XIII./24

dear mr mencke
von Bernice McNaulty
übersetzt von Julia Wolf

 

die dinge, die geschahen

wir lernten uns kennen. ich mochte dich gleich, als du die treppe hinaufkamst, ganz in blau. wir arbeiteten. du standest mit mir in der Küche, batest mich, mit dir zu rauchen, schlugst vor, dass wir uns treffen, gabst mir deine emailadresse; mitunter sahen wir uns so lange in die augen, dass ich weggucken musste.

ich schrieb dir mails. zunächst in einem ordner auf meinem computer mit dem namen:

 

 

 

die jagd

ich muss ihn nicht berühren

noch nicht.

jemandem nah sein zu wollen bedeutet nicht unbedingt, diesen jemand in sich spüren zu wollen, sage ich mir.

aber ich sage zu ihm „in manche orte traue ich manchmal nicht hinein.“

ich weiß, das ist etwas schräg.

ich weiß nicht, warum ich ihm vertraue; er wirkt so echt; vielleicht bin ich nur verblendet. wenn  ich jemanden mag, fasse ich zu schnell vertrauen

und hasse ihn später dafür, dass er mich enttäuscht.

er hat sich in mich geschlichen und wir haben uns nicht einmal berührt.

gefährlich.

 

die mail, die sie ihm schrieb

 

lieber m,

ich weiß nicht, was ihr jungs vom fernsehen in LA abends so macht, wahrscheinlich kokst ihr auf den bäuchen von jungen mädchen/kerlen. viel spaß!

gerade bin ich von micha nach hause gelaufen. die nacht war voller laub und ich beobachtete meinen schatten, der auf der straße neben mir herzog, und dachte, wie einfach es sein könnte, aus fernsehen kunst zu machen. ich war noch sehr wach und wollte eine zigarette und dann kam ich an zwei typen vorbei, die im fenster eines hauses saßen und rauchten. ich blieb stehen und überlegte, ob ich zu ihnen hoch rufen soll. tangomusik drang hinaus in die nacht und vor der tür des hauses tanzte ein paar. es war schön. ich wollte hineingehen. ich stand herum, bis ich den mut aufbrachte, das paar zu fragen, ob ich das haus betreten darf. sie lächelten und winkten mich durch. drinnen führte eine treppe zu einem zimmer hinauf. auf einer leinwand lief ein ingrid bergmann film, ich weiß den titel nicht, ohne ton. der film brachte das zimmer zum leuchten. paare glitten durch den raum, vertieft in einander und ihren tanz. es war hypnotisch. eine alte
welt. und ich dachte daran, dass du gesagt hast, fernsehen sei unterhaltung, keine kunst. und ich weiß, du bist der experte, aber scheiß drauf, manche leute schalten ein und wollen gefüttert werden, genau wie in einer galerie. du bist verantwortlich für deine träume, ob du willst oder nicht.

pass auf dich auf,
b

in der nacht geschrieben, am morgen bereut. zu viel. er kennt sie kaum.

er wird nicht antworten.

er schreibt zurück „mail mir bitte, wenn du wieder da bist, dann können wir uns treffen.“

 

 

was sie dachte  

lieber m,

ich kann mich nicht mit dir treffen. von dem moment, in dem ich aufwache bis zu dem moment, in dem ich einschlafe, bist du in meinem kopf.

ich habe mir vorgestellt, mit dir zu schlafen. mindestens zwei mal täglich.

zieh mich aus
leck mich
wirf mich hin und gleit in mich.

ich will nicht mit dir befreundet sein

b

 

 

was sie schrieb

kein problem. ich bin so gegen neun da.

die dinge, die geschahen

sie sitzen stundenlang auf den stufen vor der bar. reden, trinken, rauchen. er zeigt ihr das foto von sinead o’connor und fragt, ob sie weiß, was auf ihrer anstecknadel steht (statt badge sagt er button, aber sie korrigiert ihn nicht) „kiss me i’m irish.“ es ist ihm egal, was sie über seine arbeit denkt. er verbiegt sich nicht. er fühlt sich so wohl in seiner haut, dass sie sich wünscht, er würde nie gehen. doch er zahlt. er bricht auf. eine letzte zigarette. zu viel getrunken.

„ich kann nicht deine lehrerin sein.“

sie will ihm nicht in die augen sehen, „ich habe mir jeden tag ausgemalt, wie es wäre, sex mit dir zu haben, zwei oder drei mal.“

er blickt hinaus auf die straße, „das ist oft.“

sie starrt die gebäude auf der anderen straßenseite an, löst ihre haare, um sich hinter ihnen zu verstecken. „du hast nie dran gedacht?“ sie kann ihm den kopf nicht zuwenden.  „vielleicht… einmal.“ pause. „was genau hast du dir vorgestellt?“, fragt er, sie nun musternd.

sie grinst, „das sage ich dir nicht.“

sie sitzen einen moment schweigend zusammen, sie wendet sich ihm zu und er sieht sie an, aber nur halb, aus dem augenwinkel; abwägend, denkt sie.

und dann sein kuss.

geht viel zu tief.

aber er will sie nicht mit nach hause nehmen.

sie bettelt.

er will sie nicht mit nach hause nehmen.

sie bettelt weiter.

er murmelt etwas über termine und telefonate und wie wichtig seine arbeit ist.

„asshole… cunt.“
„was heißt das?“

„das ist das schlimmste, was du zu jemandem sagen kannst.“ schandmaul. es gibt kein zurück. er will sie im taxi nach hause bringen. sie will nicht. schmollend und voller selbstverachtung läuft sie mit ihm los. sie lässt sich am straßenrand nieder.

„lass mich in ruhe.“

sie sieht ihm hinterher, bis er in sicherer entfernung ist, dann rappelt sie sich auf und läuft zur u-bahn, aber die u-bahn fährt nicht mehr. sie braucht einen moment, um sich klar zu werden, was das bedeutet. eine scharfe panik steigt in ihr auf, sie kann nicht den ganzen weg laufen. sie schreibt ihm eine sms. braucht ein taxi, hat aber keine nummer. keine antwort. sie läuft. sie schreibt ihm eine sms. nichts.

 

 

was sie schrieb

lieber m,

ich habe dir gesmst, weil ich ein taxi brauchte. es wäre nett von dir gewesen, zu antworten.

ich hoffe, du hast genug küsse für dein geld bekommen.

du hast es geschafft, dass ich mich wie eine nutte fühle.

gut gemacht.

ich mochte dich wirklich.
b.

nicht logisch. sie weiß das.

am morgen eine weitere mail.

entschuldigungen.

schadensbegrenzung.

er antwortet.

liebenswürdig.

 

 

was sie schrieb und nicht abschickte

1

lieber m,

du hast mich gefragt, was ich mir vorgestellt habe:
ich trage shorts und ein t-shirt und wir stehen in deiner küche, sehr nah bei einander.

du lässt deine hand in meine unterhose gleiten und bist überrascht, wie feucht ich bin, aber als ich dich durch deine hose berühre, kann ich spüren, dass du auch schon hart bist.

du steckst meine hand in meine unterhose und siehst mir zu, wie ich mich anfasse. du hebst mich auf den tisch und streifst meine shorts und meine unterhose ab und drückst meine beine weiter auseinander. ich fordere dich auf, deine hose zu öffnen und deine unterhose herunterzuziehen, ich will zusehen, wie du dich berührst.

du trittst näher. hältst mein gesicht in deinen händen und küsst mich.

du dringst in mich, hart. und so verharren wir einen moment, ohne uns zu bewegen, wir küssen, deine zunge in meinem mund.

 

 

2

ein paar tage habe ich es also durchgehalten, dir nicht zu schreiben.

gestern war ich mit micha aus. wir haben uns unterhalten und immer, wenn er den tisch verließ, musste ich als erstes an dich denken. ich habe deine handynummer und nachrichten gelöscht, so dass ich dich nicht besoffen anrufe (drink and dial – hast du „sideways“ gesehen?).

die meiste zeit habe ich mich heute nacht gefragt, was du wohl gerade machst und ich dachte, dass du, was es auch ist, dabei höchstwahrscheinlich nicht an mich denkst. ich kenne dich gar nicht.

du bist die ganze zeit in meinem kopf. mein erster gedanke am morgen gilt dir. ich will dich loslassen, aber loslassen klappt nicht, also muss ich so lange drängen, bis es kippt. wie weit muss ich gehen, bis du mir sagst, dass du nichts mehr von mir hören willst? du scheinst aufdringlichkeit ganz gut zu vertragen.

ich habe in deinen händen einen ohrring verloren und deine finger haben blaue flecken auf meiner hüfte hinterlassen. die sind jetzt weg. ich vermisse sie.

 

 

mehr mails

sie will immer noch seine lehrerin sein.
er will sie immer noch als lehrerin.

seine antworten satzzeichen in ihren tagen.

mutter spielen
und vom ficken träumen
zu viel zeit in der uhr
wann hört das auf

 

das echte leben / leute verletzen

 

und ihr kind und ihr mann sind da. verlangen aufmerksamkeit. er weiß bescheid. er ist verletzt. er klagt an. alte kränkungen steigen in ihr auf. ärger. sie sitzen im gleichen raum, sprechen aber nicht miteinader. sie schlafen, aber nicht in einem bett. als der ärger verfliegt, kommt der schmerz zurück. weicher, flauer schmerz. sie reden. finden lösungen. machen weiter. sie fassen sich an und können nicht aufhören, sich anzufassen. wie zu anfang. alles andere wird kleiner.

sie sagt dem mann, dass sie ihm nicht mehr schreiben wird. dass sie aufhören muss.

er versteht das.

sie hält es einige tage aus

aber

es geht nicht nur um ihn.

sie ist am ende der nahrungskette, dieses ding, das aufgefressen wird. ihr mann ist ein vernünftiger mann, den alle respektieren. die art mann, die selten die stimme erhebt und nie die hand. die art mann, in der sich vernünftige männer wiedererkennen. auf parties redet er nicht viel.

und es ist nicht die schuld des kindes. nicht die schuld des kindes, dass sein zimmer unordentlich ist und dass es nicht wie ein erwachsener isst und dass alles immer erst ausdiskutiert werden muss. das kind unterbricht, das kind kleckert sich mit essen voll und tritt um sich, wenn es sein zimmer aufräumen soll. das kind will immer nur fernsehen oder vorgelesen bekommen. das kind ist eine schöne sache. es ist der mittelpunkt ihrer welt. ihr mann ist der mittelpunkt seiner welt. und sie ist der mittelpunkt von gar niemands welt, sicher nicht ihrer eigenen. eine egoistische märtyrerin.

sie schreibt – können wir uns treffen?

er weicht zurück. zu schnell, sagt er, schreibt etwas, das sie falsch interpretiert.

sie antwortet mit einer schimpftirade.

er entschuldigt sich. erklärt.

sie sagt ihm, dass er sie vielleicht in ruhe lassen sollte.

das tut er dann auch.

sie ist verletzt.

einige tage vergehen.

sie entschuldigt sich.

keine antwort.

einige wochen

 

 

was sie dann schrieb

dear mr mencke

ständig sehe ich zwischen eppendorf und hoheluft männer in blau.

ich wäre gerne in kontakt mit dir, aber „some cause happiness wherever they go; others whenever they go.“ herr wilde bringt mich zum lächeln.

ein freund hat mal gesagt, 98% aller leute könne man eh vergessen (er nennt die u-bahn die pöbelschleuder, sagt aber, den namen habe er geklaut). meine statistik ist nicht ganz so harsch. ich finde die meisten leute nett, aber wenige leute interessant genug, um mich länger als eine halbe stunde mit ihnen zu unterhalten.

ich fände es traurig, wenn wir auseinander gingen und dein bild von mir nur aus der nacht in der bar und meinen emails an dich bestünde. das ist nicht die person, die ich bin. oder zumindest ist das nur ein teil der person, die ich bin.

gruß
b

 

er schreibt, unter anderem  

ich wäre sehr gerne mit dir in kontakt.

sie schreibt in ihren ordner, der nun mr mencke heißt

du bist so tief in mir, dass ich kaum essen kann.

ich rauche zu viel. ich atme dich ein und aus. ich sollte damit aufhören.

ich verachte mich dafür, dass ich so für jemanden empfinde, den ich gar nicht kenne. jemanden, der wie alle anderen lebt. leicht.

ich gehe unter.

wie lange wird es dauern, bis ich wieder auftauche?

sie  

hat jeden tag ihre finger in sich. stellt sich dabei seine finger vor. seinen kuss. seine zunge.

sie schreibt, auch wenn sie weiß, dass sie warten sollte. stellt fragen. ist unverfänglich.

er antwortet nicht.
sie zählt tatsächlich die tage.

 

 

sie schreibt in mr mencke  

immer noch bist du es, an den ich denke, wenn sonst nichts passiert:

ich stehe in der tür zu deinem balkon (ich nehme mal an, du hast einen) und atme rauch in die nacht. mein kopf lehnt leicht am türrahmen.

du trittst an mich heran und ich kann dich hinter mir spüren. dein kuss auf meinem hals, er kommt unerwartet, doch mein körper biegt sich deinem entgegen. ich drehe mich um und du nimmst mein gesicht in deine hände. der kuss ist wie der einzige kuss, den wir hatten. fest. hart. langsam.

nur ein kuss. die folgen begreift sie nicht.

 

 sie will es kippen lassen und schreibt

 

marcus du hast gesagt, dass du kontakt mit mir haben willst, aber dann antwortest du nicht auf meine mail. ich verstehe, dass du beschäftigt bist. alle, die ich kenne, sind beschäftigt. trotzdem nehmen sie sich die zeit, mit mir zu kommunizieren. ich scheine so eine art vages vergnügen für dich zu sein.

vielleicht geht dir das immer noch alles zu schnell. deine zurückhaltung ist mir unangenehm. ich habe das gefühl, ich muss mich bremsen. das fühlt sich wie ein spiel an. und ich spiele nur spiele, die spaß machen.

diese mail ist dir wahrscheinlich zu anstrengend. ich werde mich nicht verstellen, damit wir freunde sein können. das mache ich schon lange nicht mehr.

wenn du das gefühl hast, dass ich dir zu viel bin, dann ist das wahrscheinlich auch so.

wenn dir das alles einfach nicht so wichtig ist, hättest du mir das früher sagen können. ich habe dir so viele gelegenheiten gegeben.

b.

er schreibt zurück. er war beschäftigt. er ist zu alt für spielchen.

sie beschließt, dass es an der zeit ist.

ein ende

lieber marcus,

irgendwie habe ich mich ein bisschen in dich verliebt. ich will, dass du das weißt. es ist eine erleichterung.

vor wochen haben mich freunde gefragt, ob ich verliebt sei und ich fand den gedanken lächerlich. denn liebe ist für mich eine große sache, die sich über jahre entwickelt. es ist also nicht diese art von liebe. aber es auch mehr als nur ein schwarm. darum dränge ich dich immer wieder dazu, den kontakt zu mir abzubrechen. nur um mich dann zu entschuldigen.

bitte bedauere nicht, dass du nicht das gleiche empfindest. immer wenn es mir so ging, war das ein gefühl nah am mitleid. ich hasse das.

sorry, dass ich so scheiße war. mir kommt es vor, als hätte ich mich in der kurzen zeit, in der wir uns kennen, sehr viel entschuldigt. das ist wohl die katholikin in mir, die nicht klein zu kriegen ist.

b.

sie bezweifelt, dass er antworten wird, aber… er antwortet immer.

und sie weiß, wenn die antwort kommt, wird sie weh tun

aber schmerz kann süchtig machen:

 

ein helles licht und ein dunkler zorn


Bee photoBernice McNaulty wurde in Belfast geboren und verließ 1993 mit 20 Jahren die Stadt, um die nächsten eineinhalb Jahrzehnte zwischen Städten und Ländern herumzureisen, bis ihre Tochter sich weigerte, Englisch mit ihr zu sprechen und verkündete: „Jetzt bin ich deutsch.“ Da realisierte sie, dass es Zeit sein könnte, sich niederzulassen. Bernice hat einen Masterabschluss in kreativem Schreiben, aber noch keine Preise gewonnen – noch nicht mal bei der Schullotterie für ein Muttertagsgeschenk, als sie mit 7 Jahren den kleinen Glasschwan nicht gewann und so sehr weinte, dass ihr der Lehrer eine Topfpflanze mit nach Hause gab. Sie hat bisher nur ein paar Texte veröffentlicht und kaum etwas rausgeschickt. Wahrscheinlich schaut sie zu viel Fernsehen. Vor allem im Winter.

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1 Kommentar

  1. John McCormack

    Hi Bernice
    That’s amazing
    Be great to catch up some time…

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