XII./24

Sanfte Entgleisung
von Robin Baller

Aber du wählst wie immer die Verzögerung. Wenn ich dich etwas frage, schweigst du oder gibst vor, mich nicht verstanden zu haben. Das, sagst du, verstehe ich nicht. Das sei alles andere als klar. Und solange keine Klarheit herrsche, seist du außerstande zu antworten. Wenn ich mich dann ausnahmsweise zusammennehme, meine Frage überdenke, sie noch einmal stelle, möglichst kurz, knapp und klar und dir sogar Antworten vorgebe, ja oder nein, sagst du: es kommt darauf an.

Worauf, frage ich, heute, zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort, worauf? Mir gegenüber im Zug sitzt einer dieser durchschnittlichen Intellektuellen, der seit ein paar Monaten glaubt, ein Freund von mir zu sein. Worauf, frage ich noch einmal, und sehe ihm jetzt direkt ins Gesicht. An ihm ist alles akkurat. Wie er dort mit geradem Rücken auf dem waagrechten Polster sitzt. Er hebt seinen Blick, legt die Zeitungen in seinen Händen zur Seite, fokussiert mich. Sein Blick ist die nicht ganz gelungene Visualisierung des Begriffs Intensität, und doch mag ich ihn. Ihn und seinen Blick. Irgendwie. Nicht, dass ich ihn an mich heranließe – das geschieht nur einmal alle siebenundzwanzig Jahre.

Geht es noch immer um diese Angelegenheit, fragt er. Mit der Angelegenheit bist du gemeint. Ich habe ihm bei unserer letzten Bahnfahrt von dir erzählt. Natürlich, sage ich, vielleicht etwas trotzig, und versuche mich von seiner seltsamen Interpretation von Intensität nicht zu sehr einfangen zu lassen. Das war ja klar, sagt er nüchtern, und schon ist die Härte seines Blickes gebrochen. Unterdessen ist irgendwo aus dem Inneren des Zuges der dumpfe Schrei eines Menschen zu hören. Warum sind nur alle Männer so komisch, frage ich mich und schaue aus dem Fenster. Klarheit, was soll das sein?

Der Zug fährt schneller als sonst. Auf einem Plakat an einer Wand lese ich einen vorbeiziehenden Slogan, der mir gefällt. Früher war ich unsicher, heute bin ich empfindlich. Ach. Wärst du nur jetzt hier und säßest mit mir in diesem Zug. Ich würde all deine Verzögerungen hinnehmen, würde mit dir gemeinsam auf den Moment der Klarheit warten, Hauptsache, wir wären uns nah. Ich hole mein Handy hervor, keine Nachricht von dir. Schon wieder nicht. Du verzögerst. Wieso verzögerst du? Wäre nur in einem von zehn Fällen, in denen ich auf mein Handy schaue eine Nachricht von dir auf meinem Display zu sehen, ich würde es akzeptieren.

Du musst ihn vergessen, sagt mein Freund gegenüber, es habe keinen Sinn, es zermürbe mich nur. Die Geschichte hätte doch bewiesen, dass unsere Verbindung nicht stark genug gewesen sei. Es hätte nicht gelangt, oder warum sei ich bitte sonst hier her in diese Stadt gekommen? Ich sei doch vor nichts geringerem geflohen als vor der Unmöglichkeit des Unterfangens, mit ihm, mit dir, glücklich zu werden. Also, fährt er fort, solle ich nun auch konsequent sein, Fluchten seien im Allgemeinen nicht rückgängig zu machen. Zu denken, mit einer Rückflucht die vorherige Flucht auszugleichen, sei Wahnsinn. Er gefällt sich, wenn er spricht. Doch ob er mir helfen kann?

Wo bin ich hier, frage ich mich, während der Zug zu ruckeln beginnt. Es schüttelt mich ein wenig. In siebenundzwanzig Jahren bin ich vierundfünfzig, ob ich dann noch immer so empfindlich bin? Ob sich die Dinge sortiert haben bis dann? Ob ich das Gefühl haben werde, auf einer geraden Bahn durch mein Leben zu fahren? Als ob das alles so einfach wäre, sage ich laut, wo bitte kann es Klarheit geben? Wir schaukeln hin und her. Ob es erlaubt ist, in einem Zug seekrank zu werden? Mein Freund gegenüber schaut sich um, etwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Aus der waagrechten Sitzreihe ist eine sich zärtlich verschiefende Diagonale geworden. Ich hole mein Handy hervor.

Dein Name auf meinem Display, mein Zeigefinger zittert. Alles zittert. Ein Quietschen lässt mich zusammenzucken. Möchte ich lesen, was du schreibst? Ein sanfter Druck, dem ich nicht mehr standzuhalten vermag, schiebt mich Richtung Fensterscheibe, das Handy gleitet mir davon. Ich spüre eine Hand, die mich zu halten versucht, es ist die Hand meines Freundes, sie ist warm. Und sie ist da. Gemeinsam werden wir behutsam auf das sich nun beinahe unter uns befindende Fenster gehoben. Draußen sind nun keine Plakate mehr zu sehen, nur das uns empfangende Gleisbett.

Ich schließe meine Augen und drücke fest die Hand meines Freundes. Im Grunde ist er gar nicht so durchschnittlich, wie ich zu denken glaube. Ein finaler Stoß, ein zartes Splittern, ich spüre seinen Kopf an meinem. Als sich ein feiner Riss durch die den Boden allmählich berührende Scheibe zieht und sich endgültig alles, was vorher waagrecht war, ins Senkrechte gewandelt hat, habe ich dich und deine Nachricht, die sich wahrscheinlich heute noch auf der unzerstörbaren Speicherkarte meines Handys befindet, längst vergessen. Alles ist weiß und schwarz, und zum ersten Mal scheint alles klar.


robinballerRobin Baller, geboren 1987 in Offenbach am Main, ist Autor und Musiker. Für einen Auszug aus seinem Roman »Bodmin Paris« hat er 2013 den Martha-Saalfeld-Förderpreis erhalten. Soeben ist sein literarischer Essay »Petrópolis« in der Anthologie »Unbehauste« (Nicolai Verlag) erschienen. Er ist Organisator und Mitbegründer der Lesungsreihe »Textbühne Mainz«.

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

1 Kommentar

  1. Finaler Stoß, zartes Splittern, feiner Riss, sanfte Entgleisung.

    Feinfühliger Text mit lieblicher Brutalität! Schönes Türchen!

Kommentar verfassen