Eine Frage der Zeit
von Gerasimos Bekas

Ludwig ist eine Liebe fürs Leben, etwas für Naturen mit stabilem Charakter und einem feinen Sinn für schöne Nebensätze.
Ludwig ist das perfekte Gegenstück zu Jürgen Scholl. Darum hat ihm Klara Scholl Ludwig geschenkt. Zum Geburtstag. Jürgen Scholl schüttelt Ludwig ungläubig, der sich an sein Handgelenk schmiegt, als wäre er immer da gewesen. Als gebe es keinen anderen Ort für ihn. Schon dreizehn Uhr und sieben Minuten. Wo bleibt der Espresso?
Dass Ludwig irrt ist unwahrscheinlich, um nicht zu sagen ausgeschlossen. Die Herrenarmbanduhr aus dem Hause Nomos Glashütte, Schweizer Wertarbeit, ist ein treuer und zuverlässiger Begleiter. Manufakturkaliber mit Automatikaufzug. Damit diese Uhr stehen bleibt, muss die Zeit stehen bleiben.
Jürgen Scholl möchte nicht ungeduldig sein, aber Sicherheit erfordert Präzision. Er spielt mit dem silbernen Füllfederhalter, der zur Dekoration rechts vor ihm auf dem Schreibtisch liegt, versucht sich mit Daumen und Zeigefinger dieses eine Nasenhaar zu ziehen, das ihn seit Tagen am Philtrum kitzelt, ohne Erfolg. Er wischt auf seinem Telefon herum, auf der Suche nach wichtigen Meldungen. Nichts ist passiert in den letzten fünf Minuten, nur die Wetteraussichten haben sich verschlechtert. Die Welt hat Mittagspause. Jenny, seine Sekretärin, hat den Espresso nicht gebracht. Seit sieben Minuten müsste er da stehen. Auf seinem Schreibtisch. Wenn Jürgen Scholl seinen Espresso nicht trinkt, fällt er in ein Mittagstief und dann kann er nicht arbeiten, dabei ist heute ein wichtiger Tag. Entscheidungen stehen an. Der Präsident sieht auch nicht mehr frisch aus, der macht nicht mehr lange und dann steht er bereit, Jürgen Scholl. Er muss Jenny Bescheid sagen, wegen des Espressos, doch das sollte er nicht tun. Das hat er gelernt, in den letzten beiden Jahren.
Wenn er Jenny auf einen ihrer mannigfaltigen Fehler hinweist, wird sie ungehalten, beschimpft ihren Vorgesetzten und droht mit Kündigung. Letztes Mal hat sie seinen Drucker mit einer energischen Handbewegung vom Schreibtisch geschubst. Weil sie ihm zwei wichtige Termine auf fünfzehn Uhr gelegt hatte. Das war am Freitag, da hatte sie gerade angefangen mit dem Rauchen aufzuhören. Seitdem ist sie umso gereizter. Das kann noch heiter werden, diesmal meint sie es ernst. Auf ihre Unterarme hat sie am gleichen Tag in Frakturschrift „Nichtraucher“ tätowieren lassen. „Nicht-“ auf die linke, „raucher“ auf die rechte Innenseite ihrer Unterarme.
Müsste Jürgen Scholl sich ein Tattoo stechen lassen, bräuchte es keine großen Überlegungen von seiner Seite. SECURITAS auf dem rechten Oberarm. Latein ist Pflicht für einen Humanisten wie ihn. Autoaggressives Verhalten kommt allerdings für Jürgen Scholl nicht in Frage.
Sicherheit ist ein gutes, sauberes Wort. Ein Wort zum Anlehnen. Zum Liebhaben. Sicherheit ist Jürgen Scholls Leben. Der Schutz der Demokratie, die nationale Sicherheit, um genau zu sein. „Das ist wie in deinen Videospielen. Nur in echt und dass bei mir kein Cheater durchkommt“, erklärt er seinem Sohn Konrad, wenn dieser sich darüber beschwert, dass sein Vater ihm nichts genaues über seine Arbeit erzählen darf. Konrad darf auch keinen Besuch von Schulfreunden empfangen.
Am Wochenende sitzt Jürgen Scholl mit seinem Sohn vor der Konsole. Das ganze Wochenende. Hat Jürgen Scholl Level eins geschafft, freut er sich kurz. Dann spielt er weiter. Level um Level. Zwischendurch bringt Klara Scholl Kakao und Kekse. Jürgen Scholl gibt nicht auf. Bis die Daumen stumpf und rot sind und Muskeln und Sehnen schmerzen, die man davor gar nicht in seiner Hand vermutet hatte. Er hatte deswegen schon eine leichte Sehnenscheidenentzündung. Kein Erbarmen. Bis zum Endgegner. „Ich bin diskret wie Hitman. Nur, dass ich ein paar mehr Haare auf dem Kopf habe.“
Unter der Woche sitzt Jürgen Scholl wieder in seinem ergonomischen Lederstuhl hinter der großen Glasplatte seines Schreibtisches und wacht über Deutschland. Dass es noch keinen nennenswerten Terroranschlag in der Bundesrepublik gegeben hat, ist nicht zuletzt ein Verdienst von Jürgen Scholl. Er hat Abteilung zwei geleitet, davor Abteilung fünf und davor Abteilung sechs. Seine Karriere meistert er wie ein Computerspiel. Hätte man ihm nicht die Abteilung sechs entzogen, er hätte UBL platt gemacht, lange vor Obamas Witzbolden. Einen echten Endgegner. Er war kurz davor ihn zu lokalisieren. Dann hieß es: Kommando zurück. Am liebsten hätte sich Jürgen Scholl selbst in ein Flugzeug gesetzt, doch Sicherheit erfordert Loyalität und Gehorsam.
Das Telefon klingelt. Ein Blick auf Ludwig. Dreizehn Uhr zehn.
„Herr Scholl ist jetzt nicht zu sprechen“, flötet Jürgen Scholl dem Telefon zu und lässt es klingeln. Es hört auf zu klingeln. Jenny hat wohl abgenommen. Sie meldet sich über die Sprechanlage.
„Herr Scholl?“
„Ja, Jenny?“
„Herr Stanislawski fragt, was mit Naumann passieren soll.“
„Terminieren. Aber diskret.“
„Ich richte es aus.“
„Und mein Espresso, Jenny?“
„Keine Zeit.“
Sie hat aufgelegt, was glaubt sie wer sie ist?
Die muss mal jemand so richtig, Jürgen Scholl zwingt sich diesen Gedanken zu unterdrücken, denn Klara Scholl schaut ihn vorwurfsvoll vom Familienfoto auf seinem Schreibtisch an.
Das Telefon klingelt. Ich will jetzt meinen Espresso, denkt Jürgen Scholl.
Jenny meldet sich über die Sprechanlage. „Herr Scholl, die Kollegen vom Nachrichtendienst fragen, was mit den Akten aus Thüringen passieren soll.“
„Terminieren.“
„Ich richte es aus.“
„Mein Espresso, Jenny.“
Jenny antwortet nicht. Jürgen Scholl springt auf. Wie kommen solche Leute durch die Sicherheitsüberprüfung? Er schnappt sich sein dunkelblaues Jackett von der Garderobe und schreitet zur Milchglastür. Er geht am Vorzimmer vorbei, ohne Jenny eines Blickes zu würdigen. Sie hat den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt. „Herr Scholl, was ist mit der Duisburg-Geschichte?“
„Terminieren, Jenny. Muss ich denn alles selber machen?“ Der gelbe Nikotin-Kaugummi fällt ihr aus dem Mund.
Das hat gesessen, denkt Jürgen Scholl, und verschwindet schnell aus der Tür in Richtung Fahrstuhl. Der befindet sich laut Anzeige gerade im Untergeschoss. Bis in den siebten Stock braucht er im Idealfall 24 Sekunden. Ludwig drängt. Scholl nimmt die Treppe. Er geht jetzt einen Espresso trinken. Einen doppelten. Soviel ist sicher.


11655340_957880577597700_713732818_nGerasimos Bekas, Jahrgang 1987, Autor und Theatermacher in Berlin und Athen, 2013 Radikal Büchner im Ballhaus Dessau für ZDFkultur, taz-Publikumspreis beim open mike 2014.