erzählen, bis das fenster verstummt
von SAID

jemand pocht an die tür.

er tritt ein mit einem fisch, den er hinter dem rücken versteckt.

– weiß der fisch von meiner stummheit?

fragt sich sue.

– ich beuge mich zu ihm, als wollte ich ihm etwas vertrauliches mitteilen.

tadeusz gewahrt meine erregung und lächelt.

sein lächeln kommt und geht. es berührt mich, wann es ihm beliebt.

ist dieses lächeln der letzte schritt der vernunft?

die große stadt am fluß zehrt von vergangenheit und spaziergängern.

eine dame spricht tadeusz an und fordert den schatten vergangener dinge.

er stellt seine frage an mich.

– was tun die fremden?

und tadeusz antwortet selbst.

– sie üben eine scheintätigkeit aus, sie wollen den tod täuschen, der nicht ihrer ist.

später treffen wir auf alte männer, die einen hut tragen, unverständliche sätze murmeln und sich mit händen verständigen. als würde die unterhaltung sie an den ort zurückbringen, wo die dinge herkommen.

– ob diese dinge uns dann bestrafen, da wir zur unrechten zeit gekommen sind?

sue bleibt stehen und blickt tadeusz ins gesicht.

– verwandle dich in etwas anderes, mit stimme und spucke.

tadeuz erzählt in seinen briefen von seinem blick aus dem fenster.

– einmal werden wir von dieser zeit berichten und die toten verteidigen müssen.

für seine ansichten begibt er sich in die landschaft hinaus.

ohne furcht vor auswirkungen auf organe der peripherie.

bis der wind kommt und von der tür erzählt.

tadeusz ist jung und glaubt an kommende tage, doch die mitte hält er nicht mehr aus.

– in einem anderen land, an der biegung des flusses, wo die pappeln wachen, und viel später.

und tadeusz erzählt davon und von der revolte.

– wenn wir menschen einmal zu objekten unseres interesses gemacht haben –

blühen sie dann auf?

mit tränen in den augen schüttelt sue den kopf.

tadeusz bleibt unbeirrt.

– selbst, wenn alle zeichen der zivilisation verschwunden sind, müssen wir ein tabu beachten, daß niemand seine blutsverwandten essen darf.

sue schreibt in ihre handfläche von den verstößen gegen das gesetzt, geht zum polizeirevier und zeigt die hand vor.

der polizist ohrfeigt sie und wirft sie hinaus, sie bleibt stehen und pocht an die tür.

schließlich wird sie reingelassen und verhaftet.

am ende eines dunklen raums entdeckt sie einen mann, seine hände sind sichtbar.

mit verbundenen augen wird sie in einen anderen raum geführt.

eine stimme flüstert ihr ins ohr.

– jener mann will dich wieder.

sue erinnert sich, wie sie mitten im gewimmel der hochzeit verschwinden.

sie lassen sich in ein abflußrohr fallen und landen in der tiefe des kanalisationssystems.

mit der zeit gewöhnen sie sich an den ort und zeugen auch kinder.

die abkömmlinge werden schließlich durch ein eisengitter zur außenwelt hinaufgeschoben. nackt erscheinen sie mitten im verkehr der straße – sie riechen kranke artgenossen und müssen mit dem ballast leben.

sie schließen die augen zugunsten eines bildes.

ein tisch, ein telefon, ein fenster und eine tür.

die tür deutet auf nichts, das fenster auf die hügel.

und dann ein haus, ausgebrannt, von einem drahtnetz umgeben.

das licht der straßenlaterne zittert und verfängt sich in den engen maschen.

sue betrachtet das haus und meint.

– hier gibt es keine grenze zwischen licht und schatten.

tadeusz trommelt mit den fingerspitzen gegen das fensterglas.

draußen, hinter dem fenster, hinter dem ausgebrannten haus, tragen die züge den wind fort.

eine einzelne krähe fliegt vom himmel herab und landet vor dem haus.

– die landschaft widerspricht meinen ansichten.

tadeusz schließt die augen und murmelt.

– ich werde die anordnung der landschaft ändern.

sue lächelt und verrät eine hoffnung.

– nur an dem fluß hast du ein gefallen.

– ich befehle dem diener, hinauszugehen, die wolken einige meter nach links zu tragen und sie dort wieder freizugeben.

sue schweigt.

– aber er soll auf keinen fall irgendjemandem davon mitteilungen machen.

und tadeusz weiß, sein diener ist schweigsam.

– der diener soll auch die lauten bäume in die nacht versenken –

ich will über noch mehr verben verfügen.

– tadeusz, du suchst verständige götter.

er hebt die schulter, sue fährt fort.

– dann erheben sich die toten und verhindern die revolte.

juli 2015


saskiaSAID wurde 1947 in teheran geboren und kam 1965 nach münchen. nach dem sturz des schah 1979 betrat er zum ersten mal wieder iranischen boden, sah aber unter dem regime der mullahs keine möglichkeit zu einem neuanfang in seiner heimat. seither lebt er wieder im deutschen exil.

sein literarisches werk wurde vielfach ausgezeichnet: 1992, civis-hörfunkpreis; 1996, preis der stadt heidelberg „literatur im exil“; 1997, stipendium villa aurora (los angeles, usa); 1997, hermann-kesten-medaille; 2002 adelbert-von-chamisso-preis; 2006, goethe-medaille. 2010, litraturpreis des freien deutschen autorenverbands. 2014, verdienstkreuz am bande.

seine bücher sind in mehreren sprachen erschienen.