George Michael hat mein Leben ruiniert
von Philipp Brandstädter

Unsachgemäße Müllentsorgung, Erregung öffentlichen Ärgernisses durch Pinkeln im Park, unterlassene Hilfeleistung durch Feigheit, Hausfriedensbruch und Ruhestörung durch Tanzen, Diebstahl durch Filesharing und Zechprellung, Verletzung des Urheberrechts durch Hausarbeitenschreiben, Staatsbetrug durch Schwarzarbeit, Schwarzfahren und Schwarz sehen, Verstoß gegen das BtmG durch Besitz, Konsum und Verkauf, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz sowie versuchte gefährliche Körperverletzung durch Verwendung von Pyrotechnik im Stadion, unendliche Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung durch unendliche Coolness, Sex mit Minderjährigen durch Liebe, wie sich am Morgen danach heraus stellte (also die Minderjährigkeit, nicht die Liebe), Widerstand gegen die Staatsgewalt durch Pflichtbewusstsein, Steuerhinterziehung durch Ahnungslosigkeit, Sachbeschädigung durch Suff und Kummer, Versicherungsbetrug durch Das-macht-doch-jeder-verdammtnochmal.

Umweltverschmutzung durch Anwesenheit.

 Noch nie habe ich mich für meine Frechheiten verantworten müssen. Wegen dem bisschen Totschlag kriegen die Bullen mich jetzt auch nicht mehr dran. Nicht heute. Ist doch Weihnachten. Und erst recht nicht hier. Am metallicblauen Tannenwaldrand, hinter dem sich die verwahrloste Kleinstadt verkriecht, mit ihren maroden Häusern, dem schäbigen Besenwurfputz draußen und dem adventlich leuchtenden Dekoschrott drinnen. Und dem Dorfplatz mit dem trocken gelegten Brunnen und dem mit verschimmelten Schieferplatten bekleckerten Pfarrhaus. Seinem potthässlichen Zaun, dem abgeplatzten Lack auf dem Metall, den mehr oder minder kunstvoll angeschweißten Messingkugeln, die im Vollmond schimmern, darüber die Überleitungen, die unmotiviert an den morschen Holzmasten durchhängen und na, ist ja auch egal.

 Da, wo keine Seele Zeuge ist, da treffen sich zwei. So um zwei. Saskia stößt sich von der Leitplanke ab und schlendert über den zerdroschenen Asphalt auf meinen Wagen zu. Und ich so: Na? Wische mir lässig den Airbag aus dem Gesicht. Will aussteigen, aber die Tür klemmt ein bisschen, wodurch sich die gesamte Performance als ausbaufähig erweist. Sonst eigentlich alles in Ordnung. Wer bist’n du? Der verfickte Weihnachtsengel. Und was machst du auf der Leitplanke? Igel gucken. Saskia zeigt auf den platten Brei mit den Stacheln auf der Fahrbahn. Der sonnt sich nur, sagt sie. Ist hier gerade so angesagt, sagt sie. Aber ein bisschen anders vorgestellt habe sie sich das Ganze trotzdem. Der Weihnachtsengel ist enttäuscht.

 Sie wollte eigentlich nach Hause, sagt Saskia und zieht ein bisschen Weihnachtsrotz hoch. Noch das Buch fertig lesen. Noch ihrer Schwester einen Brief schreiben. Noch ihrem Papa sagen, dass sie ihn lieb hat. Obwohl er ihr Facebookposting über die Rassen-Unruhen in den Staaten mit „Hallo Schatz, schön von dir zu lesen, ganz liebe Grüße!“ kommentiert hat. Das sei das digitale Äquivalent zum Nichtzuhören. „Und dann ist da noch dieses Projekt im Kulturcafé, das lief gerade echt gut. Und dann war ich gestern noch für siebzig Euro beim Friseur. Die hätte ich mir sparen können. Und du so?“

Und ich so: Vor Friseuren und ihren hippen Modeentgleisungen habe ich Panik. Du sagst ihnen wie immer „So wie immer“ und dann siehst du aus wie immer nach dem Friseur, nämlich scheiße. Diesen mit Scheren und Rasiermessern bewaffneten Wahnsinnigen bist du vollkommen ausgeliefert, wenn du nicht vom Fach bist. „Man hat aber auch immer vor den falschen Dingen Angst“, meint der Engel. Hätte ich mal vorher gewusst, dass es kein schiefer Pony sein wird, der mich scheitern lässt.

Sondern George Michael.

 Gerade eben war ich noch in der Dorfkneipe feiern. Die glühweinseligen Weihnachtsflüchtlinge nostalgisch auf der Tanzfläche, ich dehydriert auf dem Klo. Stelle wie bekloppt Wasser in mich rein, das schon an meinen Lippen verdampft, bevor es den überhitzten Körper erreicht. Die Wichser haben den beschissenen Hahn so tief ins Becken gehängt, dass bloß keiner auf die Idee kommt, ihr Scheißleitungswasser in einer Bierflasche mitgehen zu lassen. Also setze ich mich ins Auto, bevor ich vor lauter Verzweiflung die Plörre aus dem Spülkasten trinke, erst zur Tanke und dann weiter.

 Das lässt man in dem Zustand besser bleiben, sagt ein altes chinesisches Sprichwort, und während ich dem Echo meiner Worte hinterher lausche, trete ich auch schon das Pedal durch und versinke im Fahrersitz. Im Licht der Scheinwerfer schmilzt der Schnee, dahinter nichts als das Nichts der himmlischen Weihnachtsnacht, aus der links und rechts gefrorene Bäume hervorschießen und wieder geschluckt werden. Und wie ich so ganz smooth über die Straße cruise wie auf polierten Kufen eine Bobbahn hinab, wimmert urplötzlich Wham durch den Wagen. Ich stürze mich reflexartig auf das Radio, um dem Weihnachtsterror ein Ende zu setzen, und dann.

Ein Mädchen im Lichtkegel.

Ich ihr gleißendes Licht.

Sie meine Motte im Feuer.

 Dieser verfickte George Michael, sage ich. Will nicht wissen, wie oft das wegen dem schon passiert ist. Ob es irgendwo eine von Weinkrämpfen geschüttelte Selbsthilfegruppe für Wham-Opfer gibt, die unfreiwillig das „Last Christmas“-Intro mit einem Dutzend Silberlöffelchen in Kaffeetassen nachklimpert? „Ist das die Frage, die dich gerade am meisten beschäftigt?“, fragt Saskia und schnippt mir einen Zahn vom Ärmel. Das Mondlicht klatscht in zähflüssigen Tropfen auf die Straße und spritzt unwirkliche Schatten auf die Tonne Schrott, die um einen Betonpfeiler gewickelt vor sich hin zischt. Ein Teppich aus Glassplittern auf dem Asphalt. Davor eine Schachtel Fritten in einer Lache Öl oder Blut. Ein paar Schokoriegel und leere Zigarettenschachteln und Bierdosen. Der Geruch von Gummi und Benzin. Mir quetscht es das Herz durch die Rippenbögen. Ich sage, tut mir leid, ich glaube, ich stehe ein bisschen unter Schock. Oder ich träume.

Tut mir leid, sage ich noch einmal, und verschlucke mich dabei. Ich wollte dich da nicht mit reinziehen, wirklich. „Schlechtes Timing“, sagt Saskia. „Darum dreht es sich doch sowieso immer. Was hattest du denn noch vor, wenn es anders gekommen wäre?“ Und da bringt der Weihnachtsengel die Was-wäre-wenn-Kiste ins Spiel. Ich hatte überhaupt nichts vor. Ich war immer nur im Planen gut, sage ich. Entscheidungen habe ich nie gefällt. Optionen abwägen und sich für keine entscheiden ist sozusagen das Steckenpferd unserer Zeit. Vor lauter unbegrenzter Möglichkeit dachte ich mir, ich mache einfach das, was alle anderen schon immer haben wollen. Einen gut bezahlten Job, ein gut abbezahltes Haus. Ein Kind, das um Himmels Willen nicht so schnell sprechen lernt. Ein Hund, der immer nur in den Nachbargarten kackt. Warum mich das doch noch gleich glücklich machen sollte – ich habe es komplett vergessen.

 „Ich glaube, ich hätte gern noch meine große Liebe kennengelernt“, sagt Saskia. „Auch wenn Liebe für uns keinen Platz hat, weil sie den unbegrenzten Möglichkeiten widerspricht. Auch wenn Liebe nur eine Formel für diejenigen ist, die etwas zum Festhalten brauchen. Ein Erklärungsversuch für eine Banalität, die wir anders nicht verstehen oder gerade wegen ihrer Banalität nicht verstehen wollen. Ich glaube, ich wollte einfach noch ein paar Augenblicke glücklich sein“, flüstert Saskia. Noch einmal verreisen. Noch einmal mit Freunden ausgehen.

Noch einmal fühlen.

Ich nehme ihre Hand. Halte sie zwei Minuten fest, die in zwei Minuten noch zwei Minuten sind. Ich sage nichts. Ich sage nicht, dass sich sowieso nichts so anfühlt wie beim ersten Mal. Die erste Achterbahnfahrt, das erste Mal am Strand, der erste Kuss. Ich sage nicht, dass wir das Glück ohnehin immer genau eine Fingerspitze über der hirnverbrannten Messlatte unserer Erwartungshaltung gesucht hätten. Ich sage nicht, dass es nichts bringt, Kopien von Erinnerungen anzulegen. Denn anstatt sie zu konservieren, verwaschen wir sie zu Lügen. Stattdessen frage ich, hast du vielleicht Lust auf einen Kaffee? Ich würde nur fix den Wagen umparken. Will ja kein Knöllchen riskieren. Wir stehen vor unseren Trümmern und beobachten die Rauchschwaden, von der Kälte ewigen Schlafs umhüllt.

„Ich weiß nicht“, weiß Saskia nicht. „Immerhin hast du uns beide gerade totgefahren.“

Ach ja, diese Sache.

„Das heißt, du trinkst deinen Kaffee jetzt schwarz?“


406223_445815768791680_1156598552_nPhilipp Brandstädter ist freier Journalist in Berlin. Kurzgeschichten schreibt er selten und einen Preis hat er dafür erst recht noch nicht bekommen. Charles Dickens ist ihm kein Begriff.