Der gewünschte Gesprächspartner ist zur Zeit nicht erreichbar
von Ruth Herzberg

Lieber Daniel,

ich wusste ja, dass es nichts bringt, vorher noch zu dir zu fahren. Es war ein Umweg, aber es war sehr früh am Morgen und noch wenig Verkehr. Ich wusste, ich werde deswegen trotzdem später im Stau stehen. Erst stand ich nur vor deinem Haus, mit laufendem Motor, dann suchte ich einen Parkplatz, stieg die Treppe hinauf, klingelte und klopfte.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis du aufgemacht hast. Verschlafen und in deinem abgewetzten blauen Morgenmantel. Wütend. So wie ich dann auch. Nein, du wolltest immer noch nicht mitkommen, sondern Weihnachten allein bleiben, wie du es mir schon im November und letzte Woche und auch vor drei Tagen und gestern Abend am Telefon gesagt hast. Ich habe mich dann zusammengerissen und erst im Auto geweint. Es ging mir besser, als ich auf der Autobahn war und der Himmel sich etwas aufhellte. Ich habe dann Radio gehört und mir an der Tankstelle Zigaretten gekauft, obwohl ich gar nicht mehr rauche.

Ich habe dann beim Fahren geraucht und mir verboten, an dich zu denken.

Dann kam, wie gesagt, der Stau. Ich habe dann doch an dich gedacht und abends gegen sieben war ich dann bei meinen Eltern. Mama stand in der Tür, Papa war noch unterwegs, Einkäufe machen. Mama hat mir Tee gekocht und ich habe Zwiebeln geschnitten fürs Abendessen und versucht, nicht an das Telefon zu denken, das hatte ich tief im Rucksack vergraben und ausgeschaltet, weil ich nicht auf eine Nachricht von dir warten wollte.

Meine Augen tränten beim Zwiebel schneiden, Mama dachte, ich weine. Sie erzählte dann irgendwas von einem Kinofilm, formte Fleischbällchen und ich hatte Kopfweh, aber nur leichtes. Ein Auto hielt vor dem Haus, wir konnten es durchs Küchenfenster sehen.

Es war Leo, mein kleiner Bruder, von dem ich dir schon so viel erzählt habe.

Ich freute mich, aber das war dann gleich wieder vorbei, denn auf der anderen Seite stieg Elena aus, seine Freundin. Sie lachte wegen irgendetwas, sie hat so eine aufgesetzte Art. Wir hörten ihr Lachen bis zu uns in die Küche, trotz der Thermodoppelscheiben, die Papa letztes Jahr hat einbauen lassen. Zum Glück lag kein Schnee, sonst hätte Elena bestimmt gleich einen Schneeball nach Leo geworfen.

Mir fiel wieder ein, dass Leo mir schon vor drei Wochen erzählt hatte, dass er sie mitbringt. Von allen Frauen die er hatte, ist er ausgerechnet bei Elena hängengeblieben. Vor drei Wochen hatte ich noch gehofft, du kommst mit und dann hätte ich auch Elena besser ertragen und später habe ich verdrängt, dass Leo sie mitbringt und mich auf ihn gefreut.

Später aßen wir zusammen, Kartoffelsalat und Bouletten. Elena aß nur Kartoffelsalat, also nur die Kartoffeln, die Zwiebeln und die Gurke und den Speck ließ sie liegen, sie ist Vegetarier und hat diverse Allergien. Dann erzählte sie, dass sie Mützen hassen würde, sie würde nie welche tragen, egal wie kalt es sei.

Ich bin nach dem Essen mit Leo raus in den Garten. Wir haben uns nebeneinander auf die alte Schaukel gequetscht und gekifft. Leo hat anständigerweise nicht nach dir gefragt. Ich hätte keine Lust gehabt, ihm zu erklären, dass du dich Weihnachten einschließen wolltest um in Ruhe deine Hausarbeit zu schreiben, die du schon längst hättest geschrieben haben können, wenn du besser geplant hättest. Elena half Mama in der Küche beim Einräumen der Spülmaschine. Schon wieder hörte man ihr Lachen, sie hat immer gute Laune.

Leo und ich rauchten schweigend. Es war verdammt starkes Gras was er da hatte. Er bringt immer so einen genmanipulierten Mist aus der Karlsruher Fußgängerzone an.

Wie jedes Jahr versprach ich mir selber, nächstes Jahr was Besseres aus Berlin mitzubringen. Dann kam Elena zu uns, setzte sich bei Leo auf den Schoß, inhalierte und fragte mich: “Kommt dein Freund noch?”

“Vielleicht.” sagte ich, das war das Einfachste.

Mir war auf einmal kalt, ich ging ins Haus, nach oben, in Leos altes Zimmer. Meins hatte Mama für Leo und Elena vorgesehen, weil es größer ist. Mama hatte dich nicht eingeplant, gar nicht erwartet, dass du mitkommst, doch noch, im letzten Moment. Ich warf mich aufs Bett und natürlich hatte ich jetzt nicht mehr die Kraft zu widerstehen. Ich habe das Handy aus dem Rucksack gekramt, es eingeschaltet und den Code eingegeben und mir sonst was ausgemalt, wieder besseren Wissens, habe sie schon ganz genau vor mir gesehen, deine SMS:

“Wie gehts dir, hoffe, du bist gut angekommen, wäre jetzt gern bei dir, ruf mal an, Küsse Daniel” aber nichts. Ich bin dann einfach eingeschlafen, dank Leos Gras.

Am nächsten Morgen bin ich mit Papa spazierengegangen, er hat mir die neue Siedlung gezeigt, auf dem Feld. Da haben wir früher im Herbst Drachen steigen lassen, jetzt stehen dort Häuser aus Rigips, dicht an dicht, mit seltsamen Leuten darin. Mit Papa kann ich lästern, du hättest die Lippen zusammengekniffen und gesagt, dass sei alles Soziologie und Gesellschaft, ja schlimmschlimm, aber meine Arroganz, die würde dich abstoßen. Ich hatte Sehnsucht nach deiner Strenge. Du hast nie verstanden, dass ich es mochte, wenn du mich zurechtgewiesen hast.

Als wir wieder zu Hause waren, habe ich fast geweint, als Mama uns eröffnet hat, dass wir dieses Jahr mal ohne Baum feiern würden. Wir seien doch alle schon erwachsen.

Ich bestand auf einem Baum, du hättest das absurd gefunden, wir seien doch keine Christen und Kinder gäbe es auch nicht, es wäre Geldverschwendung und nicht umweltfreundlich und lauter gute Argumente. Aber wenn du mitgekommen wärst, hätte ich sowieso keinen Baum gebraucht.

Papa ließ sich schließlich erweichen und fuhr mit mir noch auf den letzten Drücker in die Stadt. Auf dem Parkplatz vorm Supermarkt erwarben wir einen Baum, den ich noch runtergehandelt habe, ohne uns wäre er sowieso im Schredder gelandet.

Zu Hause baute Leo den auf und danach legte er sich hin, er war gestern noch mit Elena in der “Krone” bis morgens um vier und sie haben mich nicht mitgenommen, ich habe ja geschlafen. Wenn du dabei gewesen wärst, wären wir zusammen in die Krone gegangen und du hättest meine alten Freunde kennengelernt. Sie hätten dich nicht gemocht, mit deinen zusammengepressten Lippen, schweigsam und konsequent deine Biere trinkend. Du hättest sie auch nicht gemocht, hättest dich vielleicht mit Leo in eine Diskussion geflüchtet, über Architektur oder Filmtheorie. Danach hättest du mich gefragt, ob dieser Haufen Kleinstadtfamilieneltern wirklich meine Freunde gewesen seien. Es hätte mich aber nicht gestört, weil ich mich für meine Freunde von früher auch nicht mehr interessiert hätte, wenn du mitgekommen wärst. Vielleicht wären wir auch gar nicht in die Krone gegangen, sondern ich hätte dich überredet, mit mir einen Nachtspaziergang oben im Wald zu machen, vielleicht wären wir Hand in Hand gegangen, ich mag deine warmen trockenen harten Hände.

Ich habe dann mit Elena zusammen den Baum geschmückt, dass war eigentlich ganz ok.

Dekorieren kann sie ja.

Dann war Weihnachten, es gab Crêpes mit Pilzfüllung, die hat Elena gemacht.

Mama hatte dieses Jahr nicht mal Lust zu kochen. Ich hätte beinahe geweint, warum sind wir denn überhaupt gekommen, wenn sie weder einen Baum aufstellen, noch für uns kochen wollen? Der Abend verlief gedämpft. Der Baum wirkte zu opulent neben den kümmerlichen Crêpes. Geschenke gab es auch keine. Wir sind die einzige Familie, die sich wirklich nichts schenkt, wenn sie sagt: Keine Geschenke! Das hätte dir gefallen, Daniel, warum bist du nicht mitgekommen?

Leo und Elena waren unruhig, sie wollten schon wieder in die Krone. Wir räumten zusammen den Tisch ab. Mama wollte noch Spiele spielen, aber keiner hatte Lust, das hatte sie nun davon. Es war im Grunde ein ganz normaler Abend und es war zu kalt im Wohnzimmer, weil Papa auf dem Energiespar- Trip ist. Diesmal ging ich mit Leo und Elena in die Krone. Es wurde ein ziemliches Besäufnis. Du hättest das lächerlich gefunden, so vorhersehbar. Peinlich, wie wir Jahr für Jahr dem gleichen Drehbuch folgen. Wenn du mitgekommen wärest, hätten wir vielleicht gevögelt, in Leos altem Kinderzimmer und danach hätten wir gelesen und wären erst im Morgengrauen eingeschlafen.

Ich ließ mich auf ein bisschen Schmusen mit Lutz ein, wie jedes Jahr zu Weihnachten und eine kleine halbe Stunde habe ich dich nicht vermisst. Dann, wegen dem Schmusen, fehltest du mir auf einmal sehr. Ich ließ Lutz sitzen und ging nach Hause. Der Weg von der Krone zu uns ist lang und als ich zurück war, war ich wieder nüchtern. Vielleicht, so hoffte ich, hattest du auf meine SMS geantwortet, ich habe sie kurz vor dem Crêpe Essen abgeschickt: “Frohe Weihnachten”, habe ich dir geschrieben, dabei ist das gar nicht mein Stil und deiner erst recht nicht. `Abgeschmackt`, hast du sicherlich gedacht. Aber du hättest trotzdem antworten können. Jemand anderes, Spießigeres als ich, würde sich jetzt richtig aufregen und sich trennen, denn seiner Freundin auf eine SMS mit “Frohe Weihnachten!” nicht zu antworten, das ist ein hundertprozentiger Trennungsgrund.

Ich habe dann nicht sehr gut geschlafen.

Am nächsten Tag kam dann der Schock. Elena und Leo wollten spontan über Silvester nach Berlin. In meine Wohnung. Das war gegen den Plan. Leo und ich wollten Silvester hier verbringen, uns in der Krone abschießen, wie in alten Zeiten.

Ich versuchte ihnen zu erklären, dass Berlin zu Silvester die Hölle sei, alles total voll, auf den Straßen Krieg, Schmutz und Kotze. Aber Elena bestand darauf. Irgendeine Freundin von ist war kürzlich nach Berlin gezogen, lebt in einer WG mit Dachterrasse, dort sollte eine Party stattfinden und, ja sie wollten am liebsten sofort abfahren. Mama unterstützte die beiden auch noch:

“Das ist doch eine herrliche Idee!” Und zu mir sagte sie: “Du bleibst hier, wir machen es uns gemütlich und du kannst dich erholen. Du siehst ganz schön gestresst aus.”

Dazu machte sie dieses besorgte Gesicht, das ich so hasse.

Ich versuchte, ruhig zu bleiben und schaute mit Papa zusammen Vier- Schanzen- Tournee. Elena und Leo packten und schleppten ihre Rucksäcke zum Auto. Richtig weh tat es, als ich Leo meine Wohnungsschlüssel in die Hand drückte. Totale Selbstaufgabe.

Als sie weg waren, schlief ich vor dem Fernseher ein. Das Abendessen allein mit meinen Eltern war beinahe gemütlich. Wir stritten kurz wegen der Temperatur. Es war klamm in der Küche. “Du solltest mehr Sport machen” sagte Mama. “Seitdem ich zum Yoga gehe, friere ich überhaupt nicht mehr.”

Nach dem Essen habe ich versucht, dich zu erreichen. Diesmal bist du ans Telefon gegangen. Meine Stimmung hellte sich auf, bzw. explodierte , als du sagtest, du wolltest dir überlegen, hierher zu kommen. Du könntest morgen Abend da sein.

Am nächsten Tag hast du abgesagt. Du könntest die Arbeit jetzt doch nicht unterbrechen, du wärst gerade so im Schwung. Bis bald und Kuss.

Lutz rief an. Wir sind zusammen spazieren gegangen. Haben uns geküsst. Er nahm mich zu seinen Eltern mit. Das Haus war warm und ich erinnerte mich an damals, als Lutz und ich zusammen in seinem Zimmer am Kachelofen lehnten und uns abwechselnd aus der “Unerträglichen Leichtigkeit des Seins” vorlasen.

Lutz` Mutter war sehr erfreut, mich zu sehen. Sie fragte mich nach meinem Leben in Berlin aus und lüftete ein Geheimnis: Lutz hat ein Jobangebot in Berlin, ich habe nicht genau verstanden was: Irgendwas mit Chief Development Executing Media Professional Head of Assistance. Ich habe bei ihm übernachtet und bin dort geblieben. Silvester haben wir mit den anderen in der Krone gefeiert, mit Fondue und Brettspielen und viel Schnaps. Lutz und ich kommen morgen zurück, er wohnt ab jetzt bei mir und ich wollte dich eigentlich nur bitten, nicht mehr anzurufen. Du bist mir jetzt bestimmt böse, du hast immer gesagt, ich hätte zu hohe Ansprüche. Aber weißt du: Man hat nur so lange zu hohe Ansprüche, bis jemand sie erfüllt.

Ein frohes neues Jahr,

deine Maren


IMG_20150928_0002Ruth Herzberg wurde in Berlin geboren. Sie studierte Drehbuch und Filmdramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Ruth lebt in Berlin, tritt gelegentlich auf Lesebühnen auf und schreibt regelmäßig auf: www.frauruth.de.

Sie veröffentlichte Kolumnen in der Berliner Zeitung, auf der Website der Volksbühne und debütierte im August 2015 bei mikrotext mit: „Wie man mit einem Mann glücklich wird. Beobachtungen“