VII./54

Heimatkunde
von Saskia Trebing

Es hätte regnen sollen an dem Tag. Das haben sie morgens im Radio gesagt. Dann wärt ihr vielleicht nicht rausgegangen. Dann wäre zumindest der Boden nass gewesen. Dann hätte es nicht sofort gebrannt. Heute haben die Kinder alle Handys. Der Abstand wird euch gut tun. Das ganze Dorf betet für euch. Ihr seid so groß geworden. Guckt mal, die Feuerteufel. Ihr hattet Pech, dass das Unterholz so trocken war. Ihr seid jung, das ist bald vergessen. Ihr werdet das immer mit euch herumtragen. Ihr wart Kinder. Er ist jetzt im Himmel. Es hätte regnen sollen.

Isabelle stand da wie ein verirrtes Rotkäppchen. Sie lehnte an einer Birke und rauchte und ihr ampelroter Pullover leuchtete gegen das zarte Frühlingsgrün. Ihre Schuhe waren unmöglich für den Waldboden und ihr Rock endete ganz am Anfang ihrer Strumpfhosenbeine. Sie hatte dieses Talent, dass nicht sie fehl am Platz aussah, sondern ihre Umgebung. Wie ein perfektes Exponat im falschen Schaukasten. Sie hatte das immer schon. Nicht die Schuhe, der Boden war unmöglich. Mit dem Rock und den knallroten Lippen hätte Rotkäppchen niemals das Haus verlassen dürfen.
Sie schnipste die Zigarette auf den Boden und wartete an ihren Baum, bis ich sie umarmte. „Wenigstens einer“, sagte sie. „Ich dachte schon, ich müsste allein durch den Wald stolpern.“
„Lieber nicht“, sagte ich. „Wenn dich der Wolf holt, wird er sagen, dein Outfit hätte ihn provoziert.“
Sie lachte. „Sexistisches Waldpack“. Dann atmete sie ein tiefes Yogaatmen. „Du weißt wo wir lang müssen, oder?“
Ich nickte. „Natürlich. Wir waren tausendmal hier.“
„Ich danach nicht mehr.“
„Du könntest mir die Augen zuhalten, und ich würde es finden.“
„Ok“, sagte Isabelle. Sie stellte sich hinter mich und legte mir ihre Hände aufs Gesicht. „Wo lang?“
Ihr Ton gefiel mir nicht. Zu heiter und blattgrün, dabei war es ihre Idee. Wir sprachen uns nicht mehr oft, seit sie in London lebte. Aber dann ihr Anruf. „Hast du auch einen Brief bekommen?“ Sie war die Einzige, die die stumpfe Übelkeit verstand, die mich seit Tagen einschnürte. Sie und vielleicht Julia und Benedict, aber mit denen sprach ich gar nicht mehr. Der Umschlag lag ungeöffnet auf dem Regal.
„Ich komme nach Kassel“, hatte Isabelle am Telefon gesagt. Sie sagte Kassel, nicht den Namen unseres Dorfes, das in London niemand kannte. „Wollen wir ihn zusammen lesen? Ich rufe Julia an.“
Nun standen wir auf dem Parkplatz am steinernen Tisch und ich roch ihre Handcréme. Isabelle drückte mir ihre Hände auf die Augen bis ich bunte Funken sah. Ich schüttelte ihre Hände ab. „Warum bist du so aufgedreht?“ fragte ich. „Ich könnte in die Maiglöckchen kotzen.“ Isabelle lachte spöttisch. „Meinst du, ich nicht? Ich glaube nur, dass wir das Schlimmste hinter uns haben. Nichts kann wieder so schlimm werden wie damals.“
Wir gingen Richtung Wald und Isabelle hakte sich wie selbstverständlich bei mir unter. „Was ist mit Julia?“ fragte ich.
„Sie hat sich nicht mehr gemeldet.“
Wir nahmen den gleichen Weg wie damals. Kurz vor Ostern hatte der nordhessische Frühling endlich gewonnen. Die Bäume hatten die Art von Hellgrün, die meinen Besuch von woanders immer fassungslos machte: „Boah, ist das grün hier.“ Zwischen den Bäumen tasteten sich die Bärlauchspitzen nach draußen. Die Hügel in der Ferne wölbten sich zu neblig blauen Katzenbuckeln. „Krass, wie grün das ist“ sagte Isabelle. Ihre Lackschuhe waren schon voll Waldboden. „In der Stadt vergisst man so schnell, wie die Natur explodiert.“ Ihr Gesicht war ernsthaft erstaunt. „Du klingst als hätte man dich zum ersten Mal auf Landurlaub geschickt“, sagte ich. „Du bist hier aufgewachsen, falls du dich erinnerst.“
Sie wischte sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Das fühlt sich so weit weg an.“ Sie stolperte über eine Wurzel und krallte sich an meinen Arm. „Siehst du“, rief sie kichernd. „Gut, dass ich dich als Wildnis-Experte dabei habe.“
„Wie ist London?“, fragte ich. Wir erreichten die erste Weggabelung und ich zog sie nach rechts.
„Verrückt?!“ sagte Isabelle. Es klang eher wie eine Frage oder ein zögernder Vorschlag. „Laut. Busy. Teuer. Aber toll.“
„Du bist jetzt Model, oder wie?“ Ich hatte Bilder im Internet gesehen. Isabelle in absurden Kleidern an absurden Orten. Schwarz-weiß und mit Farbfiltern, die Lippen geöffnet, der strenge Blick in weiter Ferne. Alle Blicke auf ihr.
„Ein bisschen“, sagte sie. Ihr Lächeln war unbescheidener als ihre Worte. „Dabei bin ich viel zu alt. Mein Freund sagt, dass er sich bald ein Nachfolgemodell besorgen muss.“ Sie griff sich in die Haare als wartete sie auf eine Windmaschine. Zwischen den Birken und Buchen stand die Luft ganz still.
„Wie ist Kassel?“ fragte Isabelle. „Bist du immer noch, wie heißt das?“
„Rettungssanitäter. Ja.“
„Macht das Spaß?“ Sie klang, als glaubte sie nicht an diese Möglichkeit. Ich bekam das Gefühl, mich verteidigen zu müssen.
„Naja, es ist hart, weil man nicht immer helfen kann. Aber wenn, dann ist es toll, dann steht man so unter Strom, dass man plötzlich Sachen kann und gar nicht weiß, warum.“
„Aber du willst noch studieren, irgendwann?!“ Es war keine echte Frage.
„Weiß nicht. Gerade läuft es ganz gut.“
„Wie geht’s Christina?“ fragte Isabelle. Dann hielt sie sich erschrocken den Mund zu. „Oh shit. Vergiss es. Ich hab‘s schon gehört.“
Wir gingen schweigend weiter, vorbei an einem Bachlauf und ein paar Grabsteinen, die wir als Kinder für einen Hexenfriedhof hielten.
Dann standen wir auf der Lichtung. Mein Herz pochte wie ein kochendes Ei. Wir blieben stehen und blickten uns um. Ein weicher Teppich aus Moos, tanzende Sonnenflecken, ein paar morsche Baumstämme im Unterholz. Es gab nichts zu sehen. Was denn auch?
„Und jetzt?“ fragte Isabelle. „Ich dachte, sie hätten irgendwas aufgestellt.“
„Hier doch nicht. Dafür gibt es Friedhöfe.“
Sie verzog angeekelt das Gesicht. „Genau, damit uns die Dorfwitwen beim Blumengießen zugucken. Ich fühle mich so beobachtet, wenn ich hier bin.“
„Du bist doch nie hier. So fühle ich mich die ganze Zeit.“
„Naja, du könntest auch wegziehen, oder?“
Es war ihr herablassender Ton, der mich ärgerte. Ich hatte vergessen, dass sie manchmal so war.
„Du weißt, dass ich nicht einfach weg kann.“
Sie biss sich auf die roten Lippen. „Ich weiß. Ich finde es ja toll, dass du das machst.“ Ihre Schneidezähne hatten einen Lippenstiftrand. „Wie geht’s deinem Vater denn?“
Ich zuckte die Achseln. „Ich glaube ganz ok. Er spricht nicht mehr viel.“ Isabelle nickte. Dann zog sie mich zu einem Stapel Baumstämme. Wir setzten uns und sie öffnete ihre Handtasche. Ihr Umschlag sah genauso aus wie meiner. Der Absender verriet, dass Daniels Mutter wieder in Kassel wohnte.
„Sollen wir?“ fragte Isabell. Ich nickte. „Ich habe mich so lange nicht bei ihr gemeldet. Ich wollte, aber ich hab‘s nicht hingekriegt.“
„Ist doch verständlich“, sagte Isabell während sie den Briefumschlag aufriss. „Wir haben alle genug zu tun.“
Sie zog ein Foto aus dem Umschlag. Es dauerte einen Moment, bis ich uns erkannte. „Wow“, machte Isabelle. „Das kannte ich gar nicht.“ Wir waren vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Grinsend hingen wir am Klettergerüst auf unseren Spielplatz. Isabelle, Julia, Benedict und ich. Wie bunte Klammeräffchen. Und Daniel. Mit breitem Grinsen baumelte er an den schlecht lackierten Stangen. Ihm fehlten zwei Vorderzähne. Ich musste wegschauen. Isabelle drehte die Karte um.

Liebe Isabelle,
am 14. Juli würde Daniel 25 Jahre alt. Diesen Tag würde ich gern mit euch verbringen. Die Feier beginnt mit einer Andacht um 17 Uhr in der Kapelle im Tannenwäldchen. Danach grillen wir bei uns im Garten.
Bitte sag Bescheid, ob du kommen kannst. Ich bin sicher, dass Daniel dich gern dabei hätte.

Isabelle sah mich entsetzt an. „Oh mein Gott!“ sagte sie. „Auf gar keinen Fall!“
„Was meinst du?“
„Da gehe ich auf gar keinen Fall hin!“
„Wieso?“
„Erstens sind im Juli keine Semesterferien. Und zweitens kann ich dieses religiöse Gelaber unmöglich ertragen.“
Ich schaute sie ungläubig an. „Nicht dein Ernst, oder? Das ist das mindeste was wir machen können.“
„Ach ja?“
„Wir sind der Grund dafür, dass Daniel nicht 25 wird.“
Isabelle starrte in den Himmel. „Reden sie dir das immer noch ein? Wir waren Kinder, verdammt. Merkst du, was sie tut? Sie macht es uns unmöglich zu vergessen.“
„Sie will nicht allein sein. Das ist doch normal.“
„Wenn es ja nur das wäre. Grillen im Garten, ok. Aber dieser Gottesdienst. Wie an seinem 18. Er wartet an einem besseren Ort. Sein Tod will uns etwas lehren. Zum Kotzen.“
Ich blinzelte in die Sonne, die durch die Bäume auf die Lichtung fiel. „Der Gedanke, dass er im Himmel ist, hat mir damals irgendwie geholfen. Manchmal war ich sogar ein bisschen neidisch. Im Himmel muss man bestimmt keine Hausaufgaben machen.“
Ich musste lächeln. Isabelle lächelte nicht. „Du bist ganz schön naiv. Fehlt nur noch, dass sie uns sagen, dass wir in die Hölle kommen.“
Ihr Ton irritierte mich. „Wie kannst du so kalt sein?“ fragte ich. „Du hast eben gesagt, dass das Schlimmste vorbei ist. Aber es ist überhaupt nicht vorbei. Es wird immer schlimmer. Es ist erst schlimm, seit wir wissen, was wir gemacht haben. Und jetzt kann uns keiner mehr trösten und uns ein Bonbon zustecken.“ Meine Stimme zitterte. Bloß nicht heulen jetzt.
„Ich kann so nicht denken“, sagte Isabelle. „Das Beste, was wir tun können, ist unser Leben hinzukriegen.“ Isabell zog ihre Zigaretten aus der Tasche. Das Ratschen des Feuerzeugs war eine Explosion.
„Bist du bescheuert?“ schrie ich sie an. Ich riss ihr das Feuerzeug aus der Hand und warf es so weit weg wie ich konnte. „Du kannst dir doch hier keine Zigarette anzünden!“ Das Feuerzeug landete irgendwo im Gebüsch.
Isabelle rutsche erschrocken von mir weg. „Du bist ja völlig besessen“ fauchte sie. „Sag bloß nicht, dass du nie wieder ein Feuer gemacht hast.“
„Es war dein Feuerzeug damals“ sagte ich.
Ihr Gesicht war versteinert. Mir war klar wie erbärmlich das war. Sie rutschte vom Baumstamm. „Fick dich.“ Ich sah ihr nach wie sie über die Lichtung lief. Ein fliehendes Rotkäppchen. Vogelgezwitscher und laute Gedanken im Kopf.
Plötzlich schrie sie auf. „Scheiße, da drüben!“ Sie zeigte nach vorn. Am Ende der Lichtung stand ein Wildschwein und starrte uns an. Isabelle rannte zurück und packte meinen Arm. Neben dem Wildschwein tauchten fünf oder sechs Frischlinge auf. Sie umkreisten ihre fette erstarrte Mutter wie braun gestreifte Flummis. „Weg hier“, rief Isabelle panisch. „Die sind voll gefährlich, wenn sie Junge haben.“ Sie wollte losrennen, aber ich hielt sie fest. „Langsam!“ zischte ich. „Du machst sie erst wütend! Wir müssen uns ruhig bewegen.“ Ich fasste sie an den Schultern und wir schlichen so besonnen wie möglich in Richtung Waldweg. Ein tastender Schritt nach dem anderen, wie Diebe im Wald. Das Wildschwein grunzte und kam ein Stück näher. Isabelle schnappte nach Luft. Ein Schritt nach dem anderen, meine Hände auf ihre Schultern geklebt. Ich drückte zu als könnte ich ihre lächerliche Panik zerquetschen. Dann kam der Waldweg. Wir rannten los. Wir rannten den ganzen Weg zum Parkplatz. Sie war schnell. Sie ließ meine Hand nicht los. Dann standen wir keuchend neben den Autos. Isabelle schaute ängstlich in Richtung Wald. „Du bist eine ganz schöne Tussi“, japste ich. „Wozu haben wir dich zu den Pfadfindern geschickt.“
Sie funkelte mich an. Ihre Mundwinkel zuckten und dann lachte sie ihr Wasserfall-Lachen. Unangebracht und unaufhaltsam. Ich hatte es schon immer geliebt. Es gurgelte im Hals und ließ ihren Körper zittern. Ich musste mitlachen und der Knoten in meiner Mitte lockerte sich ein wenig. Wir lachten, bis es weh tat und wir nicht mehr wussten, wie wir wieder aufhören sollten. Das Lachen versickerte verschämt im Waldboden. Dann standen wir schweigend nebeneinander.
„Du kennst dich doch jetzt aus“, sagte Isabelle schließlich. „Hätten wir eigentlich irgendwas tun können?“ Ihr schweißdunkler Pony klebte ihr in der Stirn. Ihre Wangen glühten wie ein Unfall mit der Rougedose. „Nein“, sagte ich. Ich hatte oft darüber nachgedacht. „Es ging zu schnell. Bei solchen Verbrennungen macht der Kreislauf in ein paar Minuten schlapp.“
Sie nickte. „Das geht mir nicht aus dem Kopf“, sagte sie. „Dass wir einfach dastanden.“
Der Himmel über den Bergen bekam einen zartrosa Schleier. Unten aus dem Dorf wehten die 18-Uhr-Glocken zu uns herauf.

Spätestens wenn es läutet seid ihr wieder zu Hause.

„Ich bin froh, dass wir hier waren“ sagte Isabelle. „Meistens versuche ich, nicht dran zu denken, weil ich sonst durchdrehe. Aber irgendwie war das gut jetzt. Es ist einfacher, weil du eh schon alles weißt.“
„Kommst du im Juli?“ fragte ich. „Nicht für sie. Für uns.“
Sie lächelte. „Mal sehen. Ich melde mich.“
Unsere Handys piepten fast gleichzeitig. Die SMS war von Julia.

Hey ihr zwei, sorry, aber ich schaff das nicht. Ich hoffe, dass euch der Tag heute gut tut, aber für mich ist das zu viel Show. Irgendwann ist dann auch mal alles gesagt.


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Laura Trager

Saskia Trebing hat das Schreibhandwerk bei der Hersfelder Zeitung in Bad Hersfeld und der HNA in Kassel gelernt und studiert inzwischen Kunst- und Literaturwissenschaften in Berlin und Potsdam. Seit ein paar Jahren traut sie sich auch an eigene Kurzgeschichten, denen sie auf Berliner Lesebühnen ab und zu ein wenig Sauerstoff gönnt.

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3 Comments

  1. Rainer Bong

    Hallo Saskia,

    ich fand Dein Geschichte toll.
    Vielleicht können wir uns ja mal in Kassel sehen…
    liebe Grüße
    Rainer

  2. Rainer Bong

    Hallo Saskia,

    ich fand Dein Geschichte toll.
    Vielleicht können wir uns ja mal in Kassel sehen…
    liebe Grüße
    Rainer

    PS So, nochmal, bin für das Captcha zu doof…

  3. Saskia

    Sehr gern, sind ja am Donnerstag im Kunsttempel, falls du Zeit hast.
    Danke und liebe Grüße, Saskia

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