Sommerromanze
von David Wonschewski

Die Geschichte unserer Liebe begann in einem Juli. Und in einer Bibliothek, in der ich dich auflas. Umsäumt von turmhohen Regalen waren diese Gänge, und inmitten all der Bücher standest du, zerbrechlich und verloren.
Hätte ich dich lediglich aufgehoben, du wärest mir zersprungen. Doch, doch – ganz sicher wärest du das. Kaputtgegangen wärest du mir. Zersplittert, in meinen Händen und inmitten all der Bücher.
Schließe ich die Augen, sehe ich noch immer dich, wie du diesen Lesesaal betrittst und mir sofort auffällst mit deinen so merkwürdig hochgezogenen Schultern. Und deinem schüchternen, nein, verschüchterten Gang.
Deinem eingeschüchterten Gang.
An meinem kleinen Philosophentisch hinten in der Ecke habe ich gesessen und im Kierkegaard geblättert. Habe wie jeden Mittwochnachmittag den belesenen Mann von Welt gegeben, ein literarischer Salonlöwe, überzeugt davon, alles erlebt, gesehen und gelesen zu haben.
Wie sehr du dich vor mir geekelt haben musst.
Dass es nur drei Sorten von Männern gibt, hast du später gesagt. Die eitlen Dummquatscher. Und die noch viel eitleren Dummquatschverbreiter. Und dass ich ziemlich gute Chancen hätte, in beide Kategorien aufgenommen zu werden. Gelacht hast du, als du das zu mir gesagt hast. So hell, so ehrlich, wunderschön. Ich war entzückt. Und glücklich.
So glücklich, dass ich vergaß, dich nach der dritten Sorte Mann zu fragen.
Erinnerst du dich noch daran, wie du vor einem der Regale stehengeblieben bist? Lass dir sagen: Klein und verschluckt sahst du aus. Mit deinen wirren und strähnigen Haaren und in diesem unförmigen, viel zu großen und zu schweren Pullover. Du trugst ihn, als hätte es dort draußen nie einen Juli oder eine Sonne gegeben. Wie ein Schatten sahst du aus. Dein eigener Schatten. Aus meiner sicheren und abgeschmackten Besserwisser-Ecke heraus habe ich begierig das Weiß deiner angespannten Fingerknöchel inspiziert, deine verkrampfte Haltung analysiert und mit stiller Ironie deine so seltsam vernachlässigte Erscheinung belächelt.
Was für eine verschenkte Frau, habe ich gedacht.
Und mich sofort in dich verliebt.
Die Kunst, sich für den eigenen Körper zu schämen, ist so seltsam weit verbreitet unter den Frauen dieser Welt, doch nie habe ich dieses weibliche Unbehagen so stark spüren können wie in deiner Gegenwart. Nie habe ich einen Menschen sich selbst so sehr meiden sehen wie dich.
Und so sah ich dich am Regal stehen, dort in der Bibliothek und entdeckte bereits aus der Ferne nicht nur dich, sondern auch deine Scham und deinen Ekel vor dir selbst, wie sie beide mit dir an diesem Regal standen, dich an Größe weit überragten und dich offensichtlich sogar zwangen, in diesen fürchterlichen Pullover mit den überlangen Ärmeln zu schlüpfen, deine schönen braunen Haare zu vernachlässigen und zu einer solchen Schattenfrau zu werden.
Ich sah und las dich sofort. Nur verstanden habe ich dich nicht. Ich habe auf die Seiten meines Kierkegaard hinabgeblickt und gewusst, dass ich mir mit dir einen großen Batzen Ärger anlachen würde. Ja, tatsächlich, exakt so habe ich es gedacht: Einen – großen – Batzen – Ärger – anlachen. Und mich dennoch, nein – genau deswegen – augenblicklich in dich verliebt. Weil ich mich immer in Frauen wie dich verliebe. Verlorene Frauen, die gerettet werden müssen.
Doch du, du warst so klein, dass du glatt eine Nummer zu groß für mich gewesen bist.
Ich bin also aufgestanden. Habe den Kierkegaard auf dem Philosophentisch liegenlassen und bin auf dich zugegangen. Je näher ich dir gekommen bin, desto bemitleidenswerter hast du gewirkt. Mit jedem Schritt in deine Richtung ist mir mein Vorhaben unsinniger vorgekommen, bis aus mir, als ich dann direkt neben dir zum Stehen kam, ebenfalls ein ganz und gar bemitleidenswerter Mann geworden war. Und so standen wir dort nebeneinander und stellten eine große gemeinsame Lächerlichkeit dar.
Was liest du denn dort?“, waren die allerersten Worte, die ich zu dir sprach. Vertraulich wollte ich klingen. Du aber zucktest erschrocken zusammen und zogst dir sofort die aufgeschlagenen Seiten deiner de Beauvoir hoch an die Brust. Als handele es sich dabei um eine verbotene Schrift, so sah das aus, oder, als wüsstest du genauso gut wie ich, dass Frauen, die de Beauvoir lesen, sich besser nicht dabei erwischen lassen. Schon gar nicht von Männern, die sich gerade in sie verliebt haben. Ich habe dir auf deine starren weißen Fingerknöchel geblickt und den Einband von de Beauvoirs‘ Eine gebrochene Frau sehen können. Typisch, wieder mal typisch!, habe ich gedacht, aber schon gar nicht mehr gewusst, ob ich damit nun dich oder doch eher mich meinte.
Langsam war mein Blick dann die langen Ärmel deines viel zu großen Pullovers emporgewandert und in deinen schreckhaft aufgerissenen Augen gelandet. Du sagtest nichts, keinen Ton gabst du von dir – doch deine Augen, die schrien mich an. Nicht einmal für mich, der ich doch längst heillos verliebt in dich war, war es zu überhören.
Warum habe ich damals nicht fliehen können vor dir, dem stummen Schrei deiner Augen und diesem unvorteilhaften Pullover mit den viel zu langen Ärmeln, über den ich mich insgeheim lustig machte? Und einfach nicht begriff. Es wäre besser für dich gewesen, und wohl auch für mich. Du warst bewegungsunfähig, ich aber habe mein ganzes Leben lang hervorragend weglaufen können. Warum habe ich ausgerechnet in jenem Moment so schändlich versagt? Verhält es sich mit der Flucht vielleicht so wie mit dem Vergessen? Scheiterst du daran, sobald du es beschließt? Nein, denn vollkommen egal, wohin wir auch fliehen – der Grund, aus dem wir auf der Flucht sind, erwartet uns bereits.
Für mich ist diese Erkenntnis noch neu, ganz frisch fühlt sie sich an. Du aber musst all das schon damals gewusst haben.
Anstatt also voreinander zu fliehen, standen wir dort, irgendwie zu viert, du und ich, Simone de Beauvoir und Kierkegaard und beschlossen, einige Lebensmeter miteinander zu gehen.

Irgendwann gingen wir gemeinsam zum Strand. Erinnerst du dich noch? Eine Frau wie du und ein Mann wie ich an einem Badestrand, es fühlte sich nicht nur komisch an, es sah auch komisch aus. Ich in meinen verhassten kurzen Hosen und mit dem Strohhut auf dem Kopf und du mit diesem widersinnigen langärmligen Pullover, aus dem du auch am Strand nicht herauszubekommen warst. Du hattest aufgehört, mir deine Hand zu entziehen, erlaubtest mir inzwischen, sie zu halten, so dass sie schwach und matt zwischen meinen Fingern lag. Kaum am See angekommen, ließ ich auch schon unsere Strandmatte fallen, riss mir den Strohhut vom Kopf, streifte mir mein Shirt vom Leib und rannte laut johlend ins Wasser. Es war ein aufgesetztes Johlen, eines, das ich mir in Filmen abgeschaut habe, in denen alle immer flirten und tanzen und der Sonne folgen. Und in denen es immer gut ausgeht.
Komm rein, das Wasser ist herrlich!“, rief ich dir zu, dabei wäre ich selbst am liebsten wieder hinausgerannt. Doch du antwortetest mir nicht und saßest einfach nur da, ganz zusammengesunken, am Ufer. Aus der Ferne konnte ich sehen, dass du sogar deinen Rock ausgezogen hattest, was mich überraschte, verwirrte und dann überschwänglich freute.
Ich kam aus dem Wasser, setzte mich neben dich und legte dir meinen Arm um die Schultern. Du zucktest zusammen, natürlich, doch ich beschloss, dein Zucken von nun an und für alle Zeiten zu ignorieren. Über deine vielen stillen Neins hinwegzugehen und dich nötigenfalls zu deinem Glück zu zwingen. Uns nicht alles kaputtmachen zu lassen – von dir.
Jetzt zieh doch endlich mal diesen verdammten Pullover aus!“, lachte ich.
Nein, sagtest du, leise. Doch nicht einmal die Bestimmtheit, mit der du das sagtest, konnte meine Augen zum Sehen bringen.
Dann zieh ihn für mich aus, bitte!“, flehte ich, berechnend und dumm. Aber du schütteltest nur den Kopf und sagtest: „Nein.Und fügtest dann, nach einer kurzen Pause, hinzu: „Es würde dir nicht gefallen. Du würdest es nicht ertragen.“
Ich weiß noch, wie ich dich packen und schütteln wollte. Dich anschreien, endlich zu einer lebenden Frau zu werden. Mich nicht so gleichgültig verrecken zu lassen mit meiner Sehnsucht. Und wenn doch, mir doch bitte einen vernünftigen Grund dafür zu benennen, anstatt dich so feige und verantwortungslos immer nur in deinen blöden hässlichen Pullover zurückzuziehen! Aber du bekamst nichts mit, weder von mir und schon gar nicht von meiner Verzweiflung und weigertest dich weiterhin, die Sonne zu dir vorzulassen. Du verbargst einfach dein Gesicht hinter deinen Haaren, behieltest den Pullover an und strecktest nur ein paar deiner Zehen vorsichtig und verängstigt ins Licht.

Als wir eines Abends, es muss bereits Mitte August gewesen sein, in meiner Wohnung beisammensaßen, redeten wir über Simone de Beauvoir und Sören Kierkegaard, die stillen Geistern gleichend bisher immer über uns geschwebt waren. Mit dem allmählich schwindenden Sommer hattest du plötzlich begonnen, mir ein wenig zu vertrauen. Es war mir nicht gelungen, dich ins Leben zu ziehen. Noch immer stecktest du in deinem viel zu großen Pullover, und noch immer lagen dir deine Haare strähnig am Kopf. Längst hatte ich aufgehört, dich zu umwerben und mir vorzustellen, wie es wäre, dich einmal ohne dieses bemitleidenswerte Kleidungsstück zu sehen.#
Wir saßen auf dem Fußboden meines Wohnzimmers und verhielten uns wie die jüngsten und die ältesten Menschen zugleich, hockten wir doch nebeneinander als Mann und Frau, entbehrten aber jeglicher Geschlechtlichkeit.
Wie befreit du geworden warst. Mir war die Kraft abhandengekommen, dich länger zu umwerben, und dir waren Flügel gewachsen. Ich hatte das Seufzen für mich entdeckt und du das Schweben. Kein Wunder, dass wir nicht so recht zueinander passen wollten.
Doch genau so kamen wir uns nahe. Kaum hatten wir beschlossen, uns gegenseitig ziehen zu lassen, waren wir auch schon aufeinander zugegangen. Gut möglich, dass es diese uns einende Perspektivlosigkeit war, das Gefühl, auf einen Abgrund zuzulaufen. Eine Melange aus Verzweiflung und Glück, befeuert von Rotwein und der Musik von Leonard Cohen. Denn plötzlich nahm ich dein Gesicht in meine Hände und küsste dich.
Ja, es ist wahr: Ich bin sogleich Feuer und Flamme gewesen. Binnen Sekunden bereit, alles zu versuchen und noch mehr zu glauben! Männer retten Frauen und Frauen retten Männer, die ganze Welt wird täglich aufs Neue gerettet, warum sollten gerade wir beide da eine Ausnahme bilden, so habe ich gedacht, noch während wir uns küssten.
Doch matt und lethargisch lag deine Zunge in meinem Mund, widerstandslos ließ sie sich von mir hin und her wenden. Wie ein kleines Boot auf tosender See kam sie mir plötzlich vor, meinem Sturm ausgeliefert. Kaum hatte ich das festgestellt, da entzogst du dich mir auch schon wieder, drücktest mich fort von dir.
Bleischwer senkte sich die Stille zwischen uns. Wir wagten kaum, uns zu bewegen oder zu atmen. Mit weit aufgerissenen Augen sahst du mich an, verwirrt und verängstigt.
Alles auf Anfang, schoss es mir durch den Kopf. Ich spürte Sarkasmus in mir aufsteigen, Ärger, Enttäuschung und Unverständnis, und dann explodierte ich direkt neben dir, wie nur Männer explodieren, wohl wissend, dass ich Tränen und Narben erzeugte.
Ich brüllte dich an. Ich weiß nicht mehr, was und wie lange ich schrie, doch deine Zurückweisung raubte mir den Verstand, und deine vielen Minderwertigkeitskomplexe malträtierten mir die Nerven. Ich wollte dich verstehen, doch es gelang mir einfach nicht. Weil du nicht verstanden werden wolltest, weil du es vorzogst, dich unlogisch und dämlich zu verhalten, albern, kindisch und trotzig! Frauen dürfen an sich selbst verzweifeln, jede Frau darf das, aber es muss doch auch mal gut sein damit, eine Frau muss doch auch einmal an sich und ihre Umwelt denken und diesen gottverdammten Film in ihrem Kopf ausgeschaltet bekommen.
Ich ertrage deine Frauenscheiße nicht mehr, brüllte ich dich ungehemmt an, wusste ich doch, dass ich nicht nur im Recht war, sondern auch in der Pflicht, dich endlich aufzuwecken.
Ich rechnete mit allem. Dass du mich nun ebenfalls anschreist. Dass du anfängst zu heulen. Oder aufstehst und gehst. Doch nichts davon geschah. Stattdessen begannst du zu flüstern. Du sprachst so leise, dass ich mich ein wenig hinabbeugen musste, um dich zu verstehen: Noch immer klopft es an meine Zimmertür. Abend für Abend. Ich bitte ihn, nicht hereinzukommen. Aber Daddy lacht nur. Daddy will sein Mädchen sehen.“
Strähnig hing dein Haar dir am Kopf, dein großer Pullover schien dich fast zu verschlucken, und deine viel zu langen Ärmel reichten dir wieder einmal bis weit über deine Hände. Dass es mir nicht gefallen würde, dich ohne Pullover zu sehen, hast du damals am Badestrand gesagt. Dass ich dich ärmellos nicht ertrage. Hätte ich ahnen müssen, dass es dort auf deinen Armen eine grausige Wahrheit zu entdecken gibt? Hätte ich wissen können, dass lange Ärmel niemals ein Modetrend sind, sondern immer nur Ausdruck einer gequälten Frauenseele?
Es ist wohl wahr. Denn selbst mit Pullover ertrug ich es nun nicht mehr, dich anzusehen, so verloren, wie du dort saßest, auf dem Fußboden meines Wohnzimmers.
Nein, ich bin keiner, der Frauen retten kann, und du warst keine Frau, die gerettet werden konnte. Schon gar nicht von einem Mann. Menschen vergessen nichts. Und die Zeit heilt auch keine Wunden.
Es ist ein Wahnsinn mit den Menschen: Erst ahnen sie nichts. Dann unternehmen sie nichts. Und schließlich vergessen sie nichts. Immer hintendran ist der Mensch.

Schau, ich habe dir Blumen mitgebracht. Lass mich sie hier einpflanzen, direkt neben den Stein. Erlaubst du mir das? Darf ich das? Ich habe dich nie gefragt, ob du jemanden hast, der dir deine Blumen gießt. Ich werde wiederkommen, ich verspreche es dir. Immer mittwochnachmittags werde ich von nun an herkommen, werde die Erde auflockern, deine Blumen gießen und dir aus deiner de Beauvoir vorlesen.


©Masha Potempa

©Masha Potempa

David Wonschewski, Jahrgang 1977, war über zehn Jahre als Musikjournalist für Radio-, Print- und Onlinemedien tätig. Als leitender Musikredakteur arbeitete er für einige der größten Sender Deutschlands.
Der Berliner Autor unterhält das bekannte Liedermacher- und Kleinkunst-Webzine „Ein Achtel Lorbeerblatt“. Auf seinem Blog veröffentlicht er journalistische Beiträge über Musik und Gesellschaft. Seit 2013 sitzt er in der Jury der renommierten Liederbestenliste.
Mit den Chansonniers Andreas Albrecht und Holger Saarmann veranstaltet er im Berliner Zebrano-Theater die monatliche Literatur- & Chansonreihe „Geschmacksverstärker“.

2012 erschien Wonschewskis Debütroman „Schwarzer Frost“ bei Periplaneta. Ein Jahr später folgte der Erzählband „Geliebter Schmerz“. 2015 erschien sein zweiter Roman „Zerteiltes Leid“.