Parole Gold
von Katrin Theiner

Meine Hände kannten Nässe, aber nass war kein Ausdruck für das Leben, das man hier führte. Die Küste ein weißer Ring aus Sand, in dessen Inneren es von feuchtem Palmengehölz und mageren Tropenpflanzen wimmelte, ein Labyrinth voll üppiger Fabelblüten und tropfenden Stängeln, die menschgroße, fleischige Blätter wie Tabletts in die dampfende Höhe schwenkten. Und wenn man nur lange genug in die Ferne schaute, der bleiernen Begrenztheit der Insel den Rücken kehrte, sah auch der Himmel wässrig aus. Zwischen Meeresgrund und Oberfläche, dort wo unterirdische Flüsse Planktonströme durch das Archipel trieben, wuchs ein rostiger Wald aus schwimmenden Körben, die wir ein Jahr zuvor festgeflochten und versenkt hatten. Windgewaschene Bojen, die, würde man sie miteinander verbinden, einen bunten Kreis mit einem Radius von hundertfünfzig Metern ergeben würde, markierten unseren Arbeitsplatz, ein floßähnliches Gerüst aus verankerten Bambusplanken, die wie Mikado-Stäbchen über dem bergigen Riff trieben. Es war Palawan, die philippinische Insel zwischen dem Südchinesischen Meer und der Sulusee. Es waren zwei Jahre, die ich hier draußen war, zwei endlose Jahre voll arbeitsreichen Tagen und der Monotonie der langen Abende mit den anderen Tauchern, Biologen und Chirurgen der Farm. Ich war kraftlos, ausgespült und froh, wenn einer der Neuen mit mir rausfuhr, einer dieser jungen Typen, die in der Einsamkeit und dem Geschäft noch die Perspektive sahen, die mir die harte Arbeit, die Sehnsucht und die Abgeschiedenheit genommen hatten. Einer von denen, die der Ekel noch nicht heimgesucht hatte, die stumme, schleichende Schuld, tausende Tiere in künstlich befruchtete Luxus-Brutkästen zu verwandeln. Ginto hieß der Neue, der mit uns fahren sollte. Er kam auch aus Manila, hatte Studentenhände und blickte blauäugig umher, als wir das überschwemmte Boot leerschöpften und bereits nass waren, als uns das aufgeriebene Tau am Steg freigab und wir Richtung Zuchtstation steuerten. Er fror, rieb seine klammen Arme aneinander, als würden sie nicht zu seinem Körper gehören. Wie wir trug er ein durchnässtes Shirt, eine kurze Hose, nicht zu dick und mit Polyesteranteil, so dass sie nicht vollends das Meerwasser aufsaugen konnte und Gummischlappen, die auf den nassen Holzbohlen der Boote und Stege quietschten, aber für mehr Halt sorgten, als man dachte. Es würde nicht lange dauern und seine weichen Hände würden wie unsere aussehen, wenn er nur oft genug runtergetaucht war, die rostigen Körbe hochgeholt hatte, um die ineinander gedrehten Drähte abzuwickeln und vorsichtig die Riesenaustern aus ihren Gefängnissen zu befreien, damit sie nach exakt fünfzig Minuten wieder dem nahrhaften Meerwasser ausgesetzt werden konnten – frisch gewaschen und bereit zum weiterbrüten. Oder die splitternde Rostschutzfarbe der Sicherungshaken, an denen das Meersalz fraß, setzte sich in kleinen Haken in seiner weichen Haut fest. Spätestens aber, wenn er vor den desinfizierten Plastikbehältern stehen würde, die raue Schale der Muscheln waschen, sie sacht durch saubere Lauge ziehen, sie wenden und zurück in den Körben in ihre neue Position bringen würde, wären seine braunen Hände eine Nuance röter, die Nägel brüchig, die Nagelhaut aufgeweicht, die Innenflächen schwielig und die Handrücken zerkratzt, um die Fingergelenke vielleicht sogar blutig. Ginto war höflich, zog es vor zu schweigen und den Abenden, an denen warmes Bier und Anderes längst die Dartscheiben abgelöst hatten, blieb er fern. Die Sekunde, als er im Waschhaus in seine Hosentasche griff, ein Bild anschaute, von dem ich nicht mehr als eine Idee hatte und sein Gesicht blass wurde, bevor er das geknickte Foto stumm verschwinden ließ, war mein erster Gedanke, als ich auf dem Steg zu mir kam, den Kopf auf ein Knäul Fischernetze gebettet. Vom Meer mischte sich abendliche Kühle in den Geruch aus Tang und Salz. Mir tat etwas weh – ich wusste nicht, was – schaute in Iskas Gesicht, das sich über mir hielt.

Mit der Bewegungslosigkeit stiegen die Gedanken auf, von denen ich mir mühsam antrainiert hatte, sie zu umtauchen. Die Härte des Bettes, auf die ich sonst so viel gab, presste gegen meinen Rücken. Seit dem Sturz schmerzte es oberhalb der linken Niere, ein Reißen das ich nicht nur fühlen sondern auch sehen konnte, wenn ich mich nur weit genug verrenkte, bis das lilafarbene Hämatom, das oben bis in meine Rippen hineingriff, zum Vorschein kam. Ich hörte die Motoren der kleinen Boote, die Wellen, die gegen die Pfähle der Behausungen schlugen, die Stimmen der Biologen und wartete auf den Hubschrauber und das erlösende Surren der Rotorblätter auf dem Landeplatz nahe der Zuchtstation. Bis er kam, sah Iska regelmäßig nach mir, leuchtete mit einer Taschenlampe in meine Pupillen und flößte mir kantige Tabletten ein, die ich kaum schlucken konnte. Uhrzeit war nichts mehr wert, hell und dunkel meine einzigen Wegweiser durch die Tage und dazu das fiebrige Fotoalbum im Kopf, voll von den einfachen Dingen. Meine Mutter, die duftende Tosino zubereitete, in meiner Stadt unsere kleine Straße, die mal Weg und mal Fluss war, ihre zierlichen Füße im Gras am Luneta Park, ihr Bauch, wie er sich im Schlaf sachte hob und senkte. „Makatagal, hold out“, flehte Iska. Ich hörte sie nur, ich sah sie nicht, sah meinen Bruder, wie er lachend durch die sumpfigen Reisfelder draußen vor der Stadt lief, hinfiel und als er aufstand, war sein Lachen verstummt und es waren die Augen meines Sohnes, der in mein fremdes Gesicht starrte. Die Monate in der Blase aus Tauchgängen, Labor-Schichten und den schwermütigen Abenden in den aufgeheizten Hütten, gefüllt mit gedankenloser Zeit. Die ungleichen Waagschalen mit der maroden Leitung nach außen, der schwindenden Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, der Schuld, der Sehnsucht, der Verantwortung, dem Alkohol auf der einen Seite und dem hohen Lohn auf der anderen.

Schaukelndes Sonnenlicht weckte mich aus den dumpfen Stunden. Kein Gedanke, den ich hätte halten können, die letzten Tage ein schweres Becken aus schweißigem Schmerz und Lebensfetzen. Iska schob meinen Rollstuhl über die Planken bis zum Landeplatz. Darum die tropischen Wälder, die sich im Wind des tosenden Propellers kreisförmig neigten. Ginto nickte mir entschuldigend zu, im tropfenden Shirt und das Versprechen, ihr Bild immer bei sich zu tragen, längst gebrochen. Lange Haare oder Kurze, ein buntes Kleid, Lachen, vielleicht ein Kuss. Ein Abbild dessen, was er zurückgelassen hatte und wovon er noch sicher war, dass es immer auf ihn warten würde.

Iska hielt meine Hand, sah, dass ich verstand, was sie sagte. Wellengang, der Regen, der Neue, die lose Sicherungsleine, der Sturz auf die Bambusträger über den Drahtgehegen. Ich starrte aus dem Fenster. Unter uns das Blau, wie eine Gefängnistür, die ich passieren konnte. Ich sagte zu Iska, ich würde nicht wiederkommen, ich sei jetzt ein Anderer. Sie nickte, sagte schhhhhh, drückte meine Hand. Unter uns tauchte die Stadt auf. Nach Monaten auf Palawan kam mir die graue Silhouette der Hochhäuser natürlich vor, nicht gebaut. Wir landeten unter blau-weißem Himmel, ein Himmel, der zu meiner Stadt gehörte, doch das Blau erinnerte mich an Palawan. Iska umschloss mich fest mit ihren fleischigen Armen. Ihr drahtiges, schwarzes Haar war aufgeheizt und roch salzig. Sie winkte, verschwand hinter der Tür des tosenden Hubschraubers. Im Krankenwagen saß ich aufrecht. Es roch desinfiziert, ein Geruch, der mich die letzten Tage in meiner Hütte beruhigt hätte. Die Vorortstraßen zogen uns ins Innere der Stadt. Um mich herum zwei Pfleger mit sauberen Händen. Sie sprachen zu laut. Die Schleife aus Blaulicht prallte durch die Fenster, schmerzte in meinen Augen. Gehetzte Menschen drängten über die Straßen. Sie schwitzten, ich fror. Hupen, Stimmengewirr. Die Stadt meine alte Welt, meine Kindheit, meine Familie, meine Liebe, mein Kind und trotzdem fremd. Erst als blasse Flüssigkeit in meinen Arm fließt, kann ich mit dem Gedanken einschlafen, dass sie sie angerufen haben werden. Sie muss kommen, muss ihn mitbringen. Ich kann ihr nichts erzählen, kann mich nicht erinnern. Ich kann ihr nur sagen, dass ich bleiben werde, Magtatagal ako, eine andere Arbeit finde, sie wird sagen, geh zurück. Balikan. Die Nacht ein Gemisch Taubheit und Reue. Mein Körper war eingeschlafen. Ich kann zusehen, wie er aufwacht. Meine aufgeriebenen Finger liegen auf dem weißen Laken neben mir. Daran mein Arm, der kontaktlos in meiner Schulter steckt. Meine Niere eine scharfe Kante. Alles ist unbeweglich. Mein Blick stellt die Umgebung scharf. Der Raum ist klein. Ich höre die Landeanflüge auf Ninoy Aquino. Draußen beginnt die Stadt zu summen. Auf dem Flur quietschen gehende Schuhsohlen. Alles ist nicht Palawan. Alles ist trocken. Meine Hände. Meine Füße. Mein Mund. Es wäre einfach, heute nicht zu reden. Die Schwester kommt mir bekannt vor. Sie schiebt raschelnd die Gardinen zur Seite, kippt das Fenster. Sie berührt sanft die Bettdecke, hinterlässt einen welligen Knick. Guten Morgen. Magandang umaga. Ich schließe zustimmend die Augen, öffne sie wieder. Habe kein Gefühl für Entfernungen. Mein Fuß schiebt die Decke zur Seite. Es ist warm. Bloß nicht schwitzen. Nicht nass werden.


Katrin Theiner*1981 in Steinheim (Westfalen) hat 2006 den Sprung aus der Provinz nach Berlin geschafft – mit einem Magister in Germanistik und Medienwissenschaft in der Tasche. Seitdem arbeitet sie als freie Texterin und gehört zum Autoren-Team von 1000Zeichen.de. Sie studiert zudem „Biografisches und Kreatives Schreiben“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. 2013 war sie mit ihrer Kurzgeschichte „Säule 3“ auf der Shortlist zu „Wortlaut“, dem Literaturwettbewerb vom ORF (Veröffentlichung in der  Anthologie) und stand 2014 auch auf der Longlist. Im November 2014 war sie Teilnehmerin der Berliner Lesereihe Kabeljau&Dorsch. Ihren Debütroman wird sie in Kürze beenden.