Greenwash, Inc. (Auszug)
von Karl Wolfgang Flender

Der offene Jeep schüttelt uns so heftig durch, dass ich fast den Vollkorntoast auskotze, den ich am Buffet heruntergewürgt habe. Meine Schläfen vibrieren vom Frühstückschampagner. Ich massiere sie mit den Fingerspitzen und verschmiere dabei den rotbraunen Schmutzfilm, den der aufgewirbelte Straßenstaub auf meiner Haut gebildet hat. Aus dem Radio dringen Fetzen aggressiver Latino-Musik, zu der unser Fahrer auf dem Lenkrad trommelt. Trotz der Arpeggio-Akkorde und der fröhlich klappernden Ethno-Rasseln schlägt der Sänger einen weinerlichen Ton an. Lass mich dein Feuer sein, meine Liebe.

Wir sind bereits zwei Stunden unterwegs, ohne dass sich die Vegetation merklich verändert hat. Die Bäume am Straßenrand sind vielleicht etwas höher geworden, die Lianen länger, das Dickicht undurchsichtiger, aber im Grunde blicken wir seit Stunden auf das gleiche blendende Grün, das nur durch das Glas unserer Sonnenbrillen eine erträgliche Mattierung erhält. Die Sonne steht senkrecht am Himmel und brennt sich in unsere weiße Haut, die riesigen Blätter um uns herum werfen ihre Schatten sinnlos ins Nichts.

Christoph cremt sich schon zum dritten Mal mit Sonnenschutz Faktor 50 ein. An seinem Haaransatz erkenne ich trotzdem schon eine leichte Rötung. Vorher hat er den Schmutzfilm auf seinem Gesicht mit einem Hygienetuch abgerieben. Das dreckige Tuch packt er jetzt in eine kleine Abfalltüte zwischen seinen Lederboots, anstatt es einfach zum restlichen Müll an den Straßenrand zu werfen. Dabei ist es ganz sicher zu 100 Prozent biologisch abbaubar.

Christoph ist heute sehr casual gekleidet. Cargo-Pants mit seitlichen Taschen und Mesh verkleideten Belüftungsschlitzen, dazu ein beiges, kurzärmliges Hemd im Military-Style. Eigentlich gehen Hemden mit kurzen Ärmeln gar nicht, aber ich lasse es ihm durchgehen, weil mein langärmliges durchnässt an meinem Körper klebt. Christophs Boots sind gut gefettet, aber unter der Oberfläche sind leichte Kratzer zu erkennen. Meine sind noch makellos, ich habe sie lediglich in unserer Wohnung schon ein bisschen eingelaufen, damit sie jetzt keine Blasen verursachen. Marina hat mich dafür ausgelacht.

Wir passieren eine breite Schneise, die in den Wald geschlagen ist. Kettenfahrzeuge haben tiefe Spuren in den Boden gegraben. An den Rändern liegen unzählige Baumstämme kreuz und quer herum, als hätte eine riesige Hand mit ihnen Mikado gespielt. Ich fotografiere die Schneise mit meinem Smartphone. Eine forstwirtschaftliche Nutzung schließe ich aus, da die Stämme nicht der Länge nach aufgestapelt oder mit Neon-Spray markiert sind. Ich überlege, ob die Regierung das Anlegen der Schneise veranlasst hat, um Brandrodungen einzudämmen. Über das Motorgetöse rufe ich dem Fahrer zu, wofür das Ganze gut sei. »Big company! Fence for protection of forest!«, brüllt er zurück. Im Zoom erkenne ich auf dem Display ein paar gewaltige Rollen Stacheldraht. Erst bin ich irritiert, aber dann scheint es mir völlig plausibel. Irgendwie muss der Urwald, den die deutschen Biertrinker kastenweise retten, ja auch geschützt werden.

Christoph lehnt sich zurück und lässt sich vom Jeep durchschütteln, als säße er in einem Massagesessel. Ich wette, er hat Pillen gegen Übelkeit in seiner Camouflage-Umhängetasche, aus der er jetzt ein neues Erfrischungstuch zieht. Ich könnte ihn nach ein paar Aspirin fragen, müsste dann aber vielleicht zugeben, dass ich trotz adaptiver Klimatisierung des Zimmers schon seit vier Uhr morgens schwitzend im Bett gelegen habe.

Am Straßenrand taucht ein Mann auf. Auf seinem speckigen T-Shirt prangt spiegelverkehrt das Dolce & Gabbana- Logo. Neben ihm liegt ein verrostetes Motorrad. Es sieht aus wie ein Skelett, weiß verkrustet vom getrockneten Schlamm, mit verbogenen Schutzblechen, das Metall brüchig. Auf dem Gepäckträger ist ein schwarzer Benzinkanister mit ein paar Schnüren festgemacht. Wenn der Mann seine Hand ausstrecken würde, könnte er mir beim Vorbeifahren eine Ohrfeige geben. Aber seine Arme hängen nur schlaff herab, und er fixiert uns mit seinen braunen Inka-Augen. Irgendwas an dem Typen macht mich aggressiv. Vielleicht die stoische Ruhe, mit der er dasteht, als gehöre der Wald ihm.

Der Jeep bremst abrupt, und meine Sonnenbrille verrutscht etwas. Der Fahrer deutet auf einen Trampelpfad, der sich zwischen den gewaltigen Bäumen davonschlängelt. Ich rücke meine Brille zurecht. »How far?« – »Twenty minutes.« Hier also werden später die Journalisten rausgelassen, damit sie sich mit Händen und Füßen in unser abgelegenes Dorf vorkämpfen. Ihr Hirn wird vom Hotelbar-Rausch und der strapaziösen Fahrt dermaßen weich gekocht sein, dass sie nach ihrem kleinen Dschungel-Abenteuer unendlich gerührt sein werden von der Geschichte unserer bezaubernden Juana.

Das Dorf besteht aus einer Handvoll Hütten, angeordnet um eine kleine Feuerstelle, in der ein paar Bretter vor sich hin kokeln. Eine Ziege ist mit einem Strick an einem Pflock befestigt und meckert leise. Die Hütten sind aus Holzlatten und Wellblech zusammengeflickt, vor den Eingängen hängen Plastikplanen; auf einer kann ich den Slogan eines Bauunternehmens erkennen. We build tomorrow. Am Rand des Dorfes beginnt ein Feld, auf dem hier und da ein paar gekrümmte Maispflanzen wachsen. Nichts im Vergleich zu den Feldern unseres Klienten, aber für Juana doch ein ordentlicher Erfolg. Rund herum ragt saftig grün der Urwald auf. Es sieht aus wie im Katalog: die perfekte Mischung aus Slum und Folklore. Hybride Großstädter wie ich würden hier gerne mal eine Auszeit nehmen, um von der ständigen Erreichbarkeit abzuschalten und ein einfaches Leben zu führen, in dem man selbst anbaut, was man isst. Im Hintergrund hört man sogar diese typischen Urwaldgeräusche. Unbekanntes Vogelzwitschern und kehlige Laute, von denen ich gar nicht wissen will, woher sie kommen. Ich habe das Gefühl, jede Sekunde könnte eine Raubkatze aus dem Dickicht springen.

Etwas abseits stehen zwei Plastikstühle und ein ausgeblichener Marlboro-Sonnenschirm. Der Stoff ist an einer Schirmseite von den Metallstreben abgerissen, die jetzt wie abgekaute Fischgräten in die Luft ragen. Ich lasse mich auf den Stuhl im Schatten fallen und atme entspannt durch. Christoph steht immer noch und fummelt nervös an seinem Haaransatz herum. Ich könnte es jetzt darauf anlegen und abwarten, bis er mich wegen seiner Haut um den Schattenplatz bittet. Aber er sieht so elend aus, dass ich den Stuhl gerne ungefragt abtrete. Christoph ist ja immerhin mein Chef.

Gonzalez kommt kaugummikauend auf uns zu. Seine Augen sind verquollen und tief in ihre Höhlen gesunken. Er reicht mir eine Flasche Wasser, sie ist pisswarm, trotzdem mache ich eine dankbare Kopfbewegung. Obwohl das Plastiksiegel schon aufgebrochen ist, trinke ich ohne zu zögern einen tiefen Schluck. Das Wasser schmeckt metallisch und schal. Vielleicht liegt das an der Sterilisierung mit Ozon, denke ich, als ich spüre, wie meine Gehirnzellen langsam rehydrieren.

Während Christoph sich mal wieder mit Sonnencreme einreibt, nehme ich Gonzalez zur Seite. »Läuft alles nach Plan?«, frage ich. Gonzalez nickt und deutet auf Christoph. »Weiß er überhaupt davon?« – »Nein«, sage ich, und mein Mund verzieht sich zu einem Grinsen. »Es ist eine Überraschung.«

Ich schaue rüber zu Christoph und denke, dass er ganz schön fertig aussieht. Er hat es mit seinen Hope Stories weit gebracht, aber das Plateau ist längst erreicht, die Sättigung bei den Konsumenten hat bereits eingesetzt. Die Impact-Faktoren seiner Geschichten sind auf dem Sinkflug, ganz zu schweigen davon, wie sie auf Facebook und Twitter trenden. Deshalb habe ich mir für diese Reise etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Geiste der uralten Marketing-Weisheit: Überleg dir etwas Neues, oder erhöhe die Drastik. Oder, wie in meinem Falle, beides.

Wenn es darum geht, Unternehmen ein echtes, menschliches Antlitz zu verleihen, an das die Konsumenten glauben können wie an die Kirche, hat die Hochglanz-PR mit ihren Bombast-Werbespots und Broschüren ausgedient. Deren glatt polierte Optik ist im kollektiven Bewusstsein untrennbar mit Inszenierung und Fiktionalität verbunden, denn wie oft ist die Welt im Blockbusterkino schon in 3-D und Zeitlupe radioaktiv verseucht, von Zombies überlaufen oder Umweltkatastrophen heimgesucht worden – und war am nächsten Tag trotzdem noch da? Wenn wir im gleichen Stil Aufmerksamkeit für verhältnismäßig unwichtige Dinge wie das Delfinsterben, Tsunamis oder Waldbrände generieren wollen, glaubt uns das keiner mehr. Alles, was clean ist und gut aussieht, steht unter dem Verdacht, Fake zu sein.

Das verwackelte Handykamerabild ist die neue Ästhetik der Authentizität. Mit dem Smartphone gefilmt, der Ton schön übersteuert, dann bei YouTube hochgeladen, Quelle: Internet, so sehen echte Nachrichten aus. Je gröber das Bild, desto besser. Deshalb muss die PR von ganz unten kommen, von Menschen wie dir und mir, die zufällig Zeugen großer Ereignisse werden. Die Inszenierung aufmerksamkeitskritischer Events, auf die authentische Menschen authentisch reagieren und dann als Augenzeugen davon berichten, ist die neue Königsdisziplin. Event-based statt evidence-based communication. Das ist mein Motto. Make it happen. Und heute mache ich einen Testlauf.

Natürlich ist Christoph insgeheim ängstlich, weil ich etwas völlig Neues in die Agentur einbringe, das er nicht versteht. Wenn ich von meinen Theorien erzähle, hört er immer mit großen Augen zu, und man sieht richtig, wie es in seinem Kopf arbeitet. Christoph ist eben so ein Old-school-PR- Typ, der an die Harvard-Methode der Verhandlungsführung und solchen Lehrbuchkram glaubt – dabei herrscht da draußen pure Anarchie.

Vordergründig habe ich ihn deshalb eingebunden und brav mit ihm zusammen die Story über die arme Juana verfasst. Er fühlt sich jetzt safe, weil er denkt, ich koche auch nur mit Wasser. Die wirklichen Vorbereitungen mussten aber leider an ihm vorbei laufen. Schließlich muss auch er authentisch auf das Ereignis reagieren.

Ich entdecke Juana im Eingang einer Hütte. Eine Visagistin reibt ihr gerade eine ölige Paste in die braunen Löckchen. Ich gehe zu ihr. Ihre Behausung ist ein wirklich prächtiges Exemplar aus Bambus und bunten Plastikplanen. Besonders überzeugend finde ich zwei aufgesägte Fässer, die der Aufschrift nach früher mal mit Salpetersäure gefüllt waren. Jetzt werden darin irgendwelche grauen Knollen angebaut. Ich rücke die Fässer noch etwas näher zum Hütteneingang. »Hier wohnst du also«, sage ich und ducke mich an Juana vorbei durch den Eingang. Das Licht ist schummrig, nur durch die Ritzen in der Hüttenwand dringen ein paar Strahlen, in denen Staubkörner taumeln. Meine Augen gewöhnen sich schnell an die Dunkelheit, und ich erkenne einen Stapel Blechgeschirr, eine Reihe von Liebesromanen, eine zerfetzte Matratze auf einem aus Paletten improvisierten Bett. »Schön hast du’s hier«, sage ich. Über dem Kopfende ist eine kleine Fotografie an die Wand gepinnt, auf dem die vierzehnjährige Juana mit ihren Eltern zu sehen ist. Daneben hängt ein vergilbter Zeitungsartikel. Incêndio criminoso mata família. Ich hole die Streichhölzer aus der Hotelbar hervor und zündele ein wenig an dem Foto herum, um die Authentizität noch zu verstärken. »Was machst du da?«, fragt Juana. Ich lasse das Streichholz fallen und drehe mich zum Eingang, doch das grelle Licht blendet mich, und ich kann sie kaum erkennen. Sie sitzt da wie ein wildes Tier, das mich unbemerkt aus dem Urwalddickicht beobachtet. »Was machen deine Eltern?«, frage ich zurück. »Sie sind tot«, sagt sie. Ich lache ein bisschen und sage, dass sie später noch genug Zeit hat, ihre Rolle zu spielen, und ich mich wirklich für ihre Eltern interessiere, aber Juana antwortet nicht.

»Ruhe, ihr Turteltauben! Ihr weckt noch das Kind auf.« Christoph und Gonzalez drängen sich plötzlich an Juana vorbei in die Hütte. Erst jetzt fällt mein Blick auf einen verbeulten Bananenkarton in der Ecke. »Kleine Überraschung!« Christoph steht jetzt so dicht hinter mir, dass ich seinen Atem in meinem Nacken spüre. Ich blicke fragend zu Gonzalez, der langsam denken muss wir spinnen oder sind schwul, mit unseren gegenseitigen kleinen Überraschungen, aber er lächelt nur wissend vor sich hin. Christoph schiebt sich an mir vorbei und holt ein Bündel aus der Kiste. Dabei schaut er mich an wie ein Lehrer seinen Schüler, der schon wieder die Hausaufgaben vergessen hat. Ich mache einen überraschten Laut und nicke eifrig. »Kinder ziehen immer!«, sage ich. »Aber wo hast du das her?« – »Hat Gonzalez gegen eine Spende vom Waisenhaus ausgeliehen«, sagt Christoph. Er bemerkt meinen irritierten Blick und fügt hinzu: »Von dem Geld kann der Heimleiter mehr Videospiele und Entertainment-Sets kaufen, als er in einem Jahrzehnt von der Regierung bezahlt kriegt.«

Christoph hält mir das Kind hin. Erst schrecke ich etwas zurück, doch das Baby ist wirklich sehr süß, seine hellbraunen Locken kräuseln sich um das zerknautschte Gesicht. Es ist vielleicht ein halbes Jahr alt, aber ich kenne mich nicht wirklich aus. Christoph lässt los, und ich halte den Kopf in der einen, den Körper in der anderen Hand. Wie ein Scharnier bewegt sich sein Hals bei jeder Bewegung mit. Ich schiebe das Kind an meinem Arm entlang hoch, bis sein Kopf in meiner Ellenbeuge liegt.

»Steht mir, oder?«, sage ich, als Juana fertig gestylt ist und sich in ihre Lumpen geworfen hat. Sie streicht ihre fettigen Locken so schüchtern aus dem Gesicht, dass ich sie am liebsten in den Arm nehmen möchte. Sie sieht original aus wie eine extrem arme, aber aufstrebende Frau mit Idealen. »Und dir steht die Armut gut«, füge ich hinzu. Juana errötet und streichelt das Kind mit der Rückseite ihres Zeigefingers an der Wange. Mit der freien Hand reiche ich Christoph mein Smartphone und lasse ihn ein Bild von mir und Juana mit dem Favela-Baby machen.

Der Blitz blendet mich, und kurz habe ich Angst, dass ich vor Schreck das Genick des Kindes verdreht habe, denn plötzlich schreit es, als hätte ich seine Nabelschnur durchschnitten und es von seiner Mutter getrennt. Schweiß läuft meinen Nacken herunter, während ich das Kleine immer schneller hin und her wiege. Seine Augen sind weit aufgerissen. Sie sind von exakt dem gleichen Grün wie der Urwald.

»Steht dir super«, sagt Juana verächtlich und nimmt mir das Kind vom Arm. Sie legt ihre Stirn auf die Stirn des Babys und flüstert ihm etwas zu. Nach ein paar Augenblicken verstummt es und gibt nur noch glucksende Geräusche von sich. Ich wische mir mit beiden Händen durchs Gesicht und atme tief ein und wieder aus. »Das Bild ist doch sicher für Marina, oder?«, fragt Christoph und gibt mir das Smartphone zurück. Auf dem Display füllt sich in Zeitlupengeschwindigkeit der Statusbalken. Wenigstens dafür hat sich die Fahrt ins Outback gelohnt, denke ich, hier ist die Netzabdeckung miserabel. Der Balken ist nicht mal bei einem Zehntel angelangt, als ich auf das X tippe und die Übertragung abbreche.

Gonzalez klatscht die Dorf bewohner herbei und gibt letzte Instruktionen. Ich mustere das Grüppchen und frage mich, wer von ihnen uns wohl die Hütte überlassen hat. Vielleicht der tattrige Alte, der so aussieht, als würde er Liebesromane lesen. Ich befürchte, außer ihm hat keiner das Skript verstanden, das im Voraus verteilt wurde. Aber immerhin gilt das Gleiche ja auch für den zehnseitigen Haftungsausschluss, den sie unterschreiben mussten. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile.


Karl_Wolfgang_Flender_ 02swKarl Wolfgang Flender, 1986 in Bielefeld geboren, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim und war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste sowie Mitglied der Künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2014. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UdK. „Greenwash Inc.“ ist im Du Mont Verlag erschienen.