Zitronenbonbon
von Michaela Müller

Heute Morgen ist der Großvater verreist. Es ging auf eine Bildungsreise nach Israel, die der bayerische Bauernverband organisiert hatte. Irene kannte das Land aus der Bibel – oder vielmehr ihre Bewohner, die sich auf dem Weg dorthin befanden. Sie wollten weg aus Ägypten, in ihr Land und Gott half ihnen dabei. Aber warum waren sie überhaupt weggegangen? Sie wusste es nicht.

„Ist Opa jetzt schon im Flugzeug?“

„Ja, in einer Viertelstunde fliegt er los.“

Irene warf sich hastig einen Anorak über und lief auf den Hof.

„Wenn i im Flugzeug bin, wirf i dir a Guttie runter“, hatte der Großvater zum Abschied gesagt. Das war ein Wort. Sie stellte sich hinter das Haus und begann, in den Himmel zu starren. Er hatte noch hinzugefügt, dass das Flugzeug über das Haus flöge. Sie solle nur gut aufpassen. Irene wartete. Die Wolken waren grau an jenem Tag im Februar. Es war kalt. Schneeflocken fielen auf ihr Gesicht, das sie dem Himmel zugewandt hatte. Die Welt bestand nur noch aus ihm und ihr.

Dann passierte es. Das Bonbon kam aus dem Himmel zu ihr. Sie sah es kurz, konnte aber die Farbe wegen der hohen Flieggeschwindigkeit nicht erkennen. Dann hörte sie es auf den Boden aufschlagen. Es muss wie ein Flummi weitergesprungen sein, es muss in den Schneematsch gefallen sein, in Dreck getaucht, wodurch das Glitzerpapier seinen Glanz verloren hat. Irene kann es nicht finden. Aber das lag an ihr. Sie war zwar ein guter Warter, aber eben ein schlechter Finder. Bis zum Mittagessensruf aus dem Haus suchte sie den Boden zwischen dem kahlen Weichselkirschbaum und dem Misthaufen ab. Es kann sein, dass man am Tisch über sie gelacht hat. Irene hat es vergessen. Das Bonbon nicht.

Von seiner Reise gibt es ein Foto. Da steht er, der Großvater, schon ein wenig vom Alter gebückt mit seiner grauen Strickjacke, im Straßengraben bei einem Kamel und lächelt. Wahrscheinlich in Israel, vielleicht aber auch in Palästina. An seiner Seite ein Mann im grauen Kaftan mit weißem Kopftuch und schwarzen Kopfring. Vielleicht der Besitzer des Tieres, vielleicht auch ein Bauer wie er. Großvater beugt sich über das Kamel, es kniet und ist gesattelt. Mit seinem Zeigefinger zieht er die Lastentasche auf und blickt hinein.

Von der Reise brachte er eine braune Tonschale mit. Die Schale diente fortan zur Aufbewahrung von Obst und Gemüse. Neben den Zwiebeln dämmerten Zitronen bis zur Fäulnis vor sich hin. Die Mutter hatte die Angewohnheit, die Zitronen nicht in zwei Hälften zu teilen, sondern schnitt die Frucht nur bis zur Hälfte ein, um ein paar Tropfen von dem Saft herauszupressen. Bei Zimmertemperatur umspannten pelzig-grüne Faulränder die Schnittstelle im Sommer nach nur wenigen Tagen. Das Grün fraß das Gelb auf. Gut so. Gelb ist die Farbe des Neides, erfuhr sie später. Es umgab sie überall. Die Dotterblumen am Wasser, der Hahnenfuß auf der Wiese, die Schlüsselblumen im Wald. Aber sie ging trotzdem dorthin, denn es war egal. Neid brauchte einen Gegenüber. Irene war allein.


Fotoautomat.Perso.Michaela.Maria.MuellerMichaela Maria Müller, geboren 1974 in Dachau, wuchs dort auf einem Bauernhof auf. Nach einer Lehre als Verlagskauffrau bei einem Zeitungsverlag in München, arbeitete sie als Buchhändlerin in München und New York. In Berlin studierte sie Geschichte und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für SZ und FAZ mit dem Schwerpunkt Migration und Flüchtlingspolitik. Gerade hat sie die Erzählung des somalischen Paars „Amaal und Samir“ beendet.