V./54

Ich will doch nur spielen / Lasst mich doch
von Michael Kolja Kölling

Im verschneiten Schulhof unter mir steht ein kleiner Junge und schaut sich um, ob ihn jemand beobachtet. Niemand ist da. Also beschließt er mich zu ärgern. Er nimmt Anlauf und springt in einen Berg Schnee. Ich stehe hinter meinem Fenster und sehe, wie er durch den Schneeberg schwimmt und sich dreht und Schnee in die Luft wirft. Er schreit vor Freude so laut er kann und erstarrt erschrocken. Wie ein Periskop fährt sein Kopf jetzt langsam aus der Schneedeckung nach oben und dreht sich nach rechts und links. Aber niemand ist neu dazugekommen und mich sieht er nicht. So denkt er, er ist immer noch allein und juchzt und schreit wieder, dieses Mal nur etwas leiser. Er klettert aus dem Schneeberg, rennt einmal im Kreis und klaubt Schnee zusammen, formt einen Schneeball, wirft ihn in einen Baum und rennt unter den herunterrieselnden Neuschnee. Und noch mal und noch mal. Ich hasse ihn. Ich will das Fenster aufreißen und ihn anschreien, aber ich kann nicht. Ich bin nicht stumm oder sonst irgendwie benachteiligt. Ich bin 48 und Lehrer für Erdkunde und Biologie. Ich bin stellvertretender Direktor, stellvertretend, weil Herr Kauser seit zwei Jahren krank ist, aber eigentlich Direktor, nur werde ich schlechter bezahlt. Ich habe mir das aufschwatzen lassen. Das war dumm.
Ich kann das Fenster nicht aufreißen und ihn anschreien, weil sofort irgendwelche Elternköpfe am Schultor erscheinen würden und ich bin abgestempelt. Für immer.
Das Telefon klingelt. Soll es doch. Ich werde nicht rangehen.
Es ist meine Mutter.
Nein, ich brauche kein Waschmittel, ich habe noch welches zu Hause und du brauchst mir auch keine vorgekochten Nudeln vorbeibringen.
Ich blinzle.
Was soll das? Meine Mutter würde mich das nie fragen.
Am anderen Ende der Leitung bricht ein Gelächtersturm los, den man wahrscheinlich in der ganzen Stadt hören kann.
„Spaß beiseite“, sagt Grotenbauer und holt Luft (er unterrichtet Deutsch, Musik und Sport). „Ich kann morgen nicht, du musst mich vertreten. Dritte, vierte und sechste Stunde. Bitte. Du musst!“
Ich seufze.
„Danke!“, ruft er und hat schon aufgelegt.
Vor dem Fenster baut der Junge einen Schneemann. Ein älterer Herr mit Hut lugt durch das Schultor. Der Junge sieht ihn, erschreckt sich und rennt weg. Der ältere Herr grinst wie ein Grundschüler, der irgendetwas ausgefressen hat und sich in Sicherheit wiegt, und betritt den verwaisten Schulhof. Er begutachtet den Schneemann, setzt ihm seinen Hut auf und fängt an zu tanzen! Himmel Herrgott Arsch und Zwirn! Was wollt ihr eigentlich alle von mir! Der Herr dreht ein paar Pirouetten und schaut dann den Schneemann an. Er legt das Kinn auf die Brust, streckt seinen Oberkörper nach hinten und geht elegant rückwärts und wieder zielstrebig auf den Schneemann zu und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er lacht und springt einmal und wird dann wieder ernst und tanzt einen Walzer.
Ich reiße das Fenster auf.
Ich kann es nicht.
Doch. Ich kann es. Ich kann es.
Ich mache das Fenster wieder zu und nehme das Schulmikrofon in die Hand.
„99 LUFTBALLONS! AUF IHREM WEG ZUM HORIZONT!“
Mehr Text kann ich nicht. EGAL!
„99 LUFTBALLONS! 99 LUFTBALLONS! AUF IHREM WEG ZUM HORIZONT! HORIZONT! HORIZONT!“
Das Mikrofon ist an.O Gott, das Mikrofon ist an!

Ich sterbe. Ich sterbe ohne mich zu bewegen. Mein Leben zieht an mir vorbei. Immer wieder blitzen einzelne Bilder vor einem diffusen Licht auf. Das gemeinsame Kinderzimmer mit meinem großen Bruder. Die Batmantapete. Die Kugel Eis, die mir Anni geschenkt hat. Mein Abitur und der strenge Blick von Papa. Die Uni. Der Abschluss. Wie Susanne plötzlich weg war und ihr Zimmer leer bis auf meine Blumen.
Das war‘s also. Naja, hätte auch früher vorbei sein können. Um meine Blumen tut es mir leid, die haben jetzt keinen mehr, der sich um sie kümmert. Immerhin hat Tobi Papas Betrieb übernommen.
Als erste Handlung nach meinem Leben lege ich das Mikrofon auf den Tisch. Dann nehme ich es noch einmal in die Hand und schiebe den Schalter auf off.
Ich werde mich freiwillig stellen. Soll ich sie anrufen? Nein, nein. Dann müssen zwei arme, überarbeitete Streifenpolizisten bloß hierherfahren und ich bereite ihnen so schon genug Mühe. Ich werde hinlaufen. Dann kann ich mich auch noch von dem Schulgebäude und der Knesebeckstraße verabschieden. Ob ich das Erdkundebuch mitnehmen darf? Ich könnte noch einmal bei Annis Laden vorbei. Aber der liegt nicht wirklich auf dem Weg. Schade.Ich hole meinen Mantel aus dem Schrank und rücke meine Krawatte ein letztes Mal zurecht. Ich möchte ordentlich aussehen mit dem Schild in der Hand. Fast hätte ich jetzt noch vor dem Spiegel salutiert, aber ich muss es ja nicht noch schlimmer machen.
Ich öffne die Tür. Alle Gänge sind leer. Es ist ja auch Nachmittag. Ob der ältere Herr noch da ist? Ich würde jetzt gerne alleine sein. Ich ziehe das Tor einen spaltbreit auf und spähe hinaus. Er macht gerade einen Schneeengel. Unglaublich. Jetzt steht er auf und klopft seinen Mantel ab. Er sieht sich einmal um, geht an die Schulmauer und pinkelt da hin! Mein Mund geht gar nicht mehr zu. Dafür würde er bestimmt zehn Jahre oder mehr bekommen! Dann verschwindet er.
Moment mal. Draußen gibt es keine Lautsprecher und die Schule ist leer. Ich gehe einfach nach Hause. Und an Annis Laden vorbei. Und morgen ist ein Morgen wie jeder andere auch! Ja. Ha! Ich kann doch.


kolja koenigMichael Kolja Kölling, geboren 1986, studiert in Berlin Regenerative Energiesysteme. Er organisiert regelmäßig Lesungen und hat unter dem Namen Demotape – Zehn kurze Kurzgeschichten für die nächste Sitzblockade zwei Anthologien herausgeben. 2013 erschienen zwei seiner Kurzgeschichten in Zeitschriften, und Anfang 2014 gewann er den Jurypreis des Wettbewerbs zum 15jährigen Bestehen der Samuel-Fischer-Gastprofessur der FU Berlin.

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1 Kommentar

  1. Annegret

    Beeindruckend!

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