SteveTobi
von Marie Ketzscher

„Hey Tobi, SCHAU dir das an, schau dir DAS an.“ Tobi hebt den brummenden Schädel aus den eng gestopften, quadratischen Kissen und dreht den Kopf, bis er nicht mehr nur Bett und Kleiderhaufen in den verkrusteten Schweinsäuglein hat. „SIEHST du das?“ Steve steht im Türrahmen, das Handtuch um die Hüfte geknotet. „Ich habe geduscht, Mann, siehst du das? Ich bin der geilste Motherfucker, der jemals in dieser Stadt unter die Röcke gekrochen ist, verstehst du? Steve ist vielleicht nicht der Größte, vielleicht hat er auch nicht den Dicksten, aber er kann da heut Nacht raus gehen und unter verdammt viele Röcke kriechen. Steve hat den Steve-Charme. Steve hat geduscht.“ Tobi grinst breit: „Ja, Mann, du hast absolut Recht, Mann“ und er angelt sich die Kamera und klemmt sie sich zwischen Brustwabbel und Doppelkinn und er schießt ein Foto von Steve, der gerade geduscht hat und der ein geiler Motherfucker ist. Warum auch nicht?

„Alter lieg nicht so rum, wir müssen raus jetzt, RAUS, aber vorher bestellen wir uns noch was zu trinken.“ Und Steve massiert sich die Glatze und spuckt in die Hände, greift sich an die Arme und an die Glatze und der dann entgleitet ihm der Blick, bis das Auge nur mehr Pupille ist, und die Pupille nur mehr schwarzes Loch. Tobi kennt den Blick und sucht die Fernbedienung. Steve stapft zurück ins Bad und Tobi hört ihn schluchzen und gegen die Tür hauen, und dann beschließt er nichts mehr zu hören und macht den verdammten Fernseher an und da singen zwei dicke Frauen deutsche Lieder von einem Baum und einer Liebe – so laut, dass die Rezeptionistin am Telefon drei mal nachfragen muss, so laut, dass Tobi nicht genau weiß, ob sie verstanden hat, dass Tobi und Steve so richtig Kohldampf haben, und dass die vier Steaks so blutig sein sollen, dass man die Kälber noch nach ihrer Mutti schreien hört, und dass die Pommes nicht wieder so Kinderportiönchen sein sollten, schließlich habe sie es hier mit KERLEN zu tun, ob sie verstehe was er meine, mit Kerlen, großgeschrieben und mit Dung unterstrichen, und dann soll sie an den Whisky denken, ja genau, den gleichen wie gestern und bloß nicht wieder so wenig Bier bringen – ob es denn wirklich keine Fässer gäbe? Es würde halt mehr Sinn machen.

Die dicken deutschen Frauen lachen gerade in ihrer feisten Fettheit, da kommt Steve aus dem Bad, mit einem getackerten Grinsen in der Fresse, mit der Jeans und dem Hemd. „Alles klar Buddy?“ Er schlägt Tobi fest auf die Wabbelbrust, „Alles klar?“ Und sie lachen und Tobi macht ein Bild, auf dem Steve lacht. „Drucks aus, Mann, drucks aus,“ und Tobi schiebt die Speicherkarte in den mobilen Fotodrucker und dann surrt es und er legt die Fotos auf den Tisch – Steve, wie er im Türrahmen steht und Steve, wie er lacht und er legt sie neben den Stapel Bilder, und ein, zwei fallen runter.

Es klingelt, obwohl die zwei deutschen dicken Frauen wieder singen und Steve immer noch lacht. Die Miniaturrezeptionistin hievt den Servierwagen ins Zimmer, die Teppichschwurbel verhaken sich in den Rollen und ein Steak fällt blutig schreiend in die Stoffblumen, nach allen Seiten spritzend. Die fetten Frauen trällern nicht mehr, dafür fährt ein Auto in einen Fluss und ein Mann mit fieser Haartolle jodelt dazu. Die Rezeptionistin schaut in Steves leeren, schwarzen Blick hinein, erkennt ihn nicht und macht umständliche Entschuldigungsgesten, wie leid es ihr tut und sie wischt mit einer Serviette unbeholfen das Blut immer weiter in die Teppichschwurbel hinein. Steve schüttelt den Kopf, zwei Mal, drei Mal, vehement. „Honey, keine Umstände, wir essen das noch. Der Teppich,“ er macht eine wegwerfende Handbewegung, „den machen wir sauber, kein Ding.“ Die Rezeptionistin hat riesengroße rote Flecken im Gesicht und protestiert, aber Steve schiebt sie zur Tür – „kein Ding, echt nicht“ – und steckt ihr einen Zwanziger hin, immer wieder in die abwehrenden, sich entschuldigenden Gesten hinein, bis sie ihn nimmt und lächelt und endlich geht.

Und sie lachen laut und essen, Steve ein Steak und Tobi zwei, und essen drei Pommes, aber schnell weg, sie müssen raus, da draußen in der deutschen Provinz sind die Röcke, die werden kürzer und verschwinden in die Bars und werden dort immer kürzer, und wenn Steve und Tobi nicht schnell rauskommen, dann sind sie nackt in anderen Betten. Und sie füllen den Whisky in Shot-Gläser, und leeren die Gläser mit starrer Mimik und lachen manchmal, wenn andere fette Weiber singen. Und es singen immer welche.

Draußen ist es diesig, deutschdiesig – die Nebelschwaden sind so dicht, dass die beiden fast keine Röcke erkennen. Er ist wieder vom Fluss in die Stadt gekrochen, der Nebel, hat sich dort in den Bordstein gelegt. Plötzlich schiebt sich eine Figur aus den Schwaden in die Sichtbarkeit und Steve ballt die Fäuste und holt aus, ein Mann hebt die Hände vors Gesicht, halb lächelnd, halb nach Hilfe schauend – dann endlich umarmt Tobi Steve und sagt „Nebel, nur Nebel.“ Er zieht ihn schnell weiter, zieht ihn in die nächste Kneipe hinein.

Es ist voll und verraucht und die Stimmen überschlagen sich obszön und Steve schlägt Tobi auf die Schulter und bestellt zwei Runden. „Hier ist es gut“ schreit Steve und Tobi lacht, und versteht nichts. Die Kellnerin ist blond wie die zwei fetten Sängerinnen und trägt blaue Mascara. „Ich mag dich“ sagt Steve zu ihr und drückt ihr das Wechselgeld zurück in die Hand, „Steve mag dich.“ Und Tobi macht ein Foto von Steve mit der Kellnerin, die angestrengt schaut, dann druckt er ihr das Foto aus. „Ich sehe echt aus, als hätte ich ne Menge Spaß;“ lacht die Kellnerin und steckt das Foto in die Hosentasche und bringt noch eine Runde Schnaps, weil Steve es so will und Tobi nickt. Nach der dritten Runde und dreißig Euro Trinkgeld erzählt sie, dass sie Jenny heißt und den nächsten Schnaps nicht mehr mittrinken kann, egal, wie viel Trinkgeld sie dafür bekäme. Steve legt ihr den Arm um die Schulter und flüstert: „Ich bin einer von den Guten. Ich hab nicht viel zu bieten, ich bin nicht sonderlich lustig und kaum charmant. Aber ich bin einer von den Guten und ich hab Geld. Das wird unterschätzt, glaub mir. Du solltest es dir überlegen, weißt du.“ Und Jenny kneift den Mund zusammen und guckt ihm in die Augen, das erste Mal heute Abend und murmelt ein „ich muss weiter arbeiten“ und ist verschluckt in einem Meer aus geifernden Mündern, riesenhaften Ohren und stierenden Augen. Sie kommt nicht wieder.


marie ketzscherMarie Ketzscher (geboren 1983) ist eigentlich Berlinerin, lebt aber schon zum wiederholten Male im Exil. Irgendwie ist das eben so. Das fiktive Fabulieren oder die ironisierende Fantasterei sind ihr mit der Jobwelt ein bisschen abhanden gekommen, momentan schreibt sie nebenher eher Filmkritiken oder einen komischen privaten Newsletter. Nur reisen und drüber schreiben – das bleibt der altrosafarbene Kindheitstraum mit grauem Haar darin.