Bruch
von Sven Heuchert

Immer wieder Wasser, das Wasser. Alt, magisch, auch Heimat. Kindheitsworte, Erinnerungen: nasse Steine unter Füßen, glitschig, vertraut. Sand, Gras, die Sonne, die uns blendet. Warme Haut und das erschöpfte Daliegen, ein letzter Rest Feuchtigkeit im Handtuch. Das gleichmäßige Atmen der Mutter, wenn sie döst. Die krausen Haare des Vaters auf Brust, Bein, Rücken. Man selbst war ja nackt, kahl. Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen, ein spitzer Schrei, jemand fällt, springt, wird gestoßen. Zuerst der Schrei, dann das Geräusch, die Welle, Ruhe.

Noch liegt der Fluss ruhig da, träge, ist Oberfläche, schillernd, trügerisch, sentimental. Kurz nach dem Eintauchen, wie ich das Gefühl vermisse: Prickelnde Kälte, überall, ein klares, kräftiges Gefühl. Danach der Moment der Orientierungslosigkeit. Atemlos, schwerelos, im Element, ein Rauschen in den Ohren. Sauerstoffperlen, aufgetrieben durch das eigene Gewicht. Den Blick immer zur quecksilbrigen Oberfläche. Brennen, Blitze auf erhitzer Haut. Ich erinnere mich an Vaters Worte: Bombenkrater. Wie er das aussprach, da schwang Ehrfurcht mit. Eine Warnung war’s. Die Löcher im grünstichigen Schlick, man sah sie nicht, aber sie waren da. Strudel, die einen hinabzogen. In die Löcher, in die Tiefe. Kribbeln, wenn man dran denkt. Kribbeln im Bauch, im ganzen Körper. Der Vater war ein guter Schwimmer, konnte tauchen, minutenlang. Da, am Wasser, am Fluss, da war noch etwas in seinem Blick, etwas Wildes vielleicht. Erwartung, in einem Gesicht von früher. Finden wir das heute noch, dieses Gesicht, ist es noch da? Nur noch Graues ist da jetzt. Starr, blank, Puppenaugen. Manchmal verzieht er den Mund, ein kurzes Zucken im Winkel, es ist, als sage er: Erinnert ihr euch auch? Wasser, Sonne. Der Frieden in diesen endlosen Minuten; Vergangenheit. Aber im Blick selbst, da ist nichts mehr, nur noch Schweigen, eine große Stille. Vielleicht endgültig. Mutter sagt: Da gab es einen Bruch. Sie sagt: Etwas ist gebrochen. In ihm. Was meint sie: Weggebrochen, abgebrochen? Etwa: Aufgebrochen? Es gab einen Bruch, sagt sie, so leise, dass ich schon denke, es soll keiner hören. Dann sieht sie wieder auf ihre Finger, als könne sie mit denen etwas rückgängig machen. Sie kann nicht sagen, wann. Niemand kann. Nur, dass es einen Bruch gab. Gegeben haben muss.

Wenn, dann denke ich an ihn als eine Kraft. Muskeln, die spannen, sich dehnen. Die Schweres leicht aussehen lassen, wie in einem Spiel, genauso. Und ich denke an die Tätowierung am Oberarm: Frauengesicht, schief, hässlich, aber bewegt hat es sich. Blaue Tusche, die mit dem Muskel, den Sehnen zittert. Zur Einheit verschmolzen. Auf ewig. Darüber haben wir gelacht, ein Milchzahnlachen. Ich erinnere mich.

Mutter hat in die Brotschneidemaschine gefasst. Vor ein paar Tagen erst. Hat sich selbst verbunden, saß in der Küche mit Mull und Schere und Tränen. Blut auf dem Holzboden, ein paar Tropfen. Ich dachte gleich an Märchen, an alte Geschichten, in denen es auch immer um Blut geht. Da war es, nebem dem Stuhl: Nicht mehr rot, schon fast schwarz, eingetrocknet. Mutter, sagte ich und zeigte, und sie sah mich an, und ich wusste, dieser Blick. Ich kann nicht mehr, sagte der, oder auch: Mir reicht’s. So: Ich weiß nicht mehr weiter. Komm, sagte ich, ich helf dir. Wie’s Kraft kostet, das zu sagen. Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war im Kopf, nicht wirklich. Gedacht hat man das. Und dann sagt man’s, weil die Zeit dafür gekommen ist. Was passiert ist: Das ist auch Vergänglichkeit.

Die andere Zeit ist weit weg. Aber es gab sie, das weiß ich. Die Zeit vor dem Bruch. Ich stelle mir vor, wie Mutter glücklich ist. Wie sie in die Sonne sieht, ihre Augen schließt. Wie sie die Wärme spürt, auf Haut, Haar. Wie sie sagt: Ist alles gut. Ein Bild wie Scherben. Die Küche ist dunkel, die Mutter erschöpft. Im Haus ist das Schweigen eingekehrt.

Ich sehe den Vater, ich sehe die Tabletten. Rote, blaue, grüne. Sortiert nach Tagen. Er nimmt sie. Er spricht nicht. Ein stummer Mann dieser Tage. Wir sehen auf den Fluß, gemeinsam. Es ist nicht weit, ein paar Meter nur. Die Kraft, sagt die Mutter, die Kraft. Sie fehlt. Alleine sitzen wir und sehen zu. Das ist auch ein wenig die alte Zeit; die Geräusche, das Wasser. Der Vater hebt den Kopf, ich denke, vielleicht. Aber nein. Da ist nur Graues. Die Tabletten arbeiten, im Kopf, in den Gliedern. Das Gesicht am Oberarm, es ist noch da, natürlich. Ich seh’s, wenn er sich eine Zigarette anzündet. Da verrutscht das Hemd ein wenig. Und das ist alles, was bleibt. Tinte und Erinnerung.


Autor1Sven Heuchert, geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte “Zinn 40″ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise. Veröffentlichungen u.a.: Drecksack, Fettliebe, Rogue Nation, Maulhure, Abwärts!, Mosaik, Kettenhund.

Aktuelle Veröffentlichung: „Asche“ Stories, im Bernstein Verlag.