben die mich rausgeekelt.“

Er bleibt abrupt stehen. „Warte …“. Seine Augen gleiten wie ein Scanner über den Waldboden. „Da vorne, da finden wir was.“

Onkel Heiner bückt sich, hebt die Äste einer Fichte an, brummt zufrieden. „Eine Marone! Ein Prachtexemplar, nicht mal wurmstichig.“

Er zückt sein Messer und präsentiert Dir einen riesigen Pilz mit rötlichbraunem Hut.

„Du bist mein Glücksbringer, Junge. Wie früher.“

Du zuckst die Schultern – dann fragst Du: „Und wie war das jetzt mit dem Job?“

Onkel Heiner legt die Marone vorsichtig in den Korb, bläst die Backen auf, beäugt Dich misstrauisch.

„Mobbing! So würde man das nennen, heutzutage.“

„Wurdest du gekündigt?“

„Nee, ich habe denen gekündigt.“

„Und dann?“

„Ab nach West-Berlin, fast zehn Jahre … “

„Berlin? West-Berlin?“

„Bundeswehr! Reserveübungen! Mit Wohnsitz in West-Berlin konnte man sich drücken.“

„Du bei der Bundeswehr?!“

Onkel Heiner schmunzelt. „Die Grundausbildung musste sein, darüber gab´s Anfang der Sechziger keine Diskussionen. Schon gar nicht bei unserem Vater.“ Er kratzt sich hinter den Ohren. „Seitdem hören die mich ab.“

Die ganze Familie weiß, dass Onkel Heiner sich verfolgt fühlt. Bundesnachrichtendienst, örtliche Politiker, Journalisten – „das komplette Programm“, sagt deine Mutter. Onkel Heiner ist die größtmögliche Ausnahme der Regel.

Pilze-Heiner, nennen sie ihn im Ort. Ein bezopfter Ein-Meter-fünf-und-neunzig-Hüne, der mit museumsreifen VW-Bus samt eingebauter Schlafcouch durch die Gegend fährt, gerne mitten im Wald übernachtet, sparsam vom Ersparten lebt, regelmäßig kämpferische Leserbriefe an die Lokalzeitung schreibt und seine Kleidung bis zum letzen Fetzen austrägt.

„Weißt Du was ich mache, wenn die wieder mal einen auf mich angesetzt haben?“

Du schüttelst den Kopf.

„Ich sage: Passen Sie auf, ich bin radioaktiv verseucht, hemmungsloser Pilzesser, Sie wissen schon, die Tschernobyl-Regenfälle 1986, Caesium, das baut sich erst nach Jahrzehnten ab, also kommen Sie mir besser nicht zu nahe.“

„Und das funktioniert?“

„Und wie!“

Süßlicher Geruch streift Deine Nase. Onkel Heiners Markenzeichen. Um Wasser zu sparen, duscht er nur einmal die Woche.

Onkel Heiner stinkt nach Schweiß. Und riecht nach Wald.

Du trottest schweigend hinter ihm her.

Äste knacken, Vögel zwitschern. Nach fünf Minuten dreht sich Onkel Heiner um. „Weißt Du noch, was Du mich damals gefragt hast?“

Er hebt seine Stimme auf Kinderniveau, und während aus seinen tief in den Höhlen verborgenen Augen spöttische Blitze zucken, sagt er: „Onkel Heiner, bist Du ein Penner? Warum gehst Du nicht zur Arbeit?“

„Weiß ich noch.“ Du grinst verlegen. „Alle haben komisch geguckt, ich als Sechsjähriger fand die Frage völlig normal …“

„ … und ich habe Dir versprochen, dass Du die Antwort bekommst, wenn Du erwachsen bist.“

Onkel Heiner robbt unter ein Gebüsch, bis nur noch die abgewetzten Schuhe hervorragen.

Dann sein Erfolgsbrummen. „Schau Dir das an!“

Du kriechst zu ihm und siehst, wie Onkel Heiner an einem Pilz mit dickem weißen Stiel und rotem Hut schnüffelt.

„Steinpilz oder Gallenröhrling?“ Er streckt den Zeigefinger aus. „Die sehen sich täuschend ähnlich. Weißt Du noch, wie man den Unterschied erkennt?“

Als Kind warst Du Dank Onkel Heiner der größte Pilzexperte der Schule. Immer wenn Du nach der einstündigen Zugfahrt von Deiner Mutter am Bahnhof abgeholt worden bist, hast Du Dich gefühlt wie nach einer Amazonas-Expedition. Ein Großstadtkind mit einem Bastkorb voller Waldpilze, die es haargenau bestimmen konnte.

Geruch, Stielgröße, Hutform, Lamellen, Röhren, Geschmack.

„Keine Ahnung. … Steinpilz?“

Er schneidet mit dem Messer ein kleines Stück ab und steckt es in den Mund.

„Gallenröhrling!“ Er verzieht das Gesicht und spuckt aus. „Der hätte uns das komplette Abendessen vermiest.“

Eigentlich hast Du nicht geplant, zum Essen zu bleiben, doch bevor Du etwas sagen kannst, ist Onkel Heiner längst aufgesprungen und weitergezogen.

Als Ihr das Buchenwäldchen erreicht, hetzt er von Baum zu Baum. „Hier irgendwo muss es sein. Sie hat mir die Stelle genau beschrieben. Ihr müsst unter Buchen suchen, hat sie gesagt.“

„Wann?“

„Letzte Woche, zwei Tage vor ihrem Tod.“

Onkel Heiner sieht die Zweifel in Deinen Augen. „Du glaubst mir nicht, Junge?! Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe ihr jeden Tag den Hintern abgewischt, sie gebadet, ihr Gebiss geputzt, sie zum Arzt gefahren.“

Er fährt das Volumen seiner Stimme nach oben: „Meine Liebe hat sie am Leben erhalten. Im Krankenhaus oder im Heim wäre sie Jahre vorher gestorben.“

Wie ein Besessener schlägt er sich durchs Unterholz.

„Als Kind habe ich hier massenweise Pfifferlinge gefunden.“

Er hält inne, fährt sich durch den silbernen Haarzopf.

„Mutter hat von einem kleinen Graben gesprochen.“

„Onkel Heiner, wenn wir hier jeden Quadratzentimeter absuchen, brauchen wir noch …“

Onkel Heiners Stimme schwillt an: „Wir müssen weitersuchen!“ Einen Augenblick später legt er Dir beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Junge, ich habe ihr versprochen, die Pfifferlinge zu finden. Und ich habe ihr auch versprochen, sie gemeinsam mit Dir zu finden. Das fand sie gut.“

Einsetzende Dämmerung – keine Pfifferlinge.

„Onkel Heiner, das wird nichts mehr, lass uns zurück zum Auto …“

„Nein, wir geben nicht auf!“ Er stellt seinen Pilzkorb ab. „Hilf mir mal! Da vorne am Waldrand, da waren wir noch nicht.“

Gemeinsam räumt Ihr umgestürzte Bäume und herab gefallene Äste zur Seite.

Ein Graben, halb zugewachsen, erst auf den Zweiten Blick erkennbar.

„Ich wusste es!“ Onkel Heiner zieht die Augen zu Schlitzen zusammen und springt hinein. Er kniet, mit dem Rücken zu Dir, und fummelt in der Brusttasche seiner Trainingsjacke herum. Dann deutet er nach oben. „Suchen unter Buchen! Das ist die Stelle, die Mutter beschrieben hat.“ Dein Blick streift durch die Baumwipfel, in diesem Moment steht er auf. „Schau! Pfifferlinge!“

Mit feierlicher Stimme sagt er: „Die ersten seit über dreißig Jahren.“

Auf Onkel Heiners riesiger Handfläche liegen drei winzige dottergelbe Pilze, deren Lamellen in einen noch oben gebogenen Hut münden.

„Weißt Du was“, sagt er, „am liebsten möchte ich hier im Wald sterben, beim In-Die-Pilze-Gehen, kurz und schmerzlos, Herzinfarkt, Gehirnschlag. …Egal, bloß nicht Alzheimer! So wie bei Mutter.“

Du denkst an Deine Großmutter, über deren Lippen in den letzten Jahren ihres Lebens kein einziger zusammenhängender Satz gekommen ist.

Er schaut dich durchdringend an. „Langsam aber sicher hat sie die Kontrolle verloren. Kannst Du Dir vorstellen, wie das ist? Die Kontrolle verlieren?“

Du schluckst, schweigst, hebst die Schultern.

„Junge, wir sollten wieder regelmäßig in die Pilze gehen!“

Onkel Heiner parkt den VW-Bus vor dem Kleinstadtbahnhof. Zum ersten Mal im Leben umarmt er Dich.

„Sollten wir.“ Der Kloß in deinen Hals scheint Tonnen zu wiegen.

Vor Deinem geistigen Auge erscheint die Pfifferling-Box aus dem Supermarkt, die Onkel Heiner auf der Rückbank unter einem Handtuch versteckt hat. 250 Gramm, gesucht in Litauen, drei-Euro-fünfzig-Sonderangebot. Lidl oder Aldi. Vor eurer Pilz-Tour war die Box eingeschweißt. Jetzt ist die Folie aufgerissen.

Du steigst in den Zug, auf der Türschwelle guckst Du dich um.

„Gibt es in Litauen auch Buchen?“

„Wenn das mal keine blöde Frage ist, Junge!“

Onkel Heiner beginnt schallend zu lachen.

„Litauen!? Wie kommst Du denn darauf?“

Die Türen schließen, Du winkst ihm zu.

Er winkt unbeholfen zurück.

Wann er wohl zum letzen Mal gewunken hat?

Du setzt Dich und betrachtest den Bastkorb auf Deinen Knien.

Jede Menge Pilze. Maronen. Steinpilze. Hallimasch.

Und drei litauische Pfifferlinge.


Sebastian Brück portrait neuSebastian Brück, geboren 1971, arbeitet als freier Autor und Journalist. Der Düsseldorfer mit Kölner Migrationshintergrund hat mehrere Bücher als Ghostwriter bzw. Co-Autor veröffentlicht, unter anderen „Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“, gemeinsam mit dem Musiker und Radiomoderator Danko Rabrenović (im Dezember 2015 erstmals als Taschenbuch, Dumont Buchverlag). Seine anlässlich eines Schreibwettbewerbs der taz entstandene Erzählung „Sofía auf dem Sand“ erschien in der dazugehörigen Best of-Anthologie sowie online im Titel-Kulturmagazin. Sebastian Brück betreibt außerdem das Tumblr-Blog „Düssel-Flaneur“ – ein (irgendwie) literarischer Reisebericht, der zwei fiktive Protagonisten dabei begleitet, wie sie Deutschlands bekanntestem unbekannten Fluss von seiner Rhein-Mündung bis zur Quelle im Bergischen Land folgen.

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1 Kommentar

  1. Christoff

    schöne Geschichte

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