DIE GRILLE und DIE AMEISE
– Soundfile & Text nach einer Fabel von Jean de La Fontaine
von Elisabeth R. Hager
Stimme: Elisabeth R. Hager | Sounddesign: Deniz Dilek

„Wenn Chuck Norris badet, wird er nicht nass. Das Wasser wird Chuck Norris“, sagst du statt einer Begrüßung. Und ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, dass ich jemals eine Grille war. Ich bin nicht gemacht für die Revolution. Und: Ich mag dich ja wirklich.

*

Ich schiebe deinen Rollstuhl vor „unseren“ Eisladen. Ich hole dir zwei Kugeln Schokolade, für mich Stracciatella und Haselnuss. Der Mann hinterm Tresen kennt uns. Er winkt dir durch die Glasscheibe des Ladens und – auch wenn es schon spät ist – die Sonne scheint. Dann drehen wir eine Runde über den Winterfeldplatz. Du redest wie immer von Chuck Norris. Vor dem Slumberland
krakeelt ein Idiot mit violetter Perücke Lieder von Edith Piaf. Wir überqueren an der Ampel die Straße. Wir schlendern die stille Allee entlang. Es ist nicht mehr weit. Du lachst. Ich versuche es auch.

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Bei dir daheim brennt die ganze Nacht das Licht. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Jetzt aber geht es ganz gut. Ich schlafe trotzdem fast immer kurz ein.

„Chuck Norris lässt immer in der Nacht das Licht an. Aber nicht, weil Chuck Norris Angst vor der Dunkelheit hat. Die Dunkelheit hat Angst vor Chuck Norris!“

Du magst am liebsten seine alten Filme: „Der Mann mit der Todeskralle“, „BreakerBreaker- voll in Action“ und vor allem: „Chuck Norris – Private Lesson – Selbstverteidigung für Frauen“.

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Ich wasche dich, helf‘ dir beim Zähneputzen, stutz‘ dir den Bart, schau darauf, dass du die Tabletten nicht vergisst. Ich schiebe den Rollstuhl ins Schlafzimmer, rüber zum Bett. Ich hieve dich rein. Dann lüfte ich kurz noch das Zimmer. Wir verabschieden uns wie Freunde. Das finde ich gut. Ich gehe ins Wohnzimmer. Dort überziehe ich dreimal die Woche die Couch mit einem beigen Laken. Ich lege mich hin. Meistens schlafe ich tief, bis du das erste Mal nach mir rufst, so gegen zwei. Danach dös‘ ich nur noch so rum.

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Am Anfang habe ich, wenn ich nicht schlafen konnte, noch Stilübungen gemacht, Tagebuch geschrieben, manchmal ein Gedicht. Doch auch das hab‘ ich irgendwann gelassen.

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Morgens wachst du immer um sieben auf, wie früher, als du noch arbeiten warst. Morgens bist du meistens gut gelaunt. Ich koche Kaffee, hole Brötchen vom Glückskäfer-Bäcker an der Ecke. Dann helfe ich dir aus dem Bett, wasch‘ dich und wir frühstücken. Manchmal spielen wir noch Schach bevor ich gehe. Um 8.30 Uhr kommt Vivi und übernimmt die Frühschicht.

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Beim Verabschieden steck ich dir ein Knoppers zu, weil ich weiß:

„Chuck Norris ist sein Knoppers schon um halb Neun!“


Elisabeth R. Hager (c)Paul Dombroski

©Paul Dombroski

Elisabeth R. Hager, * im Herbst 1981 in Tirol, lebt und arbeitet als freie Autorin
und Klangkünstlerin in Berlin, Tirol und Neuseeland.

2012 erschien ihr Roman „Kometen“ (Milena Verlag). 2014 folgte das Hörspiel
„Der Knochen“, bei dem sie auch Regie führte & sprach. In Kürze kommt ein
neuer Roman. Bis dahin erzählt sie Fabeln nach & Chuck Norris Witze.
http://moeglichkeit-formen.blogspot.com