Jene, die warten
von Tobias Witte

Jene, die warten, sind unglücklich.

Gregor wusste das, als er aus dem Waschsalon trat, noch Waschpulver an den Händen, den frischen Kaffeefleck auf der Hose. Schuld an dem Fleck war dieses Mädchen, mit dem er zuvor einen Cappucino getrunken hatte. Auch sie war eine jener, die warten.

 Vorher hatte Gregor den Waschsalon gemocht. Ein Kleinod der Ruhe: Man musste nicht unbedingt warten und in die rotierende Trommel schauen. Aber es gab Sicherheit.

 Er hatte sie nun bereits das dritte Mal gesehen und schließlich angesprochen. Bisher hatte sie ihn nicht bemerkt. Ihre jeweiligen Waschzyklen schienen synchronisiert zu sein, vielleicht hatte Gregor aber nach dem zweiten Mal auch ganz bewusst abgeschätzt, wann sie wohl das nächste Mal hier sein würde. Es machte keinen Unterschied. Die Luft im Salon war feucht wie immer, als er fragte, ob sie einen Kaffee mit ihm trinke. Verdutzt hatte sie bejaht. Irina heiße sie, sagte sie.

 Als er ihr den heißen Pappbecher von der saloneigenen Kaffeebar zu ihrer Trommel brachte, die sich genau neben seiner befand, lächelte sie und plapperte los. Wohl Unsicherheit, befand Gregor. Eine, die die uncomfortable silence hasst. Sie war ihm gleich sympathisch.

 Der Bachelorstudiengang sei nichts für sie. Ihr Exfreund habe Jura gemacht, also es versucht, rauschte es aus ihr heraus. Jedenfalls sei das besser, rein strukturell von den Bedingungen her, denn dort gebe es keine Anwesenheitspflicht. Bei den BWLern sei das genau so, obwohl die auch einen Bachelor machen. Bei ihr, also bei ihrem alten Studium, KoWi – ach, KoWi sagt dir nichts? Na, Kommunikationswissenschaften – dort jedenfalls habe man nur zwei Mal im Semester zur Vorlesung fehlen dürfen, dann sei man raus. Das könne ja keiner schaffen. Ihre Mitbewohnerin sei so ein Arbeitstier, ein echter Nerd, aber trotzdem schon nett irgendwie, ein Arbeitstier also, das sich diesem Druck beuge, und die habe sie die letzten beiden Semester, also ihr erstes und zweites Semester, mitgezogen, was sie total fertig gemacht habe. Denn man müsse ja auch leben, und das erste Semester sei doch sowieso mehr zum Trinken und zum Feiern da und zum Neue-Leute-Kennenlernen und die Stadt und sowieso, jetzt sei Sommer, Semester Nummer 3 fange bald an, nochmal schaffe sie das nicht. Sie breche ab.

Gregor lauschte.

Dann nickt er nur. Er könne das verstehen.

Ihr Kaffee war noch voll, sie hatte noch keinen Schluck getrunken, als sie fortfuhr. Jura sei natürlich keine Option, noch weniger als BWL. Das sei ja klar – no offense, mate! Du machst bestimmt kein Jura oder sowas, oder? – naja, und ihr Exfreund sei deshalb auch ihr Exfreund, also nicht nur deshalb, aber der sei schon etwas…also sie wolle kein Spießer sein. Nein, man müsse das Leben in vollen Zügen genießen. Sie komme aus Weißrussland, also ihre Eltern, geboren sei sie in Meschede im Sauerland, und auch und gerade deshalb liebe und lebe sie hier in M. jetzt ein anderes Leben. Sie wolle es nicht versauen. Deshalb breche sie ab. Sie genieße erstmal den Sommer, bald ist WM, vielleicht mache sie danach was mit Medien oder Sport auf Lehramt. Sie habe es ihrer Mitbewohnerin noch nicht verklickert, die werde das auch nicht verstehen, die lebe für das Studium, gehe jeden Tag in die Uni, denke an gar nichts anderes, und eine perfekte Beziehung führe sie auch, mit so einem Streber, ihrem siamesischen Zwilling. Sie wolle eigentlich nicht lästern, aber sie seien ja jetzt Buddies, wo man zusammen Kaffee trinke.

Gregor hatte den Kaffee auf.

Ihn beschlich das Gefühl, nun auch mal etwas sagen zu müssen. Gleichzeitig hatte er es plötzlich eilig. Er hatte seine wahre Geschichte schon so oft erzählt. Freude bereite es ihm nicht. Hatte es noch nie. Sie ähnelte Irinas Geschichte zu sehr, als das sie erzählenswert wäre. Aber ihre schwarzlackierten Fingernägel umschlossen ihren ansonsten noch nicht angerührten Becher, als müsse sie sich daran festhalten. Das Mädchen blickte ihn, den Älteren, aus schwarzen Augen an, nur eine Sekunde. Also machten sich seine Spiegelneuronen ans Werk und er begann.

Er sei Auftragskiller und komme gerade aus den Niederlanden, sagte er tonlos. Er könne das erzählen, weil er nicht gesucht werde. Das sei ja das Faszinierende an seinem Job: Wenn er es richtig mache – und er mache es richtig, immer – dann suche niemand nach ihm. Dann suche überhaupt niemand.

Irina grinste, schlug ihm auf den Arm und murmelte etwas von wegen Scherzkeks. Aber Gregor hatte die Wichtigkeit, ernst zu sein, verinnerlicht. Diese Geschichte gefiel ihm aus seinem Repertoire am besten.

Sein letzter Auftrag sei nicht leicht gewesen. Bei Kindern falle es immer besonders schwer.

Irina stand langsam auf.

Die Zwillinge aus Utrecht seien zum Glück schon 13 gewesen, sonst hätte er wohlmöglich zum ersten Mal abgelehnt. Aber er sei loyal und zuverlässig. Das sei das Wichtigste in seinem Job. Am Ende sei dann alles ganz schnell gegangen.

Irina wollte ihre Waschmaschine stoppen, suchte nach dem Knopf, blickte zurück zu Gregor, der ausdruckslos dasaß, und lies den Kaffee fallen. Das schwarze Gebräu schwappte an seine Hose. Er zog die Stirn in Falten und starrte sie schweigend an.

Sie rannte aus dem Salon. Ihre Maschine rotierte wie wild.

So hatte er es nicht gewollt, nein im Gegenteil, meist löste er seine Ersatzgeschichten nach kurzer Zeit auf. Alles ist besser als die Langeweile. Als die Mittelmäßigkeit.

Jene, die warten, sind unglücklich.
Gregor wusste das, als er aus dem Waschsalon trat.

Er stieg auf sein Fahrrad und fuhr in die Uni.


Tobias WitteDr. Tobias Witte befasst sich auf http://www.texteundbilder.com mit deutscher und internationaler Literatur, sei es ein Joyce-Klassiker oder ein modernes Indie-Comic. Vom im Januar 2015 bevorstehenden Berufseinstieg als Rechtsanwalt erhofft er sich Inspiration für die eigene Kurzprosa und Lyrik.