Im Park
von Ulf Pape

Ein junger Mann liegt mit seiner Freundin im Park. Die Sonne verwöhnt die beiden. Es ist ein herrlicher Nachmittag, wärmer als sonst zu dieser Jahreszeit. Mai. Monbijou. Mitte. Berlin. Tageszeitung. Sie liest den Wirtschaftsteil, er das Feuilleton. Alle halbe Stunde ziehen sie die Decke wieder aus dem Schatten eines Baumes heraus, weiter in die Mitte der Wiese. Zärtliche Sonnenwärme. Eine kleine Plastiktüte tanzt in der Luft. Dann holt der Schatten die beiden wieder ein – und der Nachmittag ist schöner als man auszuhalten bereit ist.

Aus der Ferne hören sie eine fröhliche, leise Musik. Einige Meter neben ihnen liegt eine Frau in einem blauen Kleid. Sie döst vor sich hin und hat kleine Lautsprecher auf ihrer Decke stehen.

Der junge Mann setzt sich auf. Seine Freundin lehnt sich an seinen Rücken und so sitzen sie da, Rücken an Rücken und lesen in aller Ruhe und im größten Frieden ihre Zeitung und lieben sich von ganzem Herzen. Sich aneinander zu lehnen, ist viel bequemer als beide geglaubt hätten.

Die Frau in dem blauen Kleid lächelt herüber, fragt ob sie ein Foto machen soll. Es sei so schön, wie die beiden sich aneinander lehnen. „Nein“, sagt der junge Mann freundlich, „Danke, kein Foto.“ „Ach doch“, sagt seine Freundin, „ist doch so schön heute“, steht auf und bringt der Frau ihr Smartphone. Die beiden setzen sich dann wieder Rücken an Rücken, lächeln ins Smartphone in den Händen der Fremden. „Hübsch“, sagt sie als sie das Telefon zurückbringt, „da habt ihr was für immer.“

Das Mädchen legt ihren Kopf auf den Bauch ihres Freundes, liest nichts mehr, genießt den sachten Wind, der frische Luft über ihren Körper streicht. Ihr Freund zündet sich eine Zigarette an und sagt ganz leise: „Vielleicht ist es für immer.“

Sie lächelt ihn an. Er hält ihr Gesicht an sich, legt seine Hand auf ihre Wange und küsst ihren Scheitel. Er riecht diesen einen Geruch, den nur sie hat.

Hinter der Frau in dem blauen Kleid sitzt eine Gruppe junger Menschen, die alle freundlich aussehen. Man hätte Lust, sich mit ihnen zu unterhalten. Manche von ihnen haben Kinder, die zwischen ihnen herumtollen. Der Junge schaut lange zu der Gruppe herüber und ihm wird warm ums Herz. Die Kinder sind so weit weg, dass man ihr Geschrei beim Spielen nicht hört. Er zieht seine Freundin an sich, streicht über ihren Po und empfindet die Sonne als ein wenig zu heiß. Er wünscht sich einen kühlen Wind. Doch es gibt keinen Wind.

Es gibt jetzt nur seine Hand auf dem Po seiner Freundin. Er schlägt ein Bein über sie. Sie macht ein Geräusch wohligen Empfindens. Er küsst ihren Hals und dann plötzlich kommt der Wind auf, den er sich gewünscht hat. Endlich. Dieser kleine Wind trägt eine Erfrischung mit sich, die das liegende Paar umhüllt.

Der Wind trägt nicht nur diese Frische mit sich, sondern auch die kleine, grüne Plastiktüte, die vorhin schon über die Wiese tanzte. Irgendjemand hat diese Tüte im Park liegen lassen und nun weht sie umher. Sie dreht sich im Kreis, steigt auf, fällt ab, bleibt eine Weile liegen und schleicht dann wieder über die Wiese. Ganz sachte fliegt die kleine, grüne Plastiktüte über die Frau in dem blauen Kleid hinweg. Die Frau bewegt sich nicht, greift nicht nach der Tüte und so schleicht sie einige Meter weiter, in die Mitte der Wiese, und dort kommt sie wieder zum Erliegen.

Der Junge hält seine Freundin immer noch im Arm. Sie sagt, es sei noch nie so heiß gewesen im Mai. Die beiden schauen auf die kleine, grüne Tüte. Ganz bestimmt, denkt er, kommt sie gleich auf die beiden zugeflogen. Er richtet seinen Oberkörper auf und der kitzelnde Wind trägt die grüne Tüte auf ihren Liegeplatz zu bis die Tüte tatsächlich über das Mädchen streift, sich an ihr verheddert und sich dann über ihren Kopf stülpt. Der Junge springt auf und tritt einen Schritt von ihr zurück. Das Mädchen versucht, die Tüte von sich zu reißen. Aber sie kann sich nicht aus der Tüte befreien. Die Tüte schnürt sich um ihren Hals. Das Mädchen zerrt an dem Plastik und sucht nach Atem. Die Luft wird ihr knapp und ihr Freund ist nicht mehr da. Sie schreit nach Hilfe. Die Plastiktüte beschlägt von innen. Die Frau im blauen Kleid packt rasch ihre Sachen zusammen und geht weg. Die Tüte sagt: „So! Ich werde für immer bleiben.“


Foto UPUlf Pape lebt in München, wo er als freier Autor arbeitet (https://www.torial.com/ulf.pape) und Hamburg, wo er Chefredakteur des Indie-Blatts FALL Magazin ist (http://www.fall-magazin.com/). Wenn er nicht arbeitet, überlegt er wie er zurück nach Bombay, Palermo oder Helgoland kommt, seine derzeitigen Lieblingsorte. Über weitere Reisen würde sich auch sein Blog freuen (https://diariopalermitano.wordpress.com/).