Weihnachten mit Ken – Shave me baby one more time

 von Insa Kohler

Es ist kurz nach Weihnachten und ich sitze im Keller meines Elternhauses. Wie jedes Jahr. Wenn ich im Dezember nach Hause komme, wird hier aufgeräumt und entrümpelt. Auch wenn ich schon vor Jahren ausgezogen bin, der Keller ist noch immer voll mit Spielzeug, von dem ich mich einfach nicht trennen kann. Dieses Jahr fällt mir plötzlich ein Mann in die Arme. Er ist ungefähr zwanzig Zentimeter groß, aus Plastik, heißt Ken und sieht so aus, als hätte er die beste Zeit seines Lebens schon hinter sich. Sein Haar steht ihm zu Berge, und er trägt einen Vollbart.

Letzteres ist nichts Neues. Nur die Wenigsten wissen heute noch, dass Ken Mitte der Neunzigerjahre Bartträger war. Und: Man konnte ihn rasieren. Shaving Fun Ken hatte so eine braune Farbe am Kinn, die man abwischen konnte, und nach einiger Zeit kam sie wieder. Bart eben.

Irgendjemand bei Mattel dachte wohl, kleine Kinder hätten Spaß daran, den Freund ihrer Barbie zu rasieren zu können. Der Weihnachtsmann dachte das auch von mir und so lag der Shaving Fun Ken eines Heiligabends unterm Tannenbaum. Unrasiert und in buntem Geschenkpapier verpackt, zusammen mit einer für Ken kniehohen, blauen Tube gefüllt mit „Rasierschaum, 32ml, © 1994 Mattel, Inc.“

Ken trägt ein grün­weiß­schwarz­blau gestreiftes Kapuzen­T­Shirt, Bermudashorts aus Jeans und weiße Socken in seinen schwarzen Schuhen. Wer hat dieses Outfit verbrochen? Barbie? Na ja, was soll man auch von dem Geschmack einer „Frau“ halten, deren Häuser, Möbel, Jeeps, Pferdetransporter, Teller und Tassen allesamt pink sind? Aus den Stoffresten von Kens Outfit hat man ihm einen Rucksack genäht. Darin befinden sich ein Sonnenschutz, eine Thermoskanne und eine Frisbeescheibe. Alles aus dem selben blauen Plastik wie die Flasche mit dem Rasierschaum. Außerdem besitzt Ken einen Miniaturrasierer und eine kleine Bürste für sein Echthaar.

Mit dem Rasierschaum und dem Miniaturrasierer sollte man diese Puppe laut Werbung tatsächlich rasieren können. Den Shaving Fun Ken­ Werbeclip aus den Neunzigern kann man noch heute bei YouTube sehen.

Er zeigt zwei Ken anschmachtende achtjährige Mädchen, während eine Frauenstimme Folgendes singt:

Who is a cool guy in town,
we all think he’s great.
It’s shaving fun, Ken!
He’s the cutest guy around,
let’s shave him for a date.
Shave him really clean.
Isn’t he the hottest guy, you have ever seen?

Ja, geht so. Was dagegen nicht ging, was nie funktioniert hat, war die Ken­Rasur. Meine Barbiepuppe hatte immer einen vollbärtigen Freund, weil ich es nicht hingekriegt habe, den Mann zu rasieren. „Beard disappears with warm water“, sagt die Werbung. Nee, tat er nicht. Was ist das auch für ein realitätsverzerrender Quatsch? Stell dir mal vor, du steigst mit ‘nem Typen in einen Whirlpool, und eine Minute später ist der so haarlos wie ne Nacktschnecke. Das kann man doch naiven Kindern nicht vermitteln. Die müssen doch auch etwas lernen können von ihrem Spielzeug.

Der Bart meiner Kenpuppe jedenfalls stellte sich als so permanent heraus wie seine Unterhose. So sehr ich mich damals auch bemühte, der Bart blieb dran. Nur Kens Kopf wurde irgendwann locker. Vielleicht war ich als Kind auch einfach zu dämlich, denke ich jetzt und fasse einen festen Entschluss: Wir werden Ken rasieren. Gemeinsam kriegen wir das hin. Ich erstelle bei Facebook die Veranstaltung: „Shave me baby, one more time“. Das führt erst zu ein paar Missverständnissen, aber letztendlich kommen alle eingeladenen Freundinnen und zwei schwule Freunde.

An einem Samstagabend kurz vor Heiligabend sitzen wir alle wieder in unserer Heimatstadt und spielen wie früher mit Barbiepuppen. Nur das jetzt ein paar Flaschen Rotwein mit im Spiel sind. Wir trinken, lachen, quatschen und kommen schließlich endlich zum Highlight des Abends: Ken rasieren.

Jeder darf mal ran. Ken wird durchgereicht. Wir versuchen es zuerst mit dem mitgelieferten, neunzehn Jahre alten Rasierschaum. Der erinnert in seiner weißen, gubbeligen Konsistenz an etwas anderes … und funktioniert nicht. Auch neuer Rasierschaum hilft nicht weiter. Gut, dann eben warmes Wasser. Mehrere Zeigefinger rubbeln Ken über das Gesicht, der wackelige Kopf droht ganz abzuknicken. Doch der Bart bleibt dran. Heißes Wasser. Mit dem Misserfolg, wächst die Frustration. Wir halten Kens Kopf unter den kochend heißen Wasserstrahl. Dafür ziehen wir ihm sein grün­weiß­schwarz­blau gestreiftes Kapuzen­T­Shirt über den Kopf und bewundern kurz sein Plastik­Six­Pack. Keine und keiner von uns hat einen Freund, der so aussieht. Beim Hose ausziehen lachen wir wieder einmal über Kens Permanentunterhose und sind froh, dass keine und keiner von uns einen Freund hat, der so aussieht. Ken hat – das werden viele aus ihrer Kindheit wissen – weder Nippel noch Bauchnabel und keinerlei Anzeichen von Genitalien.

Plötzlich bekomme ich Mitleid. Dieser Mann kann seine Männlichkeit nur durch seinen Bart ausdrücken, und wir wollen ihm gerade sein bestes Stück nehmen, es abrasieren. Das bringe ich nicht über mich. Schließlich ist Weihnachten. Ich lasse den Mini­Rasierpinsel sinken und streichel Ken über sein Echthaar.

Am Ende können Kinder doch noch etwas lernen von diesem Shaving Fun Ken, der sich einfach nicht rasieren lässt. Mir fallen zwei Dinge ein, die diese Puppe eventuell vermittelt.

Erstens: Dieser Mann hält nicht, was er verspricht. Und damit ist er nicht der einzige. Gewöhnt euch am Besten früh dran, Kinder. Auch Ken und Barbie sind nicht perfekt. Jeder hat so seine Fehler, und ein aufgemalter Bart ist da gar nicht mal das Schlimmste.

Zweitens: Man macht sich das Leben viel leichter, wenn man nicht ständig versucht, andere Menschen zu ändern, sondern sie einfach so nimmt, wie sie sind. Egal ob mit oder ohne Bart, ob mit oder ohne Permanentunterhose.

Ist im Grunde nicht jeder Mensch ein Weihnachtsgeschenk? Da kann man im Vorfeld noch so kräftig schütteln und horchen. Bei manchen freut man sich, wenn man hineinguckt, bei anderen ist man enttäuscht, weil nur Scheiße drin ist, in wieder anderen stecken verschluckbare Kleinteile, und man muss sich erst was zusammenbasteln. So ist das eben.

Am nächsten Morgen setze ich Ken mit seinen Habseligkeiten zurück in einen Karton im Keller. In einem Jahr werden wir uns dort wiedersehen. Ich kann mich nicht von ihm trennen, gerade weil er so schön unperfekt ist. Und irgendwie habe ich auch eine Schwäche für Männer mit Bärten… Besonders zu Weihnachten.


Insa KohlerInsa Kohler sitzt und spricht. Ersteres meist beim Schreiben, zweiteres gerne auf Bühnen im ganzen Land. Sie ist Poetry Slammerin, Mitglied der Berliner Lesebühne „Rakete 2000“ und Teil des Norddeutschen Slam-Kabarett-Trios „Dames Blonde.“

Weihnachten mit Ken erschien bereits in der Sammlung Niemand hat die Absicht einen Tannenbaum zu errichten bei Ullstein.