Totsuche
von Tilman Winterling

Früher waren sie häufig zum Jagen in diesen Teil des Waldes gekommen. Gegenüber der Lichtung stand der alte Hochstand, an dessen Seite er extra ein Brett für den Dackel, fast einen eigenen kleinen Ausguck, angebaut hatte. Von hier konnte man durch die Bäume die leicht hügeligen Felder des Bauern erkennen, im Rücken und zu der Seite von großen Buchen beschirmt. Gejagt hatte Paula schon lange nicht mehr, vielmehr war sie nur noch Gefährtin. Zu Totsuchen hat er sie noch manchmal ausgeschickt, anderes konnte sie nie wirklich gut. Die Jagd wohl in den Genen, doch als Tier zur Hatz nicht zu gebrauchen. Auch er fühlte sich nicht mehr als Jäger, suchte lieber die Ruhe des Waldes, sprach mit dem Hund und lauschte dem Wild im Unterholz, den Gänsen und Kranichen im Vorbeiflug.

Immer hatte er einen Hund an seiner Seite gehabt. Aber keiner war ihm so ans Herz gewachsen wie Paula. Seit fast zehn Jahren waren sie unzertrennlich und jeder im Dorf sah sie nur zusammen, den maulfaulen Grantler und den freundlichen Hund. Ihm kam selbst das zackige Tach bei den Einheimischen schwer über die Lippen, bei Touristen senkte er vorher den Blick. Seine kleine Hündin dagegen war bei allen beliebt und wäre verwöhnt worden, hätte er sich dies nicht verbeten. Alle Gedanken, Sorgen teilte er einzig mit dem Dackel. Sie aßen täglich gemeinsam, ausnahmslos das Gericht, das er für beide kochte; schliefen gemeinsam im Bett, sie nicht am Fußende, sondern gleichberechtigt auf der anderen, eigenen Seite.

Heute ist ein kalter Morgen und der Nebel liegt flach über dem Waldboden. Er trägt Anzug und den Hund auf dem Arm, das alte Gewehr zwar über der Schulter, wichtiger aber der Revolver in der Tasche. Auf der Lichtung sieht er sich um, es ist keine Saison und sie allein. Entfernt hört er ein Rascheln, sieht an einigen Bäumen den Rehfraß, schmeckt die Reste des Beruhigungskorns, den er in den Kaffee goss. Seine Hände vergräbt er in ihr Fell, kann ihre nassen Haare riechen, leicht kleben die Finger der rechten Hand aneinander. Er betrachtet den Hund und streichelt sie hinter den Ohren. Vorsichtig, ganz langsam setzt er sie auf dem Boden ab, streichelt erneut. Paula sieht fast unversehrt aus. Ihre Augen sind geschlossen, das Maul leicht geöffnet. Er hatte sie einfach nicht gesehen, hatte doch noch gesagt, dass sie ruhig sitzen bleiben solle, er nur das Auto zurücksetzen würde, sie gleich einsteigen könne, auf ihre Decke auf dem Beifahrersitz. Nicht viel Blut, keine verrenkten Glieder, nur ein kleiner Körper mit offenen Augen.

Nun lässt er sich langsam neben seinem Tier nieder. Der Waldboden ist feucht, riecht nach Laub. Seit drei Tagen wälzt er die Möglichkeiten und ist doch hier gelandet. Er lässt sich auf den Rücken sinken und nimmt den Revolver aus der Tasche, blickt sich erneut um und stößt etwas Luft aus. Langsam schiebt er sich den Lauf in den Mund, schließt die Augen und tastet zwischen den Blättern nach Paula.


Pressefoto rund kleinTilman Winterling lebt in Hamburg, ist Jurist, Literaturkritiker bei 54books und betreibt gemeinsam mit Saskia Trebing das Literaturprotal 54stories. Totsuche ist in der Anthologie 1000 Tode schreiben im Frohmann Verlag erschienen.