ASTRONAUTEN (Romanauszug)
von Sandra Gugić

 I. DARKO

«Gott ist ein Astronaut», sagt Zeno und tritt seine Zigarette aus. Wir stehen vor der roten Ziegelmauer, die den Park zur Straße hin begrenzt, und betrachten eine Weile schweigend das noch unbeschriebene Stück Mauer vor uns. Die Stadt gehört uns steht rechts davon, links Meine Mutter nennt mich Hurensohn. Beides Werke von Zeno, auch wenn er darauf besteht, dass er nur den Hurensohn gesprayt hat, weil ihm das mit der Stadt mittlerweile peinlich und abgegriffen vorkommt, sprayt doch jeder, außerdem gehört uns die Stadt nicht. Wenn sie einem gehört, dann nicht uns, nur der Park, der Park ist unser.

Der Park liegt nur dreihundert Meter vom Casino entfernt hinter dem lang gezogenen Gebäudekomplex des Theaters. Also auf der einen Seite, Schulter an Schulter, Theater und Casino mit dem verschnörkelten Springbrunnen und dem akkurat gemähten Rasen davor und auf der anderen der Park. Im Festsaal des Casinos finden die Partys und Abschlussbälle der Privatschulen statt, Unterrichtssprachen Französisch und Englisch, dort sitzen abends die Mädchen kichernd auf den Treppen, in Cocktail- oder Ballkleidern, je nachdem, ein Martiniglas in der Rechten, Zigarette in der Linken, nein, andersrum, nur das Kleid nicht ansengen, also die Zigarettenhand weit weghalten, ein leichtes Schwanken und Tänzeln auf den zu hohen Absätzen, Frisur und Make-up gegen Ende des Abends, wie alles, an der Grenze zur Aulösung. Die Jungs in Anzügen, die Haare mit Gel nach hinten gekämmt oder kunstvoll verstrubbelt, die älteren fahren in den Autos der Väter vor, der Lack glänzend, die Wagen frisch aus der Waschanlage, Fenster heruntergekurbelt, Zigarette im Mundwinkel. Die Mädchen zücken ihre Kameras, schürzen die Lippen und posen angestrengt sexy für das perfekte Bild, quetschen sich zu dritt vor die Linse, fallen lachend auf den Rasen, nur das Kleid und die Schuhe nicht ruinieren, Zeno sagt, dabei sollten sie, sowieso und erst recht. Minuten, Stunden später wird das Geknutsche und Gefummel vor dem Springbrunnen losgehen, auf dem Parkplatz und zwischen den Säulen. Von drinnen dringen Fetzen von Paartanz-Musik nach draußen, sittsamer Ausgleich zum allgemeinen Treiben bleibt die Verwendung von Französisch und Englisch als Partykonversationssprachen, und immer neue Erinnerungsfotos vom Abheben und Abstürzen und den Aggregatzuständen dazwischen, an die sich keiner erinnern wird. Dazwischen liegt die steinerne Grenze zwischen Casino und Park, der Gebäudekomplex des Theaters, das Zeno nur einmal von innen gesehen hat. Eine Auführung der Räuber, in die uns eine Jugendarbeiterin mitgenommen hatte, der alte Schinken aufgepimpt als Gangballade, mit Rap und Breakdance, und Zeno und ich, als alberner Gegensatz dazu, aufgebrezelt in Hemd und Krawatte im Parkett.

Zum Haupteingang des Theaters führen etliche Stufen, über die sich ein Dach aus Arkaden spannt, flankiert von Säulen, in Stein gehauenen Gesichtern und Figuren aus vergessener Zeit, und auf der Rückseite, dort, wo der Bühneneingang liegt, beginnt der Park. Unser Park. Jeden Tag sind wir hier draußen, an den Wochenenden, vor allem im Sommer, manchmal bis spät in die Nacht. Zeno, die anderen und ich.
Die Mitte des Parks markiert ein kreisrunder, künstlich angelegter See, in dessen leicht nach rechts verschobenem Zentrum thront ein überdimensional großer, hässlicher Frosch aus Beton, von unzähligen Schichten Taubenscheiße bedeckt und marmoriert. Im brackigen Wasser des Sees baden Enten und andere Vögel, rote und graue Eichhörnchen flitzen an Ästen entlang, jagen einander, manchmal huscht eine Ratte durchs Gebüsch. Stadtkonservennatur, sagt Zeno. Kieswege laufen kreisförmig um den See und verzweigen sich nach außen, an die Ränder. Die große Wiese, unser Treffpunkt, wird flankiert von dicken alten Bäumen, der Fußballkäfig liegt ganz vorne, zur Straße hin dann noch ein winziger Kinderspielplatz mit Sandkisten und rostigen Wippen. Angrenzend der städtische Sportplatz, auf dem Jahr für Jahr Schüler in allen Größen und Gewichtsklassen scheinbar endlose Runden drehen. Schüler der öffentlichen Schulen, die, weit weg von Französisch und Englisch, in ihrem eigenen Sprachgewirr kreisen, ständig kommen neue Sprachen dazu, verweben sich zu einem Rauschen, das immer wieder von den Pfiffen des Sportlehrers unterbrochen wird. In jedem echten Spiel regt sich eine ganze Welt steht in gebrochener Schrift über dem Vordach der Tribüne, unter diesem Motto ziehen wir jeden Mittwoch unsere Runden, schwitzen, keuchen, spucken und verstecken uns zwischendurch in den umliegenden Büschen, um mit nervösen Fingern SMS zu tippen oder einfach in Ruhe eine zu rauchen. Die rote Backsteinmauer, vor der Zeno und ich stehen, ist die Grenze des Parks zur Stadt hin. «Gott ist ein Astronaut, das sollte ich sprayen», sagt er, wartet auf eine Reaktion von mir. Ich zucke mit den Schultern.


©Dirk Skiba

©Dirk Skiba

Sandra Gugic, 1976 in Wien geboren, Studium an der Universität für Angewandte Kunst Wien/Sprachkunst, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Arbeiten für Theater und Film.
ASTRONAUTEN ist ihr erster Roman und im Frühjahr 2015 bei C.H.Beck erschienen.

www.sandragugic.com